Mir zog sich der Magen zusammen.
Ich setzte mich auf den Teppich.
Nicht zu dicht an ihn heran.
„Hier sagt heute Nacht niemand, dass du gehen musst.“
Er atmete stoßweise.
„Morgen?“
Ich wusste, dass ich ihm nichts versprechen durfte.
Der Besuch war vorläufig. Die Entscheidung über eine dauerhafte Unterbringung stand noch aus.
„Morgen frühstücken wir erst mal“, sagte ich.
Lukas sah zum Fenster.
„Und dann?“
„Dann kommt Frau Seidel, wie wir es besprochen haben.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Sieben Häuser.“
Ich wartete.
„Sieben Häuser“, wiederholte er.
Dann hob er sieben Finger.
„Lukas war in sieben Häusern.“
Ich hatte gewusst, dass er schon mehrere Unterbringungen erlebt hatte.
Aber sieben?
„Sieben Familien wollten Lukas nicht.“
Seine Stimme war so leise, dass ich mich anstrengen musste, jedes Wort zu verstehen.
Ich schaute auf seine kleinen Hände.
„Das tut mir leid.“
„Lukas macht alles falsch.“
„Nein.“
„Doch.“
Ich wollte sofort widersprechen.
Ihm erklären, dass er nichts falsch gemacht hatte.
Dass Erwachsene Entscheidungen treffen, für die Kinder keine Verantwortung tragen.
Aber ich merkte, dass er gerade keine langen Sätze brauchte.
Also sagte ich nur:
„Du bist nicht falsch, Lukas.“
Er sah auf seinen Stoffdrachen.
„Fünkchen ist auch anders.“
„Ja.“
„Er kann kein Feuer machen.“
„Na und?“
„Andere Drachen können Feuer.“
Ich nickte.
„Aber Fünkchen kann fliegen.“
Lukas zog die Beine an.
„Ja.“
„Dann hat er eben etwas anderes, was er gut kann.“
Lange sagte niemand etwas.
Schließlich fragte er:
„Rolf?“
„Ja?“
„Willst du Lukas?“
Ich musste wegsehen.
Nicht, weil ich mich schämte.
Sondern weil ich plötzlich Tränen in den Augen hatte.
Seit Ankes Tod hatte mich niemand mehr so etwas gefragt.
Ob ich jemanden wollte.
Nicht, ob ich etwas erledigen konnte.
Nicht, ob ich jemanden zum Arzt fahren würde.
Sondern ob ich einen Menschen wirklich in meinem Leben haben wollte.
„Ja, Lukas“, sagte ich.
„Auch wenn Lukas laut ist?“
„Auch dann.“
„Auch wenn Lukas nicht redet?“
„Auch dann.“
Er hob Fünkchen ein kleines Stück hoch.
„Fünkchen sagt, Rolf ist ein guter Drache.“
Ich musste lächeln.
„Dann richte Fünkchen aus, dass ich mir Mühe gebe.“
Ich war damals nicht allein.
Auch wenn ich mich nach Ankes Tod manchmal so gefühlt hatte.
Jeden Donnerstag traf ich mich mit einigen alten Kollegen in einer angemieteten Werkhalle am Stadtrand.
Wir nannten uns die Donnerstagsrunde.
Keine große Sache.
Sechs Rentner und zwei Männer, die noch arbeiteten.
Wir reparierten alte Fahrräder, halfen Nachbarn mit kaputten Gartentoren und restaurierten gelegentlich Motorräder, die sonst wahrscheinlich auf dem Schrott gelandet wären.
Da war Horst, ein ehemaliger Elektriker mit einer Stimme wie ein Presslufthammer.
Cem, der früher in einer Metallbaufirma gearbeitet hatte und grundsätzlich behauptete, dass niemand außer ihm vernünftig schweißen konnte.
Und Bernd, ein pensionierter Fernfahrer, dessen Hände so groß waren, dass eine Kaffeetasse darin aussah wie ein Fingerhut.
Alle drei sahen aus, als hätte das Leben sie ordentlich durch die Mangel gedreht.
Als ich ihnen von Lukas erzählte, wurde es ungewöhnlich still.
Horst kratzte sich am Kinn.
„Einfach abgesetzt?“
„Ja.“
„Vor der Werkstatt?“
„Ja.“
Bernd schüttelte den Kopf.
„Da fehlen einem die Worte.“
Cem betrachtete mich.
„Und du willst ihn aufnehmen?“
„Wenn es klappt.“
Horst stieß einen langen Atemzug aus.
„Rolf, du bist nicht mehr der Jüngste.“
„Du bist zwei Jahre älter als ich.“
„Ja, aber ich bin auch vernünftiger.“
Darüber mussten wir alle lachen.
