Unser Hund lief immer wieder davon, bis wir entdeckten, wen er im Tierheim niemals vergessen konnte

Wir haben unserem Hund ein liebevolles Zuhause gegeben, doch er lief viermal davon. Als wir ihm heimlich folgten, entdeckten wir im Tierheim ein Geheimnis, das uns zu Tränen rührte.

„Dieter, er ist schon wieder weg!“

Meine Frau Brigitte stand in der offenen Terrassentür. Ihre Stimme klang verzweifelt. Ich legte die Zeitung beiseite und wusste sofort, wen sie meinte.

Fiete. Unser Labrador.

Zum vierten Mal innerhalb von sechs Wochen war er aus unserem Haus verschwunden.

Wir hatten ihn aus einem Tierheim in der Nähe von Kassel geholt. Er war knapp vier Jahre alt, hatte honigfarbenes Fell und diese großen braunen Augen, bei denen man einfach nicht anders konnte, als ihn lieb zu haben.

Wir hatten ihm alles gegeben, was ein Hund brauchen konnte.

Ein warmes Körbchen im Wohnzimmer. Gutes Futter. Lange Spaziergänge am Waldrand. Einen großen Garten, in dem er herumtoben durfte.

Brigitte hatte sogar ihre alte Lieblingsdecke auf seinen Schlafplatz gelegt, weil er sich so gern darauf zusammenrollte.

Und trotzdem lief er immer wieder weg.

Das Seltsame war nur: Fiete verschwand nie für lange.

Jedes Mal fanden wir ihn an derselben Stelle wieder.

Vor dem Tierheim.

Beim ersten Mal dachte ich noch, er hätte sich einfach verlaufen. Vielleicht kannte er die Gegend noch nicht gut genug.

Beim zweiten Mal wurde ich nachdenklich.

Beim dritten Mal war Brigitte überzeugt, dass wir etwas falsch machten.

„Vielleicht gefällt es ihm bei uns nicht“, sagte sie eines Abends leise.

Wir saßen am Küchentisch. Fiete lag neben ihren Füßen und schlief.

„Was sollen wir denn noch machen?“, fragte ich. „Wir kümmern uns doch um ihn.“

Brigitte sah zu ihm hinunter.

„Vielleicht vermisst er sein altes Leben.“

Dieser Satz blieb mir im Kopf.

Dabei hatte Fiete sich vom ersten Tag an bei uns wohlgefühlt. Er fraß gut, spielte mit uns und freute sich jedes Mal, wenn einer von uns nach Hause kam.

Abends lag er am liebsten zwischen uns auf dem Sofa.

Er war kein ängstlicher Hund. Er wirkte auch nicht unglücklich.

Aber manchmal stand er plötzlich vor unserer Haustür, hob den Kopf und schaute lange hinaus.

Dann winselte er ganz leise.

Wir verstanden nicht, was er wollte.

Bis zu jenem Dienstagmorgen.

Es war genau 6.47 Uhr, als Brigitte und ich in unserem Wagen saßen.

Wir hatten eine Entscheidung getroffen.

Diesmal wollten wir nicht erst losfahren, wenn Fiete verschwunden war. Wir wollten herausfinden, wohin er ging und warum.

Natürlich war uns nicht wohl dabei, ihn überhaupt hinauszulassen. Deshalb hatten wir vorher dafür gesorgt, dass er nicht auf eine stark befahrene Straße gelangen konnte, ohne dass wir in seiner Nähe waren.

Wir parkten ein Stück von unserem Haus entfernt und behielten den Garten im Blick.

Die Terrassentür stand einen Spalt offen.

Dann erschien Fiete.

Er trat vorsichtig hinaus, blieb auf der Terrasse stehen und sah sich um.

Für einen Augenblick dachte ich, er würde umkehren.

Doch dann lief er los.

„Da ist er“, flüsterte Brigitte.

Ich startete den Wagen.

Wir folgten ihm mit großem Abstand, hielten zwischendurch an und achteten darauf, dass er uns nicht bemerkte.

Fiete lief nicht wie ein Hund, der einfach nur die Gegend erkunden wollte.

Er schnüffelte kaum. Er blieb nicht an den üblichen Stellen stehen. Nicht einmal eine Katze, die hinter einem Gartenzaun saß, interessierte ihn.

Er hatte ein Ziel.

Und er kannte den Weg ganz genau.

Nach einigen Minuten bog er in eine kleine Seitenstraße ein.

Ich sah das Gebäude schon von Weitem.

Das Tierheim.

„Ich habe es gewusst“, sagte Brigitte.

