Kaum hatte ich die Frage ausgesprochen, bereute ich sie.
Katja sah mich an.
„Weil ich mich geschämt habe, Papa.“
Sie wischte sich über die Augen.
„Ich bin sechsunddreißig. Ich habe ein Kind. Ich dachte immer, so etwas würde mir niemals passieren.“
Ich nahm ihre Hand.
„Du musst dich vor mir nicht schämen.“
„Er hat gesagt, wenn ich gehe, sorgt er dafür, dass ich Leni verliere.“
Ich spürte, wie sie wieder zu zittern begann.
„Er sagt, seine Familie habe Geld und kenne die richtigen Leute. Und ich sei bloß eine Frau, die in einem Café arbeitet.“
„Katja, das entscheidet nicht er.“
„Aber er klingt immer so sicher.“
„Das kann er. Es macht seine Behauptungen nicht wahr.“
Sie erzählte mir, dass Jan darauf gedrängt hatte, Leni zu adoptieren.
Er war nicht ihr leiblicher Vater und hatte kein Sorgerecht.
Aber allein der Gedanke, dass er irgendwann über das Mädchen bestimmen könnte, hatte Katja immer größere Angst gemacht.
„Und Leni?“, fragte ich.
Katja schluckte.
„Er hat sie bisher nicht geschlagen. Aber er schreit sie an, wenn sie zu laut ist. Manchmal setzt er sie allein in ihr Zimmer, weil sie angeblich lernen muss, sich zu benehmen.“
Ich sah zur Wohnzimmertür.
Dort saß meine Enkeltochter auf dem Teppich und malte eine Sonne mit einem viel zu großen roten Mund.
„Papa“, flüsterte Katja, „ich habe solche Angst, dass ich eine schlechte Mutter bin.“
Ich stand auf und setzte mich neben sie.
„Eine schlechte Mutter würde nicht versuchen, Hilfe für ihr Kind zu holen.“
Sie sah mich lange an.
„Glaubst du wirklich, dass ich das schaffen kann?“
„Nicht alles auf einmal“, antwortete ich. „Aber den nächsten Schritt. Und den machen wir zusammen, wenn du möchtest.“
Sie senkte den Kopf.
Dann sagte sie zum ersten Mal seit langer Zeit etwas mit fester Stimme.
„Ich will hier weg.“
Ingrid hatte mich gewarnt, dass dieser Moment kommen könnte.
Und trotzdem traf mich Katjas Satz wie ein Schlag.
Nicht weil ich überrascht war.
Sondern weil ich endlich hörte, was sie selbst wollte.
Ich rief Ingrid an.
Sie erklärte Katja ruhig, welche Möglichkeiten sie hatte.
Katja wollte zunächst zur Polizei und danach an einen geschützten Ort.
Sie hatte Angst, direkt zu mir zu kommen, weil Jan meine Adresse kannte.
Ingrid hatte bereits Kontakt zu einer Beratungsstelle aufgenommen, die uns bei der Suche nach einem Platz in einem Frauenhaus unterstützte.
Wir packten nur das Nötigste.
Ausweise.
Versicherungskarten.
Lenis Geburtsurkunde.
Medikamente.
Ein paar Kleidungsstücke.
Katja steckte ein kleines Foto ihrer Mutter ein.
Als ich es bemerkte, sagte sie leise:
„Mama hätte gewusst, was zu tun ist.“
Ich schluckte.
„Deine Mutter hätte wahrscheinlich erst einmal einen Kaffee gekocht.“
Katja musste trotz ihrer Tränen lächeln.
„Und dann?“
„Dann hätte sie uns allen ordentlich den Kopf gewaschen.“
Zum ersten Mal an diesem Tag hörte ich meine Tochter kurz lachen.
Es war nur ein kleines Geräusch.
Aber ich hätte dafür alles gegeben.
Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst.
„Jan hat eine Kamera im Flur. Und er sieht über mein Handy, wo ich bin.“
„Das weiß Ingrid“, sagte ich. „Wir müssen uns nicht auf dein Handy verlassen. Sie hilft uns, die nächsten Schritte sicher zu regeln.“
Katja nahm ihren Schlüssel vom Haken.
