Sechs Tage bewachte ein Pitbull kaputte Stiefel bis sie ihn zu seinem Menschen zurückführten

Sechs Tage bewachte der Pitbull die kaputten Stiefel eines Obdachlosen,  dann nahm er einen ins Maul und folgte mir ins Krankenhaus.

„Ich habe ihn gefunden, Bruno.“

Bis zu diesem Satz hatte der Hund sich keinen Meter von den alten Stiefeln wegbewegt.

Sechs Tage lang.

Die beiden braunen Arbeitsstiefel standen unter einer Brücke am Rand von Köln, direkt neben einer zusammengerollten Decke und einem alten Einkaufswagen. Die Sohlen waren fast durchgelaufen. Vorne klafften Risse im Leder.

Beim linken Stiefel fehlte der Schnürsenkel.

Jemand hatte ihn durch ein Stück orangefarbenes Kabel ersetzt.

Für die meisten Menschen waren es kaputte Schuhe.

Für Bruno waren sie das Letzte, was von seinem Menschen übrig geblieben war.

Ich heiße Tanja, bin 38 und arbeite in der städtischen Straßensozialarbeit. Ich kannte den Mann, dem die Stiefel gehörten.

Er hieß Heinrich Mertens.

59 Jahre alt.

Früher Tischler.

Seit gut anderthalb Jahren ohne feste Wohnung.

Und Bruno war sein Hund.

Ein sechsjähriger, kräftiger Pitbull-Mischling mit gestromtem Fell, weißer Brust und einer dünnen Narbe unter dem linken Auge.

Heinrich nannte ihn nie seinen Hund.

„Wir gehören einfach zusammen“, sagte er einmal zu mir.

Jeden Dienstag brachte ich Heinrich frische Socken, Hygieneartikel und etwas Hundefutter.

Heinrich nahm das Futter immer zuerst.

Nicht für sich.

Er schüttete es in eine verbeulte Metallschüssel und wartete, bis Bruno angefangen hatte zu fressen.

Erst danach packte er sein eigenes Brot aus.

„Der Hund zuerst“, sagte er.

Das war ihre Regel.

Sechs Tage bevor ich Bruno bei den Stiefeln fand, war Heinrich morgens zusammengebrochen.

Ein Mitarbeiter eines kleinen Ladens in der Nähe hatte ihn entdeckt.

Heinrich bekam kaum Luft. Seine Füße waren stark geschwollen, und an einem Bein hatte sich eine unbehandelte Wunde entzündet.

Als der Rettungsdienst kam, mussten ihm die Stiefel ausgezogen werden.

Schon die kleinste Berührung verursachte ihm Schmerzen.

Bruno verstand natürlich nicht, was geschah.

Er lief um die Trage herum.

Bellte.

Versuchte, zu Heinrich zu kommen.

Als jemand nach seinem Halsband griff, wich er unter ein geparktes Fahrzeug zurück.

Der Rettungsdienst konnte nicht länger warten.

Heinrich war benommen und hatte hohes Fieber.

Kurz bevor die Türen geschlossen wurden, zeigte er auf seine Stiefel.

„Bleib da, Bruno.“

Er glaubte, er käme einige Stunden später zurück.

Bruno nahm den Satz ernst.

Sechs Tage lang.

Heinrich hatte bei der Aufnahme keine Papiere bei sich. Sein Name wurde zunächst unvollständig erfasst, und als ich später versuchte herauszufinden, in welche Klinik er gebracht worden war, bekam ich keine klare Auskunft.

Für die Behörden war er plötzlich schwer zuzuordnen.

Für Bruno war er einfach verschwunden.

Menschen stellten Wasser neben die Stiefel.

Jemand brachte Fleisch.

Eine ältere Frau legte eine Decke hin.

Bruno nahm das Futter nur, wenn er dabei mit einer Pfote einen der Stiefel berühren konnte.

Wenn jemand zu nah an die Schuhe kam, stellte er sich davor.

Er knurrte nicht.

Er biss nicht.

Er sah die Menschen nur an.

Und meistens reichte das.

