„Entschuldigung. Das konnte ich nicht wissen.“
„Nein, konntest du nicht.“
Eine Weile strich sie über Bennos Kopf. Dann fragte sie leise: „War sie krank?“
Ich hätte ausweichen können. Das hatte ich früher oft getan, aus Rücksicht, wie ich mir einredete. Meistens war es aus Scham gewesen.
„Ihr Partner hat ihr wehgetan“, sagte ich. „Lange, bevor ich es begriffen habe. Eines Tages hat sie es nicht überlebt.“
Jules Hand blieb in Bennos Fell liegen.
„Sie kam einmal mit einem kaputten Rücklicht zu mir“, sagte ich. „Ich habe es repariert. Sie hatte eine Verletzung im Gesicht und eine Erklärung dafür. Ich habe die Erklärung genommen, weil sie leichter auszuhalten war als die andere Möglichkeit.“
Ich schaute auf meine Hände.
„Ich dachte, ich mische mich nicht in das Leben meiner erwachsenen Tochter ein. Heute wünschte ich, ich hätte wenigstens eine Frage mehr gestellt.“
Jule setzte sich auf den Stuhl vor mir.
„Darum haben Sie gefragt.“
„Ja.“
Sie schwieg kurz. Dann sagte sie: „Aber gemacht hat es ihr Partner.“
Ich nickte, obwohl mir plötzlich der Hals eng wurde.
„Das weiß ich.“
„Wissen und glauben ist manchmal nicht dasselbe“, sagte sie.
Diesen Satz hatte ich schon von anderen gehört. Von einer Siebzehnjährigen, die selbst gerade kaum wusste, wie es weitergehen sollte, traf er mich anders.
Bevor sie ging, fragte sie nach ihrem Roller. Ich zeigte ihr den eingebauten Scheinwerfer und die befestigte Verkleidung.
„Fahren kann er wieder. Den Rest mache ich ordentlich, wenn das Ersatzteil da ist.“
Sie griff in ihre Jackentasche.
„Das Geld liegt noch bei Ihnen.“
„Das Ersatzteil war gebraucht. Wir rechnen später.“
„Ich will aber bezahlen.“
Ich sah sie an und verstand, dass es ihr wichtig war.
„Dann hebe ich die siebenundvierzig Euro auf. Und wenn wir wissen, was die Verkleidung kostet, reden wir noch mal.“
Sie nickte zufrieden. Zum Abschied beugte sie sich vorsichtig zu Benno.
Bei mir hob sie nur die Hand. Ich hob meine zurück.
Danach war die Werkstatt ungewöhnlich still. Auf dem Boden lag ein einzelner Glassplitter, den ich beim Fegen übersehen hatte.
Ich hob ihn auf und blieb lange mit der Kehrschaufel in der Hand stehen.
Es wäre schön, wenn ich sagen könnte, dass von diesem Tag an alles gut war. Aber das wäre gelogen.
Jule wohnte zunächst an einem sicheren Ort außerhalb ihres Elternhauses. Es gab Gespräche, Untersuchungen und Termine. Manche Tage ging sie zur Schule, an anderen schaffte sie es nicht.
Ihr Vater kam eine Woche später allein zu mir. Er wollte die Rechnung bezahlen und wissen, ob Jule sich gemeldet hatte.
„Fragen Sie sie“, sagte ich.
„Sie antwortet mir nicht immer.“
„Dann müssen Sie vermutlich warten.“
Er nickte. Wir standen eine Weile nebeneinander, ohne etwas zu sagen.
Schließlich erzählte er, dass er vorerst ausgezogen sei. Mit Birgit gebe es heftigen Streit darüber, was passiert war und wer was hätte bemerken müssen.
„Ich habe geglaubt, wenn wieder jemand mit am Küchentisch sitzt, wird alles leichter“, sagte er.
Ich ließ ihn ausreden.
„Jule hat immer gesagt, sie kommt zurecht. Und ich war so froh, dass wenigstens einer zurechtkommt.“
Ich kannte diese Erleichterung. Und ich kannte ihren Preis.
„Sie ist Ihr Kind“, sagte ich. „Sie musste wahrscheinlich auch sehen, wie müde Sie waren.“
Er fuhr sich übers Gesicht.
„Ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen soll.“
„Vielleicht fangen Sie damit an, nicht zu erwarten, dass es schnell geht.“
Jule holte ihren Roller einige Tage später ab. Ruth brachte sie, und die beiden tranken im Büro einen Kaffee, während ich Jule die Rechnung erklärte.
Ich hatte das gebrauchte Teil berechnet und die Arbeitszeit als Nachlass aufgeführt. Sie prüfte jede Zeile und fragte dann, ob ich ihr zeigen könnte, wie man eine Glühlampe wechselt.
„Damit ich nicht wegen allem herkommen muss.“
„Kann ich.“
Also zeigte ich es ihr. Sie stellte sich geschickt an, legte jede Schraube in die Schale und machte Fotos von den Kabeln, bevor sie etwas absteckte.
In den nächsten Monaten kam sie öfter vorbei. Nicht immer, weil etwas kaputt war.
Manchmal brachte sie Schulunterlagen mit und saß eine Stunde im Büro, weil sie sich dort besser konzentrieren konnte. Manchmal ging sie eine kleine Runde mit Benno. Und manchmal war sie schlecht gelaunt und wollte überhaupt nicht reden.
Ich lernte, nicht jeden stillen Tag für einen Rückschritt zu halten.
Sie blieb in Beratung. Ihr Vater hielt nach und nach die kleinen Zusagen ein, die er machte: pünktlich kommen, erst fragen, zuhören, ein Nein aushalten. Jule erzählte nicht viel davon, aber irgendwann sagte sie beiläufig, dass sie am Sonntag mit ihm essen gewesen war.
„Und?“, fragte ich.
„War okay.“
Mehr wollte sie nicht sagen. Diesmal fragte ich auch nicht weiter.
Im Sommer bestand sie ihren Schulabschluss. Als sie mir das erzählte, lehnte sie am selben Werkstatttor, durch das sie Monate zuvor den beschädigten Roller geschoben hatte.
„Keine Glanzleistung“, sagte sie.
Ich sah mir ihr Zeugnis an.
„Du hast es geschafft.“
„Ja“, sagte sie nach einer Weile. „Habe ich.“
Sie begann eine Ausbildung in einem technischen Betrieb und zog in ein kleines Zimmer, von dem aus sie mit dem Roller zur Arbeit fahren konnte. Ihr Vater half beim Umzug. Ich lieh ihnen meinen Anhänger und stellte fest, dass Jule inzwischen sehr genaue Vorstellungen davon hatte, wie man Ladung sicherte.
An meinem neunundsechzigsten Geburtstag erschien sie mit einem Blech Streuselkuchen. Ihr Vater blieb zunächst draußen stehen, bis sie ihn hereinbat.
Wir saßen zu dritt an der Werkbank. Benno lag darunter und wartete auf Verluste.
Jule überreichte mir einen flachen Umschlag.
„Keine Angst“, sagte sie. „Keine neue Rechnung.“
Darin lag ein Foto, das Ruth an dem Tag gemacht hatte, als Jule den Roller abholte. Jule kniete neben Benno, ich stand mit verschränkten Armen dahinter und sah tatsächlich aus, als wäre ich mit allem unzufrieden.
Auf der Rückseite stand nur: „Danke, dass ich bleiben durfte.“
Ich betrachtete das Bild lange. Dann stellte ich es im Büro neben Janas Foto.
Jule folgte mir und blieb in der Tür stehen.
„Ist das da in Ordnung?“
„Ja“, sagte ich. „Genau da.“
Einige Wochen später kam ein Junge mit einem klappernden Fahrrad in die Werkstatt. Er sah meine schmutzigen Hände, die hochgezogenen Augenbrauen und den schweren Hammer auf der Werkbank.
„Entschuldigung“, murmelte er. „Ich wollte eigentlich nur fragen …“
Jule saß am Tisch und sortierte Schrauben. Sie sah zu ihm hinüber und lächelte.
„Du kannst ruhig reinkommen. Er guckt bloß so.“
Dann rückte sie den alten Küchenstuhl ein Stück vor.






