Sie gab ihre letzten acht Euro für einen Fremden aus, am Morgen stand die Straße voller Motorräder

Lena lief die zwei Kilometer nach Hause, als wäre der Asphalt plötzlich schwerer geworden. Nicht wegen der Müdigkeit – die kannte sie. Sondern wegen der Karte in ihrer Jackentasche und der leisen Frage, die ihr nicht aus dem Kopf ging: Was habe ich da gerade ausgelöst?

Als sie die Wohnungstür aufschloss, war es fast ein Uhr nachts. Im Flur roch es nach Waschmittel und kaltem Essen. Frau Kessler, die Nachbarin von nebenan, hatte wie so oft auf Maja aufgepasst. Sie schlief auf dem Sofa, halb sitzend, mit einer Decke über den Knien. Maja lag eingerollt neben ihr, die Haare im Gesicht, ein kleines warmes Bündel.

Lena weckte Frau Kessler vorsichtig. „Ich bin da. Danke“, flüsterte sie.

Frau Kessler blinzelte, lächelte müde und zog sich die Jacke an. „Alles gut. Maja war brav. Du… du siehst blass aus, Kind.“

„Nur ein langer Tag“, sagte Lena und brachte die Worte kaum über die Lippen.

Sie trug Maja ins Bett, zog ihr die Socken aus und legte die Decke hoch. Maja murmelte im Schlaf etwas Unverständliches, dann kam plötzlich ganz klar: „Mama…“

„Ich bin hier“, flüsterte Lena.

„Hab dich lieb.“

Lena schluckte. „Ich dich auch.“

In der Küche setzte sie sich an den wackligen Tisch und holte das Wechselgeld aus der Tasche. Ein Euro zwanzig. Sie legte die Münzen nebeneinander, als könnte Ordnung das Problem lösen.

Dann zog sie die Karte hervor. Weißes Papier, nur eine Nummer und dieses Zeichen: eine Lilie, ein Flügel. Kein Name, keine Adresse, nichts, woran man sich festhalten konnte.

Lena nahm ihr kleines Heft aus der Schublade – ihr Dankbarkeitsheft. Drei Dinge am Tag, egal wie schlimm alles war. Das war Omas Regel gewesen.

Sie schrieb langsam, damit die Hand ruhig blieb:

  1. Maja ist gesund.
  2. Ich habe heute nicht weggeguckt.
  3. Hilfe war da – irgendwann.

Beim zweiten Satz blieb sie kurz stehen. Nicht weggeguckt. Das klang so einfach. Und hatte doch alles gekostet.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker wieder um fünf. Lena stand auf, als hätte sie keine Minute geschlafen. Sie öffnete den Küchenschrank: ein paar Cracker, ein einzelner Apfel, ein Rest Tee. Sie schnitt den Apfel in dünne Scheiben, legte sie auf einen Teller und tat so, als wäre es etwas Besonderes.

Maja kam verschlafen herein, rieb sich die Augen. „Gibt’s Frühstück?“

„Heute gibt’s Apfel und Knusperkekse“, sagte Lena und zwang sich zu einem Lächeln. „So, wie du’s magst.“

Maja nickte, setzte sich und aß, ohne zu fragen, warum es wieder so wenig war. Das tat am meisten weh: dass das Kind sich längst an das Wenige gewöhnt hatte.

Kurz vor sieben klopfte es. Dieses Klopfen war nicht freundlich. Es war kurz, fest, ungeduldig.

Lena öffnete. Frau Yilmaz aus dem Erdgeschoss stand da, die Hände in die Hüften gestemmt. Hinter ihr lugte Herr Krüger von gegenüber neugierig aus der Tür.

„Lena“, sagte Frau Yilmaz ohne Begrüßung, „stimmt das?“

„Was stimmt?“

„Dass du gestern Nacht einem von diesen Motorradleuten geholfen hast. Mit Weste und allem.“

Lenas Magen zog sich zusammen. „Er… er hatte einen Anfall. Er bekam keine Luft. Ich konnte nicht einfach gehen.“

Herr Krüger schnaubte leise. „Man sollte sich da raushalten. Das ist doch klar.“

„Er ist ein Mensch“, sagte Lena. Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr zitterte alles. „Er lag da und ist blau geworden. Was hätten Sie gemacht?“

Frau Yilmaz’ Blick wurde weicher, aber sie schüttelte den Kopf. „Ich verstehe dich. Wirklich. Aber du hast ein Kind. Du weißt nicht, was solche Leute nach sich ziehen.“

„Ich habe nichts nach sich gezogen“, sagte Lena, mehr zu sich selbst als zu ihnen. „Ich habe nur geholfen.“

Frau Yilmaz atmete aus, als hätte sie selbst Angst. „Pass auf dich auf“, sagte sie leiser. „Bitte.“

Als die Tür wieder zu war, lehnte Lena den Kopf dagegen. Maja sah sie vom Tisch aus an. „Mama?“

„Alles gut, Schatz“, sagte Lena schnell. „Iss weiter.“

Im Waschsalon war es warm, die Maschinen brummten, als wäre die Welt eine große, gleichmäßige Bewegung. Lena faltete Handtücher, Hemden, Bettwäsche, immer dieselben Handgriffe. Aber in ihrem Kopf lief die Nacht in Schleife: das graue Gesicht, die Sirenen, der Blick des jungen Mannes, die Karte.

