Sie nannten ihn langsam, bis nur Matthias merkte, wer plötzlich fehlte

Am ersten Donnerstag nach Frau Bergmanns Beerdigung sah Matthias um Viertel nach drei wieder zur Tür.

Nur für einen Moment.

Nur aus Gewohnheit.

Dann senkte er den Blick auf das Kassenband und legte die Butter zu den kühlen Sachen, das Brot nach oben und die Eier dorthin, wo nichts sie zerdrücken konnte.

Seine Hände arbeiteten wie immer.

Aber in ihm war etwas still geworden.

Es war nicht die laute Art von Traurigkeit, die einen überfällt und niederdrückt.

Es war eher so, als hätte jemand in einem Raum, den nur Matthias kannte, leise das Licht ausgemacht.

Eine Kundin legte Äpfel und Kaffee aufs Band und sah zur Tür.

„Die kleine Dame mit dem weißen Cardigan ist heute auch nicht da“, sagte sie nebenbei. „Die kam doch immer donnerstags.“

Matthias nickte.

„Ja.“

Die Frau wartete kurz, als wolle sie hören, dass gleich noch etwas kommt.

Dann fragte sie leiser: „Geht es ihr nicht gut?“

Matthias hielt die Milchpackung einen Augenblick in der Hand.

„Sie ist gestorben“, sagte er.

Die Kundin erschrak sichtbar.

„Ach du meine Güte. Das wusste ich nicht.“

Matthias nickte wieder.

Er sagte nichts dazu, dass er es noch immer kaum glauben konnte.

Dass sein Blick trotzdem weiter zur Tür ging.

Dass manche Gewohnheiten nicht aufhören, nur weil ein Mensch aufgehört hat zu kommen.

Am Abend blieb er länger als nötig bei den leeren Pfandbons stehen, obwohl ihn dort nichts interessierte.

Herr Kruse trat neben ihn.

„Du musst nicht so tun, als sortierst du etwas“, sagte er.

Matthias sah auf.

„Mach ich aber.“

Herr Kruse atmete durch.

„Es ist ruhig geworden ohne sie, oder?“

Matthias dachte kurz nach.

„Nicht ruhig“, sagte er dann. „Eher… leer.“

Herr Kruse nickte langsam.

Er verstand wahrscheinlich mehr, als er zeigte.

In den nächsten Tagen wurde Matthias noch aufmerksamer als sonst.

Nicht hektisch.

Nicht nervös.

Nur stiller.

Er sah, wer beim Obst länger brauchte als früher.

Wer an der Kühltheke nach Luft rang.

Wer zu lange auf einen Einkaufszettel starrte, als wäre darauf plötzlich eine fremde Sprache.

Er half wie immer.

Aber jetzt blieb er nach dem Helfen manchmal einen Augenblick stehen.

Als würde er prüfen, ob da noch mehr war.

Eine Woche später kam Frau Bergmanns Nichte in den Laden.

Matthias erkannte sie sofort.

Sie trug denselben dunklen Mantel wie bei der Beerdigung, hatte aber diesmal keine schwarzen Schuhe an, sondern schlichte braune Stiefeletten. In der Hand hielt sie eine Stofftasche.

„Sie sind Matthias?“, fragte sie.

Er nickte.

„Ja.“

„Ich bin Claudia. Die Nichte meiner Tante.“

Sie standen neben dem Regal mit den Teesorten, und für einen Moment war es fast so, als müsse Matthias sich an etwas festhalten.

Claudia hob die Tasche ein Stück an.

„Ich war noch mal in der Wohnung. Es gab ein paar Dinge, bei denen ich dachte… vielleicht sollten sie zu Ihnen.“

Matthias sah unsicher zu Herr Kruse hinüber, der gerade an der anderen Kasse stand.

„Zu mir?“

„Meine Tante hat sehr viel von Ihnen aufbewahrt“, sagte Claudia. „Mehr, als ich gedacht hätte.“

Nach Feierabend setzten sie sich im kleinen Pausenraum an den Tisch mit den zwei wackligen Stühlen.

Claudia stellte die Tasche zwischen sie.

