Die Hündin hatte schon drei Welpen aus dem brennenden Schuppen gerettet, doch dann hörte sie ein viertes Wimmern und lief noch einmal hinein.
„Halt sie fest! Sie darf da nicht wieder rein!“
Ich hörte den Ruf hinter mir, aber da war es schon zu spät.
Die gestromte Mischlingshündin riss sich aus den Händen ihrer Pflegemutter los. Ihre Vorderpfoten waren verletzt, an der linken Schulter war das Fell versengt, und trotzdem humpelte sie direkt auf den brennenden Schuppen zu.
Drei Welpen lagen bereits unter einer Decke auf dem Rasen.
Die Hündin hatte jeden einzelnen herausgetragen.
Und trotzdem wusste sie offenbar, dass einer fehlte.
Ich heiße Jana Keller. Damals war ich 39, fuhr einen Schulbus im Landkreis Kassel und half zusätzlich bei der örtlichen Feuerwehr.
An diesem Morgen sah ich hinter dem kleinen Haus von Hannelore Reuter eine schwarze Rauchwolke aufsteigen. Hannelore war 68, verwitwet und nahm seit Jahren trächtige oder ausgesetzte Hunde vorübergehend bei sich auf.
Als ich auf den Hof kam, stand sie im Schlafanzug vor der Hintertür.
„Vier“, brachte sie hustend heraus.
„Es sind vier Welpen.“
Noch bevor ich den Gartenschuppen erreichte, kam die Hündin aus dem Rauch.
In ihrem Maul hing ein winziger Welpe.
Sie legte ihn vorsichtig ins Gras, stupste ihn mit der Nase an und drehte sich sofort wieder um.
Ich versuchte, sie zu greifen.
Keine Chance.
Sie verschwand erneut im Qualm.
Kurz darauf kam sie mit dem zweiten Welpen zurück.
Hannelore kniete neben den beiden Kleinen.
„Bitte“, sagte sie leise. „Das reicht.“
Aber die Hündin hörte etwas, das wir nicht hören konnten.
Sie lief ein drittes Mal hinein.
Als sie wieder herauskam, war ihre linke Körperseite deutlich verbrannt. Sie bewegte sich langsam. Jeder Schritt sah schmerzhaft aus.
Trotzdem brachte sie auch den dritten Welpen bis zur Decke.
Dann brach sie zusammen.
Hannelore nahm ihren Kopf in beide Hände.
„Du hast sie“, sagte sie. „Alle sind draußen.“
Auch ich glaubte das.
Bis wir ein Geräusch hörten.
Ganz schwach.
Ein Winseln.
Es kam aus dem Schuppen.
Die Hündin hob sofort den Kopf.
Hannelore erstarrte.
„Nein.“
Die Hündin versuchte aufzustehen. Ihre Vorderbeine gaben nach.
Hannelore hielt sie am Halsband fest.
„Du kannst nicht noch einmal hinein.“
Dann kam das Winseln wieder.
Die Hündin schaute zum Feuer.
Danach drehte sie sich zu den drei Welpen unter der Decke.
Sie roch an jedem einzelnen.
Eins.
Zwei.
Drei.
Sie hatte sich nicht geirrt.
Da fehlte jemand.
Hannelore weinte inzwischen.
Schließlich öffnete sie die Hände.
Die Hündin humpelte los.
Niemand schickte sie.
Niemand konnte sie stoppen.
Sie ging zum vierten Mal hinein.
Ein Teil des Daches gab nach. Unsere Leute konnten wegen der Hitze nicht sofort durch den Eingang.
Zehn Sekunden vergingen.
Dann zwanzig.
Das Winseln verstummte.
Ich dachte, wir würden beide nicht mehr sehen.
Dann bewegte sich etwas dicht über dem Boden.
Die Hündin kroch aus dem Rauch.
In ihrem Maul hielt sie einen kleinen schwarzen Welpen mit einem weißen Strich über der Nase.
Sie schaffte es bis zum Rasen.
Dort legte sie ihn neben die anderen.
Und dann machte sie etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
Sie kontrollierte alle vier.
Eins.
Zwei.
Drei.
Vier.
Erst danach ließ sie sich fallen.
Alle Welpen lebten.
Die Mutter allerdings war schwer verletzt.
Ihre Pfoten hatten Verbrennungen, ebenso die linke Schulter und Teile der Flanke. Außerdem hatte sie viel Rauch eingeatmet.
