Die vier luden ihre Taschen auf die Ladefläche, zitternd vor Kälte und Müdigkeit. Dani stieg als Letzter ein. Bevor er die Tür zuzog, drehte er sich noch einmal um.
„Danke, dass Sie an uns glauben.“
Karl stand in der Werkstatttür, die Hände schwarz vor Öl.
„Ich glaube an Musik“, sagte er. „An mich hab ich irgendwann aufgehört zu glauben. Macht nicht denselben Fehler.“
Dann fuhren sie los.
Karl sah die Rücklichter, bis sie weg waren.
Danach ging er zurück in die Werkstatt und arbeitete weiter.
Bis mittags.
Er baute die neue Pumpe ein, wechselte Öl, prüfte Bremsen, machte den Bus besser, als er sein musste. Vielleicht, weil er wollte, dass die vier heil zurückkamen. Vielleicht auch, weil das die letzte Arbeit war, die er in seiner Werkstatt tat, und er nicht wollte, dass das Letzte etwas Halbgares war.
Gegen vier Uhr nachmittags hörte er den Bus.
Noch bevor er ihn sah.
Der Motor lief rund.
Sauber.
Er trat vor die Halle.
Die vier sprangen heraus wie Kinder.
Dani grinste so breit, dass Karl für einen Moment selbst wieder jünger wurde.
„Wir haben den Vertrag“, rief er.
Karl spürte etwas in der Brust, das lange nicht mehr da gewesen war.
Nicht Freude nur.
Etwas Wärmeres.
Etwas, das fast an Stolz erinnerte.
Sie redeten durcheinander.
Der Termin war gut gelaufen. Das Demo hatte überzeugt. Es gab Geld, Zeit, Studio, Auftritte als Vorband. Kein riesiger Triumph auf einen Schlag. Aber ein Anfang. Ein echter Anfang.
Dani zog ein dickes Bündel Scheine aus der Tasche.
„Für die Reparatur. Fürs Abschleppen. Für alles.“
Karl schaute auf das Geld.
Es war mehr, als die Arbeit gekostet hatte.
Aber immer noch weit weniger als das, was er verloren hatte.
Seine Werkstatt rettete es nicht mehr.
Gar nichts rettete sie mehr.
„Steck’s weg“, sagte Karl.
„Aber—“
„Steck’s weg. Ihr braucht jeden Pfennig. Ich hab das nicht gemacht, um bezahlt zu werden.“
Dani wollte weiterreden.
Karl hob nur die Hand.
Da zog Dani stattdessen eine Kassette aus seiner Jacke.
Schwarz. Billig. Mit krakeliger Schrift.
„Dann nehmen Sie wenigstens das“, sagte er. „Unser Demo. Wenn Sie uns irgendwann im Radio hören, wissen Sie, dass Sie einen Anteil daran hatten.“
Karl nahm die Kassette.
Sein Daumen strich über die handgeschriebenen Buchstaben.
Dann nickte er.
„Darauf nagel ich euch fest.“
Am Abend fuhren sie weiter.
Karl schloss die Werkstatt ein, lud die letzten Kisten in seinen alten Wagen und verließ die Stadt noch vor Mitternacht.
Er nahm die Kassette mit.
Und seine Gitarre.
Aber die blieb im Koffer.
Fünfundzwanzig Jahre sind lang genug, um sich an fast alles zu gewöhnen.
Karl gewöhnte sich an Baustellen.
An kalte Zimmer in Monteurunterkünften.
An Rückenweh.
An wechselnde Jobs.
Er arbeitete in Sachsen auf dem Bau, später in einem Lager, schließlich nachts als Hausmeister und Reinigungskraft in einer Volkshochschule in Leipzig.
Er heiratete nie wieder.
Sabine blieb mit Nina in München.
Am Anfang versuchte Karl noch, Kontakt zu halten. Er schrieb Briefe. Schickte Geburtstagskarten. Rief an, wenn er eine Nummer bekam. Alles kam zurück oder lief ins Leere.
