Niemand wollte den hässlichen Kater mit sieben Zehen bis eine einsame Frau sein wahres Geschenk entdeckte

Niemand wollte den hässlichen Kater mit den sieben Zehen, bis er einer einsamen Frau zeigte, warum gerade zwei gebrochene Seelen einander retten können.

„Den wollen Sie doch nicht wirklich mitnehmen, oder?“

Die ältere Frau neben mir sah mich an, als hätte ich gerade einen großen Fehler gemacht. Dann deutete sie auf den Kater hinter der Glasscheibe.

„Schauen Sie ihn sich doch an. Der sieht ja ganz schief aus.“

Ich sagte nichts.

Der Kater hob langsam seine rechte Vorderpfote. Sie war ungewöhnlich breit, fast wie ein kleiner Handschuh. Als er sie gegen die Scheibe drückte, konnte ich sieben Zehen erkennen.

Sieben Zehen an einer einzigen Pfote.

Seine Augen schauten in unterschiedliche Richtungen. Sein linkes Ohr stand etwas tiefer als das rechte. Und sein Fell sah aus, als hätte jemand mit einer stumpfen Schere daran herumgeschnitten.

Er war mit Abstand die seltsamste Katze im ganzen Tierheim.

Und ausgerechnet dieser Kater sollte mein Leben verändern.

Damals war ich 49 Jahre alt, hieß Sabine und hatte das Gefühl, dass von meinem früheren Leben nicht mehr viel übrig geblieben war.

Drei Monate zuvor hatte ich meinen Arbeitsplatz verloren.

Ich hatte fast 19 Jahre als Büroangestellte in einem mittelständischen Betrieb gearbeitet. Rechnungen geprüft, Telefonate geführt, Termine organisiert und jeden Morgen pünktlich meinen Schreibtisch besetzt.

Dann kam eine Umstrukturierung.

Mein Vorgesetzter bat mich in sein Büro, schob mir einen Umschlag über den Tisch und erklärte, man müsse sich leider von einigen langjährigen Mitarbeitern trennen.

Er sprach von wirtschaftlichen Gründen.

Ich hörte nur, dass ich nicht mehr gebraucht wurde.

Am letzten Arbeitstag räumte ich meinen Schreibtisch leer. In einem alten Karton lagen meine Lieblingstasse, ein Kalender und zwei Fotos.

Eine Kollegin umarmte mich kurz.

„Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt, Sabine.“

Ich nickte.

Bis heute hat sie sich nicht gemeldet.

Vielleicht kennt jemand dieses Gefühl. Man hat jahrelang funktioniert, war zuverlässig, hat sich um alles gekümmert. Und plötzlich ist man nicht mehr wichtig.

Mein Mann war sechs Jahre zuvor ausgezogen.

Unsere Tochter lebte inzwischen mit ihrer Familie in Süddeutschland. Wir telefonierten regelmäßig, aber ich erzählte ihr selten, wie schlecht es mir manchmal ging.

Sie hatte genug um die Ohren.

Ich wollte ihr nicht zur Last fallen.

Also saß ich jeden Abend allein in meiner kleinen Zweizimmerwohnung am Rand von Hannover.

Der Kühlschrank brummte. Die alte Wanduhr tickte. Manchmal lief der Fernseher, obwohl ich gar nicht hinsah.

Ich hatte mich daran gewöhnt, mit niemandem mehr richtig zu reden.

Wenn mich jemand fragte, wie es mir ging, antwortete ich immer dasselbe.

„Ach, es geht schon.“

Dabei ging es überhaupt nicht.

An jenem Dienstag war ich eigentlich unterwegs gewesen, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Doch vor dem Supermarkt blieb ich stehen.

Ich wollte nicht zurück in meine Wohnung.

Nicht schon wieder.

Ich hatte es satt, die Tür aufzuschließen und zu wissen, dass dahinter niemand auf mich wartete.

Also lief ich einfach weiter.

Nach einer Weile stand ich vor einem kleinen Tierheim am Stadtrand.

An der Eingangstür hing ein handgeschriebenes Schild.

