Sie gaben Winston nach 96 Stunden zurück doch eine alte Tierärztin blieb bis zum Ende

Man brachte Winston nach genau sechsundneunzig Stunden zurück. Als ich ihn sah, starrte er gegen die Wand, als hätte er verstanden, dass ihn niemand mehr wollte.

Ich war damals einundsiebzig und seit fast vier Jahren im Ruhestand.

Mehr als vierzig Jahre lang hatte ich als Tierärztin gearbeitet. Ich hatte Tiere auf die Welt kommen sehen, gebrochene Knochen versorgt, alte Hunde eingeschläfert und Menschen dabei die Hand gehalten, wenn sie glaubten, den Verlust nicht ertragen zu können.

Irgendwann hatte ich genug davon gehabt.

Das sagte ich jedenfalls, wenn mich jemand fragte, warum ich nach meiner Pensionierung keinen Hund mehr aufgenommen hatte.

Die Wahrheit war eine andere.

Ich hatte Angst.

Nicht vor Haaren auf dem Teppich, nicht vor Tierarztkosten und auch nicht vor den schlaflosen Nächten. Ich hatte Angst davor, wieder jemanden zu lieben, von dem ich wusste, dass ich ihn verlieren würde.

Deshalb lebte ich allein in meinem kleinen Haus am Rand einer norddeutschen Kleinstadt. Mein Mann war schon lange tot. Kinder hatten wir nie bekommen. Meine Tage waren ordentlich, ruhig und leer.

An jenem Vormittag wollte ich im Tierheim nur zwei Kartons abgeben.

Darin lagen alte Decken, Edelstahlnäpfe und einige unbenutzte Pflegeunterlagen aus meiner Praxis. Ich hatte den Keller aufgeräumt und beschlossen, mich endlich von den Sachen zu trennen.

Ich hatte nicht vor, mir die Hunde anzusehen.

Wirklich nicht.

Doch auf dem Weg zum Ausgang hörte ich ein leises Scharren hinter einer Tür. Kein Bellen. Kein Winseln. Nur dieses langsame Geräusch von Krallen auf Beton.

Ich blieb stehen.

In der hintersten Ecke eines kleinen Zwingers lag ein Cocker Spaniel. Sein Fell war stumpf und an den Pfoten verfilzt. Um seine Schnauze herum war es fast weiß geworden. Er war nicht mager, aber sein Körper wirkte leer, als wäre etwas in ihm zusammengefallen.

Vor ihm stand ein voller Napf.

Der Hund lag mit dem Gesicht zur Wand.

„Das ist Winston“, sagte eine Mitarbeiterin hinter mir.

Ich ging in die Hocke.

„Wie alt?“

„Dreizehn.“

Ich sah seine flache Atmung und die steifen Hinterbeine.

„Herz?“

„Leichte Herzschwäche. Dazu Nierenprobleme, Arthrose und chronische Ohrenentzündungen. Er hört kaum noch.“

„Seit wann frisst er nicht?“

Die Mitarbeiterin zögerte.

„Seit er zurückgebracht wurde.“

Ich drehte mich zu ihr um.

Sie erklärte mir, dass Winston viele Jahre bei einer älteren Dame gelebt hatte. Als sie in eine Pflegeeinrichtung für Menschen mit Demenz gekommen war, hatte niemand aus ihrem Umfeld den Hund übernehmen können.

Also war Winston ins Tierheim gebracht worden.

Nach einigen Wochen hatte ihn eine Familie adoptiert.

Sie hatten es gut gemeint. Das glaubte ich sofort. Sie hatten ein Körbchen gekauft, Spezialfutter besorgt und versprochen, ihm einen ruhigen Lebensabend zu geben.

Nach genau sechsundneunzig Stunden hatten sie ihn zurückgebracht.

Die Medikamente seien zu kompliziert gewesen.

Er habe nachts unruhig gewandert.

Zweimal habe er in die Wohnung gemacht.

Er brauche mehr Betreuung, als sie erwartet hätten.

Und die laufenden Kosten seien für sie nicht zu schaffen.

Ich verurteilte diese Menschen nicht.

In meinem Beruf hatte ich oft erlebt, wie schnell gute Absichten an der Wirklichkeit zerbrachen. Viele Familien mussten rechnen. Viele waren berufstätig, kümmerten sich gleichzeitig um Kinder oder alte Eltern und hatten kaum noch Kraft übrig.

Trotzdem bekam ich die Zahl nicht aus dem Kopf.

Sechsundneunzig Stunden.

