Lea hob den Kopf.
„Herr Falk“, sagte sie. „Ich habe einen Fehler gemacht.“
Sabine Hartmann wandte sich leicht zu ihr.
Vielleicht wollte sie sie unterbrechen.
Doch Lea sprach weiter.
„Ich habe nicht sorgfältig genug geprüft. Und ich habe Sie nach Ihrem Aussehen beurteilt. Dafür gibt es keine Entschuldigung.“
Ihre Stimme zitterte.
„Es tut mir wirklich leid.“
Matthias sah sie lange an.
Nicht hart.
Nicht freundlich.
Nur aufmerksam.
Leni seufzte im Schlaf und drückte den Teddybären fester an sich.
Matthias strich ihr über den Rücken.
„Danke, dass Sie es so sagen“, antwortete er.
Lea nickte.
Ihre Augen glänzten, aber sie weinte nicht.
Sabine Hartmann richtete die Schultern auf.
„Herr Falk, selbstverständlich wäre die Situation anders verlaufen, wenn wir gewusst hätten, wer Sie sind.“
Matthias sah sie an.
Josef senkte den Blick.
Lea schloss kurz die Augen.
Sabine merkte noch nicht, was sie gerade gesagt hatte.
„Genau das ist das Problem“, erwiderte Matthias.
Sabines Gesicht erstarrte.
„Ich wollte damit nur sagen—“
„Ein Gast sollte nicht anders behandelt werden, weil sein Name am Gebäude steht.“
„Natürlich nicht.“
„Doch. Genau das haben Sie gerade gesagt.“
Sabine schwieg.
Matthias nahm die Rosen vom Tresen.
Mehrere Blätter waren geknickt.
„Wir sprechen später darüber“, sagte er. „Nicht hier.“
Dann wandte er sich an Josef.
„Ist 714 frei?“
Josef berührte den kleinen Hörer an seinem Ohr.
Noch bevor er etwas sagen konnte, kam Petras Stimme über die interne Verbindung.
„Das Zimmer ist bereit.“
Josef lächelte.
„Petra hat es vorbereitet.“
Matthias schüttelte langsam den Kopf.
„Natürlich hat sie das.“
Sie gingen zum Fahrstuhl.
Lea blieb hinter der Rezeption stehen.
Sabine bewegte sich nicht.
Kurz bevor die Türen sich schlossen, kam Kemal aus dem Gang zur Küche.
Er trug noch seine weiße Schürze.
„Matthias!“
Matthias hielt die Fahrstuhltür mit dem Fuß auf.
Kemal blieb vor ihm stehen und sah Leni an.
Sein lautes Gesicht wurde weich.
„Schläft sie immer noch überall ein?“
„Das hat sie von ihrer Mutter.“
Kemal nickte.
Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas.
Dann hob Kemal einen Finger.
„Ich mache ihr morgen Pfannkuchen. Die kleinen. Mit Apfel.“
„Sie wird mindestens sechs essen.“
„Dann mache ich zwölf.“
Die Fahrstuhltüren schlossen sich.
Während der Fahrt betrachtete Josef die Rosen.
„Elena hätte sich gefreut“, sagte er.
Matthias blickte auf die roten Blüten.
„Sie hat mich dazu gebracht.“
„Das konnte sie gut.“
„Mich zu etwas bringen?“
„Sie daran zu erinnern, was wichtig ist.“
Matthias atmete langsam aus.
„Ja“, sagte er. „Das konnte sie.“
Im siebten Stock wartete Petra bereits vor Zimmer 714.
Sie trug ihre graue Arbeitskleidung, ihr Haar war zu einem lockeren Knoten gebunden, und an ihrer linken Hand fehlte seit Jahren ein Stück vom kleinen Finger.
Ein Unfall mit einer schweren Tür, über den sie nie gern sprach.
Als sie Matthias sah, legte sie eine Hand an die Brust.
„Da seid ihr ja.“
Nicht: Willkommen zurück.
Nicht: Herr Falk.
Da seid ihr ja.
Als hätte sie sie erwartet.
Als wären sie zu spät zu einer Verabredung gekommen, die vor zwei Jahren begonnen hatte.
Matthias schluckte.