Dann wurde Horst ernst.
„Was brauchst du?“
Ich zuckte die Schultern.
„Erst mal nichts.“
Bernd schlug mit der flachen Hand auf die Werkbank.
„Quatsch. Irgendwas braucht man immer.“
Und damit war die Sache für die Männer offenbar entschieden.
In den nächsten Wochen standen sie bei mir vor der Tür.
Horst überprüfte die Elektrik im Gästezimmer und montierte eine dimmbare Lampe.
Cem reparierte das klemmende Gartentor.
Bernd brachte ein stabiles Bücherregal vorbei, das er selbst gebaut hatte.
Meine Nachbarin Gisela, 71, nähte aus weichem Stoff einen zweiten Bezug für Fünkchens Kissen, nachdem ich ihr erzählt hatte, wie wichtig der Drache für Lukas war.
Niemand machte großes Aufheben darum.
Niemand verlangte Dank.
Das war die Art von Hilfe, die ich aus meiner Kindheit kannte.
Man sah, dass etwas getan werden musste.
Also tat man es.
Als Lukas einige Zeit später zum ersten Mal mit in unsere Halle kommen durfte, waren alle ungewöhnlich nervös.
Horst hatte sogar seine alte Werkstattjacke gewaschen.
„Nicht, dass der Junge denkt, wir wären irgendwelche Schmierfinken“, murmelte er.
„Horst“, sagte Cem, „wir sind Schmierfinken.“
„Ja, aber saubere.“
Wir hatten vorher vereinbart, keine Maschinen laufen zu lassen und Lukas selbst entscheiden zu lassen, wie nah er kommen wollte.
Er betrat die Halle mit Fünkchen im Arm.
Drei alte Männer standen vor ihm.
Einer breit wie ein Schrank.
Einer mit einem grauen Schnurrbart.
Einer mit einer Narbe über der Augenbraue.
Lukas blieb stehen.
Ich spürte, wie Horst den Atem anhielt.
Dann zeigte Lukas auf Bernds Unterarm.
Dort war ein altes, verblichenes Tattoo zu sehen.
Ein Drache.
Bernd hatte es sich vor über vierzig Jahren stechen lassen, lange bevor wir uns kannten.
„Drache“, sagte Lukas.
Bernd sah auf seinen Arm.
„Stimmt.“
„Kann er fliegen?“
Bernd überlegte.
„Früher bestimmt.“
Lukas trat einen Schritt näher.
„Warum nicht mehr?“
Bernd zog den Ärmel hoch.
„Na ja, mein Arm ist nicht mehr so straff wie früher. Der arme Kerl hat ganz schön Falten gekriegt.“
Lukas betrachtete den Drachen ernst.
Dann sagte er:
„Alte Drachen können auch fliegen.“
Bernd lachte.
Aber als er sich danach umdrehte, sah ich, dass er sich mit der Hand über die Augen wischte.
Später sagte er zu mir:
„Rolf, der Kleine darf kommen, wann er will.“
Und so wurde die Donnerstagsrunde nach und nach auch für Lukas zu einem vertrauten Ort.
An manchen Tagen sprach er fast gar nicht.
An anderen erklärte er uns minutenlang, wie Zahnräder ineinandergreifen oder warum ein Viertaktmotor vier verschiedene Arbeitsschritte braucht.
Horst hörte ihm zu, obwohl er manches schon seit fünfzig Jahren wusste.
Bernd brachte ihm bei, wie man Schrauben nach Größe sortiert.
Cem zeigte ihm, wie man eine lockere Fahrradklingel befestigt.
Und ich lernte, dass Lukas ein erstaunliches Gedächtnis für technische Abläufe hatte.
Einmal zeigte ich ihm, wie ein Vergaser aufgebaut war.
Zwei Wochen später konnte er mir jedes einzelne Bauteil in der richtigen Reihenfolge nennen.
Ich war sprachlos.
„Woher weißt du das denn noch alles?“
Er zuckte die Schultern.
„Lukas vergisst keine Drachenherzen.“
Für ihn war ein Motor kein Stück Metall.
Er war das Herz eines Drachen.
Monate vergingen.
Das Jugendamt prüfte, ob eine längerfristige Unterbringung bei mir möglich wäre.
Ich absolvierte Gespräche, Schulungen und weitere Hausbesuche.
Es gab Fragen, auf die ich keine schnellen Antworten hatte.
Was würde geschehen, wenn ich krank wurde?
Wer könnte Lukas betreuen, falls ich ins Krankenhaus müsste?
Wie sollte seine Förderung organisiert werden?
Konnte ich ihm auch in fünf oder zehn Jahren noch gerecht werden?