Sie hielt ihn einen Moment lang in der Hand.
Es war ein ganz gewöhnlicher Wohnungsschlüssel.
Und doch sah sie ihn an, als gehörte er zu einem Ort, an dem sie nie wieder leben wollte.
Dann legte sie ihn auf den Tisch.
„Ich komme nicht zurück“, sagte sie.
Auf dem Weg zur Polizeidienststelle saß Leni hinten in meinem Wagen.
Sie hielt ihren Stoffhasen fest und fragte, ob sie an diesem Abend bei mir schlafen dürfe.
Katja sah sie im Rückspiegel an.
„Heute schlafen wir erst einmal woanders, Schatz.“
„Ist das weit weg?“
„Nicht so wichtig. Hauptsache, wir sind zusammen.“
Leni dachte darüber nach.
Dann fragte sie:
„Kommt Opa auch?“
Ich spürte einen Stich im Herzen.
„Ich bringe euch hin. Und wir sehen uns wieder, sobald es geht.“
Sie nickte zufrieden.
Für sie war die Sache damit erledigt.
Für Katja begann der schwierigste Teil erst.
Auf der Polizeidienststelle erzählte sie zum ersten Mal einem fremden Menschen, was Jan mit ihr gemacht hatte.
Sie musste mehrfach unterbrechen.
Manches brachte sie kaum über die Lippen.
Eine Beamtin nahm sich Zeit und erklärte ihr die weiteren Schritte.
Die Verletzungen wurden dokumentiert. Katja erstattete Anzeige und schilderte auch die Drohungen gegen sie und Leni.
Danach begleitete Ingrid uns zu der Beratungsstelle.
Am Abend waren meine Tochter und meine Enkelin an einem sicheren Ort.
Ich durfte den Aufenthaltsort nicht erfahren.
Das fiel mir schwer.
Aber ich verstand, weshalb es wichtig war.
Bevor wir uns verabschiedeten, nahm Katja meine Hand.
„Papa, bist du enttäuscht von mir?“
Ich hätte beinahe geweint.
„Katja, als du klein warst, hast du mir mal eine kaputte Tasse gebracht.“
Sie sah mich verwirrt an.
„Weißt du noch? Die blaue von Mama.“
Langsam nickte sie.
„Du hattest sie fallen lassen und dich nicht getraut, es zu sagen. Weißt du noch, was ich damals zu dir gesagt habe?“
Sie überlegte.
„Dass wir sehen, was sich reparieren lässt?“
„Genau.“
Ich drückte ihre Hand.
„Du bist keine kaputte Tasse, Katja. Und du musst auch nicht repariert werden. Aber du darfst dir helfen lassen, wenn etwas in deinem Leben nicht mehr gut ist.“
Sie legte ihre Stirn an meine Schulter.
„Ich hab dich lieb, Papa.“
„Ich dich auch, mein Mädchen.“
Ich dachte, die schlimmsten Stunden lägen hinter uns.
Ich irrte mich.
Noch am selben Abend rief mich Ingrid an.
„Werner, Katja ist sicher. Aber Jan hat versucht, sie mehrmals anzurufen.“
„Sie hat nicht abgenommen?“
„Nein. Wir kümmern uns darum, wie sie erreichbar bleiben kann, ohne dass er sie kontrolliert.“
Ich wollte gerade auflegen, als Ingrid noch etwas sagte.
„Und es gibt möglicherweise eine weitere Frau, die helfen kann.“
„Was für eine Frau?“
„Eine frühere Partnerin von Jan.“
Ihr Name war Nadine Berger.
Sie war Anfang vierzig und hatte mehrere Jahre mit Jan zusammengelebt.
Ingrid erklärte mir, dass Nadine über eine gemeinsame Bekannte erfahren hatte, dass Katja Hilfe suchte.
Nadine hatte selbst bereits Kontakt zu einer Beratungsstelle aufgenommen.
