Mit 85 kniete er im Schlamm vor einem verschütteten Hund – eine Stunde später begann für beide ein neues Leben.
Bennos Kopf ragte unter dem eingestürzten Gartenzaun hervor, und ich war 85 Jahre alt, allein und kaum noch stark genug, eine einzige Latte anzuheben.
Trotzdem kniete ich mich hin.
Mein Name ist Wilhelm Hartmann. Damals lebte ich allein in einem kleinen Reihenhaus am Rand von Göttingen, in dem meine Frau Helga und ich fast vierzig Jahre zusammen verbracht hatten.
Helga war seit fünf Jahren tot.
Ihre Gartenschere lag noch immer in der Schublade. Ihre alte blaue Knieunterlage hing an einem Haken im Schuppen. Und ihre Lieblingstasse stand im Küchenschrank so, wie sie sie immer hingestellt hatte.
Henkel nach rechts.
Manche Dinge räumt man nicht weg.
Nicht weil man vergesslich ist.
Sondern weil man sonst zugeben müsste, dass jemand wirklich nicht mehr zurückkommt.
In der Nacht hatte ein heftiger Sturm mehrere Äste abgerissen. Irgendwann hörte ich hinter dem Haus ein lautes Krachen.
Früher wäre ich sofort hinausgegangen.
Mit 85 bleibt man nachts lieber im Bett und versucht nicht mehr, der Welt zu beweisen, dass man noch alles kann.
Am nächsten Morgen nahm ich meinen Gehstock und ging in den Garten.
Drei Teile des Holzzauns lagen umgestürzt im Gras. Ein alter Ast war auf das Gemüsebeet gefallen. Helgas Tulpen lagen fast flach am Boden.
Ich sagte zu mir selbst:
„Nur anschauen, Wilhelm.“
Nicht reparieren.
Nichts tragen.
Keine Dummheiten.
Dann hörte ich dieses Geräusch.
Kein Bellen.
Kein Jaulen.
Nur ein leises, schweres Atmen.
Ich blieb stehen.
„Hallo?“
Wieder dieses Geräusch.
Es kam unter dem Zaun hervor.
Ich ging langsam näher und sah plötzlich zwei braune Augen zwischen nassem Holz und Erde.
Da lag ein Hund.
Sein Kopf, eine Schulter und eine Vorderpfote waren zu sehen. Der Rest seines Körpers steckte unter mehreren Zaunlatten und einer schweren Querstrebe.
„Ach, du meine Güte.“
Als er meine Stimme hörte, versuchte er sich zu bewegen.
Das Holz rutschte.
Der Hund stieß einen kurzen Schmerzenslaut aus.
„Nein, nein. Bleib ruhig.“
Ich sah mich um.
Kein Nachbar im Garten.
Niemand auf der Straße.
Natürlich hätte ich sofort hineingehen und telefonieren können.
Vielleicht wäre das vernünftiger gewesen.
Aber ich sah die Atmung dieses Hundes.
Flach.
Unregelmäßig.
Und plötzlich hatte ich Angst, dass ich zurückkommen könnte und er nicht mehr atmete.
Also holte ich Helgas blaue Knieunterlage.
Ich legte sie in den Matsch.
Dann kniete ich mich hin.
Schon dabei schossen mir Schmerzen durch beide Knie.
„Na wunderbar“, murmelte ich.
Der Hund sah mich an.
Ich legte beide Hände an die erste Latte.
Sie bewegte sich keinen Zentimeter.
Ich versuchte es noch einmal.
Meine Arme zitterten.
Nichts.
Früher hatte ich Schränke getragen. Türen eingesetzt. Im Garten Mauern gebaut.
Jetzt brachte mich ein Stück nasses Holz außer Atem.
Das war schwer zu akzeptieren.
Ich holte eine kleine Handsäge und eine Gartenschaufel aus dem Schuppen.
Dann fing ich an zu graben.
Eine Handvoll Erde nach der anderen.
Der Hund beobachtete mich dabei.
Er knurrte nicht.
Er schnappte nicht.
Er machte mir keinen Vorwurf, dass ich langsam war.
„Tut mir leid“, sagte ich.
„Ich bin nicht mehr der Schnellste.“
Ich hielt kurz inne.
„Aber ich bin da.“
Zehn Minuten vergingen.
Dann zwanzig.
Ich löste Erde unter einer Latte, schnitt Ranken durch und schob den Griff der Gartenschaufel unter das Holz.
Mein Rücken brannte.
Meine Finger wurden steif.
Mehrmals musste ich einfach dasitzen und Luft holen.
Da verstand ich etwas.
Ich würde diesen Zaun nicht mit Kraft besiegen.
Also musste ich es mit Geduld tun.
Geduld hatte mir das Alter immerhin gelassen.
Ich betrachtete jede Latte genau.
Eine lag über dem Brustkorb des Hundes. Eine andere drückte seine Hinterbeine in den aufgeweichten Boden.
Wenn ich das falsche Brett zuerst bewegte, konnte alles weiter abrutschen.
