Wenn Sie den ersten Teil gelesen haben, wissen Sie schon, warum ich das Bild mit dem gelben Licht bis heute nicht vergessen habe.
Es lag zuerst ein paar Tage in meiner Schublade.
Dann stellte ich es hinten im Pausenraum an die Wand, zwischen Dienstpläne, Kassenhinweise und einen verblassten Kalender, den längst niemand mehr umblätterte.
Eigentlich passte es dort gar nicht hin.
Zwischen all dem Papierkram wirkte dieses Kinderbild fast fehl am Platz.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum ich es nicht weglegte.
Im Notdienst sieht man vieles.
Zu vieles manchmal.
Man sieht Menschen in Schlafanzughosen und Wintermänteln, mit zitternden Händen, mit roten Augen, mit Sorgen, die größer sind als das Rezept in ihrer Hand.
Und meistens erfährt man nie, wie ihre Geschichte weitergeht.
Sie kommen, sie zahlen, sie gehen.
Oder sie kommen, sie können nicht zahlen, und dann bleibt einem dieser Blick noch lange im Kopf.
Deshalb war dieser Umschlag mit den 13,50 Euro und der Zeichnung für mich mehr als nur ein Nachreichen.
Er war so etwas wie eine Antwort auf eine Frage, die einem in diesem Beruf oft offenbleibt.
Nämlich, ob jemand wieder aufatmen konnte.
Ob ein Kind gesund wurde.
Ob eine Nacht, die für einen Menschen zu schwer war, am Ende doch nicht alles kaputtgemacht hat.
Ich sah die Mutter in den Wochen danach nicht mehr.
Der Alltag schob sich wieder dazwischen.
Rezepte.
Lieferengpässe.
Nachtschichten.
Menschen, die zu spät merkten, dass sie ihre Tabletten nicht mehr hatten.
Menschen, die mit Bauchschmerzen kamen und eigentlich Trost brauchten.
Und trotzdem blieb diese Nacht irgendwo bei mir hängen.
Nicht nur wegen des Kindes.
Auch wegen dieses Satzes.
„Mama, müssen wir was dalassen?“
Manche Sätze verschwinden sofort.
Andere bleiben wie ein kleiner Splitter unter der Haut.
Ein paar Monate später war ich wieder im Spätdienst.
Es war kein Notdienst, noch nicht ganz Nacht, aber die Apotheke war schon ruhiger geworden.
Draußen dämmerte es.
Das Licht vor der Tür spiegelte sich im Glas, und drinnen roch es wie immer nach Karton, Teeproben und Desinfektionsmittel.
Ich sortierte gerade eine Lieferung ein, als vorne jemand meinen Namen sagte.
Nicht laut.
Eher vorsichtig, als sei die Person nicht sicher, ob sie stören dürfe.
Ich ging nach vorn.
Und da stand sie wieder.
Dieselbe Frau.
Nur dass sie diesmal anders dastand.
Nicht gerade entspannt.
Aber auch nicht mehr so, als müsse sie gleich zusammenbrechen.
Neben ihr stand die Kleine, ein Stück gewachsen vielleicht, mit festem Blick und demselben Stoffhasen unter dem Arm.
Sie erkannte mich sofort.
Kinder tun das manchmal.
Viel schneller als Erwachsene.
„Das ist er“, sagte sie zu ihrer Mutter. „Der Mann von der Klappe.“
Ich musste unwillkürlich lächeln.
Die Mutter wurde rot und strich dem Kind eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Ich hoffe, das ist nicht unhöflich“, sagte sie. „Wir waren in der Nähe. Da dachte ich… vielleicht sind Sie da.“
„Ich bin da“, sagte ich.
Mehr fiel mir in dem Moment gar nicht ein.
Sie hielt eine kleine Papiertüte in der Hand.
Nichts Großes.
Keine übertriebene Geste.
Einfach eine braune Tüte vom Bäcker.