„Unsere Schützlinge suchen ein Zuhause.“

Ich hatte seit meiner Kindheit keine Katze mehr gehabt. Eigentlich wusste ich nicht einmal, warum ich hineinging.

Vielleicht wollte ich nur irgendwo sein, wo noch Leben war.

Eine junge Mitarbeiterin begrüßte mich freundlich.

„Möchten Sie sich unsere Katzen anschauen?“

„Ich schaue nur ein bisschen“, antwortete ich.

Sie lächelte.

„Natürlich. Kommen Sie ruhig mit.“

Der Katzenraum war hell und sauber. Es roch nach Desinfektionsmittel, Katzenfutter und frisch gewaschenen Decken.

Vorne saßen die hübschen Katzen.

Eine kleine getigerte Katze spielte mit einem Stoffball. Ein schwarzer Kater mit glänzendem Fell streckte sich genüsslich auf einem Kissen.

Zwei Besucher standen vor einer weißen Katze und machten Fotos.

„Ist die süß!“, sagte die Frau begeistert.

Ich musste lächeln.

Dann bemerkte ich ganz hinten einen einzelnen Kater.

Er saß auf einer alten Decke, halb versteckt hinter seinem Futternapf.

Niemand blieb bei ihm stehen.

Niemand sprach ihn an.

Er schaute einfach zu, wie die Menschen an seinem Gehege vorbeigingen.

„Wer ist denn das?“, fragte ich.

Die Mitarbeiterin folgte meinem Blick.

„Das ist Oskar.“

Sie sagte seinen Namen mit einer merkwürdigen Zärtlichkeit.

„Wie alt ist er?“

„Ungefähr vier Jahre.“

„Und warum sitzt er so weit hinten?“

Die junge Frau zögerte.

„Oskar ist schon ziemlich lange bei uns.“

„Wie lange?“

„Fast anderthalb Jahre.“

Ich sah sie überrascht an.

„So lange?“

Sie nickte.

„Die meisten Interessenten entscheiden sich für andere Katzen.“

Ich drehte mich wieder zu ihm.

Jetzt konnte ich sein Gesicht besser erkennen. Seine Augen standen nicht ganz gerade. Die Nase war etwas schief, und eine Vorderpfote sah fast doppelt so breit aus wie die andere.

„Ist er krank?“, fragte ich.

„Nein. Er wurde einfach so geboren. Er hat eine Besonderheit an den Pfoten und eine leichte Fehlstellung der Augen. Unser Tierarzt hat ihn untersucht. Er kommt gut zurecht.“

Oskar erhob sich langsam.

Dann tappte er direkt auf mich zu.

Sein Gang war ein wenig unbeholfen. Die große Pfote setzte er vorsichtiger auf als die anderen.

Als er vor mir stand, drückte er sie gegen die Scheibe.

Ich musste unwillkürlich lachen.

„Mein Gott, was hast du denn für einen riesigen Fuß?“

Oskar öffnete das Maul und miaute leise.

Es klang ein bisschen heiser.

Die Mitarbeiterin lächelte.

„Er ist unglaublich menschenbezogen. Aber sobald die Leute sein Gesicht sehen, verlieren sie meistens das Interesse.“

Ich spürte einen Stich in der Brust.

Ich wusste nicht genau, warum mich dieser Satz so traf.

Vielleicht, weil ich selbst seit Monaten das Gefühl hatte, ständig übersehen zu werden.

Bei Bewerbungsgesprächen hatte man mich freundlich angelächelt. Man hatte meine Erfahrung gelobt und gesagt, dass man sich melden würde.

Meistens kam eine Absage.

Manchmal kam gar nichts.

Ich war offenbar nicht mehr die Frau, die man haben wollte.

Zu alt für manche Stellen. Für andere angeblich zu erfahren. Und für wieder andere einfach nicht die Richtige.

Ich sah Oskar an.

Er schaute irgendwo an meiner linken Schulter vorbei.

Trotzdem hatte ich das merkwürdige Gefühl, dass er mich ansah.

„Darf ich ihn mal auf den Arm nehmen?“

Die Mitarbeiterin öffnete vorsichtig die Tür.

„Natürlich.“

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