Am Morgen nach diesem Gedanken – dass Liebe bleiben ist – klopfte es, so leise, als wollte jemand das Haus nicht erschrecken. Ich stand noch in den Hausschuhen in der Küche, der Tee dampfte, und meine Mutter saß am Fenster, das Gesicht ins Winterlicht gedreht.
„Wer klopft denn so vorsichtig?“, fragte sie, als hätte sie es schon geahnt. Dann lächelte sie, dieses kleine, helle Lächeln, das bei ihr immer zuerst kommt, noch bevor der Körper folgen kann.
Als ich die Tür öffnete, stand unsere Nachbarin dort, Frau Krüger, den Schal bis über die Nase gezogen und eine Tüte in der Hand. Ihre Wangen waren rot von der Kälte, und in ihren Augen lag dieses kurze Zögern, das Menschen haben, wenn sie nicht wissen, ob sie stören.
„Ich hab’ beim Bäcker…“, begann sie, und hielt die Tüte hoch, als wäre sie ein Beweisstück. „Es waren zwei Brötchen zu viel. Und… ich dachte mir, Sie freuen sich vielleicht.“
Ich wollte sofort abwinken, aus alter Gewohnheit, aus diesem Reflex, niemandem zur Last zu fallen. Aber hinter mir hörte ich den Sessel knarzen und dann die Stimme meiner Mutter, überraschend klar.
„Kommen Sie rein, Frau Krüger“, rief sie. „Brötchen sind kein Verbrechen.“
Frau Krüger lachte, und in diesem Lachen wurde der Flur ein bisschen wärmer. Ich trat zur Seite, und sie schob sich hinein, stampfte den Schnee von den Stiefeln und sah für einen Moment so aus, als müsse sie sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass dieses Haus noch Besuch empfängt.
In der Küche setzte sie sich nicht gleich, sie stellte erst die Tüte ab, als wäre das der offizielle Grund ihres Kommens. Dann zog sie einen Umschlag aus der Manteltasche, drehte ihn zwischen den Fingern und räusperte sich.
„Ich hab’ gestern Ihr Licht gesehen, so früh schon“, sagte sie. „Und ich dachte… Sie sind so oft allein. Wenn Sie mal was brauchen… also… ich bin ja da.“
Ich spürte, wie sich mir etwas im Hals zusammenzog, weil das Wort „allein“ in unserem Haus immer gleich doppelt klingt. Wir sind zu zweit, und doch ist da diese große, leere Fläche um uns herum, die früher mit Stimmen gefüllt war – mit Kindern, mit Männern, mit Lärm.
„Danke“, sagte ich, und es war kein höfliches Danke, sondern eines, das sich schwer aussprechen lässt, wenn man nicht gewohnt ist, etwas anzunehmen. Meine Mutter legte die Hand auf den Tisch, dort, wo das Licht lag, und nickte langsam.
„Man wird nicht leichter, wenn man alt wird“, sagte sie. „Nur dünner. Und dann braucht man manchmal ein bisschen Hilfe, damit man nicht wegweht.“
Frau Krüger blieb eine halbe Stunde, vielleicht auch länger, und wir redeten über kleine Dinge, über das Wetter, über den Bus, der in letzter Zeit immer unpünktlicher war, über die Amsel im Garten, die morgens so tat, als gehörte der Apfelbaum ihr. Es war nichts Großes, nichts Weltbewegendes, und genau deshalb tat es so gut.
Als sie ging, blieb die Tüte mit den Brötchen auf dem Tisch wie ein stilles Versprechen. Ich sah meiner Mutter beim Kauen zu, wie sie langsam, bedächtig, fast feierlich aß, und mir fiel auf, dass wir selten etwas „feierlich“ tun, ohne es zu merken.
„Siehst du, Anna“, sagte sie mit vollem Mund. „Manchmal kommt das Meer zu einem. In Form von Brötchen.“
Ich musste lachen, obwohl mir die Augen plötzlich brannten. Vielleicht, weil ich ihr gestern Abend noch gesagt hatte, mein Leben sei hier, und weil ich mich dabei so tapfer gefühlt hatte, und jetzt merkte, wie dünn Tapferkeit sein kann, wenn sie keine Pausen kennt.
Später am Tag nahm ich den Müll raus, weil ich mir einredete, ich müsse „in Bewegung bleiben“. Der Hof war glatt, der Frost hatte eine unsichtbare Schicht über alles gelegt, und ich trat vorsichtig, wie ich es immer tue, wenn ich weiß, dass ich mir keinen Sturz leisten kann.
Es passierte trotzdem.
Nicht spektakulär, nicht filmreif, nur ein falscher Winkel, ein kurzer Verlust von Halt, und dann dieses harte, demütigende Geräusch, wenn ein Körper auf etwas trifft, das nicht nachgibt. Ein Schmerz schoss mir durchs Bein, und für einen Moment blieb mir die Luft weg, als hätte mir jemand die Welt aus dem Brustkorb gezogen.
Ich lag da, den Blick auf den grauen Himmel, und hörte im Haus etwas fallen. Dann kam die Stimme meiner Mutter, erst ruhelos, dann scharf vor Angst.
„Anna? Anna!“
„Ich bin da“, rief ich, aber es klang dünn, zu klein für das, was in mir plötzlich tobte. Ich wollte mich aufrichten, doch mein Knie sagte Nein, und mein Stolz sagte Ja, und beides tat weh.
Die Tür ging auf, und meine Mutter stand im Rahmen, in der Strickjacke, zu dünn angezogen für diese Kälte, die Hände am Türgriff, als müsste sie sich festhalten, um nicht selbst umzufallen. Ihre Augen suchten, fanden mich als dunklen Fleck, und dann hörte ich, wie sie die Luft einsog.
„Nicht bewegen“, sagte sie, so bestimmt, dass ich sofort gehorchte, als wäre ich wieder zehn. Dann rief sie in den Flur, laut, mit einer Kraft, die in ihrem Körper gar keinen Platz haben dürfte.
„Frau Krüger!“
Es war, als hätte sie einen Knopf gedrückt. Nicht einmal fünf Minuten später waren Schritte zu hören, eine Stimme, das schnelle, praktische Reden, das Menschen annehmen, wenn plötzlich etwas getan werden muss.
Frau Krüger kniete neben mir, tastete nicht an mir herum, sie sah mich nur an, und in diesem Blick lag etwas, das ich in den letzten Jahren selten gespürt hatte: Entschlossenheit, die nicht fragt, ob sie darf.
„Wir holen Hilfe“, sagte sie. „Ganz ruhig. Wir sind hier.“
Meine Mutter stand hinter ihr, die Hände zitterten so sehr, dass sie sich am Türrahmen festkrallte. Und doch war es ihre Stimme, die den Ton hielt.
„Anna“, sagte sie, „atmen. Ich hab’ dich. Hörst du? Ich hab’ dich.“
Es ist seltsam, wie man sich mit 80 plötzlich wieder klein fühlen kann, nicht gedemütigt, nur… zurückversetzt. Ich lag im Frost, und das Einzige, was mich nicht zerbrach, war dieses „Ich hab’ dich“, als wäre es ein Mantel, den man über mich legt.
Später, als alles wieder stiller war, als ich im Wohnzimmer saß, das Bein hochgelegt, und der Schmerz wie ein strenger Nachbar in mir wohnte, blickte meine Mutter mich lange an. Sie sagte nichts, aber in ihrem Gesicht lag diese alte, vertraute Mischung aus Sorge und Schuld, als hätte sie etwas falsch gemacht, nur weil sie alt ist.
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