Zuerst holte sie einen sauber gefalteten Einkaufszettel heraus.

Bananen. Brot. Milch. Eine Dose Suppe.

Die Schrift war zittrig, aber ordentlich.

Dann kam ein kleines Küchenradio zum Vorschein.

Alt. Cremefarben. An einer Ecke abgeplatzt.

„Das stand immer am Fenster“, sagte Claudia. „Sie sagte, ohne dieses Radio sei die Wohnung zu still. Aber später hat sie gesagt, eigentlich seien Sie ihr Radio gewesen.“

Matthias blinzelte.

„Ich?“

Claudia lächelte traurig.

„Sie haben ihr erzählt, was draußen los ist. Wer geboren wurde. Wer geheiratet hat. Wer seinen Schlüssel vergessen hat. Meine Tante schrieb in ihren Briefen, dass Sie ihr die Welt wieder in die Küche getragen haben.“

Sie zog zuletzt einen Briefumschlag aus der Tasche.

Darauf stand in dünner Schrift nur ein Wort.

Für später.

Matthias nahm ihn vorsichtig in beide Hände.

„Sie hat noch etwas dazu gesagt“, meinte Claudia. „Falls Sie sich fragen, warum ausgerechnet Sie das bekommen.“

Matthias hob den Blick.

„Was denn?“

Claudia musste kurz schlucken.

„Sie sagte: Manche Menschen bringen Blumen mit. Matthias bringt Zeit mit. Und Zeit ist für Einsame oft das Teuerste.“

Als Claudia gegangen war, blieb Matthias noch eine Weile im Pausenraum sitzen.

Dann öffnete er den Umschlag.

Darin war kein Geld.

Keine große Überraschung.

Nur ein weiterer Zettel.

Und ein Schlüssel an einem kleinen Metallring.

Auf dem Zettel stand:

Falls Sie irgendwann wieder merken, dass jemand verschwunden ist,

gehen Sie bitte wieder nachsehen.

Nicht jeder kann laut um Hilfe rufen.

Matthias las den Satz dreimal.

Dann legte er den Schlüssel zurück in den Umschlag und den Zettel in seine Brusttasche, genau dort, wo schon der andere lag.

Am nächsten Donnerstag stand er wieder an der Kasse.

Um Viertel nach drei kam niemand im weißen Cardigan.

Aber kurz danach blieb ein älterer Mann am Ende des Bands stehen, als wüsste er plötzlich nicht mehr, wie Einkaufen geht.

Er hatte Senf, zwei Brötchen, Hering und eine Tafel Schokolade.

Nichts Besonderes.

Und doch stand er da, als wäre zwischen ihm und den Dingen auf dem Band eine Glasscheibe.

„Alles in Ordnung?“, fragte Matthias.

Der Mann sah ihn an.

Dann zuckte etwas in seinem Gesicht.

„Ich…“, sagte er. „Ich weiß gerade nicht mehr, ob ich schon bezahlt habe.“

„Noch nicht“, sagte Matthias ruhig.

„Ach so.“

Der Mann griff in seine Manteltasche, zog Münzen heraus, ließ zwei davon fallen und wurde rot im Gesicht.

Hinter ihm scharrte jemand ungeduldig mit dem Fuß.

Matthias hob die Münzen auf.

„Ist schon gut“, sagte er. „Wir haben Zeit.“

Der Mann nickte, aber seine Hände zitterten.

Er bezahlte, nahm die Tüte und blieb noch einen Moment da.

„Früher hat das meine Frau gemacht“, sagte er, ohne dass Matthias gefragt hatte.

Dann ging er.

Als die Tür hinter ihm zufiel, sah Matthias ihm nach.

Später fragte er eine Kollegin, ob sie den Mann kenne.

„Herr Lenz“, sagte sie. „Wohnt ein paar Straßen weiter. Seine Frau ist im Winter gestorben.“

Matthias dachte den Rest des Tages darüber nach.

Am Abend sagte er zu Herr Kruse: „Wir haben viele Leute, die nicht langsam sind, weil sie langsam sind.“

Herr Kruse sah von seiner Liste auf.

