Anna schüttelte den Kopf.
„Miete. Strom. Windeln. Betreuung. Lebensmittel.“
Sie nahm wieder einen Löffel Suppe.
„Irgendwas kommt immer.“
Martin schwieg.
Anna wusste nicht, warum sie plötzlich weitererzählte.
Vielleicht, weil er nicht dieses Gesicht machte, das manche Menschen machten, wenn sie Armut hörten.
Dieses kleine Zusammenziehen der Lippen.
Diese unsichtbare Frage:
Was hast du falsch gemacht?
„Emmas Vater ist gegangen, als ich im fünften Monat war.“
Martin sagte nichts.
„Meine Eltern wohnen bei Kassel. Wir hatten schon vorher Streit. Mein Vater ist Jahrgang 1953. Für ihn war immer klar: Erst heiraten, dann Kinder.“
Sie lächelte traurig.
„Als alles schiefging, sagte er nur: Du wolltest deinen eigenen Weg gehen. Dann geh ihn jetzt.“
„Und Ihre Mutter?“
„Hat geweint.“
Anna sah aus dem Fenster.
„Aber sie hat ihm nicht widersprochen.“
Martin schob seinen Laptop beiseite.
„Das tut mir leid.“
Anna hob die Schultern.
„Früher war Familie bei uns alles.“
Sie dachte an Sonntage bei ihrer Großmutter.
Kartoffelklöße.
Den schweren Eichentisch.
Die bestickte Tischdecke.
Ihr Vater hatte früher immer gesagt:
„Wenn draußen alles zusammenbricht, bleibt die Familie.“
Anna hatte diesen Satz geglaubt.
Bis sie die Familie selbst gebraucht hatte.
„Ich hatte wenigstens meine Arbeit“, sagte sie. „Sachbearbeitung in einem mittelständischen Betrieb. Nichts Besonderes, aber festes Gehalt.“
„Was ist passiert?“
„Umstrukturierung.“
Sie verzog den Mund.
„Schönes Wort dafür, dass zwölf Leute gehen mussten.“
„Und seitdem diese drei Jobs?“
„Seitdem alles, was ich kriegen kann.“
Martin betrachtete sie nachdenklich.
„Was haben Sie gelernt?“
„Kauffrau für Büromanagement.“
„Und danach?“
Anna zögerte.
„Ich habe berufsbegleitend Betriebswirtschaft studiert.“
„Abgeschlossen?“
„Fast.“
„Was heißt fast?“
„Ein Semester fehlt.“
Martin lehnte sich zurück.
„Warum haben Sie aufgehört?“
Anna lachte ohne Freude.
„Geld.“
Sie strich Emma über den Kopf.
„Und dann Schwangerschaft. Trennung. Jobverlust. Irgendwann war die Hochschule das kleinste Problem.“
Martin nickte langsam.
Dann griff er in seine Jackentasche.
Anna versteifte sich sofort.
Doch statt Geld legte er nur eine Visitenkarte auf den Tisch.
„Falls Sie denken, dass ich irgendein Verrückter bin.“
Anna nahm die Karte.
Martin Keller.
Geschäftsführer.
Darunter stand der Name einer mittelgroßen Unternehmensgruppe für Immobilienverwaltung und Gebäudedienstleistungen.
Keine Marke, die jeder kannte.
Aber Anna hatte den Namen schon einmal in Stellenanzeigen gesehen.
Über tausend Beschäftigte.
Mehrere Standorte.
Sie sah ihn an.
„Sie sind Geschäftsführer?“
„Ja.“
„Und sitzen dienstags nachmittags in einem Café und kaufen fremden Frauen Suppe?“
Martin grinste.
„Anscheinend.“
„Warum?“
Das Lächeln verschwand langsam.
„Weil ich einmal auf Ihrer Seite des Tisches saß.“
Anna schwieg.
Martin sah einen Moment auf seine Hände.
„Meine Frau starb vor achtzehn Jahren.“
„Das tut mir leid.“
„Unsere Tochter war damals vier Monate alt.“
Anna blickte unwillkürlich zu Emma.
„Ich war 27.“
Martin fuhr fort.
„Kein Geld. Abgebrochenes Studium. Tagsüber Lagerarbeit, abends Weiterbildung.“
Er lächelte traurig.