Die Tierärztin in der Notfallpraxis sagte uns, dass besonders die erste Nacht kritisch werden würde.
Hannelore blieb dort.
Ich fuhr erst nach Hause, als es längst wieder hell war.
Am nächsten Morgen rief sie mich an.
„Sie lebt.“
Mehr musste sie nicht sagen.
Die Hündin bekam später einen neuen Namen.
Frieda.
Nicht, weil ihr Leben friedlich gewesen war.
Sondern weil Hannelore sagte, sie wünsche ihr endlich ein Leben, in dem sie nicht ständig kämpfen müsse.
In den ersten Tagen durfte Frieda ihre Welpen nur sehen. Wegen der Behandlung konnte sie sie nicht selbst säugen.
Doch sobald einer der Kleinen in einem anderen Raum jammerte, wurde sie unruhig.
Besonders bei dem schwarzen Welpen.
Er war der Kleinste.
Und genau dieser Welpe war der Grund, warum die Geschichte noch ungewöhnlicher wurde.
Denn der Kleine war gar nicht Friedas eigener Sohn.
Drei Wochen vor dem Brand hatte Hannelore die gestromte Hündin aufgenommen.
Niemand wusste, woher sie kam.
Sie war trächtig, mager und misstrauisch. Wenn eine Tür zuschlug, zuckte sie zusammen.
Menschen beobachtete sie erst aus sicherer Entfernung.
Hannelore bedrängte sie nicht.
Sie stellte Wasser und Futter hin und setzte sich einfach in ihre Nähe.
Nach einigen Tagen begann die Hündin, ihr durch den Garten zu folgen.
Wenig später brachte sie drei Welpen zur Welt.
Eine dunkle Hündin, einen hellbraunen Rüden und ein schwarzes Weibchen mit weißen Pfoten.
Hannelore nannte sie Lotte, Benno und Mina.
Frieda nahm ihre Aufgabe sehr ernst.
Bevor sie sich hinlegte, roch sie an jedem Welpen.
Wenn einer aus dem Körbchen kroch, schob sie ihn zurück.
Hannelore scherzte damals noch:
„Die zählt ihre Kinder.“
Dann bekam sie einen Anruf.
Ein neugeborener Welpe war allein in einem Karton gefunden worden. Von seiner Mutter gab es keine Spur.
Der Kleine war schwach.
Er brauchte Wärme und Milch.
Man fragte Hannelore, ob ihre Hündin ihn vielleicht annehmen würde.
Niemand wusste, wie Frieda reagieren würde.
Hannelore brachte den schwarzen Welpen vorsichtig zu ihr.
Frieda stand sofort auf.
Sie roch erst am Handtuch.
Dann am Welpen.
Hannelore hielt bereits die Hände bereit, falls sie ihn wegschieben würde.
Doch Frieda nahm den Kleinen vorsichtig mit dem Maul.
Sie legte ihn mitten zwischen ihre eigenen drei Welpen.
Dann begann sie, ihm übers Gesicht zu lecken.
Das war alles.
Kein Zögern.
Keine Unterscheidung.
Von diesem Moment an gehörte er dazu.
Hannelore nannte ihn Oskar.
Und Frieda änderte ihre Gewohnheit.
Vorher kontrollierte sie drei Welpen.
Nun kontrollierte sie vier.
Genau zwölf Tage später brannte der Schuppen.
Darum wusste Frieda nach ihrer dritten Rettung, dass ihre Arbeit noch nicht beendet war.
Oskar fehlte.
Es war sein Winseln, das sie hörte.
Der Welpe, für den sie fast starb, war nicht mit ihr verwandt.
Aber Frieda wusste davon natürlich nichts auf die Weise, wie wir Menschen darüber nachdenken.
Für sie gab es nur vier kleine Körper, die nachts an ihr schliefen.
Vier Mäuler, die sie fütterte.
Vier Welpen, die sie ableckte.
Vier Leben, für die sie Verantwortung übernommen hatte.
Das kurze Handyvideo von Friedas letzter Rettung verbreitete sich später schnell im Internet.
Man sah nur wenige Sekunden.
Rauch.
Die Hündin.
Oskar in ihrem Maul.
Dann Frieda, wie sie neben den vier Welpen zusammenbrach.
Tausende Menschen schrieben, sie wollten einen der Hunde aufnehmen.
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