Am nächsten Tag durfte ich mit ihr telefonieren.
Ich werde dieses Gespräch nie vergessen.
„Herr Krüger?“, fragte sie.
„Ja.“
„Ich bin Nadine. Sie kennen mich nicht.“
Ihre Stimme klang vorsichtig.
„Ich kenne aber den Mann, mit dem Ihre Tochter zusammen war.“
Ich setzte mich an meinen Küchentisch.
„Dann wissen Sie vielleicht, was passiert ist.“
Am anderen Ende blieb es einige Sekunden still.
Dann sagte sie:
„Ich weiß es leider sehr genau.“
Nadine erzählte, wie Jan sie über Jahre hinweg von ihren Freunden getrennt hatte.
Er hatte ihr vorgeschrieben, wen sie treffen durfte, wie sie ihr Geld ausgeben sollte und wann sie nach Hause kommen musste.
Wenn sie sich wehrte, wurde er laut.
Später wurde er handgreiflich.
„Ich habe damals auch gedacht, ich wäre selbst schuld“, sagte sie.
Ihre Stimme brach.
„Er konnte so überzeugend erklären, warum alles meine Schuld war.“
Sie hatte Fotos von ihren Verletzungen aufbewahrt.
Alte Nachrichten.
Einen Bericht über einen Polizeieinsatz.
Damals hatte sie sich nicht getraut, die Sache weiterzuverfolgen.
„Warum melden Sie sich jetzt?“, fragte ich.
Nadine atmete hörbar ein.
„Weil ich Ihre Tochter gesehen habe. Vor ein paar Wochen, im Supermarkt. Jan stand neben ihr, und sie sah ihn jedes Mal an, bevor sie etwas antwortete.“
Sie machte eine Pause.
„Genau so war ich früher.“
Ich sagte nichts.
„Und dann habe ich das kleine Mädchen gesehen.“
Ihre Stimme wurde fester.
„Ich möchte nicht mehr schweigen, Herr Krüger. Wenn meine Aussage helfen kann, bin ich bereit.“
Später erfuhr ich, dass Nadine Kontakt zu zwei weiteren ehemaligen Partnerinnen von Jan hatte.
Auch sie berichteten von bedrohlichem und kontrollierendem Verhalten.
Nicht alles davon ließ sich beweisen.
Aber die Frauen waren bereit, mit der Polizei zu sprechen.
Als ich auflegte, saß ich lange still da.
Ich hatte gedacht, Katja wäre die Einzige gewesen.
Jetzt begriff ich, dass Jan sich schon früher ähnlich verhalten hatte.
Und dass mehrere Frauen jahrelang mit denselben Ängsten gelebt hatten.
Zwei Tage später stand Jan vor meinem Haus.
Es war kurz nach acht am Abend.
Ich hatte gerade mein Abendbrot weggeräumt, als es an der Haustür hämmerte.
„Werner! Mach auf!“
Ich erkannte seine Stimme sofort.
Ich blieb hinter der geschlossenen Tür.
„Was willst du, Jan?“
„Ich will wissen, wo Katja ist!“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
„Du alter Mistkerl! Du hast sie gegen mich aufgehetzt!“
Ich atmete langsam aus.
Rolf hatte mir eingebläut, mich nicht provozieren zu lassen.
„Katja hat selbst entschieden, dass sie Hilfe möchte.“
„Das glaubst du doch selbst nicht!“
Er schlug mit der flachen Hand gegen die Tür.
„Mach auf!“
Ich nahm mein Telefon.
„Jan, geh bitte. Wenn du weiterdrohst, rufe ich die Polizei.“
„Du wirst schon sehen, was du davon hast!“
Ich wählte die Nummer der Polizei.
Während ich mit der Leitstelle sprach, hörte ich Jan draußen weiterbrüllen.
Er behauptete, Katja gehöre zu ihm.
Dann schrie er, Leni sei sein Kind und niemand dürfe sie ihm wegnehmen.