„Wie meinst du das?“

„Manche sind langsam, weil zu Hause niemand mehr auf sie wartet“, sagte Matthias. „Oder weil sie alles allein machen müssen. Oder weil keiner mehr mit ihnen redet.“

Herr Kruse antwortete nicht sofort.

Er legte den Kugelschreiber weg und rieb sich mit der Hand über das Kinn.

„Und was willst du jetzt machen?“

Matthias überlegte kurz.

„Einen Stuhl hinstellen.“

Herr Kruse blinzelte.

„Einen Stuhl?“

„Vorn, bei der Fensterfront“, sagte Matthias. „Für Leute, die kurz sitzen müssen. Oder kurz reden wollen. Nur einen.“

Herr Kruse sah ihn an, als prüfe er, ob das alles war.

„Nur einen Stuhl?“

„Erst mal.“

Am Montag stand dort ein Stuhl.

Nicht schön.

Ein alter Holzstuhl aus dem Lager, den Herr Kruse noch einmal festgeschraubt hatte.

Daneben ein kleiner Tisch, auf dem sonst Prospekte gelegen hatten.

Die meisten gingen daran vorbei.

Manche schauten kurz.

Eine ältere Kundin setzte sich für eine Minute, weil ihr schwindlig war.

Ein Mann stellte seine Einkaufstasche ab und band in Ruhe seinen Schuh.

Eine Mutter mit müdem Gesicht ließ ihren kleinen Sohn kurz darauf malen, weil sie noch auf den Bus warten musste.

Matthias sagte zu niemandem etwas darüber.

Er tat nur, was er immer tat.

Er sah hin.

Nach einer Woche stand auf dem kleinen Tisch eine Schale mit Bonbons.

Niemand wusste genau, wer sie hingestellt hatte.

Nach zwei Wochen brachte die Kollegin aus der Backabteilung an einem kalten Donnerstag eine Thermoskanne mit Tee mit.

„Nur für heute“, sagte sie.

Am nächsten Donnerstag stand wieder eine da.

Herr Kruse tat so, als merke er davon nichts.

Dabei war es sein eigener Becher, aus dem plötzlich keiner mehr trank.

Mit der Zeit blieb nicht nur Matthias kurz bei den Leuten stehen.

Auch andere taten es.

Frau Albrecht, die sonst immer nur schnell Katzenfutter und Joghurt kaufte, setzte sich eines Tages zu Herr Lenz und fragte, ob die Pflaumen im Angebot was taugen.

Herr Lenz sagte: „Zum Kuchen ja. Pur sind sie sauer.“

Eine Viertelstunde später redeten beide über Zwetschgen aus dem Garten ihrer Eltern.

Ein junger Paketbote, der fast immer in Eile war, half einer alten Dame plötzlich wortlos mit dem Wasserkasten zur Tür.

Eine Schülerin, die oft nachmittags Kaugummis kaufte, schrieb einmal auf einen Zettel: Wenn jemand Hilfe beim Handy braucht, kann ich donnerstags nach der Schule fünf Minuten bleiben.

Herr Kruse las den Zettel und wollte erst etwas dagegen sagen.

Dann steckte er ihn doch in einen kleinen Aufsteller am Tisch.

Es war nichts Großes.

Kein Projekt.

Kein Plan.

Nur ein Platz, an dem Menschen kurz nicht so tun mussten, als bräuchten sie niemanden.

Matthias mochte diesen Tisch, gerade weil er so unscheinbar war.

Kein großes Schild.

Keine großen Worte.

Nur ein Stuhl, dann zwei, dann drei.

Und immer jemand, der sagte: „Setzen Sie sich ruhig.“

Im November blieb Frau Dorn weg.

Sie war sonst jeden Dienstag gekommen, immer mit roten Lippen und einer zu großen Regenjacke.

Sie kaufte Hundefutter, auch nachdem ihr Hund längst tot war. Erst viel später hatte sie Matthias erzählt, dass sie das Futter inzwischen dem Tierheim brachte, „damit es im Schrank nicht so still ist“.

Als sie am zweiten Dienstag hintereinander nicht erschien, fragte Matthias sofort nach ihr.

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