Niemand wollte den hässlichen Kater mit sieben Zehen bis eine einsame Frau sein wahres Geschenk entdeckte

Oskar kam sofort heraus.

Er beschnupperte meine Schuhe, rieb den Kopf an meinem Bein und stellte sich auf die Hinterpfoten.

Dann griff er mit seiner großen Vorderpfote nach meinem Pullover.

Eine seiner Krallen blieb kurz im Stoff hängen.

„Na, du bist ja einer“, murmelte ich.

Ich hob ihn hoch.

Er war schwerer, als ich erwartet hatte.

Sein Fell fühlte sich rau und warm an. Er roch ein bisschen nach Katzenfutter und der Decke, auf der er geschlafen hatte.

Und dann geschah etwas, das ich lange nicht vergessen sollte.

Oskar legte seine große Pfote auf meine Brust.

Ganz vorsichtig.

Er schnurrte.

Ich stand mitten im Tierheim, hielt diesen seltsamen Kater im Arm und musste plötzlich gegen Tränen ankämpfen.

Seit Monaten hatte mich niemand mehr so selbstverständlich gebraucht.

Niemand hatte sich einfach an mich geschmiegt, ohne eine Erklärung zu verlangen.

Ohne wissen zu wollen, warum ich arbeitslos war.

Ohne zu fragen, ob ich mein Leben inzwischen wieder im Griff hatte.

Oskar wollte offenbar nur gehalten werden.

„Wie viel kostet die Vermittlung?“, fragte ich leise.

Die Mitarbeiterin sah mich überrascht an.

„Sie möchten ihn wirklich nehmen?“

Ich blickte auf den Kater.

„Ja.“

„Sind Sie sicher?“

Ich nickte.

„Ich glaube, wir passen ganz gut zusammen.“

Sie lächelte so breit, dass mir beinahe wieder die Tränen kamen.

Wir besprachen alles, was für eine Vermittlung nötig war. Ich erzählte von meiner Wohnung, meinem Alltag und davon, dass ich genügend Zeit für ein Tier hätte.

Ein paar Tage später durfte Oskar bei mir einziehen.

Ich hatte ein Katzenklo, Näpfe, Futter, einen Kratzbaum und ein kleines Körbchen gekauft.

Sogar ein Spielzeugmäuschen hatte ich besorgt.

Ich stellte mir vor, wie Oskar vorsichtig aus seiner Transportbox kommen würde.

Wie er mein neues Zuhause erkundete.

Wie er sich anschließend auf meinen Schoß legte und zufrieden einschlief.

Ich hatte mir das alles wunderschön ausgemalt.

Die Wirklichkeit sah vollkommen anders aus.

Kaum hatte ich die Transportbox geöffnet, schoss Oskar unter das Sofa.

Dort blieb er fast eine Stunde.

Dann kam er heraus, sprang auf den Küchentisch und warf ein Wasserglas um.

Das Wasser lief über meine Unterlagen.

„Oskar!“

Er sah mich mit seinen schiefen Augen an.

Dann spazierte er seelenruhig weiter.

Zehn Minuten später zog er eine meiner Socken aus dem Wäschekorb und schleppte sie durch den Flur.

Anschließend versuchte er, hinter den Fernseher zu klettern.

Ich musste ihn zweimal hervorholen.

Am Nachmittag entdeckte er meine Vorhänge.

Mit einer Geschwindigkeit, die ich diesem unbeholfenen Kater niemals zugetraut hätte, kletterte er daran hoch.

Es krachte.

Die Gardinenstange löste sich aus der Halterung und fiel herunter.

Oskar sprang erschrocken zur Seite.

Ich schrie auf.

Dann standen wir beide mitten im Wohnzimmer und starrten auf den kaputten Vorhang.

„Das darf doch nicht wahr sein!“

Oskar setzte sich.

Seine große Pfote lag ordentlich vor seinem Körper.

Er sah völlig unschuldig aus.