Ich sagte nur einen Satz durch die Tür:
„Katja und Leni gehören niemandem.“
Das machte ihn noch wütender.
Plötzlich hörte ich ein metallisches Geräusch.
Durch das schmale Fenster neben der Tür konnte ich sehen, dass er ein Taschenmesser in der Hand hielt.
Mir wurde kalt.
„Ich mache dich fertig!“, schrie er.
Ich wich von der Tür zurück.
„Die Polizei ist unterwegs“, sagte ich.
In diesem Moment fuhr ein Wagen langsam an unserem Haus vorbei.
Es war Rolf.
Er hatte mir früher am Abend Werkzeug zurückbringen wollen und war etwas später geworden.
Als er Jan sah, hielt er mit Abstand am Straßenrand.
Mehmet saß neben ihm.
Die beiden stiegen nicht aus, um sich mit Jan anzulegen.
Sie blieben am Wagen, sahen die Situation und riefen ebenfalls die Polizei.
Jan bemerkte sie.
Für einen Augenblick stand er völlig still.
Dann klappte er das Messer zu und ging hastig die Straße hinunter.
Wenig später traf ein Streifenwagen ein.
Die Beamten fanden ihn noch in der Nähe.
Rolf und Mehmet machten ihre Aussagen.
Auch ich schilderte, was passiert war.
Später erfuhr ich, dass Jan das Messer noch bei sich gehabt hatte.
Als die Beamten gegangen waren, kam Rolf ins Haus.
Er stellte seine Werkzeugtasche neben die Tür.
„Alles in Ordnung?“
Ich nickte.
Aber meine Hände zitterten.
Rolf sah es.
Er zog einen Stuhl vom Küchentisch.
„Setz dich erst mal.“
Ich setzte mich.
Lange sagte keiner von uns etwas.
Dann fragte ich:
„Was wäre gewesen, wenn Katja heute hier gewesen wäre?“
Rolf sah mich ernst an.
„Sie war nicht hier, Werner. Und dafür haben wir gesorgt.“
Ich legte beide Hände auf den Tisch.
Zum ersten Mal seit Jahren fing ich vor einem anderen Mann an zu weinen.
Rolf sagte nichts.
Er blieb einfach sitzen.
Die nächsten Monate waren nicht leicht.
Katja und Leni blieben zunächst in einer geschützten Unterkunft.
Mit Unterstützung einer Beratungsstelle und einer Anwältin beantragte Katja gerichtliche Schutzmaßnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz.
Eine vorläufige Anordnung untersagte Jan, Kontakt zu ihr aufzunehmen oder sich ihr zu nähern.
Die Polizei ermittelte wegen der Vorfälle, die Katja geschildert hatte, und wegen seiner Drohungen gegen mich.
Ich stellte mir das anfangs einfacher vor.
Manchmal dachte ich, jetzt, wo Katja von ihm weg war, müsse alles schnell wieder gut werden.
Aber so funktionierte es nicht.
Es gab Tage, an denen Katja kaum schlafen konnte.
Tage, an denen sie sich vorwarf, die Anzeichen nicht früher erkannt zu haben.
Und Tage, an denen sie mich anrief, nur um zu hören, dass jemand da war.
Einmal fragte sie mich:
„Papa, meinst du, ich hätte früher gehen müssen?“
Ich saß gerade in meiner Garage und versuchte, ein altes Radio wieder zum Laufen zu bringen.
„Ich weiß es nicht, Katja“, antwortete ich.
„Du musst doch denken, dass ich blind war.“
„Nein.“
Ich legte den Schraubendreher weg.
„Ich denke, dass ich froh bin, dass du jetzt mit mir telefonieren kannst.“
Sie schwieg.
Dann hörte ich sie leise atmen.
„Ich habe manchmal Angst, dass ich nie wieder jemandem vertrauen kann.“
„Dann musst du das heute auch nicht.“
Wir redeten an diesem Abend fast eine Stunde.
Früher hatten unsere Gespräche oft nur aus wenigen Sätzen bestanden.
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