Gegen Mittag kam Birgit, ihre Kollegin, zu ihr, stellte sich neben den Tisch mit den frisch gefalteten Laken. Birgit war Anfang sechzig, kurze Haare, schnelle Hände, ein Herz, das man an ihrer Stimme hörte.

„Du bist heute nicht ganz da“, sagte Birgit.

Lena zögerte. Dann erzählte sie es. Nicht alles, aber genug. Die Tankstelle. Der Mann. Die Tabletten. Das letzte Geld.

Birgit pfiff leise durch die Zähne. „Du hast Mut, Mädchen.“

„Oder Dummheit“, murmelte Lena.

Birgit legte eine Hand auf Lenas Arm. „Nein. Mut. Dummheit wäre, wenn du wüsstest, dass jemand stirbt, und trotzdem weitergehst.“

Lena wollte das glauben. Sie wollte sich daran festhalten. Aber dann vibrierte ihr Handy in der Tasche. Unbekannte Nummer.

Sie nahm ab und brachte nur ein vorsichtiges „Hallo?“ heraus.

„Lena Baumann?“ Die Stimme war männlich, ruhig, jung.

„Ja.“

„Hier ist Tom. Von gestern Nacht.“

Lena hielt automatisch den Atem an.

„Hannes ist wach“, sagte Tom. „Er möchte Sie sehen. Nur kurz. Heute Nachmittag. Wenn es geht.“

„Warum?“, fragte Lena wieder, obwohl sie die Antwort ahnte.

„Weil er wissen will, wer das war“, sagte Tom. „Und weil er… weil er Ihnen etwas sagen muss.“

Lena blickte auf die Uhr. Ihre Schicht endete um zwei. Dann musste sie Maja abholen. Dann zur Spätschicht in der Gaststätte. Keine Zeit.

„Wo?“, fragte sie trotzdem.

„Im Café am Platz“, sagte Tom. „Nicht weit vom Busbahnhof. Drei Uhr.“

Lena schwieg. Sie spürte Birgits Blick.

„Ich weiß“, sagte Tom schnell, als könnte er die Angst hören. „Das wirkt… viel. Aber es ist kein Trick. Sie können jemanden mitbringen, wenn Sie wollen.“

„Ich… ich komme allein“, sagte Lena, bevor sie nachdenken konnte.

„Danke“, sagte Tom. Und dann, ganz leise: „Und… keine Sorge. Sie sind sicher.“

Als das Gespräch endete, blieb Lena einen Moment stehen, die Hand noch am Ohr, das Handy heiß von der eigenen Nervosität.

Birgit hob die Augenbrauen. „Und?“

„Er will mich sehen.“

„Dann geh“, sagte Birgit ohne Zögern.

„Und wenn das ein Fehler ist?“

Birgit nahm ein frisch gefaltetes Laken, strich es glatt. „Dann war der einzige Fehler, dass alle anderen weggesehen haben. Nicht du.“

Um kurz nach zwei stand Lena an der Haltestelle und wartete auf den Bus. Als sie sich umdrehte, sah sie zwei Motorräder auf der anderen Straßenseite, geparkt, als gehörten sie da schon immer hin. Zwei Männer, beide mit Westen, keine Helme auf dem Kopf, die Hände locker an den Seiten. Keine Drohung. Kein Lärm.

Als Lena hinsah, nickte einer von ihnen langsam. Nicht frech, nicht überlegen – eher wie ein stilles „Wir haben dich gesehen“.

Der Bus kam. Lena stieg ein, setzte sich ans Fenster und merkte, dass ihre Hände zitterten.

Als der Bus um die Kurve bog, sah sie es: vor dem Café standen Motorräder. Nicht zwei. Nicht zehn. Reihenweise. Chrom, Schwarz, Leder, Stiefel. Menschen in Westen, Männer und Frauen, die auf dem Gehweg standen und warteten.

Lena blieb im Bus sitzen, einen Herzschlag zu lang. Dann stand sie auf.

Sie stieg aus.

Und in dem Moment, als sie den ersten Schritt in Richtung Eingang machte, wurde es auf einmal ganz still, als würde die ganze Straße den Atem anhalten.

Sie hatte keine Ahnung, was drinnen auf sie wartete.

Aber sie wusste: Zurück gab es jetzt nicht mehr.

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