„Also gut“, sagte ich.
„Langsam.“
Seine Augen folgten meiner Stimme.
Er trug ein altes braunes Halsband, aber ich konnte keine Marke erkennen.
Sein Fell war voller Schlamm.
Ich redete weiter mit ihm, während ich grub.
Nicht weil ich glaubte, dass er jedes Wort verstand.
Ich brauchte selbst etwas, das mich weitermachen ließ.
„Meine Helga hätte dich sofort ins Haus geholt“, sagte ich.
Der Hund blinzelte.
„Die hat sowieso alles aufgenommen, was irgendwie verloren aussah.“
Meine Stimme wurde plötzlich dünn.
Ich hielt inne.
Man denkt immer, Trauer hätte bestimmte Zeiten.
Geburtstage.
Weihnachten.
Todestage.
Unsinn.
Trauer kommt manchmal, während man mit schlammigen Händen unter einem kaputten Gartenzaun sitzt.
Der Hund atmete hörbar aus.
Das holte mich zurück.
Nach etwa vierzig Minuten bekam ich seine Vorderpfote frei.
„Da bist du ja.“
Ich strich kurz über sein nasses Fell.
Dann versuchte ich die nächste Latte.
Keine Chance.
Meine Hände verkrampften.
Ich drückte sie gegen meine Brust und wartete, bis der Schmerz nachließ.
Dabei hörte ich Helgas Stimme in meinem Kopf.
Sie hatte einmal zu mir gesagt:
„Du darfst Hilfe brauchen, Wilhelm. Du darfst nur nicht gleich aufgeben.“
Ich musste lächeln.
„Hast du das gehört?“, sagte ich zu dem Hund.
„Wir dürfen Hilfe brauchen.“
Unter dem Holz bewegte sich etwas.
Ein dumpfes Klopfen.
Ich erstarrte.
Dann wieder.
Sein Schwanz.
Der Hund wedelte.
Mitten unter diesem Zaun.
Ich lachte.
Ich weiß bis heute nicht, warum mich das so getroffen hat.
Vielleicht weil dieser Hund offenbar mehr Vertrauen in mich hatte als ich selbst.
Kurz darauf hörte ich eine Stimme.
„Herr Hartmann?“
Es war mein Nachbar Tobias Berger, 39, der zwei Häuser weiter wohnte.
Wir kannten uns vom Grüßen.
Mehr eigentlich nicht.
Er kam durch das offene Gartentor.
Als er mich sah, blieb er stehen.
„Was machen Sie denn da?“
„Ich brauche Hilfe.“
Es fiel mir erstaunlich schwer, diesen Satz auszusprechen.
Tobias kam sofort herüber.
Er kniete sich neben mich.
„Nicht einfach hochziehen“, sagte ich. „Die Latte dort liegt auf seiner Seite.“
Tobias nickte.
Er war deutlich stärker als ich.
Aber er hörte mir zu.
Gemeinsam arbeiteten wir uns Brett für Brett vor.
Ich zeigte ihm, was schon locker war.
Er hob.
Ich zog Erde weg.
Dann kam die letzte Querlatte.
Tobias packte sie mit beiden Händen.
„Bereit?“
Ich legte eine Hand unter die Schulter des Hundes.
„Ja.“
Das Holz löste sich mit einem Knacken.
Der Hund blieb liegen.
Einen schrecklichen Moment lang bewegte er sich nicht.
Ich dachte:
Zu spät.
Dann hob er den Kopf.
Er schob eine Vorderpfote nach vorn.
Dann die andere.
Zentimeter für Zentimeter kroch er aus dem Loch.
Bis sein ganzer Körper auf Helgas blauer Knieunterlage lag.
Ich setzte mich einfach daneben.
Meine Hände zitterten.
Tobias atmete schwer.
„Wir sollten jemanden anrufen.“
„Ja.“
Tobias ging schnell zu seinem Haus, um sein Handy zu holen.
Der Hund versuchte währenddessen aufzustehen.
„Bleib liegen.“
Natürlich hörte er nicht.
Er stemmte sich auf alle vier Beine.
Seine Hinterläufe zitterten so stark, dass ich dachte, er würde wieder umfallen.
Dann machte er einen Schritt.
Direkt zu mir.
Und lehnte seinen ganzen schlammigen Körper gegen meine Schulter.
Ich war noch auf den Knien.
Sonst hätte er mich wahrscheinlich umgeworfen.
Ich legte einen Arm um seinen Hals.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hielt sich wieder ein Lebewesen an mir fest.
Nicht aus Höflichkeit.
Nicht aus Mitleid.
Weil es mir vertraute.
Tobias kam zurück.
Wir verständigten eine örtliche Tierauffangstelle und eine Tierarztpraxis. Da nach dem Sturm viele Tiere vermisst wurden, sollte zunächst geprüft werden, ob der Hund irgendwo registriert war oder jemand nach ihm suchte.
Tobias fuhr uns zu einer Praxis am Stadtrand.
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