Später erfuhr er über Umwege, dass Sabine Nina erzählt hatte, ihr Vater habe sich für seine Arbeit und seine Freiheit entschieden. Nicht für sie.
Als Karl endlich genug Geld für einen Anwalt zusammengespart hatte, war schon so viel Zeit vergangen, dass selbst gute Absichten aussahen wie Ausreden.
Und wenn ein Kind oft genug hört, dass jemand nicht gekommen ist, glaubt es irgendwann, dieser jemand hätte auch nicht kommen wollen.
Karl redete mit niemandem darüber.
Er arbeitete.
Er schlief.
Er machte weiter.
Die Kassette der Band lag in einem Schuhkarton unter seinem Bett.
Er hörte sie genau einmal.
In der ersten Nacht in Leipzig.
Danach nie wieder.
Nicht, weil sie schlecht war.
Sondern weil sie gut war.
Weil sie klang wie etwas, das es hätte auch für ihn geben können.
In den Jahren danach hörte er die Band überall.
Erst im Radio.
Dann in Fernsehsendungen.
Dann auf Plakaten an Bahnhöfen.
Sie wurden groß.
Richtig groß.
Zuerst Deutschland. Dann noch größer. Hallen. Preise. Tourneen. Lieder, die man im Supermarkt, im Taxi und auf Stadtfesten hörte. Ihr Bandname war plötzlich bekannt, auch Menschen, die nie bewusst Rockmusik hörten, kannten ihn.
Karl sagte nie ein Wort.
Wer hätte ihm geglaubt?
Für die Welt war er ein älterer Mann mit Putzwagen.
Nicht der, der in einer kalten Nacht vier völlig erschöpfte Jungs samt kaputtem Bus in seine Werkstatt gezogen hatte.
Manchmal, wenn er spät abends Flure wischte und irgendwo aus einem offenen Seminarraum Musik klang, fragte er sich, ob sie sich überhaupt noch erinnerten.
Dann schob er den Gedanken weg.
Denn Enttäuschung tut weniger weh, wenn man sie erwartet.
Und dann kam dieser Dienstagmorgen.
Diese vier Männer im Flur.
Diese Gesichter.
Diese Stimme.
„Wir sind im Jahr 2000 noch mal zurückgefahren“, sagte Dani jetzt in Karls Wohnung. „In die Kleinstadt. Zur Werkstatt. Da war nur noch ein leerer Platz. Niemand wusste, wo du hin bist.“
„Uwe wusste es vielleicht“, murmelte Karl.
„Wir haben ihn gefunden“, sagte Timo leise. „Er wusste nur, dass du irgendwann nach Sachsen gegangen bist. Keine Adresse. Keine Telefonnummer.“
Ralf beugte sich vor.
„Als wir es uns leisten konnten, haben wir Leute beauftragt. Erst einen. Dann zwei. Später mehr. Alte Melderegister, frühere Arbeitgeber, Einträge, Spuren. Du bist uns immer wieder knapp entwischt.“
Karl starrte sie an.
„Warum?“
Dani sah ihn an, als sei die Frage absurd.
„Weil du uns gerettet hast.“
„Ich hab euren Bus repariert.“
„Nein“, sagte Dani ruhig. „Du hast vier Typen, die niemand ernst genommen hat, mitten in der Nacht behandelt, als wären ihre Träume echt. Das vergisst man nicht.“
Jonas zog sein Handy aus der Tasche.
„Weißt du, wie knapp das damals war? Wir waren um 7:49 in Hamburg. Elf Minuten, bevor der Mann aus dem Büro gegangen wäre, weil er danach in einen Termin musste. Elf Minuten. Ohne Uwe, ohne dich, ohne diese Nacht hätte es uns nie gegeben.“
Karl schüttelte langsam den Kopf.
Er konnte es nicht fassen.
Nicht, weil er ihnen nicht glaubte.
Sondern weil er sich selbst so lange für klein gehalten hatte, dass er gar nicht mehr wusste, wie man etwas Großes an sich heranlässt.
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