Mein verschwundener Vater, der obdachlose Fremde und der Rottweiler, der ihm das Leben rettete

Ich fand meinen demenzkranken Vater bei minus zehn Grad unter einer Brücke, beschützt von einem riesigen, vernarbten Rottweiler und einem obdachlosen Mann. Die Wahrheit zerstörte mich.

„Herr Wagner“, sagte die Leiterin des Pflegeheims am Telefon, „Ihr Vater ist nicht mehr in seinem Zimmer. Wir haben bereits die Polizei verständigt.“

Für einen Moment verstand ich die Worte nicht. Ich stand in unserer Küche, hielt noch eine Tasse in der Hand und starrte auf die Uhr über dem Kühlschrank.

Es war kurz nach zwei Uhr nachts.

„Was heißt, er ist nicht mehr da?“, fragte ich. „Wo ist er denn?“

Die Frau holte hörbar Luft. Mein Vater sei vermutlich durch einen Seitenausgang gegangen. Eine Tür sei nicht richtig eingerastet gewesen. Niemand könne genau sagen, wie lange er schon fehlte.

Mein Vater Manfred war fünfundsiebzig und lebte seit drei Monaten in diesem Heim. Seine Alzheimerdemenz war weit fortgeschritten. An manchen Tagen erkannte er mich sofort. An anderen sah er mich an, als wäre ich ein freundlicher Fremder.

Meine Frau kam aus dem Schlafzimmer. Als sie mein Gesicht sah, fragte sie nicht lange. Sie holte meine Jacke, drückte mir den Autoschlüssel in die Hand und sagte nur: „Fahr. Ich bleibe bei den Kindern.“

Auf dem Weg zum Heim dachte ich an den Tag zurück, an dem ich meinen Vater dort untergebracht hatte.

Ich arbeitete in der Verwaltung eines großen Unternehmens. Oft saß ich länger im Büro, als ich wollte. Meine Frau arbeitete ebenfalls, und unsere beiden Kinder waren noch klein. Mein Vater brauchte inzwischen rund um die Uhr jemanden in seiner Nähe.

Er hatte einmal eine Herdplatte angelassen. Ein anderes Mal war er aus dem Haus gegangen und erst Stunden später von einer Nachbarin zwei Straßen weiter gefunden worden. Kurz danach hatte er mitten auf einer Kreuzung gestanden, weil er nicht mehr wusste, wohin er wollte.

Wir hatten lange versucht, alles allein zu schaffen. Ich organisierte Betreuung, nahm Urlaub, arbeitete abends weiter und schlief kaum noch. Trotzdem wurde irgendwann klar, dass guter Wille nicht genügte.

Am Tag des Einzugs saß mein Vater auf dem Rand seines neuen Bettes und hielt meine Hand fest.

„Jonas“, sagte er, „lass mich nicht hier.“

Ich sagte ihm, dass man sich gut um ihn kümmern würde. Dass immer jemand da sei. Dass ich ihn oft besuchen käme.

Er nickte, aber seine Augen glaubten mir nicht.

Als ich am Heim ankam, standen mehrere Polizeiwagen vor dem Gebäude. Im Eingangsbereich liefen Pflegekräfte durcheinander. Eine Beamtin nahm mich zur Seite und fragte nach Kleidung, Gewohnheiten, früheren Wohnorten und Orten, die mein Vater aus seiner Jugend kannte.

Mein Vater trug wahrscheinlich nur einen Schlafanzug, eine dünne Strickjacke und Hausschuhe. Seine Geldbörse lag noch im Nachttisch. Sein Mantel hing im Schrank.

Die Polizei begann sofort mit der Suche. Helfer gingen Straßen, Grünanlagen, Haltestellen und leerstehende Gebäude ab. Ich lief mit einer Taschenlampe durch jedes Gebiet, das mir genannt wurde, und rief immer wieder seinen Namen.

Am zweiten Tag kamen weitere Suchkräfte dazu. Ein Bild meines Vaters wurde verteilt. Freunde, Nachbarn und Kollegen teilten den Aufruf. Menschen meldeten sich, weil sie glaubten, ihn gesehen zu haben, doch keine Spur führte zu ihm.

Später setzte mich ein Beamter in einen kleinen Besprechungsraum. Er sprach ruhig, aber sehr direkt. Bei einem älteren, schlecht bekleideten Menschen mit Demenz werde es mit jeder Stunde schwieriger, noch auf einen guten Ausgang zu hoffen.

Ich druckte Suchzettel. Ich fuhr Krankenhäuser, Notunterkünfte und soziale Anlaufstellen ab. Ich sprach mit Menschen, die auf der Straße lebten, mit Busfahrern, Hausmeistern, Reinigungskräften und Nachtwachen.

Zu Hause versuchte ich, vor meinen Kindern ruhig zu bleiben. Meine Tochter fragte jeden Abend, wann Opa wiederkäme. Mein Sohn legte ein Bild von ihm neben sein Bett, damit Opa den Weg nach Hause finde.

Ich begann, mir selbst Vorwürfe zu machen. Hätte ich weniger gearbeitet, hätte ich ihn vielleicht zu Hause behalten können. Hätte ich genauer hingesehen, hätte ich vielleicht bemerkt, wie unglücklich er im Heim war.

Genau am zweiundvierzigsten Tag klingelte mein Handy, während ich im Büro saß. Die Nummer war mir unbekannt.

„Spreche ich mit Jonas Wagner?“, fragte ein Mann.

