Ihre Sprache war präzise.
Trocken.
Kontrolliert.
Wie ein Protokoll.
Tim dachte an seine Mutter.
Sie war 56.
Sie trug am Samstagmorgen genau solche Jogginghosen.
Für einen kurzen Moment stellte er sich vor, seine Mutter stünde dort.
Und er selbst daneben.
Er fühlte sich schlecht.
„Ralf“, sagte er leise. „Vielleicht sollten wir Herrn Krüger holen.“
Brenner packte fester zu.
„Ich weiß, was ich tue.“
Johanna antwortete:
„Das werden Sie später erklären müssen.“
„Ist das eine Drohung?“
„Nein.“
Sie sah zu den Kameras über dem Eingang.
„Eine Feststellung.“
Brenner folgte ihrem Blick.
Drei Überwachungskameras.
Eine am Portal.
Eine am Seiteneingang.
Eine über der Zufahrt.
Zum ersten Mal an diesem Morgen wurde er still.
Nur für zwei Sekunden.
Dann sagte er:
„Los.“
Johanna ging.
Nicht schnell.
Nicht langsam.
Aufrecht.
Sie hatte eine sonderbare Würde, obwohl ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt waren.
Der Fahrradkurier filmte weiter.
Sein Name war Cem.
29 Jahre alt.
Er lieferte seit Jahren Dokumente zwischen Kanzleien, Ämtern und Gerichten aus.
Er kannte Johanna ebenfalls nicht persönlich.
Aber er kannte den Blick von Menschen, die täglich durch diese Türen gingen.
„Das passt nicht“, murmelte er.
Er schickte das Video an seine Schwester.
Sie arbeitete im Gerichtsgebäude.
Eine Etage über Saal 204.
Die Nachricht lautete nur:
Kennst du diese Frau?
Die Antwort kam nach zwölf Sekunden.
Bist du verrückt? Das ist Winter.
Cem schrieb:
Welche Winter?
Drei Punkte erschienen.
Dann:
DIE WINTER. Vorsitzende Richterin.
Cem blickte auf.
Brenner führte Johanna gerade Richtung Dienstfahrzeug.
„Scheiße.“
Er begann zu rennen.
Doch jemand anderes war schneller.
Eine Reporterin eines regionalen Fernsehsenders stieg gerade aus einem Wagen am Rand des Platzes.
Sabine Keller, 54.
Sie hatte Johanna ein Jahr zuvor bei einer Veranstaltung über Justiz und Ehrenamt interviewt.
Sie sah erst die Handschellen.
Dann den grauen Pullover.
Dann das Gesicht.
Ihr Kaffeebecher fiel zu Boden.
„Halt!“
Brenner ging weiter.
„Herr Brenner!“
Sie kannte seinen Namen vom Namensschild.
„Bleiben Sie stehen!“
„Presse bitte zurück.“
„Das ist Dr. Johanna Winter.“
„Mag sein.“
„Sie ist Vorsitzende Richterin dieses Gerichts.“
Tim hörte auf zu atmen.
Brenner drehte sich langsam um.
„Was?“
Sabine hielt bereits ihr Telefon ans Ohr.
„Gerichtsverwaltung. Sofort.“
Seidel stand zehn Meter entfernt.
Sein Handy übertrug immer noch.
Auf dem Bildschirm rasten Kommentare vorbei.
Das ist doch Richterin Winter.
Seidel, bist du wahnsinnig?
Du hast gleich Termin bei ihr!
Das ist Saal 204!
Seidel las den letzten Kommentar zweimal.
Dann sah er auf die rote Mappe, die noch immer offen auf den Stufen lag.
Verfahren K.
Sein Verfahren.
Sein Mandant.
Seine Richterin.
„Oh Gott“, flüsterte er.
Johanna hörte es.
Sie sagte nichts.
Im zweiten Stock des Gerichts klingelte unterdessen ein Telefon.
Helga Brandt, 64, seit 37 Jahren Geschäftsstellenleiterin, nahm ab.
„Ja?“
Sabine sprach so schnell, dass sie sich überschlug.
„Frau Brandt, Winter steht draußen. Handschellen. Sicherheitsdienst. Osteingang.“
Stille.
„Welche Winter?“
„Johanna Winter.“
Helga legte nicht auf.
Sie stellte den Hörer auf Lautsprecher und griff gleichzeitig zum internen Telefon.
„Wachtmeisterei. Sofort zum Osteingang.“
Dann nahm sie ihre Strickjacke vom Stuhl.
Sie überlegte es sich anders.
Sie ließ sie liegen.
Drei Justizwachtmeister kamen gleichzeitig durch die schwere Glastür.
Hinter ihnen Helga Brandt.
Brenner hatte Johanna inzwischen am Dienstwagen erreicht.
Er wirkte zum ersten Mal nicht mehr wütend.
Er wirkte verwirrt.
„Frau Winter?“
Johanna sah ihn an.
„Jetzt lesen Sie die Karte?“
Bevor er antworten konnte, hörte man eine Stimme über den Platz.
„Brenner!“
Martin Krüger kam aus einem Kleinwagen, der halb auf dem Gehweg stand.
Er war 61, seit drei Jahrzehnten im Sicherheitsbereich.
Er kannte Johanna.
Nicht privat.
Aber gut genug.
Sie hatte ihm nach einer Zeugenaussage einmal persönlich für seine sachliche Darstellung gedankt.
Er hatte diesen Satz seiner Frau beim Abendessen erzählt.
Nicht weil Richter normalerweise Dank aussprachen.
Sondern weil Johanna Winter damals gesagt hatte:
„Anständige Arbeit fällt selten auf. Darum sollte man sie erwähnen.“
Krüger sah die Handschellen.
Sein Gesicht wurde kreidebleich.
„Sofort aufmachen.“
Brenner bewegte sich nicht.
„Chef, die Frau hat—“
„Sofort.“
Tim griff nach dem Schlüssel.
Seine Hände zitterten.
Die Handschellen öffneten sich.
Johanna rieb sich langsam die Handgelenke.
Krüger stand vor ihr.
„Frau Vorsitzende …“
Er brachte den Satz nicht zu Ende.
Johanna half ihm nicht.
Sie ging zu den Stufen zurück.
Hob ihren Ausweis auf.
Wischte mit dem Ärmel Staub darüber.
Dann nahm sie ihren Stoffbeutel.
Helga Brandt stand oben am Eingang.
Silbernes Haar.
Dunkelblauer Rock.
Flache Schuhe.
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