„Für die Pause“, sagte sie und stellte sie auf den Tresen. „Meine Tochter wollte unbedingt etwas mitbringen.“
Das Mädchen nickte ernst.
„Rosinenschnecken“, sagte sie. „Aber nur zwei. Sonst wird’s zu teuer.“
Die Mutter schloss kurz die Augen.
Nicht genervt.
Eher so, als würde ihr das Herz gleichzeitig warm und schwer werden.
Ich kann nicht genau erklären, warum mich dieser Satz fast genauso traf wie ihr Satz in der Nacht damals.
Vielleicht, weil man merkte, dass Geld in dieser kleinen Familie nicht einfach ein Thema war.
Sondern etwas, das immer mit im Raum saß.
Bei jedem Einkauf.
Bei jeder Entscheidung.
Sogar bei zwei Rosinenschnecken.
„Das wäre nicht nötig gewesen“, sagte ich.
„Ich weiß“, antwortete die Mutter. „Aber ich wollte trotzdem nicht einfach nur Danke sagen und wieder verschwinden.“
Die Kleine legte beide Hände auf den Tresen und beugte sich ein Stück vor.
„Ich hatte keine Ohrenschmerzen mehr“, erklärte sie mir, als müsste sie einen wichtigen Bericht abgeben. „Und auch kein Feuer mehr im Kopf.“
„Das ist gut“, sagte ich.
„Mama hat die Medizin nach Erdbeere gerochen“, fügte sie hinzu.
„Sie hat nicht nach Erdbeere gerochen“, sagte die Mutter leise.
„Aber besser als vorher“, sagte das Kind.
Und zum ersten Mal lachte die Mutter richtig.
Nicht viel.
Nur kurz.
Aber ich merkte sofort, wie anders ein Mensch aussieht, wenn er lacht, nachdem man ihn einmal in purer Verzweiflung gesehen hat.
Sie blieb noch einen Moment stehen.
Nicht, weil sie etwas kaufen wollte.
Sondern weil da offensichtlich noch etwas war, das sie loswerden wollte.
„Darf ich Ihnen etwas sagen?“, fragte sie.
„Natürlich.“
Sie sah kurz auf ihre Tochter hinunter, dann wieder zu mir.
„In dieser Nacht“, begann sie, „bin ich nicht nur wegen des Fiebers fast zusammengebrochen.“
Ich sagte nichts.
Es war einer dieser Momente, in denen jedes vorschnelle Wort zu viel gewesen wäre.
„Ich hatte vorher schon zwei Briefe nicht mehr aufgemacht“, sagte sie. „Dann noch einen. Dann noch einen. Irgendwann macht man sie gar nicht mehr auf, weil man sowieso denkt, dass nichts Gutes drinsteht.“
Sie lächelte bitter.
„Und an dem Abend, bevor das Fieber hochging, habe ich die Karte ausprobiert und wusste schon, dass es eng wird. Ich bin trotzdem los. Mit dem Gedanken: Vielleicht reicht es irgendwie. Vielleicht wird es schon gehen.“
Ich nickte nur.
Mehr brauchte es nicht.
Sie fuhr fort, ruhiger jetzt.
„Als Sie damals gesagt haben, dass ich in dieser Nacht einfach nur eine Mutter mit einem kranken Kind bin… das war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich mich nicht wie ein Versagen gefühlt habe.“
Hinter uns piepte irgendwo ein Gerät.
Die Tür ging auf, dann wieder zu.
Aber für einen kurzen Moment war es trotzdem ganz still zwischen uns.
„Am nächsten Morgen habe ich zum ersten Mal seit Monaten jemanden angerufen“, sagte sie.
„Wen?“
„Meine Schwester.“
Sie lächelte, diesmal weicher.
„Wir hatten kaum noch Kontakt. Nicht wegen Streit. Eher wegen Scham. Ich wollte nicht, dass jemand merkt, wie knapp alles geworden ist.“
Das kannte ich.
