Niemand ahnte, wer die neue Logistikfrau wirklich war bis ein Sturm alles veränderte

Niemand ahnte, wer die neue Logistikfrau wirklich war – bis ein Sturm alles veränderte

Teil 2: Sturm und Sterne

Am Anfang war es nur ein Tiefdruckgebiet.
Doch als es auf die Küste traf, war es ein Ungeheuer.

Der Himmel färbte sich violettgrau, und der Regen prasselte, als wolle er alles vom Beton reißen.

Auf der Basis wurde Unwetterlage Rot ausgerufen. Nur unverzichtbares Personal durfte sich draußen bewegen.

Im Logistikbüro flackerten die Deckenlampen. Der Wind pfiff so heftig gegen die Scheiben, dass die Fensterrahmen zitterten.

„Okay, alle mal herhören!“ Majorin Hofmann musste gegen den Donner anschreien. „Server ist tot! Wir stellen auf Papier um! Eine Transportmaschine mit medizinischem Material und Rotorblättern für das zweite Geschwader ist im Anflug. Sie versuchen, noch vor der Hauptfront zu landen. Wir müssen in dem Moment bereit sein, in dem die Räder den Boden berühren!“

Lea saß an ihrem Schreibtisch und verfolgte den Flug auf einem alten Tablet mit Notfallverbindung. Ihre Stirn legte sich in Falten.

„Frau Majorin“, rief sie, „die Sinkflugkurve ist zu steil. Die Scherwinde in zweitausend Metern Höhe liegen bei über hundert Stundenkilometern.“

„Der Tower hat sie freigegeben“, knurrte Hofmann. „Nicht unsere Entscheidung.“

Dann wurde die Welt schwarz.

Ein Donnerschlag ließ das Gebäude erzittern. Mit einem Mal war alles still.
Die Lichter verlöschten. Bildschirme schalteten ab. Das Summen der Lüftung brach ab.

Stille.
Dann Chaos.

„Mein Monitor ist aus!“ – „Telefon tot!“ – „Wo sind die Taschenlampen?!“

Hofmann versuchte, mit ihrem Handy Netz zu bekommen. „Kein Empfang. Wenn der Tower auch ohne Strom ist…“

„Die Notstromaggregate müssten anspringen!“, rief Brinkmann.

„Tun sie aber nicht!“, brüllte jemand aus dem Flur.

Lea schrie nicht.
Sie stand einfach auf. Das Leuchten der Blitze zeichnete harte Konturen an die Wände, als sie sich bewegte.

„Frau Majorin“, sagte sie, ihre Stimme jetzt anders, kühler, klarer. „Haben wir eine Notleitung zur Antennenanlage?“

„Ich… ich weiß es nicht, bleiben Sie hier, Morgen!“, fuhr Hofmann sie an.

„Die Maschine ist blind“, stellte Lea fest. Es klang nicht wie eine Vermutung. „Wenn der Tower dunkel ist und die Befeuerung der Landebahn aus, haben sie dreißig Sekunden, um abzubrechen oder in die Betonwand am Ende zu rasen.“

Sie wartete nicht auf Erlaubnis.

Lea riss ein Handfunkgerät aus der Halterung an der Wand – eins, das fast niemand beachtete.
Sie rannte aus dem Büro.

„Morgen! Sofort zurück!“, schrie Hofmann hinter ihr her.

Lea rannte. Nicht wie eine Büroangestellte – sondern wie jemand, der Drill gewohnt war. Sie nahm die Treppen in drei Stufen, bis sie die Tür zur Dachluke erreichte, hinter der die Not-Verteilerkästen der Beleuchtung lagen.

Der Wind auf dem Dach schlug ihr wie eine Wand entgegen. Regen prasselte ihr ins Gesicht. Sie stolperte über nasse Kabelkanäle zum Schaltkasten für die Landebahnbeleuchtung.

Vorhängeschloss.

Lea zögerte keine Sekunde. Sie riss einen Feuerlöscher aus der Halterung neben der Tür und schlug zu.
Einmal. Zweimal. Das Schloss sprang.

Sie riss die Klappe auf. Die Sicherungen waren beim Blitzschlag gefallen.

„Na los“, murmelte sie und wischte sich Wasser aus den Augen. Ihre Finger waren eiskalt.

Mit einem Ruck drückte sie den Hauptschalter nach oben.

Unten auf dem Flugfeld erwachten im selben Moment zwei Kilometer Lichter zum Leben – ein leuchtender Korridor durch den Sturm.

