Doch in diesem Augenblick wusste ich nur eines: Die Kleinen brauchten dringend Hilfe.
„Ach, Fiete“, flüsterte ich. „Du alter Dickkopf. Was hast du dir da bloß aufgeladen?“
Er hob kurz den Kopf.
Dann legte er seine Schnauze wieder neben die Katzenbabys.
Ich griff nach meinem Handy.
Kein Empfang.
Natürlich nicht.
Wir befanden uns tief unten in einer Schlucht, weit entfernt von der nächsten Straße.
Ich hätte zurücklaufen und Hilfe holen können.
Aber ich konnte Fiete unmöglich dort zurücklassen.
Nicht noch einmal.
Ich zog meinen Rucksack aus und suchte nach etwas, worin ich die Katzenbabys transportieren konnte.
Mein Essen hatte ich längst aufgebraucht.
Aber ganz unten lag noch ein weiches, altes Sweatshirt.
Es gehörte früher meiner Frau.
Ich nahm es oft mit, falls es abends kühler wurde.
Vorsichtig breitete ich es auf dem Boden aus.
Dann streckte ich meine Hand nach dem ersten Kätzchen aus.
Fiete beobachtete jede meiner Bewegungen.
Sein Blick wanderte zwischen meiner Hand und dem kleinen Tier hin und her.
„Ganz ruhig, Junge. Ich passe auf.“
Das graue Kätzchen war erschreckend leicht.
Ich konnte seinen winzigen Herzschlag in meiner Hand spüren.
Es bewegte die kleinen Pfoten und gab einen schwachen Laut von sich.
Ich wickelte es behutsam in den Stoff.
Dann nahm ich das zweite.
Und schließlich das dritte.
Fiete ließ mich gewähren.
Er schien zu begreifen, dass ich gekommen war, um ihnen allen zu helfen.
Als die Katzenbabys sicher eingepackt waren, wandte ich mich meinem Hund zu.
„So, mein Freund. Jetzt sind wir dran.“
Fiete stemmte sich auf die Vorderpfoten.
Sein Hinterbein zitterte.
Dann sackte er wieder zusammen.
Ich schluckte.
Er war viel zu schwach, um den steilen Weg allein zu schaffen.
Und ich war mit meinen 62 Jahren auch nicht mehr der kräftigste Mann.
Früher hatte ich schwere Zementsäcke getragen und auf Baustellen gearbeitet.
Heute merkte ich schon beim Treppensteigen, dass meine Knie nicht mehr die besten waren.
Aber ich konnte nicht aufgeben.
Ich befestigte das Sweatshirt mit den Katzenbabys vorsichtig vorne an meinem Oberkörper und sicherte das Bündel mit den Gurten meines Rucksacks.
Dann beugte ich mich zu Fiete hinunter.
„Wir schaffen das. Du und ich. Wie immer.“
Ich hob ihn hoch.
Er war schwer.
Auch abgemagert wog er noch über zwanzig Kilo.
Seine Vorderpfoten legten sich auf meine Schulter.
Sein Kopf ruhte an meinem Hals.
Und plötzlich spürte ich seinen warmen Atem auf meiner Haut.
Ich musste für einen Moment die Augen schließen.
22 Tage lang hatte ich mich danach gesehnt, ihn wieder in den Armen zu halten.
Jetzt hatte ich ihn.
Und ich würde ihn nicht mehr loslassen.
Der Aufstieg aus der Schlucht wurde zu einem der anstrengendsten Wege meines Lebens.
Ich ging nur langsam vorwärts.
Manchmal musste ich mich mit einer Hand an einem Baum festhalten.
Manchmal setzte ich Fiete auf einer trockenen, ebenen Stelle vorsichtig ab, um wieder zu Atem zu kommen.
Dabei achtete ich darauf, dass die Katzenbabys warm und geschützt blieben.
Meine Beine zitterten.
Meine Schultern schmerzten.
Einmal rutschte mein Fuß auf einem nassen Stein weg, und ich konnte mich gerade noch an einer Wurzel festhalten.
„Nicht jetzt“, murmelte ich. „Bitte nicht jetzt.“
Fiete hob seinen Kopf.
Er leckte mir über die Wange.
Vielleicht war es Zufall.
Vielleicht wollte er mich einfach nur berühren.
Aber ich musste trotz der Erschöpfung lächeln.
„Schon gut, Junge. Ich weiß. Wir gehen weiter.“
Fast zwei Stunden brauchten wir, um wieder den oberen Waldweg zu erreichen.
Als ich schließlich zwischen den Bäumen mein Auto sah, konnte ich kaum glauben, dass wir es geschafft hatten.
Ich öffnete die hintere Tür und legte Fiete vorsichtig auf eine Decke.
