Am Morgen nach meinem ersten richtigen Treiben war das Wasser warm – aber Ruth war nicht da.
Sieben Uhr.
Das Drehkreuz piepte wie immer. Der Chlorgeruch lag wie eine vertraute Decke in der Luft.
Ich zog mein Armband fester, als würde es mich festhalten.
Im Becken spiegelten sich die Deckenlampen – glattes Licht auf glattem Blau.
Ruths Platz war leer.
Da, wo sie sonst auf dem Rücken lag, ruhig, als hätte die Welt Pause.
„Vielleicht verschlafen“, sagte Ludwig.
Er versuchte es beiläufig. Aber seine Hände waren zu still.
Kira schwamm eine halbe Bahn, stoppte, lehnte sich an den Rand.
Sie blickte zur Tür, als könnte sie Ruth herbeiziehen, wenn sie nur lange genug schaut.
Ich tat so, als wäre es nichts.
Ich ging im Flachen hin und her, Schritt für Schritt, wie Ruth es mir beigebracht hatte.
Aber plötzlich merkte ich:
Ohne Ruth klang das Becken anders.
Nicht lauter. Nur… einsamer.
Am zweiten Morgen war sie wieder nicht da.
Am dritten auch nicht.
Ich fragte an der Kasse, und sofort kam dieses freundliche, harte Gesicht:
„Dazu dürfen wir nichts sagen.“
Datenschutz.
Ein Wort, das sich manchmal wie eine Tür anfühlt, die einem vor der Nase zufällt.
Ich nickte, als würde ich das verstehen.
Und ging zurück ins Wasser, obwohl mein Bauch sich zusammenzog.
Kira stand neben mir am Rand.
„Sie ist nicht so“, sagte sie leise. „Sie verschwindet nicht einfach.“
Ludwig räusperte sich.
„Vielleicht… hat sie was. Irgendwas.“
Wir sprachen das Wort nicht aus.
Wir taten so, als wäre es zu groß für sieben Uhr morgens.
Dann kam der Teenager.
Er hatte einen zu großen Hoodie an und hielt die Eintrittskarte, als würde sie ihn verraten.
Er blieb am Rand stehen, dort, wo man notfalls sofort wieder raus kann.
Seine Augen sprangen über das Becken, als suche er einen Fluchtweg.
„Morgen“, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
Er nickte nur.
Kira musterte ihn kurz und sah dann weg.
So, wie sie immer wegschaut, wenn sie merkt, dass jemand brüchig ist.
Der Junge ging ins Flache, zwei Schritte, dann noch einen.
Er hielt die Luft an, als wäre Wasser eine Prüfung.
„Bleib im Flachen“, hörte ich Ruths Stimme in meinem Kopf.
„Geh einfach.“
Der Junge blieb stehen.
Sein Blick wurde starr, und plötzlich griff er mit beiden Händen nach dem Rand.
Nicht dramatisch.
Nur… so, wie ich früher gegriffen habe, wenn ich nicht zeigen wollte, dass ich Angst habe.
Ich war schon bei ihm, bevor ich nachgedacht hatte.
„Alles gut“, sagte ich nicht.
Stattdessen sagte ich: „Atmen.“
Einfach nur dieses Wort, leise, ohne Theater.
Er schaute mich an.
Dann atmete er aus, als hätte er es die ganze Zeit vergessen.
„Ich…“, begann er, und brach ab.
Seine Handknöchel waren weiß am Rand.
„Constanze“, sagte ich.
„Ich bin nur Constanze. Kein Muss hier.“
Er schluckte.
„Noah“, sagte er dann. „Ich… bin eigentlich nicht so.“
Ich nickte, als wäre das völlig normal.
Weil es das ist. Weil niemand „eigentlich“ so ist.
Nach dem Schwimmen standen wir zu dritt kurz am Beckenrand.
Ludwig trocknete sich die Brille ab, Kira zog die Kappe runter.
Noah blieb noch im Wasser.
Er ging. Einen Schritt. Noch einen.
Hin und zurück, wie ich.
Wie ein kleiner, sturer Anfang.