Miriam und ihr Mann boten an, im Alltag zu unterstützen. Dazu wurden mit den zuständigen Fachkräften weitere verlässliche Hilfen vereinbart.
Es wurden konkrete Pläne erstellt.
Nicht nur Versprechungen.
Ich begann sogar, wieder regelmäßig zum Arzt zu gehen.
Als Miriam das erfuhr, meinte sie:
„Da musste erst ein kleiner Junge kommen, damit du endlich auf deine eigene Gesundheit achtest.“
Ich grinste.
„Offenbar.“
Es gab trotzdem Rückschläge.
Einmal konnte Lukas einen geplanten Besuch nicht antreten, weil in der Einrichtung kurzfristig etwas umorganisiert werden musste.
Er war so enttäuscht, dass er den ganzen Nachmittag niemanden an sich heranließ.
Ein anderes Mal hatte ich vergessen, dass wir die Einkäufe in einer bestimmten Reihenfolge erledigen wollten.
Im Supermarkt wurde es ihm zu viel.
Er setzte sich zwischen zwei Regale und hielt sich die Ohren zu.
Menschen starrten.
Eine Frau murmelte etwas von schlechter Erziehung.
Ich spürte, wie mein alter Ärger hochkam.
Aber statt mit ihr zu streiten, setzte ich mich neben Lukas auf den Boden.
„Wir gehen raus, sobald du bereit bist.“
Er nickte irgendwann.
Wir ließen den Einkaufswagen stehen.
Zuhause aßen wir belegte Brote.
Und die Welt ging nicht unter.
Manchmal musste ich später abends mit Miriam telefonieren, weil ich selbst nicht weiterwusste.
Manchmal war ich erschöpft.
Manchmal zweifelte ich daran, ob ich gut genug war.
Doch jedes Mal, wenn ich Lukas wiedersah, wusste ich, warum ich es versuchte.
Nicht weil er mich brauchte, um vollständig zu sein.
Sondern weil er einen Menschen brauchte, der nicht jedes Mal verschwand, wenn es schwierig wurde.
Dann tauchte seine Tante auf.
Ihr Name war Heike Kuhn.
Sie war die Schwester seiner leiblichen Mutter und hatte seit Jahren kaum Kontakt zu Lukas gehabt.
Als sie erfuhr, dass über eine dauerhafte Unterbringung entschieden werden sollte, meldete sie sich beim Jugendamt.
Sie wollte, dass Lukas bei ihr lebte.
Ich erfuhr davon an einem Dienstag.
Frau Seidel rief mich an und bat um ein Gespräch.
Als sie sagte, dass eine Verwandte Interesse an Lukas angemeldet hatte, wurde mir kalt.
„Wo war diese Frau die ganze Zeit?“
„Das versuchen wir zu klären.“
„Er hat sieben verschiedene Häuser erlebt!“
„Herr Brandt, ich verstehe Ihre Sorge.“
„Und jetzt fällt plötzlich jemandem ein, dass er Familie hat?“
Frau Seidel ließ mich ausreden.
Dann sagte sie:
„Auch Angehörige müssen angehört werden. Entscheidend ist, was für Lukas gut und tragfähig ist.“
Ich wollte widersprechen.
Doch sie hatte recht.
Ich wusste nichts über diese Frau.
Vielleicht gab es Gründe für ihre Abwesenheit.
Vielleicht hatte sie wirklich erst spät erfahren, wie es Lukas ging.
Aber die Angst war trotzdem da.
Zum ersten Mal seit Monaten spürte ich wieder dieses schreckliche Gefühl, das ich nach Ankes Tod gekannt hatte.
Man gewöhnt sich an einen Menschen.
Man beginnt wieder zu hoffen.
Und plötzlich könnte alles vorbei sein.
Heike kam zu einem gemeinsamen Gespräch.
Sie war Ende vierzig, ordentlich gekleidet und wirkte sehr bestimmt.
Sie stellte viele Fragen.
Wie lange Lukas schon bei mir zu Besuch war.
Ob ich allein lebte.
Wie viel Unterstützung ich bekommen würde.
Ob es für ein Pflegekind Geld vom Jugendamt gab.
Diese letzte Frage blieb mir im Kopf.
Nicht, weil sie grundsätzlich unberechtigt gewesen wäre.
Sondern weil sie so früh kam.
Als Lukas später dazukam, begrüßte sie ihn freundlich.
„Hallo, Lukas. Weißt du noch, wer ich bin?“
Er stand in der Tür.
Fünkchen unter dem Arm.
Keine Antwort.
Heike lächelte etwas angestrengt.
„Ich bin deine Tante Heike.“
Lukas schaute auf den Boden.
