Sie sollte frisches Brot wegwerfen, doch ein hungriger Junge veränderte alles

Eine Woche später klopfte Jannis wieder an die Hintertür, aber diesmal kam er nicht wegen Brot.

Ich dachte zuerst, nach diesem Zettel würde alles wieder still werden.

So ist das oft im Leben.

Ein Moment trifft einen mitten ins Herz, man glaubt, jetzt müsse sich alles ändern. Und dann klingelt die Kasse wieder, jemand beschwert sich über zu kalten Kaffee, eine Kollegin sucht die Preisschilder, und draußen fährt die Straßenbahn vorbei, als wäre nichts gewesen.

Aber für mich war etwas anders.

Ich konnte den schwarzen Sack nicht mehr ansehen wie vorher.

Jeden Abend, wenn ich die Bleche leer räumte, sah ich nicht mehr nur Ware. Ich sah Jannis vor mir. Seine nassen Schuhe. Den Pfandbon in seiner Hand. Diesen Satz auf dem Zettel.

Danke, dass Sie mich nicht wie Müll behandelt haben.

Der Satz blieb in mir hängen wie ein Splitter.

Herr Voss kam in den nächsten Tagen öfter als sonst. Nicht laut. Nicht freundlich. Einfach nur da.

Er stellte Fragen.

Wie viel bleibt durchschnittlich übrig?

Welche Ware ist verpackt?

Was kann sauber getrennt werden?

Wer unterschreibt abends?

Ich antwortete sachlich. So wie ich immer gearbeitet hatte.

Aber jedes Mal, wenn er den Putzschrank öffnete, sah ich kurz zu dem Kanister.

Er stand hinten. Zugeschraubt. Unbenutzt.

Am dritten Abend sagte Herr Voss: „Frau Weber, Sie müssen nicht jedes Mal hinschauen.“

Ich wischte gerade die Theke ab.

„Doch“, sagte ich. „Ich glaube, genau das war jahrelang das Problem.“

Er sagte nichts mehr.

Am Donnerstag darauf regnete es wieder.

Nicht stark, aber so fein und kalt, wie es nur in Leipzig im Herbst regnen kann. Dieser Regen, der einem nicht auf die Jacke fällt, sondern direkt in die Knochen kriecht.

Es war wieder kurz vor halb zehn.

Die letzten Kunden waren gegangen. Eine ältere Dame hatte noch zwei Mohnbrötchen gekauft und mir erzählt, dass ihr Mann früher jeden Sonntag frische Semmeln geholt hatte.

Ich hatte gelächelt.

Manchmal sind Bäckereien kleine Beichtstühle mit Kuchentheke.

Auf den Blechen lagen noch fünf Roggenbrötchen, drei Brezeln, zwei Käsefladen und sechs süße Teilchen.

Nicht viel.

Aber genug, um jemanden durch eine Nacht zu bringen.

Ich machte die Liste fertig. Diesmal kam Herr Voss mit einem Klemmbrett aus dem Büro.

„Wir testen heute etwas“, sagte er.

„Was denn?“

Er räusperte sich.

„Übrig gebliebene Ware wird sortiert, dokumentiert und morgen früh von einer kleinen Ausgabestelle im Viertel abgeholt. Nichts Offizielles nach außen. Erst mal nur Probe.“

Ich sah ihn an.

Er wich meinem Blick aus.

„Natürlich nur, was hygienisch einwandfrei ist“, sagte er schnell. „Alles mit Datum, Unterschrift und Stückzahl.“

Ich hätte fast gelacht.

Nicht, weil es lustig war.

Sondern weil Herr Voss Menschlichkeit nur in Tabellenform ertragen konnte.

Aber vielleicht war das sein Weg.

Und manchmal muss man den Weg eines Menschen nicht schön finden, um zu sehen, dass er sich bewegt.

Ich nickte.

„Gut“, sagte ich. „Dann fangen wir an.“

Wir stellten zwei saubere Kisten auf den hinteren Tisch. Herr Voss schrieb mit. Ich legte die Backwaren hinein.

Fünf Roggenbrötchen.

Drei Brezeln.

Zwei Käsefladen.

Sechs süße Teilchen.

Er schrieb alles auf, als ginge es um Goldbarren.

Dann klopfte es.

Wieder zweimal.

Leise.

Ich spürte sofort, wie mein Herz schneller wurde.

Herr Voss hob den Kopf.

Ich ging zur Hintertür.

Draußen stand Jannis.

Diesmal hatte er die dünne Jacke offen. Darunter trug er einen alten Pullover, der an den Ärmeln ausgeleiert war. Seine Haare waren nass vom Regen.

Aber in seiner Hand hielt er keine Pfandbons.

Er hielt eine Papiertüte.

„Hallo, Klara“, sagte er.

Er sagte meinen Namen vorsichtig, als hätte er Angst, ihn zu verbrauchen.

„Hallo, Jannis.“

Er schaute an mir vorbei in den Laden.

Als er Herrn Voss sah, wurde sein Gesicht kleiner.

