Sie hatte uns ihre Welpen zeigen wollen.
Während wir die ganze Zeit versucht hatten, sie zur geöffneten Tür zu locken, hatte sie nur darauf geachtet, dass wir die beiden Kleinen nicht übersahen.
Ihr Körper lag direkt vor dem schmalen Spalt.
Dort, wo Luft durch das beschädigte Gitter kam, hatte sie sich so positioniert, dass die Welpen geschützt hinter ihr lagen.
Sie selbst lag nicht einmal an der Stelle mit der meisten frischen Luft.
Die hatte sie ihren Kindern überlassen.
Ich musste schlucken.
Peter stand regungslos neben der Tür.
„Die hat die ganze Zeit auf die Kleinen aufgepasst“, sagte er.
Gabriele nickte langsam.
„Und sie passt immer noch auf.“
Wir wussten nicht, wie lange die drei bereits in diesem Container gewesen waren.
Wir wussten nicht, wann sie zuletzt richtig gefressen hatten.
Aber wir sahen, dass diese Hündin selbst in ihrem erbärmlichen Zustand noch versuchte, ihre Welpen zu beschützen.
Gabriele holte eine kleine Transportbox.
„Wir nehmen zuerst die Babys“, erklärte sie. „Aber ganz langsam. Die Mutter muss sehen können, was wir tun.“
Sie griff vorsichtig nach dem hellbraunen Welpen.
Die Hündin hob sofort den Kopf.
Ihre Augen folgten jeder Bewegung.
„Alles gut, Mama“, sagte Gabriele. „Schau, ich tu ihm nichts.“
Sie legte den Welpen in die mit einer Decke ausgepolsterte Box.
Dann nahm sie den zweiten.
Er war so schwach, dass er kaum reagierte.
Die Hündin streckte ihren Hals ein Stück nach vorne.
Erst als Gabriele beide Welpen dicht neben ihr abstellte, senkte sie den Kopf wieder.
Ich hatte das Gefühl, sie hätte die ganze Zeit die Luft angehalten.
„Jetzt bist du dran“, sagte Gabriele.
Wir hoben die Hündin vorsichtig auf eine Trage.
Sie wog erschreckend wenig.
Ihre Augen blieben auf die Transportbox gerichtet.
Gabriele hielt sie so, dass die Mutter ihre Jungen sehen konnte.
Während wir sie nach draußen brachten, hörte ich plötzlich ein leises Fiepen.
Der hellbraune Welpe hatte den Kopf gehoben.
Die Hündin bewegte ihr rechtes Ohr.
Es war nur eine winzige Reaktion.
Aber sie hatte ihn gehört.
Und irgendwie berührte mich gerade das besonders.
In der Tierarztpraxis wurden alle drei sofort untersucht.
Die Mutter war stark unterernährt und ausgetrocknet. Die Welpen waren ebenfalls in einem kritischen Zustand.
Niemand wollte uns versprechen, dass sie es schaffen würden.
Die Tierärztin erklärte, dass die nächsten Tage entscheidend seien.
„Wir machen alles, was möglich ist“, sagte sie. „Mehr kann ich im Moment nicht sagen.“
Ich blieb noch eine Weile vor der Praxis stehen.
Eigentlich hätte ich zurück zur Wache gemusst.
Aber meine Gedanken waren immer noch in diesem Container.
Bei einer Hündin, die kaum noch stehen konnte und trotzdem versucht hatte, uns den Weg zu ihren Jungen zu zeigen.
Als ich schließlich wieder ins Feuerwehrfahrzeug stieg, fragte Peter:
„Geht’s dir gut?“
Ich nickte.
Aber es stimmte nicht ganz.
Am Nachmittag kam ein weiterer Anruf aus dem Gewerbegebiet.
Bei der Überprüfung der benachbarten Lagerflächen hatte man noch mehr Tiere entdeckt.
Zunächst waren es vier Hunde.
Dann elf.
Dann immer mehr.
Am Abend waren insgesamt 66 Hunde erfasst, die aus mehreren Lagerbereichen und provisorischen Unterkünften versorgt und untergebracht werden mussten.