„Rolf?“
Ich trat einen Schritt näher.
„Ich bin hier.“
Heike versuchte es erneut.
„Lukas, bei mir hättest du ein schönes Zimmer.“
Er begann zu wippen.
„Rolf?“
„Ja?“
„Nach Hause?“
Heike presste die Lippen zusammen.
„Er kennt mich eben noch nicht richtig.“
Niemand widersprach.
Denn das stimmte.
Aber etwas anderes stimmte ebenfalls.
Lukas wollte an diesem Tag vor allem wissen, ob ich ihn wieder nach Hause bringen würde.
Und ich konnte ihm noch immer nicht sagen, was aus uns werden sollte.
Die folgenden Wochen gehörten zu den schwersten meines Lebens.
Es fanden weitere Gespräche statt.
Die Vorgeschichte wurde aufgearbeitet. Die rechtlichen Zuständigkeiten mussten geklärt werden, und weil es unterschiedliche Vorstellungen über Lukas‘ zukünftigen Lebensmittelpunkt gab, wurde schließlich auch das Familiengericht eingeschaltet.
Eine Verfahrensbeiständin wurde bestellt, die Lukas‘ Interessen unabhängig vertreten sollte.
Miriam half mir dabei, den Ablauf zu verstehen.
Aber sie warnte mich auch.
„Papa, es geht nicht darum, wer die überzeugendere Geschichte erzählt.“
„Weiß ich.“
„Es geht um Lukas.“
„Das weiß ich auch.“
Sie sah mich ernst an.
„Dann musst du akzeptieren, dass auch Tante Heike geprüft wird.“
Ich schwieg.
„Papa?“
„Ich habe Angst, Miriam.“
Sie nahm meine Hand.
Ich hatte diesen Satz seit Jahren nicht mehr laut ausgesprochen.
Nicht einmal damals, als Anke krank geworden war.
Miriam drückte meine Finger.
„Das glaube ich dir.“
„Wenn er wieder gehen muss …“
Ich brach ab.
Sie schüttelte den Kopf.
„Dann werden wir ihm trotzdem nicht das Gefühl geben, dass er schuld daran ist.“
Ich nickte.
Aber in jener Nacht schlief ich kaum.
Einige Zeit später stand der entscheidende Anhörungstermin an.
Lukas sollte vom Richter persönlich angehört werden.
Nicht in einem großen Saal vor neugierigen Zuhörern, sondern in einem ruhigeren Rahmen, mit seiner Verfahrensbeiständin an seiner Seite.
Ich saß draußen auf einer Bank.
Neben mir Miriam.
Auf meinen Knien lag meine alte Schlossermütze.
Ich drehte sie immer wieder in den Händen.
„Du machst sie noch kaputt“, sagte meine Tochter.
„Die hält schon seit fünfundzwanzig Jahren.“
„Dann lass sie noch ein paar Jahre leben.“
Ich lächelte nicht.
Hinter der Tür sprach Lukas mit dem Richter.
Später erzählte mir seine Verfahrensbeiständin, was er gesagt hatte.
Der Richter hatte ihn gefragt, wo er sich zu Hause fühle.
Lukas hatte zunächst nicht geantwortet.
Dann hatte er Fünkchen auf den Tisch gesetzt.
„Der Drache wohnt bei Rolf.“
„Und wo möchtest du wohnen?“, hatte der Richter gefragt.
„Bei Rolf.“
„Was gefällt dir dort?“
Lukas hatte lange überlegt.
Dann sagte er:
„Rolf macht drei Teller.“
Der Richter verstand zunächst nicht.
Also erklärte Lukas es.
Dass Erbsen die Kartoffeln nicht berühren sollten.
Dass Rolf manchmal etwas vergaß, es dann aber wieder richtig machte.
Dass er in der Garage sitzen durfte, ohne sprechen zu müssen.
Dass Horst laut lachte, aber vorher Bescheid sagte, wenn er eine Maschine einschalten wollte.
Dass Bernd einen alten Drachen auf dem Arm hatte.
Und dass Gisela Fünkchens Kissen genäht hatte.
Der Richter fragte, ob Lukas sich bei Rolf sicher fühle.
Lukas nickte.
„Auch wenn ich laut werde.“
Dann sagte er einen Satz, den ich niemals vergessen werde.
„Sieben Familien haben gesagt, Lukas ist zu schwierig. Rolf sagt, schwierig heißt nicht falsch.“
Die Verfahrensbeiständin erzählte mir später, dass im Raum einen Moment lang niemand gesprochen hatte.
Dann hatte Lukas noch etwas hinzugefügt.
„Lukas ist autistisch. Nicht dumm.“
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