Vierzig Hunde sollten am Freitag verschwinden, doch noch vor Sonnenaufgang standen vierzig Motorradfahrer vor dem Tierheim, jeder mit einem freien Platz im Beiwagen.
„Karl, wir haben noch vierzig.“
Mehr sagte Heike am Telefon zunächst nicht.
Ich stand in meiner kleinen Werkstatt hinter der Hebebühne, hatte noch Öl an den Händen und wollte eigentlich nur abschließen.
Heike leitete seit vielen Jahren das Tierheim am Stadtrand, und sie war nicht der Typ Mensch, der dramatisch wurde. Wenn sie mich anrief und ihre Stimme so klang, wusste ich: Es war ernst.
„Vierzig was?“, fragte ich trotzdem.
„Vierzig Hunde. Freitag ist Schluss.“
Ich setzte mich auf einen umgedrehten Werkzeugkasten.
Das Gebäude war alt. Ein Teil der Leitungen war marode, im hinteren Trakt hatte sich Feuchtigkeit ausgebreitet, und für die nötigen Reparaturen fehlte das Geld. Der Betrieb durfte so nicht weitergehen.
Viele Tiere waren in den vergangenen Tagen vermittelt oder in Pflegestellen gebracht worden.
Aber vierzig Hunde waren übrig.
Natürlich nicht die einfachen.
Da war ein dreizehnjähriger schwarzer Labrador-Mischling mit steifen Hüften. Eine Hündin mit Hautproblemen, die vor Besen Angst hatte. Ein riesiger Mastiff-Mischling, den Interessenten immer wieder als „zu einschüchternd“ bezeichnet hatten.
Ein tauber Schäferhund. Ein Beagle mit nur drei Beinen. Nervöse Hunde. Alte Hunde. Hunde mit Narben.
Hunde, die Zeit brauchten.
„Und wenn bis Freitag niemand kommt?“, fragte ich.
Heike schwieg.
Sie musste das Wort nicht sagen.
Ich kannte es.
Es ging nicht darum, dass diese Hunde gefährlich oder unheilbar krank waren. Es ging um Fristen, Plätze, Geld und die Frage, wohin Tiere gebracht werden sollten, wenn ein Gebäude endgültig schließen musste und niemand sie übernahm.
„Wie viele Plätze brauchst du?“
„Vierzig.“
Ich schaute durch die offene Tür zum Nebenraum.
Dort hing ein altes Gruppenfoto von unserem Motorradstammtisch. Wir nannten uns die Eisenhafen-Fahrer. Keine große Sache. Kein berühmter Verein.
Einfach Leute, die seit Jahren zusammen fuhren, schraubten, sich bei Umzügen halfen und im Krankenhaus auftauchten, wenn einer von uns Pech hatte.
Wir waren genau vierzig aktive Fahrer.
Ich hätte lachen können, wenn mir nicht so eng im Hals gewesen wäre.
„Gib mir bis morgen früh“, sagte ich.
Der erste Anruf ging an Ralf, 62, früher auf dem Bau, grauer Bart, kaputter Rücken und Hände wie Schraubstöcke.
„Ist jemand gestorben?“, fragte er.
„Noch nicht.“
Er hörte zu und sagte danach nur: „Ich nehme den ältesten.“
Sabine, 49, fuhr Abschleppwagen und reparierte ihr Motorrad selbst.
„Gib mir einen, der medizinisch etwas braucht“, sagte sie.
Uwe, 56, zwei Meter groß und tätowiert, wollte ebenfalls keinen einfachen Hund.
„Nimm den, den sonst keiner will.“
Um Mitternacht war unser Hinterzimmer voll.
Heike kam mit Aktenordnern, Fotos, Medikamentenplänen und ehrlichen Warnungen. Sie machte aus keinem Hund ein Märchen.
Manche würden nachts unruhig sein. Manche könnten nicht mit Katzen. Manche brauchten Medikamente. Manche hätten Angst vor Männern oder schnellen Bewegungen.
Manche seien so alt, dass man vielleicht nur Monate mit ihnen hätte.
Ralf hob die Hand.
„Heike“, sagte er, „mit Verlaub: Die meisten von uns sind auch nicht einfach.“
Zum ersten Mal an diesem Abend lachte jemand.
Heike nicht.
Sie weinte.
Zwei Stunden später stand neben jedem Hund ein Name.
Vierzig Hunde.
Vierzig Menschen.
Vierzig Zusagen.
Dann sagte Uwe etwas, das zunächst vollkommen verrückt klang.