Doch diesmal geschah etwas anderes.

Fiete lief nicht zum Haupteingang.

Er umrundete das Gebäude und verschwand hinter einer Ecke.

Wir stellten den Wagen ab und gingen ihm nach.

An der Rückseite des Tierheims befand sich ein kleiner Wirtschaftshof. Ein Mitarbeiter war gerade dabei, Futterkisten aus einem Lieferwagen zu tragen.

Die Seitentür zum Gebäude stand offen.

Fiete schlüpfte hinein.

„Entschuldigung!“, rief ich dem Mann zu. „Das ist unser Hund!“

Er schaute überrascht auf.

„Ach, der Fiete ist wieder da?“

Seine Worte machten mich stutzig.

Wieder da?

Es klang, als wäre unser Hund hier längst kein unbekannter Besucher mehr.

Der Mitarbeiter führte uns durch die Tür und bat uns, kurz zu warten.

Doch Fiete war bereits den Flur entlanggelaufen.

Wir hörten seine Pfoten auf dem Boden.

Dann wurde es still.

Wenige Augenblicke später kam eine Frau auf uns zu.

Sie war ungefähr Mitte fünfzig, trug eine grüne Arbeitsjacke und hatte ihre grauen Haare zu einem Zopf gebunden.

„Sie müssen die neuen Besitzer von Fiete sein“, sagte sie.

„Ja. Ich bin Dieter, das ist meine Frau Brigitte.“

„Ich heiße Petra. Ich arbeite schon seit vielen Jahren hier.“

Sie lächelte freundlich.

Dann schaute sie den Gang hinunter.

„Ich glaube, jetzt sollten Sie etwas sehen.“

Wir folgten ihr.

Der Flur führte in einen älteren Teil des Tierheims, den wir bei unseren Besuchen nie betreten hatten.

Aus einigen Räumen hörte man Hunde bellen.

Fiete stand ganz am Ende des Ganges.

Vor einer Gittertür.

Er bewegte sich keinen Zentimeter.

Als wir näher kamen, sah ich, dass hinter dem Gitter ein zweiter Hund lag.

Ein alter Golden Retriever.

Sein Fell war hell und stellenweise fast weiß. Besonders um die Schnauze herum war es vollständig ergraut.

Er wirkte müde.

Doch als er Fiete bemerkte, hob er sofort den Kopf.

Was dann geschah, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Der alte Hund stand langsam auf.

Seine Hinterbeine waren etwas steif, und er brauchte einen Moment, bis er sicher stand.

Dann ging er zur Tür.

Fiete begann aufgeregt mit dem Schwanz zu wedeln.

Er gab ein leises Winseln von sich.

Der alte Retriever antwortete mit einem ähnlichen Laut.

Dann drückten beide ihre Nasen von gegenüberliegenden Seiten gegen das Gitter.

Sie standen so dicht beieinander, wie es ihnen möglich war.

Fiete leckte vorsichtig durch die Zwischenräume.

Der alte Hund schloss dabei die Augen.

Brigitte griff nach meinem Arm.

„Dieter“, flüsterte sie. „Die kennen sich.“

Petra nickte.

„Und wie.“

Sie blieb neben uns stehen.

„Der alte Herr heißt Willi. Er ist zwölf Jahre alt.“

Ich sah wieder zu den beiden Hunden.

Fiete hatte sich inzwischen vor der Tür hingelegt. Sein Kopf ruhte direkt am Gitter.

Willi legte sich auf die andere Seite.

Ihre Nasen berührten sich noch immer.

„Was ist das für eine Geschichte?“, fragte ich.

Petra atmete tief durch.

„Eine ziemlich traurige. Aber vielleicht bekommt sie heute endlich eine gute Wendung.“

Sie erzählte uns, dass Fiete ungefähr acht Monate in diesem Tierheim gelebt hatte.

Man hatte ihn allein an einer Landstraße gefunden. Niemand hatte ihn vermisst gemeldet.

Willi war einige Wochen später gekommen.

Seine früheren Besitzer waren ein älteres Ehepaar gewesen. Beide konnten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr allein zu Hause wohnen und mussten in eine Pflegeeinrichtung umziehen.

Sie hatten Willi viele Jahre lang geliebt.

Doch in ihrer neuen Unterkunft konnten sie ihn nicht mitnehmen.

„Die beiden waren völlig verzweifelt, als sie ihn hier abgeben mussten“, erzählte Petra.

„Willi hat in den ersten Tagen kaum verstanden, was los war. Er lag meistens in seinem Körbchen und wollte mit niemandem etwas zu tun haben.“

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