Vielleicht, weil ich genau verstand, wie es ist, wenn die Welt einfach weiterläuft, während man selbst stehen geblieben ist.
Alle anderen Katzen wollten gesehen werden.
Lilli nicht mehr.
Sie saß nur da.
Als hätte sie längst verstanden, dass niemand ihretwegen kam.
Ich ging vor ihrem Gehege in die Hocke.
Meine Knie knackten dabei so laut, dass Frau Seidel kurz lachen musste.
Lilli drehte langsam den Kopf.
Zum ersten Mal sah sie mich an.
Sie wirkte weder ängstlich noch besonders neugierig.
Nur müde.
Es war dieser Blick, der mir noch heute im Gedächtnis geblieben ist.
Denn genau so hatte ich mich in den vergangenen Wochen morgens im Badezimmerspiegel angesehen.
Als wäre ich noch da, aber irgendwie nicht mehr richtig Teil der Welt.
„Darf ich sie streicheln?“, fragte ich.
Frau Seidel öffnete vorsichtig die Tür.
„Natürlich. Aber erwarten Sie nicht zu viel. Sie zieht sich oft zurück.“
Ich hielt meine rechte Hand hin.
Lilli betrachtete sie.
Eine ganze Weile passierte nichts.
Dann stand sie auf.
Langsam kam sie näher.
Sie schnupperte an meinen Fingern, machte noch einen kleinen Schritt und legte eine Vorderpfote auf meinen Ärmel.
Danach drückte sie ihren Kopf in meine Handfläche.
Einfach so.
Ich spürte ihr warmes Fell unter meinen Fingern.
Und plötzlich kamen mir die Tränen.
Nicht ein bisschen.
So richtig.
Ich musste den Kopf senken, weil es mir vor Frau Seidel peinlich war.
„Entschuldigung“, murmelte ich. „Ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist.“
Frau Seidel sagte nichts.
Sie reichte mir nur ein Taschentuch.
Lilli blieb bei mir stehen.
Ihre kleine Pfote lag noch immer auf meinem Arm.
Ich strich ihr vorsichtig über den Rücken.
„Na, alte Dame“, flüsterte ich. „Wir zwei haben wohl beide gedacht, dass uns keiner mehr braucht.“
Da begann sie zu schnurren.
Ganz leise.
Ich hörte es kaum.
Aber ich spürte es in meiner Hand.
Eine Stunde später saß ich wieder in meinem Auto.
Diesmal nicht allein.
Auf dem Beifahrersitz stand eine Transportbox, und darin saß Lilli.
Frau Seidel hatte mir Futter mitgegeben, dazu eine Decke und einige Hinweise für die ersten Tage.
„Geben Sie ihr Zeit“, hatte sie gesagt. „Sie hat einiges hinter sich.“
Ich nickte.
„Ich auch.“
Während der Heimfahrt schaute ich an jeder roten Ampel zu der Box.
Lilli machte keinen Laut.
Manchmal sahen ihre gelben Augen durch das Gitter zu mir herüber.
„Wir schaffen das schon“, sagte ich.
Es war der erste Satz seit langer Zeit, bei dem ich selbst hoffte, dass er stimmte.
Zu Hause öffnete ich die Transportbox im Wohnzimmer.
Lilli kam vorsichtig heraus, schnupperte an einem Tischbein und verschwand sofort unter meinem alten Fernsehsessel.
Dort blieb sie.
Eine Stunde.
Zwei Stunden.
Drei Stunden.
Ich setzte mich auf den Boden und sprach mit ihr.
Erzählte ihr, dass der Sessel schon Brigitte gehört hatte. Dass sie den Bezug ausgesucht hatte und ich die Farbe damals furchtbar fand.
Ich erzählte ihr von meiner Tochter und von den Enkeln.
Von meinem Beruf.
Und irgendwann auch davon, wie still dieses Haus geworden war.
Lilli antwortete natürlich nicht.
Aber ich hatte das Gefühl, dass endlich wieder jemand da war, dem ich etwas erzählen konnte.
Gegen Abend kam sie hervor.
Ich freute mich schon, weil ich dachte, sie würde zu mir kommen.
Stattdessen sprang sie auf die Fensterbank.
Sie setzte sich hin und schaute hinaus.
Auf die Straße.
Auf die parkenden Autos.
Auf Menschen, die nach Hause gingen.
Und mir wurde plötzlich schwer ums Herz.
Sie war jetzt bei mir.
Sie hatte Futter, eine warme Wohnung und jemanden, der sie streicheln wollte.
Trotzdem saß sie wieder am Fenster.
Vielleicht war dieser Platz für sie einfach vertraut.
Vielleicht vermisste sie noch immer etwas.
Ich wusste es nicht.