„Hallo, Petra.“
Petra sah Leni an.
„Sie hat Elenas Augen.“
„Das sagen alle.“
„Dann haben ausnahmsweise alle recht.“
Sie öffnete die Tür.
Das Zimmer war fast genauso, wie Matthias es in Erinnerung hatte.
Der große Sessel stand am Fenster.
Die Vorhänge waren geöffnet.
Auf dem kleinen Tisch wartete eine Vase mit Wasser.
Das Licht des späten Nachmittags fiel schräg über den Teppich und ließ die Staubkörner in der Luft glitzern.
Matthias trug Leni zum Bett.
Petra zog die Decke zurück.
Er legte seine Tochter vorsichtig hin.
Leni rollte sich sofort auf die Seite, zog den Teddybären unter das Kinn und murmelte etwas Unverständliches.
Sie wachte nicht auf.
Matthias stellte die Rosen in die Vase.
Eine Blüte hing schief.
Petra nahm sie behutsam zwischen zwei Finger und richtete sie auf.
„Manche sehen ein bisschen mitgenommen aus“, sagte sie.
„Wir auch.“
Petra nickte.
Sie verstand, dass der Satz nicht nur die Blumen meinte.
„Ich bringe später Kakao hoch“, sagte sie. „Und für Sie Kaffee.“
„Danke.“
Petra blieb noch einen Moment stehen.
„Ihre Frau hat damals gesagt, Sie würden lange brauchen, um wiederzukommen.“
Matthias sah sie an.
„Hat sie das?“
„Ja.“
„Was hat sie noch gesagt?“
Petra zögerte.
„Dass ich das Zimmer trotzdem nicht vergessen soll.“
Matthias drehte sich zum Fenster.
Die Stadt lag unter ihm.
Bürotürme, Dächer, Baustellen, Straßen und die schmalen Gleise der Straßenbahn.
Autos bewegten sich wie kleine dunkle Käfer durch die Kreuzungen.
Menschen eilten über Gehwege, jeder mit einem Ziel, das aus dieser Höhe nicht zu erkennen war.
Elena hatte recht gehabt.
Von hier oben sah alles anders aus.
Nicht schöner.
Nur weiter entfernt von dem Lärm, mit dem man sich sonst selbst erklärte.
Matthias legte die Hand an die Fensterscheibe.
„Wir sind da“, sagte er leise.
Hinter ihm schlief Leni.
Die Rosen leuchteten rot im Abendlicht.
Später wachte Leni auf und wusste zunächst nicht, wo sie war.
„Papa?“
„Ich bin hier.“
Sie setzte sich auf.
Ihre Schleife hing inzwischen nur noch an einer Haarsträhne.
„Ist das Mamas Zimmer?“
Matthias setzte sich zu ihr auf das Bett.
„Mama und ich waren hier sehr glücklich.“
Leni sah zum Fenster.
„Kann sie uns sehen?“
Früher hätte Matthias versucht, eine richtige Antwort zu finden.
Heute hatte er keine Kraft für richtige Antworten.
„Ich hoffe es.“
Leni dachte darüber nach.
Dann stieg sie vom Bett, nahm eine Rose aus der Vase und legte sie auf den Sessel am Fenster.
„Die ist für sie.“
Matthias musste wegsehen.
Er tat so, als betrachte er die Stadt.
Leni kam zu ihm und schob ihre kleine Hand in seine.
„Weinst du?“
„Ein bisschen.“
„Weil du traurig bist?“
„Auch.“
„Und warum noch?“
Matthias kniete sich zu ihr.
„Weil manche schönen Dinge wehtun, wenn man sie lange vermisst hat.“
Leni nickte, als hätte sie das verstanden.
Vielleicht hatte sie es.
Kinder verstehen oft mehr, als Erwachsene ihnen zutrauen.
Am nächsten Morgen saßen Matthias und Leni im Frühstücksraum.
Kemal brachte persönlich einen Teller mit zwölf kleinen Apfelpfannkuchen.
Leni aß fünf.
Dann erklärte sie ihm, die restlichen sieben seien für später, für Notfälle und vielleicht für Mama.
Kemal packte sie ohne ein Wort in eine kleine Schachtel.
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