Am vierten Tag wollte ein Mann die Schuhe wegnehmen. Er filmte dabei mit seinem Handy und sagte, er wolle den Hund „retten“.

Bruno sprang sofort auf.

Er stellte sich über die Stiefel und bellte so lange, bis der Mann zurückwich.

Danach schlief Bruno kaum noch tief.

Immer wieder hob er den Kopf.

Immer wieder schaute er auf die Straße.

Als würde Heinrich jeden Moment um die Ecke kommen.

Am sechsten Tag setzte ich mich einige Meter von ihm entfernt auf den Boden.

Ich hatte warmes Hähnchen dabei.

„Heinrich ist nicht hier, Junge.“

Bruno blickte kurz zu mir.

Dann zu den Stiefeln.

Als ich langsam die Hand nach dem linken Schuh ausstreckte, legte er sofort seine weiße Vorderpfote darauf.

Da sah ich etwas im aufgerissenen Innenfutter.

Ein Stück Papier.

Ich zog es vorsichtig heraus.

Es war eine alte Patientenkarte.

Heinrichs vollständiger Name stand darauf.

Geburtsdatum.

Eine frühere Patientennummer.

Auf der Rückseite hatte Heinrich mit Kugelschreiber in großen Buchstaben geschrieben:

WENN MIR WAS PASSIERT, BRUNO MUSS MIT.

Ich rief erneut mehrere Kliniken an.

Diesmal hatte ich genug Angaben.

Und schließlich bekam ich die Nachricht, auf die ich gehofft hatte.

Heinrich lebte.

Aber es ging ihm schlecht.

Er hatte eine schwere Lungenentzündung, eine Blutvergiftung und eine entzündete Wunde am Fuß. Einige Ärzte hatten zunächst befürchtet, dass Teile des Fußes nicht zu retten wären.

Wenn Heinrich bei Bewusstsein war, fragte er immer wieder dasselbe:

„Wo ist Bruno?“

Die Pflegekräfte glaubten, der Hund sei längst in einem Tierheim untergebracht.

Heinrich dachte, er hätte ihn verloren.

Als ich sein Zimmer betrat, erkannte ich ihn erst auf den zweiten Blick.

Ohne seine dicke Jacke und die graue Mütze wirkte er viel kleiner.

„Wo ist Bruno?“, fragte er sofort.

„Unter der Brücke.“

Seine Augen wurden groß.

„Immer noch?“

Ich nickte.

„Er wartet da, wo du es ihm gesagt hast.“

Heinrich hob eine Hand vors Gesicht.

„Ich dachte, ich komme zurück.“

Ich zeigte ihm ein Foto.

Bruno lag darauf zusammengerollt um die beiden Stiefel.

Heinrich berührte den Bildschirm mit dem Finger.

Dann sagte er leise:

„Der glaubt wahrscheinlich, dass ich an diesen Schuhen aus der Welt verschwunden bin.“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

Also sagte ich nichts.

Der Wunsch, Bruno zu Heinrich zu bringen, klang zunächst einfach.

War er aber nicht.

Ein Hund, der fast eine Woche auf der Straße gelegen hatte, durfte nicht einfach auf eine medizinische Station gebracht werden.

Bruno musste untersucht werden.

Er brauchte einen aktuellen Gesundheitscheck.

Er musste gebadetet werden.

Und jemand musste überhaupt erst klären, ob ein Besuch möglich war.

Eine kleine Tierarztpraxis erklärte sich bereit, ihn kostenlos zu untersuchen.

Eine Hundefriseurin bot an, ihn nach Feierabend zu waschen.

Aber zuerst musste ich Bruno von den Stiefeln wegbringen.

Und daran waren vor mir schon mehrere Menschen gescheitert.

Also bat ich Heinrich um etwas.

Eine Sprachaufnahme.

Er nahm sein Handy nicht selbst halten können. Eine Pflegekraft half ihm.

Seine Stimme war schwach.

„Bruno. Geh mit Tanja. Komm zu mir, Junge.“

Ich spielte die Aufnahme unter der Brücke ab.

Brunos Ohren gingen sofort nach oben.

Er schaute hinter mich.

Dann nach links.

Dann nach rechts.

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