Aber ich kannte dieses Gefühl.
Ich hatte selbst wochenlang auf etwas gewartet, das nicht zurückkommen würde.
Auf meine alten Kollegen.
Auf die Geräusche im Betrieb.
Auf meine Aufgaben.
Vielleicht auch auf meine Brigitte.
Ich stellte den Futternapf neben die Küchenwand und setzte mich mit etwas Abstand zu Lilli.
„Weißt du“, sagte ich, „ich glaube, wir müssen beide erst lernen, dass das Leben nicht vorbei ist.“
Sie bewegte ein Ohr.
Das war alles.
Am nächsten Morgen wachte ich wie gewohnt um 5.45 Uhr auf.
Ich wollte mich gerade wieder auf die andere Seite drehen, als ich ein leises Geräusch hörte.
Miau.
Lilli stand in der Schlafzimmertür.
Sie sah mich an.
Dann ging sie zwei Schritte in Richtung Flur und drehte sich wieder um.
Als wollte sie fragen, ob ich endlich aufstehen würde.
Ich musste lachen.
Zum ersten Mal seit Wochen.
„Ist ja gut. Ich komme schon.“
In der Küche füllte ich ihren Napf.
Sie fraß, während ich Kaffee kochte.
Dann zog ich die Vorhänge auf, öffnete kurz das Fenster und setzte mich an den Tisch.
Lilli sprang auf den freien Stuhl gegenüber.
Es war der Stuhl, auf dem früher Brigitte gesessen hatte.
Für einen Moment stockte mir der Atem.
Dann nahm ich einen Schluck Kaffee.
„Na gut“, sagte ich. „Dann frühstücken wir eben zusammen.“
Von diesem Tag an bekam mein Morgen wieder einen Anfang.
Nicht mit einem großen Plan.
Nicht mit wichtigen Entscheidungen.
Sondern mit einer kleinen Katze, die pünktlich ihr Frühstück wollte.
Nach ein paar Tagen begann Lilli, unter dem Sessel hervorzukommen, wenn ich ihren Namen rief.
Eine Woche später folgte sie mir manchmal in die Küche.
Nach zwei Wochen lag sie zum ersten Mal neben mir auf dem Sofa.
Ich wagte kaum, mich zu bewegen.
Als sie einschlief, blieb ich fast eine Stunde sitzen, obwohl ich dringend zur Toilette musste.
Es klingt albern.
Aber ich wollte ihr zeigen, dass sie bei mir sicher war.
Eines Nachmittags kam meine Tochter zu Besuch.
„Papa“, sagte Andrea, kaum dass sie die Wohnung betreten hatte, „was ist denn hier passiert?“
Ich erschrak.
„Wieso? Ist etwas nicht in Ordnung?“
Sie sah sich um.
Auf dem Fensterbrett standen frische Blumen. Die Küche war aufgeräumt. Im Wohnzimmer lag eine neue Decke.
„Nein“, sagte sie. „Ganz im Gegenteil.“
Dann bemerkte sie Lilli.
„Du hast eine Katze?“
„Sie heißt Lilli.“
Andrea kniete sich hin.
Lilli betrachtete sie vorsichtig, kam aber nicht näher.
„Seit wann denn?“
„Seit zwei Wochen.“
Meine Tochter schaute mich an.
„Warum hast du mir nichts erzählt?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Wollte erst sehen, ob sie sich hier wohlfühlt.“
Andrea lächelte.
Dann sagte sie etwas, das mir sehr naheging.
„Papa, du klingst plötzlich wieder wie früher.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Sie setzte sich neben mich.
„Ich habe mir Sorgen gemacht. Du hast am Telefon immer gesagt, alles sei gut. Aber irgendwie warst du so weit weg.“
Ich schaute auf meine Hände.
„Ich wusste einfach nicht mehr, was ich mit mir anfangen sollte.“
Andrea legte ihre Hand auf meine.
„Du musst doch nicht mehr arbeiten, um für uns wichtig zu sein.“
Ich nickte.
Aber sie merkte, dass ich noch nicht ganz überzeugt war.
Da sprang Lilli plötzlich auf das Sofa.
Sie kletterte über meine Beine, legte sich auf meinen Oberschenkel und begann zu schnurren.
Andrea lächelte.
„Na, wenigstens eine weiß ganz genau, wo sie hingehört.“
Ich strich über Lillis Rücken.
Und zum ersten Mal konnte ich darüber lächeln, ohne dass es wehtat.
Die Wochen vergingen.
Lilli gewöhnte sich langsam an unser gemeinsames Leben.
Sie hatte ihre Eigenheiten.
Nasses Futter mochte sie nur, wenn es nicht direkt aus dem Kühlschrank kam.
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