Matthias atmete tief ein.
„Ich muss an Jonas denken.“
Sabine nickte.
„Das solltest du.“
Katrin stand einige Meter entfernt.
Sabine zog ihre Jacke an.
Dann drehte sie sich noch einmal um.
„Ich habe vier Jahre lang auf dieses Kind gehört, Matthias.“
Er sah sie an.
„Ich hoffe, du brauchst nicht vier Jahre, um damit anzufangen.“
Sie ging.
Ihre Wohnung lag im zweiten Stock eines älteren Mehrfamilienhauses.
Kein Marmor.
Keine hohen Fenster.
Kein Hauspersonal.
Nur eine kleine Küche, eine alte Holzkommode und Fotos ihrer erwachsenen Tochter, die längst in einer anderen Stadt lebte.
Sabine setzte sich aufs Bett.
Zum ersten Mal seit Jahren wusste sie nicht, was sie am nächsten Morgen tun sollte.
Sie dachte nicht an ihre Stelle.
Sie dachte an Jonas.
Währenddessen lag der Junge im Krankenhaus wach.
Sein Vater war kurz nach Hause gefahren.
Eine Nachtschwester hatte das Licht gedimmt.
Jonas zog das rote Aufnahmegerät unter seiner Decke hervor.
Sabine hatte ihm einmal gezeigt, wie man Dateien speicherte.
„Wenn du etwas nicht vergessen willst, nimm es auf.“
Damals hatte sie an Vogelstimmen gedacht.
An Witze.
An kleine Geschichten.
Nicht an Angst.
Jonas drückte auf eine Datei.
Zuerst hörte man nur Rascheln.
Dann Schritte.
Danach Katrins Stimme.
Nicht freundlich.
Nicht weich.
Scharf.
„Hör auf, mir hinterherzulaufen.“
Jonas’ eigene Stimme antwortete:
„Ich wollte Sabine etwas zeigen.“
Ein Schritt.
Noch einer.
„Immer Sabine.“
Katrins Stimme war jetzt näher.
„Du musst endlich verstehen, dass diese Frau hier nicht mehr lange bleiben wird.“
„Warum?“
„Weil sie sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen.“
„Ich mag sie.“
Kurzes Schweigen.
Dann Katrin:
„Du bist genauso anstrengend wie deine Mutter.“
Jonas hielt den Atem an.
Seine Mutter war gestorben, als er drei gewesen war.
Matthias sprach selten darüber.
Sabine hatte ein Foto von ihr in Jonas’ Zimmer gestellt, weil der Junge irgendwann gefragt hatte, warum alle anderen Kinder eine Mutter auf ihren Familienfotos hatten.
Auf der Aufnahme sagte Jonas:
„Sag das nicht.“
Dann hörte man Bewegung.
Stoff raschelte.
Jonas rief erschrocken:
„Lass mich!“
Katrin sagte:
„Gib mir das Ding.“
Es folgte ein dumpfes Geräusch.
Ein Schrei.
Dann Stille.
Jonas drückte auf Stopp.
Sein Gesicht war nass.
Am nächsten Morgen kam Matthias früh ins Krankenhaus.
Er brachte einen Kaffee mit, den er nicht trank.
Jonas war bereits wach.
„Papa?“
„Ja, mein Großer?“
„Glaubst du Sabine?“
Matthias setzte sich.
„Was meinst du?“
„Alle sagen, sie ist schuld.“
„Nicht alle.“
„Katrin.“
Matthias schwieg.
Jonas sah auf sein Aufnahmegerät.
„Papa, ich habe es aufgenommen.“
Dieser Satz veränderte alles.
Matthias nahm das Gerät.
„Was hast du aufgenommen?“
„Bevor ich gefallen bin.“
Matthias drückte auf Wiedergabe.
Er hörte Katrins Stimme.
Er hörte den Namen seiner verstorbenen Frau.
Er hörte Jonas.
Er hörte die Angst in der Stimme seines eigenen Kindes.
Und dann hörte er den letzten Satz vor dem Sturz.
„Gib mir das Ding.“
Danach Jonas’ Schrei.
Matthias saß vollkommen still.
Seine Hand umklammerte das rote Plastikgerät.
„Papa?“
Er sah seinen Sohn an.
„Bist du gefallen?“
Jonas schüttelte langsam den Kopf.
„Sie hat mich am Arm gepackt.“
Seine Unterlippe zitterte.
„Ich wollte weg.“
Matthias fühlte, wie ihm schlecht wurde.
„Und dann?“
„Sie hat mich weggeschoben.“
Die Tür öffnete sich.
Katrin kam herein.
„Guten Morgen.“
Sie bemerkte das Aufnahmegerät.
Nur einen Moment verlor sie ihre Beherrschung.
Dann lächelte sie wieder.
„Ach, dieses Spielzeug.“
Matthias stand auf.
„Was hast du getan?“
„Wie bitte?“
Er drückte auf Wiedergabe.
Katrins eigene Stimme füllte das Krankenzimmer.
Sie hörte schweigend zu.
Als die Aufnahme endete, hob sie die Schultern.
„Das beweist gar nichts.“
Matthias starrte sie an.
„Mein Sohn sagt, du hast ihn gestoßen.“
„Er ist sieben.“
„Er hat Angst vor dir.“
„Er hatte einen Sturz und eine Gehirnerschütterung.“
Sie trat näher.
„Denk nach, Matthias. Willst du wirklich wegen einer Aufnahme aus einem Kinderspielzeug alles zerstören?“
„Was alles?“
„Deinen Ruf. Deine Geschäfte. Unsere Zukunft.“
Matthias sah zu Jonas.
Zum ersten Mal verstand er etwas, das ihm sein ganzes Berufsleben niemand beigebracht hatte.
Menschen, die von Macht sprachen, meinten oft nur ihre eigene.
„Mir ist meine Zukunft gerade ziemlich egal.“
Katrin erstarrte.
Matthias nahm sein Telefon.
„Ich rufe die Ermittler.“
„Das wirst du nicht tun.“
„Doch.“
Ihre Stimme wurde leise.
„Dann wirst du es bereuen.“
Matthias sah sie lange an.
„Nein.“
Dann sagte er:
„Ich bereue gerade nur, dass ich dir geglaubt habe.“
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