„Wir holen sie mit den Beiwagen.“
Ich starrte ihn an.
„Alle vierzig?“
„Alle vierzig.“
Sabine legte den Kopf schief. „Und wo sollen wir in zwei Tagen vierzig Beiwagen herbekommen?“
Uwe grinste.
„Wir sind Motorradfahrer. Irgendwer kennt immer jemanden mit zu viel Zeug in der Garage.“
Er hatte recht.
Am nächsten Morgen liefen die Telefone heiß. Alte Gespanne wurden aus Garagen geholt, Freunde angerufen und Halterungen geprüft. Jeder Platz wurde gepolstert und gesichert.
Wir planten eine langsame Route, Wasser und einen Begleitwagen.
Es sollte keine Show werden.
Es sollte eine Abholung werden, die niemand übersehen konnte.
Am Freitagmorgen stand ich als einer der Ersten vor dem Tierheim.
Die Straße war noch fast leer.
Dann kamen die anderen.
Ein Motor nach dem anderen.
Vierzig Maschinen standen schließlich am Bordstein, mit glänzenden, alten oder frisch reparierten Beiwagen.
Heike trat mit einem Klemmbrett vor die Tür.
Ihre Augen waren rot.
„Bereit?“, fragte sie.
„Nein“, sagte ich. „Aber wir sind da.“
Wir begannen mit den alten Hunden.
Ralf ging zu Bruno, dem dreizehnjährigen Labrador-Mischling. Bruno hatte graue Haare um die Schnauze und bewegte sich langsam, als wären seine Gelenke rostige Scharniere.
Ralf kniete sich hin.
„Ich bin auch alt, Kumpel.“
Bruno schnupperte an seiner Hand.
Dann legte er den Kopf hinein.
Sabine bekam Lotte, eine magere weiße Hündin mit braunen Flecken und gereizter Haut. Sie stand hinten im Zwinger und zitterte.
Sabine setzte sich seitlich auf den Boden und sagte nichts weiter.
Nach einigen Minuten kam Lotte näher.
Eine Pfote landete auf Sabines Stiefel.
Uwe bekam Bär, den riesigen gestromten Mastiff-Mischling. Auf seinem Zettel stand, dass seine Größe viele Menschen abschrecke.
Uwe las es.
„Kenn ich“, murmelte er.
Bär wedelte einmal.
Dann kam Hund für Hund heraus.
Ein dreibeiniger Beagle. Eine taube Schäferhündin. Ein nervöser Mischling. Ein struppiger Hund mit halbem Schwanz.
Und schließlich Flocke.
Ja, Flocke.
Ausgerechnet der Hund, der für mich vorgesehen war, hieß so.
Er war ein schmaler braun-weißer Terrier-Mischling, ungefähr acht Jahre alt, mit einem abgeknickten Ohr und weißem Fell um die Schnauze.
Er lag auf einer roten Decke und beobachtete mich, als würde er noch nicht glauben, dass irgendetwas Gutes passieren könnte.
Heike öffnete den Zwinger.
Ich setzte mich auf den Boden.
Flocke kam drei kleine Schritte näher.
Er roch an meiner Jacke.
Dann kletterte er halb auf mein Bein und legte sein Kinn auf meinen Unterarm.
„Na toll“, sagte Ralf hinter mir. „Jetzt heult der Karl.“
„Ich heule nicht.“
„Du siehst aus wie ein undichter Kühler.“
Flocke wedelte.
Damit war die Sache erledigt.
Eine Stunde später saß jeder Hund gesichert an seinem Platz.
Vor dem Tierheim blieben die ersten Passanten stehen.
Manche sahen zuerst nur uns.
Schwarze Lederjacken. Graue Bärte. Tätowierte Arme. Große Männer und Frauen neben schweren Motorrädern.
Dann sahen sie die Hunde.
Bruno saß bei Ralf wie ein alter Herr auf Sonntagsfahrt. Lotte war in eine weiche Decke gewickelt. Bär füllte Uwes Beiwagen fast komplett aus.
Der dreibeinige Beagle bellte einmal und brachte damit fünf andere Hunde zum Antworten.
Flocke saß neben mir unter seiner roten Decke.
Heike stand vor der Tür.
Hinter ihr hing das Schild, das die Schließung ankündigte.
Sie sah uns an.
Dann die Hunde.
„Bringt sie nach Hause“, sagte sie.
Die Motoren starteten.
Und die ganze Straße vibrierte.
Als wir durch die Innenstadt fuhren, kamen die Leute aus Bäckereien, kleinen Läden und Hauseingängen.
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