Dann setzte ich die Katzenbabys in einer kleinen, mit dem Sweatshirt ausgepolsterten Kiste neben ihn.
Fiete streckte sofort seine Schnauze zu ihnen.
Er schnupperte an jedem einzelnen.
Erst danach ließ er sich erschöpft auf die Seite fallen.
Ich setzte mich für einen Augenblick hinter das Steuer.
Meine Hände zitterten so stark, dass ich den Schlüssel kaum halten konnte.
Dann begann ich zu lachen.
Und gleich darauf zu weinen.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß.
Vielleicht eine Minute.
Vielleicht fünf.
Schließlich startete ich den Motor.
Auf dem ganzen Weg zur Tierarztpraxis sah ich immer wieder in den Rückspiegel.
Fiete hatte seinen Kopf neben die Kiste gelegt.
Obwohl er kaum noch Kraft hatte, wollte er offensichtlich wissen, dass die Kleinen noch da waren.
In der Praxis kannte man uns seit Jahren.
Tierärztin Dr. Sabine Weber, eine Frau Anfang fünfzig, hatte Fiete schon behandelt, als er noch ein junger Hund gewesen war.
Als sie uns sah, blieb sie mitten im Behandlungsraum stehen.
„Herr Berger? Ist das wirklich Fiete?“
Ich nickte.
„Ja. Und er hat jemanden mitgebracht.“
Sie schaute in die Kiste.
Dann sah sie mich ungläubig an.
„Wo haben Sie die denn gefunden?“
Ich erzählte ihr alles.
Von der Höhle.
Von Fietes verletzter Pfote.
Von den drei winzigen Katzenbabys, die dicht an seinem Bauch gelegen hatten.
Sie hörte schweigend zu.
Dann begann sie sofort mit der Untersuchung.
Fiete war stark ausgetrocknet und hatte mehrere Kilo verloren.
Seine Hinterpfote war verstaucht, zum Glück aber nicht gebrochen.
Außerdem hatte er kleinere Wunden und war vollkommen erschöpft.
„Er braucht Ruhe, Flüssigkeit und gutes Futter“, erklärte die Tierärztin. „Aber seine Chancen stehen sehr gut.“
Ich hätte sie am liebsten umarmt.
Bei den Katzenbabys war die Situation etwas komplizierter.
Sie waren geschwächt und brauchten dringend fachgerechte Versorgung.
Die Tierärztin betrachtete ihre Fellzeichnung, ihre Ohren und ihre Körperform.
Dann wurde sie nachdenklich.
„Herr Berger, ich möchte mich noch nicht festlegen. Aber ich glaube, das sind junge Wildkatzen.“
„Wildkatzen?“
„Ja. Wir sollten jemanden hinzuziehen, der sich mit diesen Tieren auskennt.“
Ich schaute zu Fiete.
Er lag auf seiner Decke und beobachtete uns.
Als eines der Katzenbabys leise fiepte, hob er sofort den Kopf.
Die Tierärztin bemerkte es ebenfalls.
„Das ist wirklich bemerkenswert“, sagte sie.
„Hat er sie die ganze Zeit beschützt?“
„So habe ich ihn gefunden.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Wir können nicht wissen, was genau passiert ist. Aber er scheint eine starke Bindung zu ihnen entwickelt zu haben.“
Ich sah meinen Hund an.
„Für mich ist das Liebe“, antwortete ich leise.
Die Tierärztin lächelte.
„Vielleicht ist das tatsächlich das richtige Wort.“
Fiete durfte nach der ersten Versorgung bald wieder nach Hause.
Die drei Katzenbabys blieben zunächst unter tierärztlicher Betreuung.
Ein Fachmann für heimische Wildtiere bestätigte später den Verdacht: Es waren tatsächlich junge Europäische Wildkatzen.
Das erklärte auch, warum ihre Zeichnung anders aussah als die gewöhnlicher Hauskätzchen.
Wie sie allein in der Höhle gelandet waren, konnte niemand mit Sicherheit sagen.
Vielleicht war ihre Mutter nicht mehr zurückgekommen.
Vielleicht waren sie bei einem Unglück von ihr getrennt worden.
Wir würden es wohl nie erfahren.
Die Kleinen wurden an eine spezialisierte Wildtierstation übergeben.
Dort sollten sie gepflegt und auf ein selbstständiges Leben in der Natur vorbereitet werden.
Als ich davon hörte, war ich gleichzeitig erleichtert und traurig.
Natürlich wusste ich, dass Wildkatzen nicht in ein Wohnzimmer gehören.
Sie brauchen den Wald.
Sie brauchen Freiheit.
Aber jedes Mal, wenn ich Fiete ansah, fragte ich mich, ob er sie vermisste.
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