Als der Streifenwagen hielt, wurde mir schlecht.
Ich sah die Uniformen und hörte wieder Rainers Stimme. Ich hatte doch gedacht, ich wäre darauf vorbereitet.
„Den kenn ich nicht“, flüsterte ich.
„Gut“, sagte Helmut. „Dann schauen wir uns den erst mal an.“
Eine Beamtin kam auf uns zu. Ihr Kollege blieb zunächst am Wagen und sprach ins Funkgerät.
Sie stellte sich vor, ging vor mir leicht in die Knie und fragte nicht als Erstes nach meinem Ausweis.
„Brauchst du einen Arzt?“
Ich sah zu Helmut.
Er antwortete nicht für mich.
„Vielleicht“, sagte ich.
Sie nickte. Dann fragte sie nach den Namen der anderen Kinder.
Als ich Jonas beschrieb, konnte ich nicht mehr weitersprechen.
Sie wartete.
Helmut stand neben mir, die Hände in den Jackentaschen. Er sah weder freundlich noch beruhigend aus. Eher wie jemand, mit dem man sich über eine unbezahlte Rechnung besser nicht streiten wollte.
Aber als ein Auto zu dicht an uns vorbeifuhr, stellte er sich ganz selbstverständlich zwischen mich und die Straße.
Rainer rief an, als ich bereits im Rettungswagen saß.
Mein altes Handy vibrierte in der Hosentasche.
Auf dem Display stand: Zuhause.
Ich starrte darauf, bis die Buchstaben verschwammen.
„Du musst nicht rangehen“, sagte die Beamtin.
„Wenn ich nicht rangehe, macht er—“
Ich brachte Jonas’ Namen nicht heraus.
Sie verstand trotzdem.
Das Telefon klingelte aus. Kurz darauf kam eine Nachricht.
Wo bist du? Jonas sucht dich.
Ich hielt ihr den Bildschirm hin.
Sie las, und ihr Gesicht veränderte sich kaum. Nur ihr Mund wurde schmaler.
„Darf ich das dokumentieren?“
Ich nickte.
Dann schrieb Rainer noch einmal.
Denk nach, bevor du etwas kaputt machst, das wir alle brauchen.
Helmut hatte draußen gewartet. Durch die offene Tür sah ich, wie er sich vorbeugte, als ich nach ihm rief.
„Er weiß es.“
„Die Kollegen sind unterwegs“, sagte die Beamtin.
Ich fragte sie später noch oft, wie viel Zeit zwischen diesem Satz und der ersten Nachricht aus dem Haus vergangen war.
Für mich war es ein ganzer Vormittag.
Es waren keine zwanzig Minuten.
Ich war nicht dabei, als die Polizei ins Haus ging.
Lange störte mich das.
In meinem Kopf gab es hundert Versionen davon, was unten im Keller passiert sein könnte. In jeder kam ich zu spät.
Was ich später aus den Aussagen der anderen erfuhr, war viel unspektakulärer und gerade deshalb schwer zu ertragen.
Birgit öffnete die Tür.
Sie lächelte.
Sie sagte, es müsse ein Missverständnis sein. Niklas sei manchmal sehr aufgewühlt. Das sei bekannt.
Rainer kam aus der Küche. Er sprach die Beamten mit diesem ruhigen Ton an, mit dem er sonst Paketboten erklärte, dass sie das Tor schließen sollten.
Dann hörte einer der Beamten ein Klopfen.
Nicht an der Haustür.
Von unten.
Ben hatte gegen die Kellertür geschlagen. Erst mit der Faust, dann mit dem Schuh.
Lea sagte später, sie habe ihn festhalten wollen.
„Ich dachte, jetzt wird alles noch schlimmer.“
Ben hatte nur geantwortet: „Schlimmer geht heute nicht.“
Diesmal ließ sich niemand mit einer Erklärung abspeisen.
Als die Kellertür geöffnet wurde, stand Jonas dahinter, barfuß und mit meinem Pullover im Arm.
Die Nachricht kam im Krankenhaus.
Eine Ärztin hatte gerade meine Lippe untersucht. Ich hatte ihr dreimal gesagt, dass ich keine Schmerztablette brauchte.
Die Beamtin trat herein.
„Alle vier sind draußen.“
Ich sah auf ihre Hände. Sie hielt einen kleinen Notizblock.
„Alle?“
„Ja. Sie werden untersucht. Eine Kollegin bleibt bei ihnen.“
„Jonas auch?“
„Jonas auch.“
Erst da merkte ich, dass Helmut noch auf dem Stuhl neben der Tür saß.
Er hatte seine Mütze zwischen den Knien eingeklemmt. Als ich zu ihm sah, nickte er einmal.
Ich beugte mich vor und übergab mich in die Schale, die die Ärztin mir gerade noch hinhielt.
Niemand sagte, ich solle mich zusammenreißen.
Am Abend sahen wir uns in einem Besprechungsraum der Klinik wieder.
Jonas kam als Erster herein. Er blieb in der Tür stehen, als müsste er prüfen, ob ich wirklich da war.
Dann rannte er los.
Ich verzog das Gesicht, als seine Stirn gegen meine verletzte Wange stieß. Er merkte es und wollte sofort zurückweichen.
„Ist gut“, sagte ich. „Bleib.“
Lea weinte ohne Geräusch. Ben hielt beide Hände so fest ineinander, dass seine Knöchel weiß wurden. Sofia setzte sich neben mich und schob ein eingewickeltes Käsebrot über den Tisch.
„Für später“, sagte sie.
Sie hatte es beim Abendessen eingesteckt.
Ich legte meine Hand auf das Brot.
„Hier gibt’s morgen wieder welches.“
„Weiß ich.“
Sie nahm es trotzdem nicht zurück.
Wir kamen zunächst in eine betreute Notunterkunft.
Keine fremde Familie mit einem gedeckten Tisch, bei der plötzlich alles gut war. Ein großes Haus, wechselnde Dienste, ein Flur mit quietschendem Boden.
Aber die Tür zu unserem Zimmer ließ sich von innen öffnen.
Jonas probierte das in der ersten Nacht siebenmal aus.
Eine Betreuerin saß draußen und sagte jedes Mal: „Ja, die geht auf.“
Beim achten Mal setzte er sich neben sie.
Am nächsten Morgen schlief er auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum, den Kopf auf einem Sofakissen, das ihm viel zu groß war.
Wir anderen liefen auf Zehenspitzen an ihm vorbei.
Helmut kam drei Tage später zu Besuch.
Er stand im Flur und hielt eine Tüte mit Mandarinen, als wäre ihm unterwegs eingefallen, dass man nicht mit leeren Händen kommen sollte.
„Schokolade wusste ich nicht“, sagte er. „Mag ja nicht jeder.“
Ben sah seine Hände an.
„Was machen Sie beruflich?“
„Hab Maschinen repariert.“
„Was für welche?“
„Alles, was andere kaputtgekriegt haben.“
Zum ersten Mal grinste Ben.
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