Am Abend war meine Wohnung ein einziges Durcheinander.

Überall lag Katzenstreu. Der Teppich hatte einen Wasserfleck. Meine Gardine lag zusammengeknüllt auf dem Boden.

Und Oskar hatte offenbar beschlossen, dass mein alter Sessel sein persönlicher Kratzbaum war.

Ich war erschöpft.

Nicht nur von diesem Tag.

Von allem.

Von den Absagen. Von den unbezahlten Rechnungen, die sich langsam stapelten. Von den Nächten, in denen ich wach lag und überlegte, wie es weitergehen sollte.

Und plötzlich platzte etwas aus mir heraus.

„Vielleicht gibt es ja einen Grund, warum dich niemand haben wollte!“

Ich sagte es laut.

Viel zu laut.

Oskar blieb stehen.

Er sah mich an.

Seine Ohren bewegten sich leicht nach hinten.

Dann setzte er sich langsam neben die Wohnzimmertür.

Ich spürte sofort, wie mir heiß wurde.

Was hatte ich da gerade gesagt?

Dieser kleine Kater hatte nichts falsch gemacht. Er kannte meine Regeln nicht. Er wusste nicht, wie anstrengend mein Leben geworden war.

Er war einfach eine Katze, die zum ersten Mal seit langer Zeit ein richtiges Zuhause hatte.

Und ich hatte ihm ausgerechnet den Satz an den Kopf geworfen, der mich selbst seit Monaten innerlich auffraß.

Vielleicht gibt es einen Grund, warum dich niemand haben will.

Ich setzte mich auf die Sofakante.

„Ach, Oskar.“

Meine Stimme klang plötzlich ganz klein.

„Das habe ich nicht so gemeint.“

Er blieb sitzen.

Ich stand auf, holte einen Lappen und wischte die letzten Wasserflecken weg.

Dann hängte ich die kaputte Gardine über einen Stuhl.

Oskar beobachtete mich aus einiger Entfernung.

Ich versuchte, ihn mit seinem Spielzeug anzulocken.

Er kam nicht.

Und das tat mir mehr weh, als ich erwartet hätte.

Später saß ich auf dem Küchenboden.

Ich hatte das Licht ausgeschaltet. Nur die kleine Lampe über dem Herd brannte noch.

Vor mir stand eine Tasse Tee, die längst kalt geworden war.

Ich dachte an mein früheres Leben.

An die Jahre, in denen ich morgens zur Arbeit gefahren war und das Gefühl gehabt hatte, meinen Platz gefunden zu haben.

An meinen Mann, mit dem ich einmal alt werden wollte.

An unsere Tochter, die inzwischen ihr eigenes Leben führte.

Und an all die kleinen Veränderungen, die irgendwann dazu geführt hatten, dass ich ganz allein auf diesem Küchenboden saß.

Ich fragte mich, wann ich aufgehört hatte, mich auf den nächsten Tag zu freuen.

Wann aus meinem Leben nur noch eine Reihe von Aufgaben geworden war.

Aufstehen. Bewerbungen schreiben. Einkaufen. Putzen. Schlafen.

Und am nächsten Morgen alles wieder von vorn.

Mein Handy lag neben mir.

Keine neue Nachricht.

Kein verpasster Anruf.

Ich wollte niemanden anrufen, nur um wieder sagen zu müssen, dass alles in Ordnung sei.

Also blieb ich sitzen.

Irgendwann liefen mir Tränen über die Wangen.

Zuerst ganz leise.

Dann immer mehr.

Ich weinte um meinen verlorenen Arbeitsplatz. Um meine gescheiterte Ehe. Um die Jahre, die vergangen waren, ohne dass ich es richtig bemerkt hatte.

Und vielleicht am meisten um die Frau, die ich früher einmal gewesen war.

Dann hörte ich ein Geräusch.

Tapp.

Tapp.

Tapp.

Unregelmäßige kleine Schritte auf dem Küchenboden.

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