„Es geht um Ihren Vater“, sagte er. „Er lebt.“

„Wo ist er?“

„Bei der alten Eisenbahnbrücke hinter dem nördlichen Gewerbegebiet. Kommen Sie bitte. Ich bleibe bei ihm, bis Sie da sind.“

Unter der Brücke stand ein kleines Lager aus Planen, Decken, Kisten und zwei alten Matratzen. Daneben befand sich eine Feuerstelle, die gerade nicht brannte. Auf einer der Matratzen saß mein Vater.

Er trug einen viel zu großen Mantel, eine Wollmütze und mehrere Pullover übereinander. Seine Wangen waren eingefallen. Sein Bart war länger als früher. Doch er saß aufrecht.

Neben ihm lag ein riesiger Rottweiler.

Der Hund hatte eine breite Brust, kräftige Pfoten und eine lange Narbe über der Schnauze. Ein Stück seines linken Ohres fehlte. Mein Vater hatte eine Hand auf seinem Rücken liegen.

Ein großer Mann stand auf, als ich näherkam. Er hatte einen kahlen Kopf, einen dichten Bart und alte Tätowierungen an Hals und Händen. Seine Lederjacke war abgenutzt, seine Schuhe waren mit Klebeband repariert.

„Papa!“

Der Hund hob den Kopf. Er sprang nicht auf, knurrte nicht und bellte nicht. Er sah mich nur an.

„Alles gut“, sagte der Mann. „Kaiser passt nur auf ihn auf.“

„Jonas?“, fragte mein Vater schließlich.

Ich ging auf die Knie und nahm ihn in den Arm.

Er roch nach Rauch, Seife, Hundefell und einem fremden Waschmittel. Ich drückte ihn so fest an mich, dass er leise protestierte.

„Du bist da“, sagte ich immer wieder. „Du bist wirklich da.“

Der tätowierte Mann wartete schweigend, bis ich mich etwas beruhigt hatte. Dann stellte er sich vor.

„Ich heiße Markus.“

„Wie haben Sie ihn gefunden?“, fragte ich. „Wo war er die ganze Zeit?“

„Ich habe ihn in der Nacht gefunden, in der er verschwunden ist“, sagte Markus.

„Warum haben Sie nicht die Polizei gerufen? Die ganze Stadt hat nach ihm gesucht.“

„Ich habe Hilfe geholt“, sagte er ruhig. „Noch in derselben Nacht.“

Kaiser hatte ihn auf meinen Vater aufmerksam gemacht. Mein Vater lag hinter einem Lagergebäude auf dem Boden, kaum ansprechbar und völlig erschöpft. Markus hatte sofort den Rettungsdienst verständigt.

Mein Vater wurde in eine Notaufnahme gebracht. Dort konnte er weder seinen Namen noch seine Adresse nennen. Er nannte sich abwechselnd Manfred, Walter und einmal sogar Heinrich, so wie sein eigener Vater geheißen hatte.

Er trug keine Papiere bei sich. Auf Fragen reagierte er teilweise panisch. Er wollte immer wieder fort und schrie, man dürfe ihn nicht in das weiße Haus zurückbringen.

Nach der ersten Behandlung kam er in eine betreute Notunterkunft. Eine Sozialarbeiterin versuchte, seine Identität zu klären. Doch offenbar wurde sein Fall nicht mit der Vermisstenmeldung verbunden.

„Ich habe mehrmals gesagt, dass jemand nach ihm suchen muss“, erklärte Markus. „Aber ich kannte seinen richtigen Namen nicht. Er wusste ihn selbst nicht mehr.“

Mein Vater blieb einige Tage in der Unterkunft. Dort bekam er saubere Kleidung, Essen und medizinische Betreuung. Markus besuchte ihn jeden Tag, meistens mit Kaiser.

Nach wenigen Tagen wurde mein Vater in eine andere Übergangseinrichtung gebracht. Dort waren Tiere nicht erlaubt. Er wurde unruhig, lief nachts über die Flure und versuchte mehrfach, das Gebäude zu verlassen.

Eine Sozialarbeiterin fand schließlich eine kleine, betreute Wohngruppe, die ihn vorübergehend aufnehmen wollte. Doch bevor der Transport organisiert war, verließ mein Vater unbemerkt die Einrichtung.

„Am Morgen saß er einfach hier“, sagte Markus. „Kaiser lag neben ihm. Ihr Vater hatte sich an seinem Hals festgehalten und sagte, er sei jetzt zu Hause.“

Markus verständigte erneut die Sozialarbeit. Von da an kam eine Mitarbeiterin regelmäßig vorbei. Sie brachte Medikamente, kontrollierte seinen Zustand und versuchte weiter, Angehörige zu finden.

Mein Vater weigerte sich jedoch, in eine Unterkunft ohne Kaiser zu gehen. Sobald jemand ihn mitnehmen wollte, bekam er Angst, schrie und klammerte sich an den Hund.

„Wir wollten ihn nicht zwingen“, sagte Markus. „Die Mitarbeiterin meinte, sie brauche erst eine sichere Lösung. Dann entdeckte ich gestern Ihren Suchzettel an einer Bushaltestelle. Das Foto war älter, und mit dem Bart sah er anders aus. Aber die Augen waren dieselben.“

Sechs Wochen lang hatte ich geglaubt, mein Vater sei tot. Gleichzeitig hatte er nur wenige Kilometer von mir entfernt gelebt, betreut von einem Mann, den ich auf der Straße wahrscheinlich nicht einmal angesehen hätte.

„Warum ist er hier geblieben?“, fragte ich.

Markus sah meinen Vater an.

„Weil er sich bei Kaiser sicher fühlt.“

Mein Vater strich dem Hund über die Narbe.

„Der Große passt auf“, sagte er. „Der lässt mich nicht allein.“

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