Am vierten Tag nahm Kira plötzlich das Wort in die Hand, wie einen Stein.
„Wir können eine Nachricht hinterlassen“, sagte sie.
„An wen?“, fragte Ludwig.
„An Ruth. Wenn sie wiederkommt.“
Also gingen wir zur Kasse.
Wir baten das Personal, ihr auszurichten, dass wir uns sorgen.
Nicht mehr.
Kein Drama. Kein Druck.
Nur: Wir sind da.
Als ich am nächsten Morgen durchs Drehkreuz ging, lag ein Zettel in meinem Spind.
Nicht in meinem, natürlich. Im Gang, an der Pinnwand.
Ein kleiner, sauberer Zettel.
In einer Handschrift, die ich sofort erkannte.
Bin da. Morgen. – Ruth
Mehr stand nicht da.
Und mir wurde so schwindlig vor Erleichterung, als hätte ich kurz den Boden verloren.
Am nächsten Morgen war sie tatsächlich da.
Sie lag auf dem Rücken, wie immer.
Aber etwas war anders.
Nicht im Körper – im Blick.
Sie trieb nicht, um Frieden zu finden.
Sie trieb, als müsste sie irgendwohin, wo es still ist.
Als sie an den Rand kam, sagte sie nur: „Morgen.“
Ihre Stimme war wie ein Handtuch: trocken, schlicht, notwendig.
Kira fragte nicht. Ludwig auch nicht.
Ich auch nicht.
Wir schwammen.
Wir gingen. Wir übten. Wir taten, was wir immer taten.
Und irgendwann, als ich mich am Rand festhielt und langsam die Beine bewegte, sagte Ruth:
„Danke.“
Nur dieses eine Wort.
Nicht an jemanden – einfach in die Luft.
Ludwig blinzelte.
Kira schaute kurz ins Wasser.
Ich sagte: „Wir haben uns nur Sorgen gemacht.“
Und sofort klang es zu groß.
Ruth nickte.
„Ich musste weg“, sagte sie. „Nur kurz. Es war… viel.“
Mehr sagte sie nicht.
Und ich merkte: Das ist ihr Schutz. Nicht unsere Aufgabe, ihn aufzubrechen.
In der Woche darauf kam Ruth wieder jeden Morgen.
Aber nicht immer pünktlich.
Manchmal zehn Minuten später.
Manchmal mit roten Augen, als hätte sie auf dem Weg gegen etwas geweint, das nicht aufhört.
Und dann, eines Morgens, blieb sie am Rand stehen und sah uns nacheinander an.
„Ich schaff’s nicht jeden Tag“, sagte sie.
Es war kein Geständnis.
Es war eine sachliche Wahrheit.
„Dann eben nicht“, sagte Ludwig sofort.
Er klang beinahe beleidigt, als hätte jemand ihr etwas Unmögliches abverlangt.
Kira nickte nur.
Und ich hörte mich sagen: „Wir halten den Platz.“
Ruths Blick blieb an mir hängen.
„Welchen Platz?“
„Sieben Uhr“, sagte ich.
„Das Flache. Das Treiben. Das Auftauchen.“
Ruth sah kurz weg.
Und ich wusste: Das hat sie getroffen.
Am nächsten Tag brachte Ludwig einen wasserfesten Stift mit.
Kein Geschenk, kein Symbol. Nur etwas Praktisches.
Er schrieb auf einen kleinen Zettel und klebte ihn innen an sein Spindfach:
DA.
Kira tat es ihm gleich.
Noah auch, schweigend.
Ich schrieb DA mit zittriger Hand, als wäre es ein Schwur.
Und plötzlich fühlte sich das nicht kitschig an.
Sondern wie etwas, das man in sich trägt, wenn es draußen wackelt.
In den folgenden Wochen kamen die Neuen öfter.
Der Mann nach der OP hieß Martin und machte alles vorsichtig, als würde sein Körper noch verhandeln.
Die Frau mit den dauernden Schmerzen hieß Heike.
Sie sagte manchmal gar nichts und blieb trotzdem.
Und Noah… Noah kam jeden zweiten Tag.
Immer im Hoodie, immer angespannt, aber er kam.
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