Vier Tage.

Nicht einmal genug Zeit für einen alten Hund, um zu begreifen, wo sein Wassernapf stand.

Ich beugte mich etwas näher zu Winston.

„Hallo, mein Junge.“

Sein Ohr bewegte sich nicht. Vermutlich hörte er mich wirklich kaum.

„Winston.“

Keine Reaktion.

Ich streckte meine Hand nicht aus. Tiere, die sich zurückgezogen hatten, sollte man nicht bedrängen. Also blieb ich einfach sitzen.

Nach einer Weile stand ich auf.

„Was sagt der Tierarzt?“

„Die Blutwerte sind schlecht, aber nicht hoffnungslos. Das größere Problem ist, dass er nichts mehr will. Kein Futter, kaum Wasser. Er dreht sich weg, wenn jemand zu ihm kommt.“

Ich nickte.

Diesen Zustand kannte ich.

Manche Tiere gaben nicht auf, weil der Körper am Ende war. Sie gaben auf, weil sie glaubten, dass nichts mehr auf sie wartete.

Ich ging zur Ausgangstür.

Meine Hand lag schon auf der Klinke, als ich hinter mir wieder das Scharren hörte.

Ich drehte mich um.

Winston hatte den Kopf nicht gehoben. Er hatte sich auch nicht zu mir umgedreht.

Aber eine seiner Vorderpfoten lag nun ein kleines Stück näher an der Tür.

Ich stand lange da.

Dann ging ich zurück zum Empfang.

„Ich nehme ihn mit.“

Die Mitarbeiterin sah mich an, als hätte sie mich falsch verstanden.

„Zur Pflege?“

„Zu mir nach Hause.“

Sie holte Luft.

„Frau Doktor, Sie wissen, dass er vielleicht nur noch wenige Tage hat.“

„Ja.“

„Es kann sein, dass er heute Nacht zusammenbricht.“

„Ja.“

„Er braucht mehrere Medikamente. Er muss regelmäßig raus. Vielleicht wird er inkontinent. Und wir können nicht versprechen, dass er wieder frisst.“

„Das weiß ich.“

Sie legte die Unterlagen vor mich, schob sie aber noch nicht ganz herüber.

„Warum möchten Sie das machen?“

Ich sah zu der Tür, hinter der Winston lag.

„Ich brauche nicht, dass er lange lebt“, sagte ich. „Ich brauche nur, dass er weiß, dass er geliebt wird.“

Als wir zu Hause ankamen, blieb Winston in der Transportbox liegen.

Ich öffnete die Tür und wartete.

Zehn Minuten.

Zwanzig Minuten.

Schließlich schob er den Kopf heraus. Seine Augen waren trüb, aber aufmerksam. Er prüfte den Flur, als suche er nach einer Gefahr.

Dann kroch er langsam heraus.

Ich hatte im Wohnzimmer eine dicke Decke ausgebreitet. Daneben standen Wasser und ein kleiner Napf mit weichem Futter.

Winston ging an allem vorbei.

Er legte sich direkt neben die Haustür.

Als würde er damit rechnen, dass ihn bald jemand wieder abholte.

Am Abend nahm er seine Medikamente nur widerwillig. Fressen wollte er nicht. Trinken auch kaum.

Ich setzte mich mit etwas Abstand auf den Boden.

Früher hatte ich ständig mit Tieren gesprochen. In der Praxis war das ganz selbstverständlich gewesen. Nach meiner Pensionierung hatte ich damit aufgehört. In meinem Haus gab es niemanden, dem ich etwas erzählen konnte.

„Ich werde dich nicht zwingen“, sagte ich.

Winston blinzelte.

„Du musst mir auch nicht vertrauen.“

Er legte den Kopf auf die Pfoten.

„Aber morgen bist du noch hier. Und ich auch.“

Ich blieb in dieser Nacht auf dem Sofa.

Mehrmals hörte ich ihn aufstehen. Seine Krallen rutschten auf dem Holzboden. Er lief ein paar Schritte, blieb stehen und kehrte zur Haustür zurück.

Gegen vier Uhr legte ich mich neben seine Decke auf den Boden.

Ich berührte ihn nicht.

Am Morgen stand der Napf noch unberührt da.

Aber Winston lag nicht mehr an der Tür.

Er lag ungefähr einen halben Meter näher bei mir.

Am zweiten Tag fraß er ebenfalls nichts.

Ich kochte etwas Reis und mischte eine kleine Menge Fleisch darunter. Er roch daran und drehte den Kopf weg.

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