Nicht aus dem eigenen Leben vielleicht, aber aus vielen Gesichtern.
Menschen ziehen sich nicht immer zurück, weil sie niemanden mögen.
Oft ziehen sie sich zurück, weil sie nicht gesehen werden wollen, wenn es ihnen schlechtgeht.
„Meine Schwester ist noch am selben Tag gekommen“, sagte sie. „Mit Suppe, Kindertee und genau dieser Art von Blick, bei dem man sofort weiß, dass man sich viel zu lange allein gemacht hat.“
Die Kleine zog inzwischen ihren Stoffhasen über die glatte Theke, als würde er Schlittschuh laufen.
Ich ließ sie.
„Seitdem ist nicht plötzlich alles leicht“, sagte die Mutter. „Aber es ist nicht mehr so still. Verstehen Sie?“
Ich verstand sehr gut.
Nicht mehr so still.
Manchmal sind das die größten Fortschritte.
Nicht das große Wunder.
Nicht die perfekte Lösung.
Sondern einfach nur, dass es nicht mehr so still ist.
Von da an kamen die beiden ab und zu vorbei.
Nicht ständig.
Nicht aufdringlich.
Einfach immer mal wieder.
Manchmal für ein Pflaster.
Manchmal für Hustensaft.
Einmal nur, weil die Kleine mir ihr neues Regenbogenkleid zeigen wollte, das sie auf einem Kinderflohmarkt gefunden hatte.
„Für drei Euro“, sagte sie stolz.
„Und es hat Taschen!“
Es gibt wenig Ernsthafteres als die Freude eines Kindes über Kleider mit Taschen.
Mit der Zeit erfuhr ich auch ihren Namen.
Die Mutter hieß Miriam.
Die Kleine hieß Leni.
Es fühlte sich merkwürdig an, dass ich sie so lange nur als „die Frau von damals“ und „das fiebernde Kind“ in meinem Kopf getragen hatte.
Namen ändern etwas.
Mit einem Namen wird ein Mensch nicht mehr bloß zu einer Erinnerung.
Er bekommt wieder Gegenwart.
Eines Tages kam Miriam allein.
Es war früher Nachmittag, die Apotheke voll, der typische Stundenwechsel zwischen Menschen, die gerade vom Arzt kamen, und denen, die schnell noch etwas holen wollten, bevor sie die Kinder abholten.
Ich sah sie trotzdem sofort.
Sie wirkte nervös.
Nicht so wie damals.
Anders.
Als hätte sie etwas vor, das ihr Überwindung kostete.
„Haben Sie kurz eine Minute?“, fragte sie, als es wieder etwas leerer wurde.
Ich trat einen Schritt zur Seite.
„Natürlich.“
Sie hielt einen Zettel in der Hand.
Schon vom Falten weich an den Kanten.
„Die Sache ist die“, sagte sie, „ich arbeite seit kurzem wieder stundenweise. Vormittags, wenn Leni im Kindergarten ist.“
„Das ist gut.“
„Ja“, sagte sie. „Es ist gut. Anstrengend, aber gut.“
Dann hielt sie mir den Zettel hin.
„Und jetzt gibt es in zwei Wochen einen Elternabend im Kindergarten. Es geht um so eine Sammelaktion für Familien, denen manchmal das Nötigste fehlt. Keine große Veranstaltung. Nur eine Kiste, in die jeder anonym etwas legen kann.“
Ich sah auf den Zettel.
Darauf stand in krakeliger Handschrift eine kleine Liste.
Kinderzahnpasta.
Fieberthermometer.
Tee.
Nasenspray.
Pflaster.
Malstifte.
Und unten: Falls möglich, auch kleine Kuscheltiere.
„Ich wollte fragen“, sagte Miriam, „ob ich das hier aufhängen darf. Nur ein paar Tage. Nicht als Werbung. Eher… als Erinnerung, dass man manchmal Hilfe braucht, bevor alles zu viel wird.“
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