Nicht alle befanden sich in so schlechtem Zustand wie die Hündin aus dem ersten Container.
Aber viele brauchten dringend Hilfe.
Die Behörden begannen zu ermitteln, wie die Tiere dorthin gekommen waren und wer für ihre Versorgung verantwortlich gewesen war.
Für uns bedeutete es einen langen Einsatz.
Weitere Helfer kamen hinzu. Transportboxen wurden gebracht, Tierärzte verständigt und geeignete Unterkünfte organisiert.
Überall wurden Hunde untersucht, versorgt und vorsichtig in Sicherheit gebracht.
Doch obwohl wir an diesem Tag so viele Tiere fanden, ging mir eine einzige Hündin nicht mehr aus dem Kopf.
Die mit dem eingerissenen linken Ohr.
Und dem weißen Fleck auf der Brust.
Am nächsten Morgen rief ich in der Tierarztpraxis an.
„Guten Morgen. Hier ist Klaus Hoffmann von der Feuerwehr. Ich wollte mich nach der Schäferhund-Mischlingshündin erkundigen.“
Die Mitarbeiterin wusste sofort, wen ich meinte.
„Ach, unsere tapfere Mama.“
Ich hielt den Hörer fester.
„Wie geht es ihr?“
„Sie ist stabil. Die Welpen auch. Aber alle drei sind noch sehr schwach.“
Ich schloss kurz die Augen.
Zum ersten Mal seit dem Einsatz konnte ich richtig aufatmen.
Drei Tage später durfte ich sie besuchen.
Gabriele war ebenfalls da.
Die Hündin lag auf einer weichen Decke in einem ruhigen Raum.
Ihre Welpen schliefen neben ihr.
Als ich eintrat, hob sie den Kopf.
Ich wusste natürlich nicht, ob sie mich wiedererkannte.
Vielleicht reagierte sie nur auf meine Stimme.
Aber als ich mich hinkniete und sagte: „Hallo, meine Gute“, begann ihre Schwanzspitze langsam über die Decke zu streichen.
Gabriele lächelte.
„Sie heißt jetzt Alma.“
„Alma?“
„Wir mussten ihr ja einen Namen geben.“
Ich sah die Hündin an.
„Passt zu dir.“
In den folgenden Wochen erkundigte ich mich regelmäßig nach ihr.
Manchmal fuhr ich nach dem Dienst vorbei.
Alma nahm langsam zu. Ihr Fell wurde kräftiger, und irgendwann konnte sie wieder ohne Hilfe aufstehen.
Ihre beiden Welpen entwickelten sich ebenfalls gut.
Der hellbraune bekam den Namen Max.
Der dunkle hieß Moritz.
Als die beiden groß genug waren, begannen sie durch den Raum zu tapsen, miteinander zu spielen und neugierig alles zu beschnuppern.
Alma beobachtete sie aufmerksam.
Doch etwas fiel Gabriele auf.
Sobald irgendwo eine Tür geöffnet wurde, hob Alma den Kopf.
Wenn jemand eine Transportbox verschob, stand sie auf.
Und wenn ihre Welpen hinter einem Möbelstück verschwanden, ging sie sofort hinterher.
Sie war körperlich auf dem Weg der Besserung.
Aber sie konnte noch nicht richtig entspannen.
„Sie hat wahrscheinlich gelernt, ständig aufpassen zu müssen“, erklärte Gabriele.
Einmal beobachtete ich, wie Alma auf ihrer Decke lag.
Max und Moritz schliefen friedlich an ihrer Seite.
Niemand störte sie.
Trotzdem hielt sie den Kopf hoch und blickte zur Tür.
Sie sah müde aus.
So unglaublich müde.
Ich setzte mich neben sie.
„Du darfst jetzt schlafen, Alma“, flüsterte ich.
Natürlich verstand sie meine Worte nicht so wie ein Mensch.
Aber ich sagte sie trotzdem.
„Hier passt jemand auf euch auf.“
Einige Wochen später fanden beide Welpen ein neues Zuhause.
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