Drei Wochen, nachdem ich das Werkstattlicht wieder eingeschaltet hatte, hing ein zweiter Zettel am Gartentor, und diesmal veränderte er alles.
Darauf stand nur ein Satz.
Heute nicht nur überstanden. Heute sogar gefrühstückt.
Ich hielt den kleinen Zettel lange in der Hand.
Es war nur Papier.
Nur eine krakelige Schrift.
Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass da auf einmal etwas in Bewegung gekommen war, das wochenlang stillgestanden hatte.
Ich steckte den Zettel in die Küchenschublade, zu den Gummibändern, Streichhölzern und alten Einkaufslisten.
Am nächsten Morgen machte ich das Licht wieder um 5:45 Uhr an.
Wie immer.
Ich setzte Wasser auf, zog Klaus’ grauen Cardigan enger um mich und blieb auf seinem Hocker sitzen.
Draußen war es noch dunkel genug, dass das gelbe Licht weit in den Hof fiel.
Ich stellte mir vor, wie es oben im vierten Stock in eine fremde Küche schnitt.
Wie jemand dort vielleicht tief durchatmete, weil etwas Vertrautes noch da war.
An diesem Morgen legte ich selbst einen Zettel ins Gartentor.
Nicht jeden Morgen ist ein guter Morgen. Aber Tee hilft manchmal mehr als man denkt.
Ich unterschrieb nicht.
Ich wusste auch so, dass er verstehen würde.
Zwei Tage lang kam nichts.
Dann hing wieder ein Zettel dort.
Tee stimmt. Kaffee macht alles schlimmer. Ihr Mann sah trotzdem immer aus, als würde er auf Kaffee vertrauen.
Ich musste zum ersten Mal seit Monaten laut lachen.
Nicht lange.
Nicht groß.
Aber laut genug, dass mich mein eigenes Lachen erschreckte.
Es klang fremd in diesem Haus.
Fast so, als hätte ich Besuch.
Von da an wurden die Zettel zu etwas, das ich morgens fast genauso erwartete wie das Licht.
Nicht jeden Tag.
Manchmal auch nur zwei in einer Woche.
Dann wieder drei hintereinander.
Kurze Sätze.
Keine großen Geschichten.
Kein Jammern.
Nur kleine Meldungen aus einem Leben, das lange nur hinter einer Scheibe stattgefunden hatte.
Heute rechtzeitig gemerkt, dass die Panik kommt.
Heute das Fenster aufgemacht, obwohl mir alles dagegen geraten hat.
Heute fünf Minuten gestanden statt auf dem Boden gesessen.
Ich antwortete manchmal.
Auch nur kurz.
Heute den ersten Vogel gehört. Klaus hätte gesagt, jetzt wird es Frühling.
Oder:
Ich habe die Tomatensetzlinge doch schon gekauft. Er hätte wieder geschimpft.
Einmal kam zurück:
Dann hatte er in mindestens einer Sache unrecht. Es riecht im Hof schon nach Erde.
Ich las diesen Satz zweimal.
Dann ging ich tatsächlich hinaus und blieb mitten zwischen den Beeten stehen.
Er hatte recht.
Es roch nach Erde.
Nicht nach Abschied.
Nicht nach Krankenhausflur.
Nicht nach den Blumenkränzen von der Beerdigung, die viel zu stark geduftet hatten.
Einfach nach Erde.
In der Woche darauf regnete es fast ununterbrochen.
Der Hof war grau.
Die Werkstatt wirkte noch stiller als sonst.
Selbst das Licht schien an solchen Morgen kleiner zu sein.
Am Donnerstag, kurz nach sechs, hörte ich Schritte.
Erst zögernd.
Dann näher.
Ich drehte mich um, und Adrian stand in der offenen Werkstatttür.
Er sah aus, als hätte er mit sich selbst verhandeln müssen, bevor er die paar Meter über den Hof gegangen war.
Das Haar nass vom Nieselregen.
Die Hände leer.
Die Schultern so angespannt, als erwarte er jeden Moment, weggeschickt zu werden.
„Es tut mir leid“, sagte er sofort. „Ich weiß, das ist früh. Und eigentlich wollte ich nur kurz—“
„Kommen Sie rein“, sagte ich.
Ich sagte es schneller, als ich gedacht hatte.
Er blieb trotzdem noch einen Moment an der Schwelle stehen.
Dann trat er ein.
Es war merkwürdig, wie wenig fremd er in diesem Raum wirkte.
Vielleicht, weil Klaus’ Werkstatt nie geschniegelt und geschniegelt gewesen war.
Hier durfte etwas schief stehen.
Hier durfte ein Mensch aussehen, als hätte er kaum geschlafen.
Ich stellte ihm eine Tasse Tee hin.
Er sah sie an, als hätte ich ihm etwas Wertvolleres gegeben.
„Danke“, sagte er.
Dann setzte er sich auf den alten Stuhl neben dem Regal mit den Schraubgläsern.
Lange sprachen wir gar nicht.
Das Radio blieb aus.
Nur der Wasserkessel knackte noch ein bisschen nach.
Von draußen kam das dünne Geräusch von Regen in der Dachrinne.
„Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt mal rüberkommen darf“, sagte er schließlich.
„Haben Sie ja jetzt“, antwortete ich.
Er nickte.
„Ich bin nicht gut mit Menschen, wenn ich sie wirklich sehen muss.“
„Ich war in den letzten Monaten auch nicht gut mit Menschen“, sagte ich.