„Ich wollte nicht stören.“

„Tun Sie nicht“, sagte Herr Voss.

Das überraschte uns beide.

Jannis blinzelte.

Dann hielt er mir die Papiertüte hin.

„Ich wollte die zurückbringen.“

„Die Tüte?“

„Ja. Ich weiß nicht, ob man die wiederverwenden kann. Sie war sauber.“

Ich nahm sie.

Sie war ordentlich gefaltet. Wie am Morgen mit dem Zettel.

„Danke“, sagte ich leise.

Jannis trat von einem Fuß auf den anderen.

„Und ich wollte fragen, ob Sie vielleicht wissen, ob hier irgendwo jemand Arbeit sucht. Also nicht Arbeit sucht, sondern jemanden braucht. Ich kann früh aufstehen. Ich kann tragen. Putzen auch. Ich war mal in einer Backstube, aber nur kurz.“

Herr Voss legte den Stift hin.

Ganz langsam.

„Sie haben in einer Backstube gearbeitet?“

Jannis zuckte mit den Schultern.

„Zwei Monate. Dann ist meine Mutter krank geworden. Danach war alles ein bisschen durcheinander.“

Er sagte das so einfach.

Als wäre ein Leben etwas, das man kurz falsch zusammengefaltet hatte.

Ich fragte: „Wo schlafen Sie gerade?“

Er sah auf den Boden.

„Mal hier, mal da. Bei einem Kumpel, wenn seine Freundin nicht sauer ist. Manchmal in einem Keller. Aber ich komme klar.“

Ich hasste diesen Satz.

Ich komme klar.

Menschen sagen ihn oft genau dann, wenn gar nichts klar ist.

Herr Voss räusperte sich.

„Wir stellen nicht einfach jemanden an der Hintertür ein.“

Jannis nickte sofort.

„Nein, natürlich nicht. Entschuldigung. War eine dumme Frage.“

Er wollte schon gehen.

Da hörte ich meine eigene Stimme.

„War es nicht.“

Herr Voss sah mich an.

Diesmal sah ich nicht weg.

„Er hat gefragt. Mehr nicht.“

Es wurde still.

Draußen rauschte eine Straßenbahn über die Schienen. Dieses metallische Kreischen, das man in Leipzig irgendwann nicht mehr hört, bis es plötzlich genau in einem solchen Moment durch einen hindurchgeht.

Herr Voss nahm seine Brille ab.

Rieb sich über die Augen.

Dann sagte er: „Morgen früh um sieben. Nicht zum Arbeiten. Zum Reden. Ausweis, wenn vorhanden. Zeugnisse, wenn vorhanden. Wenn nicht, dann eben nicht.“

Jannis starrte ihn an.

„Echt?“

„Ich habe gesagt: zum Reden.“

„Ja. Ja, natürlich. Ich bin da.“

„Pünktlich.“

Jannis nickte so heftig, dass Regentropfen von seinen Haaren fielen.

„Ich bin pünktlich.“

Dann sah er mich an.

Und wieder war da dieses kleine Lächeln, das nicht wusste, ob es bleiben durfte.

„Danke.“

Ich sagte nichts.

Manchmal ist ein Danke so schwer, dass man es nicht noch schwerer machen darf.

Am nächsten Morgen stand Jannis um 6.32 Uhr vor der Tür.

Nicht sieben.

6.32 Uhr.

Ich war gerade dabei, die ersten Bleche einzuschieben, als ich ihn draußen sah. Er stand unter dem kleinen Vordach und hielt beide Hände in den Taschen.

Neben ihm stand Herr Voss.

Mit zwei Pappbechern Kaffee.

Ich blieb einen Moment stehen.

Herr Voss hielt ihm einen Becher hin.

Jannis nahm ihn mit beiden Händen.

Nicht gierig.

Eher erstaunt.

Als hätte ihm lange niemand mehr einfach so etwas Warmes gegeben.

Das Gespräch dauerte zwanzig Minuten.

Ich hörte nur Bruchstücke.

„Probe.“

„Pünktlichkeit.“

„Keine Versprechen.“

„Wir schauen.“

„Papierkram später.“

Jannis nickte viel. Herr Voss sprach langsam. Nicht weich. Aber auch nicht hart.

Gegen acht kam er zu mir hinter die Theke.

„Frau Weber“, sagte Herr Voss, „Herr … Jannis macht heute zwei Stunden mit. Lager, Spülbereich, einfache Tätigkeiten. Unter Aufsicht.“

„Herr Jannis?“, fragte ich.

Herr Voss wurde leicht rot.

„Ich kenne seinen Nachnamen noch nicht.“

Jannis hob schüchtern die Hand.

„Kramer. Jannis Kramer.“

„Gut“, sagte Herr Voss. „Herr Kramer.“

Ich biss mir auf die Lippe, damit ich nicht lächelte.

Jannis arbeitete, als würde von jeder Bewegung sein ganzes Leben abhängen.

Er trug Kisten, als wären sie zerbrechlich.

Er wischte den Boden zweimal, obwohl einmal gereicht hätte.

Er fragte, bevor er etwas anfasste.

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