Ich hob den Kopf.
Oskar stand in der Tür.
Er blieb einen Moment stehen und schaute in meine Richtung.
Dann kam er langsam näher.
Ich wischte mir mit dem Ärmel über das Gesicht.
„Na, du kleiner Chaot.“
Er miaute.
Diesmal ganz leise.
Dann kletterte er auf meinen Schoß.
Nicht besonders geschickt.
Mit seinen großen Pfoten trat er auf meine Beine, rutschte einmal ab und musste sich an meinem Pullover festhalten.
Ich half ihm hoch.
Er drehte sich zweimal im Kreis und setzte sich schließlich auf meine Oberschenkel.
Dann legte er den Kopf gegen meinen Bauch.
Und seine große Vorderpfote landete genau dort, wo mein Herz schlug.
Ich hielt die Luft an.
Oskar begann zu schnurren.
Ein tiefes, gleichmäßiges Geräusch.
Ich legte meine Hand auf seinen Rücken.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
Er schnurrte weiter.
„Du kannst doch nichts dafür.“
Meine Tränen tropften auf sein Fell.
Oskar hob den Kopf, blinzelte mit seinen schiefen Augen und drückte seine Nase gegen meine Hand.
Da konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen.
Ich hielt ihn fest, ohne ihn einzuengen.
Und er blieb einfach sitzen.
Er wollte nichts von mir.
Keine Erklärung.
Keine gute Laune.
Keine perfekte Wohnung.
Er war einfach da.
In dieser Nacht verstand ich etwas, das ich vorher wohl nie richtig begriffen hatte.
Manchmal braucht man keinen Menschen, der einem erklärt, wie man sein Leben wieder in Ordnung bringt.
Manchmal braucht man nur jemanden, der bleibt, während man noch nicht weiß, wie es weitergeht.
Oskar konnte meine Rechnungen nicht bezahlen.
Er konnte mir keine neue Arbeitsstelle besorgen.
Er konnte die vergangenen Jahre nicht zurückholen.
Aber er hatte etwas geschafft, das mir seit langer Zeit niemand mehr gegeben hatte.
Ich fühlte mich nicht mehr völlig allein.
Am nächsten Morgen wurde ich von einem seltsamen Geräusch geweckt.
Es klapperte in der Küche.
Ich stand erschrocken auf und ging nachsehen.
Oskar saß auf der Arbeitsplatte neben der Kaffeemaschine.
Mit seiner großen Pfote hatte er einen Löffel auf den Boden geschoben.
Als er mich sah, miaute er laut.
„Guten Morgen, du kleiner Unruhestifter.“
Er sprang herunter und kam zu mir.
Zum ersten Mal seit Wochen musste ich schon vor dem Frühstück lachen.
Nicht höflich.
Nicht gespielt.
Sondern richtig.
Ich lachte so sehr, dass ich mich am Türrahmen festhalten musste.
Oskar schaute mich verständnislos an.
Seitdem sind einige Monate vergangen.
Mein Leben ist noch immer nicht perfekt.
Ich habe inzwischen eine neue Teilzeitstelle in einem kleinen Büro gefunden. Ich verdiene weniger als früher, aber die Arbeit macht mir Freude.
Die Wohnung ist dieselbe geblieben.
Mein Kühlschrank brummt noch immer.
Und manchmal habe ich weiterhin Tage, an denen mir alles zu viel wird.
Aber wenn ich nach Hause komme, wartet jemand an der Tür.
Oskar.
Meistens sitzt er schon im Flur, bevor ich den Schlüssel ganz herumgedreht habe.
Dann begrüßt er mich mit seinem rauen Miauen und läuft vor mir her, als müsste er mir dringend erzählen, was während meiner Abwesenheit passiert ist.
Jeden Morgen wartet er neben der Kaffeemaschine.
Seine Augen schauen noch immer in verschiedene Richtungen.
Er läuft noch immer etwas unbeholfen.
Und mit seiner riesigen Pfote bleibt er regelmäßig an meiner Wolldecke hängen.
Manchmal schimpfe ich mit ihm.
„Oskar, lass das!“
Dann sieht er mich an.
Und ich muss lachen.
Vor einigen Wochen kam meine Tochter mit den Kindern zu Besuch.
Mein sechsjähriger Enkel entdeckte Oskar sofort.
„Oma, warum sieht deine Katze so komisch aus?“
Ich wollte gerade antworten, als er sich neben Oskar auf den Teppich setzte.
„Der hat ja ganz viele Zehen!“
Er begann zu zählen.
„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben!“
Dann sah er mich begeistert an.
„Oma, der hat einen Superfuß!“
Ich musste lächeln.
„Ja, mein Schatz. Das hat er.“
Mein Enkel streichelte Oskar vorsichtig über den Rücken.
„Der ist bestimmt etwas ganz Besonderes.“
Ich sah die beiden an.
Den kleinen Jungen und den Kater, den anderthalb Jahre lang niemand hatte haben wollen.
„Ja“, antwortete ich leise. „Das ist er wirklich.“
Am Abend, nachdem meine Familie gefahren war, setzte ich mich mit einer Tasse Tee aufs Sofa.
Oskar sprang neben mich.
Er legte seine große Pfote auf meinen Arm und begann zu schnurren.
Ich dachte an jenen Tag im Tierheim.
An all die hübschen Katzen, die sofort Aufmerksamkeit bekommen hatten.
An die Menschen, die an Oskar vorbeigegangen waren.
Und an die ältere Frau, die gesagt hatte, ich solle ihn lieber nicht mitnehmen.
Damals hatte ich geglaubt, ich würde einem unerwünschten Tier eine zweite Chance geben.
Heute weiß ich, dass es anders war.
Wir haben uns gegenseitig eine zweite Chance gegeben.
Ich habe Oskar ein Zuhause geschenkt.
Und er hat mir geholfen, meines wieder als Zuhause zu empfinden.
Vielleicht werden wir beide nie so sein, wie andere uns gern hätten.
Ich bin keine junge, erfolgreiche Frau mehr, die scheinbar alles im Griff hat.
Und Oskar wird niemals ein hübscher Ausstellungskater mit perfekten Augen und eleganten Pfoten sein.
Aber das müssen wir auch nicht.
Denn inzwischen weiß ich, dass man nicht perfekt aussehen, erfolgreich sein oder immer stark wirken muss, um liebenswert zu sein.
Man darf älter werden.
Man darf Fehler machen.
Man darf scheitern und wieder anfangen.
Und manchmal darf man auch einfach auf dem Küchenboden sitzen und weinen.
Das bedeutet nicht, dass man weniger wert ist.
Wenn ich heute an Oskars Gehege im Tierheim denke, sehe ich wieder diese große Pfote an der Scheibe.
Sieben kleine Zehen.
Damals dachte ich, dieser Kater würde mich brauchen.
Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich ihn brauchen würde.
Und wenn mich heute jemand fragt, warum ich ausgerechnet diesen schiefäugigen, unbeholfenen Kater ausgesucht habe, dann lächle ich nur.
Denn die Wahrheit ist ganz einfach.
In einem Raum voller wunderschöner Katzen war es ausgerechnet der Kater, den niemand wollte, der mir gezeigt hat, wie schön es ist, wieder gebraucht und geliebt zu werden.