„Und absolut keine Ahnung, wie man ein Baby beruhigt.“
„Wie haben Sie es geschafft?“
„Am Anfang gar nicht.“
Er erzählte von einer Nacht an einem Bahnhof.
Seine Tochter hatte Fieber gehabt.
Er selbst hatte seit fast zwei Tagen kaum gegessen.
Im Portemonnaie waren noch wenige Mark gewesen – damals gab es sie noch.
„Ich stand an einem Imbiss und habe ausgerechnet, ob ich mir eine Suppe leisten kann.“
Martin schüttelte den Kopf.
„Ein älterer Mann hinter mir hat offenbar mitgehört.“
„Was hat er gemacht?“
„Er hat zwei Portionen bestellt.“
„Einfach so?“
„Einfach so.“
Martin lächelte.
„Ich wollte natürlich ablehnen.“
Anna musste lachen.
„Kommt mir bekannt vor.“
„Er sagte zu mir: Junger Mann, Stolz macht nicht satt.“
Martin schwieg kurz.
„Das habe ich nie vergessen.“
Der alte Mann hatte Martin nicht nur Essen gekauft.
Er hatte ihn später mit einem Bekannten zusammengebracht, der ihm eine feste Stelle gab.
Kein Wunder.
Kein Geschenk.
Eine Tür.
„Ich habe jahrelang nicht gewusst, wie ich mich dafür revanchieren soll“, sagte Martin.
„Haben Sie ihn nie wiedergesehen?“
„Doch. Zweimal.“
„Und?“
„Beim zweiten Mal war er schon sehr krank.“
Martin blickte zum Fenster.
„Er hat zu mir gesagt: Wenn du mir danken willst, hilf irgendwann jemandem, von dem du nichts zurückbekommst.“
Anna sah wieder auf die Visitenkarte.
„Und jetzt bin ich dieses Jemand?“
Martin schmunzelte.
„Vielleicht.“
„Eine Suppe kann ich annehmen.“
Sie schob ihm die Karte zurück.
„Mehr nicht.“
Martin nahm sie nicht.
„Was wäre, wenn ich Ihnen Arbeit anbieten würde?“
Anna erstarrte.
„Wie bitte?“
„Nicht aus Mitleid.“
„Sie kennen mich überhaupt nicht.“
„Ich kenne mehr, als Sie denken.“
„Was denn?“
„Sie arbeiten drei Jobs.“
Er zählte an den Fingern ab.
„Sie haben eine kaufmännische Ausbildung. Sie haben fast ein Studium abgeschlossen. Sie haben Ihr Kind versorgt, obwohl Sie selbst kaum essen.“
Er sah sie ernst an.
„Und Sie sitzen seit zwanzig Minuten vor einer warmen Mahlzeit und machen sich mehr Gedanken darüber, ob Sie mich ausnutzen könnten, als darüber, dass Sie seit gestern kaum gegessen haben.“
Anna wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Das sagt einiges über einen Menschen.“
„Vielleicht sagt es nur, dass ich dumm bin.“
„Vielleicht.“
Martin lächelte.
„Aber dann finde ich Sie auf eine sympathische Art dumm.“
Anna musste lachen.
Dann wurde er wieder ernst.
„Wir suchen derzeit Unterstützung in der Personalverwaltung.“
„Ich kann nicht Vollzeit.“
„Warum?“
Sie deutete auf Emma.
„Darum.“
„Verständlich.“
„Und meine Betreuung ist nicht zuverlässig.“
„Wir arbeiten mit einer Kindertagespflege in der Nähe unseres Büros zusammen.“
Anna schüttelte den Kopf.
„Das kann ich nicht bezahlen.“
„Unser Unternehmen bezuschusst Plätze.“
Sie starrte ihn an.
„Sie haben auf alles eine Antwort, oder?“
„Nein.“
Martin lehnte sich zurück.
„Aber Probleme sind mein Beruf.“
Er machte ihr einen Vorschlag.
Zunächst zwanzig Stunden pro Woche.
Flexible Arbeitszeiten.
Ein Gehalt, das höher war als das, was Anna mit allen drei Jobs zusammen verdiente.
Und wenn sie wollte, würde das Unternehmen sie dabei unterstützen, ihr Studium zu beenden.
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