Da sah er mich zum ersten Mal richtig an.
Nicht neugierig.
Nicht mitleidig.
Eher so, als hätte er plötzlich verstanden, dass Trauer und Angst nicht dasselbe sind, sich aber morgens um kurz vor sechs manchmal sehr ähnlich anfühlen können.
„Ich wollte Ihnen nicht zur Last fallen“, sagte er.
„Sind Sie nicht“, sagte ich.
Dann schwiegen wir wieder.
Es war kein unangenehmes Schweigen.
Eher eines, das Platz ließ.
Sein Blick blieb an dem halbfertigen Brett auf der Werkbank hängen.
„War das von Ihrem Mann?“
Ich nickte.
„Ich weiß bis heute nicht, was es werden sollte. Bei Klaus sah am Anfang alles nach nichts aus. Und drei Tage später stand irgendein Regal oder Kasten da, den man plötzlich brauchte.“
Adrian lächelte.
Es war ein kleines, vorsichtiges Lächeln.
Aber es machte sein ganzes Gesicht jünger.
„Vielleicht mochte ich das Licht auch deshalb“, sagte er leise. „Weil ich immer dachte, da drinnen macht jemand etwas Fertiges aus etwas Unfertigem.“
Dieser Satz blieb mir den ganzen Tag im Kopf.
In den nächsten Wochen kam Adrian nicht jeden Morgen.
Aber öfter.
Manchmal nur zehn Minuten.
Manchmal blieb er, bis es draußen wirklich hell war.
Er redete wenig.
Ich redete auch nicht viel mehr.
Es war gut so.
Manche Menschen muss man nicht ausfragen, damit sie sich weniger allein fühlen.
Eines Morgens brachte ich ein kleines Tablett mit Brot, Butter und Aprikosenmarmelade in die Werkstatt.
„Sie haben mal geschrieben, dass Sie gefrühstückt haben, als wäre das eine außergewöhnliche Leistung“, sagte ich.
Er sah erst mich an, dann das Brot.
„War es auch“, sagte er.
„Dann feiern wir das heute nicht groß“, sagte ich. „Aber wir tun so, als wäre es normal.“
Da musste er wieder lächeln.
Wir aßen schweigend.
Und genau darin lag etwas Friedliches.
Langsam lernte ich Dinge über ihn.
Nicht alles auf einmal.
Eher wie Tropfen.
Dass er früher einmal in einer kleinen Buchhandlung gearbeitet hatte und es geliebt hatte, Bücher auszupacken, bevor der Laden öffnete.
Dass er nachts am besten funktionierte, tagsüber aber oft das Gefühl hatte, von allem überfordert zu sein.
Dass er seit dem Tod seiner Mutter vor vier Jahren vieles nicht mehr gut ertrug, vor allem plötzliche Leere.
„Sie war jeden Morgen als Erste wach“, sagte er einmal, ohne mich anzusehen. „Solange ihre Küchentür aufging, war für mich die Welt noch in Ordnung. Danach habe ich mir an allem Möglichen festgehalten. Uhrzeiten. Geräusche. Fenster. Irgendetwas.“
Ich verstand das besser, als ich ihm sagen konnte.
Auch ich hielt mich an Dinge fest.
An Klaus’ Tasse.
An seinem Cardigan.
An dem Stück Seife im Bad, das immer noch roch wie früher.
Nur sprach man über solche Dinge selten laut.
Eines Morgens fragte Adrian plötzlich:
„Haben Sie die Tomaten schon gesetzt?“
Ich sah ihn an.
„Noch nicht. Warum?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Weil Ihr Mann offenbar starke Meinungen dazu hatte. Da interessiert mich jetzt, wer gewinnt.“
Ich lachte wieder.
Diesmal ein bisschen leichter.
„Noch hat er gewonnen“, sagte ich. „Aber nur knapp.“
Zwei Tage später stand Adrian mit einem kleinen Pappkarton am Gartentor.
Drinnen waren Kräuterpflanzen.
Basilikum, Schnittlauch und Petersilie.
„Vom Markt unten an der Ecke“, sagte er. „Ich war früh da. Da war noch wenig los.“
Früh da.
Ich hörte den Satz und merkte erst einen Moment später, was er eigentlich bedeutete.
Er war früh irgendwo gewesen.
Zwischen Menschen.
Draußen.
„Das ist viel“, sagte ich leise.
Er tat so, als ginge es nur um Kräuter.
„Die Petersilie sah traurig aus. Ich dachte, bei Ihnen hat sie vielleicht bessere Chancen.“
Ich nahm den Karton.
„Dann muss ich sie wohl ernst nehmen.“
Von da an änderte sich etwas.
Nicht schlagartig.
Nicht filmreif.
Aber spürbar.
Adrian blieb nicht mehr nur in der Werkstatt sitzen.
Manchmal kam er mit hinaus in den Garten.
Erst nur bis zur Bank.
Dann bis zu den Beeten.
Dann half er mir eines Morgens tatsächlich beim Pflanzen der Tomaten.
„Zu früh“, murmelte ich, während ich die Setzlinge in die Erde setzte.
„Dann sagen wir Ihrem Mann einfach nicht, wann genau“, meinte Adrian.
„Ich glaube, er sieht das trotzdem.“
„Dann soll er sehen, dass wir uns Mühe geben.“
Ich weiß nicht, wann ich zum ersten Mal bei diesem Satz nicht nur Trauer, sondern auch Wärme empfand.
Vielleicht genau da.
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