Aber Licht allein reichte nicht.
Der Pilot brauchte Augen.

Lea stellte das Funkgerät um. Nicht auf den Logistikkanal auf den internationalen Not- und Abhörkanal.
Eine Frequenz, die jeder Pilot kannte.

„Transportmaschine Falken 4-0-4, hier Boden Falkenholm“, sagte sie in das Mikrofon, die Hand als Regenschutz darum gelegt. Ihre Stimme war ruhig, klar, und ließ keinen Widerspruch zu. „Nicht antworten. Sie sind rechts vom Kurs. Scherwind an der Schwelle, sechzig Knoten. Korrigieren Sie auf Kurs 0-9-5. Landebahnbeleuchtung ist aktiv.“

Rauschen. Dann eine zittrige Stimme: „Falkenholm… wir sehen die Lichter. Korrigieren auf 0-9-5…“

„Sinkrate halten“, befahl Lea. „Sie driften nach links. Zwei Grad nach rechts. Ruhig. Ziehen Sie sie nach Hause.“

Sie stand im Sturm, klatschnass, frierend, und führte eine tonnenschwere Maschine durch den Himmel, als wäre es ein Modellflugzeug in ihrer Hand.

Als das dumpfe Quietschen der Räder über nasser Piste bis zum Dach hinauf zu hören war, ließ Lea den Atem entweichen, den sie gefühlt seit zwanzig Jahren angehalten hatte. Ihre Knie wurden weich, sie lehnte sich gegen den Verteilerkasten.

Hinter ihr öffnete sich die Tür.

Majorin Hofmann stand im Rahmen, ebenfalls durchnässt, eine Taschenlampe in der Hand. Sie war ihr nach oben gefolgt. Sie hatte jedes Wort gehört.

Sie starrte die Frau im Hoodie an.
Sie sah, wie Lea das Funkgerät hielt. Wie sie stand. Und sie begriff mit einem Schlag, dass vor ihr keine einfache Sachbearbeiterin stand.

„Wer sind Sie?“, flüsterte Hofmann.

Lea drehte sich um. Ein Blitz erhellte ihr Gesicht.

„Das klären wir später, Frau Majorin“, sagte sie. „Jetzt sorgen wir erst mal dafür, dass die Ladung von diesem Flieger in die Lazarette kommt.“

Am nächsten Morgen war der Himmel strahlend blau.
Der Sturm hatte alles sauber gewaschen.

Aber die Basis brodelte.
Gerüchte machten die Runde. Wer hatte die Lichter eingeschaltet? Wer hatte die Maschine heruntergesprochen? Manche behaupteten, es sei eine Spezialeinheit gewesen. Andere sprachen von einem „Geist vom Dach“.

Um 08:00 Uhr kam der Befehl:
Antreten der gesamten Besatzung. Paradeaufstellung. Dienstanzug.

Das Gemaule war groß.
„Wir überleben knapp ein Orkan, und dann wollen sie eine Parade?“, knurrte Brinkmann, während er seine Jacke zuknöpfte. „Wo ist eigentlich Morgen? Die ist zu spät.“

„Hab sie heute gar nicht gesehen“, sagte Thurner. „Ihr Schreibtisch ist leer.“

Die ganze Basis stand auf dem Flugfeld. Hunderte Soldatinnen, Soldaten, Zivilbeschäftigte. Die Luft war kühl, klar.

Die Lautsprecher knackten.
„Achtung, Achtung. Zur Verlesung eines Befehls: Hinhören!“

Oberstleutnant Reimann stand am Rednerpult und sah aus, als wäre er nervöser als alle anderen. Er sagte nichts, trat zur Seite.

Aus einem kleinen Zelt trat eine Gestalt.

Sie trug keinen Hoodie.

Sie trug eine makellose weiße Uniform der Marine. Auf den Schultern dicke goldene Streifen und zwei Sterne. Auf der Brust ein ganzer Block farbiger Bänder – Ehrenkreuz, Einsatzmedaillen, Auszeichnungen für Führung.

Die Stille war schwerer als der Sturm am Vortag.

Brinkmanns Kinn fiel herunter. Thurner vergaß zu atmen. In der Reihe der Techniker ließ Kolb seinen Schraubenschlüssel in den Sand fallen.

Es war die Neue. Die, über die sie gelacht hatten.
Die, die sie schikaniert hatten.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen