Ich zog meine Hand zurück.
Der Hund entspannte sich ein wenig.
Lena beugte sich zu mir.
„Wir müssen beide zusammen runterbringen.“
Das war der entscheidende Punkt.
Wir durften den Hund nicht vom Rucksack trennen.
Also holten wir eine gepolsterte Rettungsschlinge aus dem Boot.
Zuerst legten wir sie neben den Rucksack.
Der Retriever beobachtete uns.
Ich bewegte die Tasche vorsichtig einige Zentimeter in Richtung Schlinge.
Sofort nahm er den Träger ins Maul.
Er wollte den Rucksack selbst tragen.
Aber als er daran zog, knickten seine Vorderbeine ein.
Seine Brust berührte die Dachziegel.
Für einen schrecklichen Moment dachte ich, er würde abrutschen.
„Ganz ruhig!“, sagte Lena.
Ich hielt den Rucksack fest.
Nicht, um ihn wegzunehmen.
Sondern um sein Gewicht zu tragen.
Der Hund schaute mich an.
Sein rechtes Auge war dunkel und müde.
Dann ließ er den Träger los.
Zum ersten Mal vertraute er mir ein kleines Stück.
Wir bewegten den Rucksack langsam nach vorn.
Zehn Zentimeter.
Der Hund folgte.
Noch einmal zehn Zentimeter.
Wieder machte er einen Schritt.
Als wir schließlich die Rettungsschlinge erreichten, zitterte sein ganzer Körper.
Ich schob das gepolsterte Material vorsichtig unter seinen Bauch.
Lena stützte seine Schultern.
Den Rucksack legten wir direkt vor seine Schnauze.
Solange er ihn sehen und riechen konnte, blieb er ruhig.
Gemeinsam brachten wir ihn die Leiter hinunter und ins Boot.
Kaum hatte er festen Boden unter den Pfoten, brach er erschöpft zusammen.
Sein Kopf landete auf dem roten Rucksack.
Und dort blieb er liegen.
Auf der Rückfahrt streichelte Lena vorsichtig seinen Rücken.
„Du hast lange durchgehalten, mein Junge.“
Der Hund schloss sein gesundes Auge.
Seine Atmung wurde ruhiger.
Ich sah immer wieder nach ihm.
Ein Teil von mir hatte Angst, dass sein Körper nach all den Strapazen einfach aufgeben würde.
Aber jedes Mal, wenn das Boot schwankte, hob er kurz den Kopf und suchte nach dem Rucksack.
Er musste nur sicher sein, dass er noch da war.
In der provisorischen Tierstation außerhalb des Überschwemmungsgebietes erwartete uns eine Tierärztin.
Der Hund war stark unterkühlt und ausgetrocknet.
Seine Pfoten waren wund, und an mehreren Stellen hatte sich die Haut unter dem nassen Fell gereizt.
Doch sein Herz schlug kräftig.
„Der alte Herr hat einen erstaunlichen Willen“, sagte die Ärztin.
Wir legten ihn auf eine warme Decke.
Den roten Rucksack stellten wir direkt daneben.
Er schlief fast sofort ein.
Nun mussten wir herausfinden, wem er gehörte.
Da die Tasche fast zwei Tage im Hochwasser gelegen hatte, prüften wir gemeinsam mit einer Mitarbeiterin der Station vorsichtig den Inhalt.
Der äußere Stoff war klatschnass.
Aber im Hauptfach steckte ein sorgfältig verschlossener Plastikbeutel.
Darin lagen drei Dinge.
Ein kleiner Stofffuchs mit einem schief angenähten Ohr.
Zwei Familienfotos.
Und eine laminierte Karte mit einem Namen und einer Telefonnummer.
Auf dem ersten Foto sah man ein Mädchen mit braunen Zöpfen.
Sie saß auf einer Wiese und hatte beide Arme um einen jüngeren Golden Retriever gelegt.
Der Hund hatte dieselbe weiße Vorderpfote.
Und dasselbe trübe linke Auge.
Auf der Rückseite stand mit lila Filzstift:
„Oskar und Mia. Für immer beste Freunde.“
Ich musste schlucken.
Lena nahm das zweite Foto.
Darauf lag der Hund auf einem Kinderbett.
Ein kleines Mädchen schlief neben ihm, die Hand tief in seinem goldenen Fell vergraben.
„Thomas“, sagte Lena leise. „Schau dir das an.“
Sie drehte das Foto um.
Dort stand:
„Wenn ich Angst habe, passt Oskar auf mich auf.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann nahm ich die laminierte Karte.
Der Name darauf lautete Kathrin Weber.
Darunter stand eine Telefonnummer.
Wir riefen an.
Beim zweiten Versuch meldete sich eine Frau.
„Weber?“
Ihre Stimme klang erschöpft.
Ich stellte mich vor und erklärte, dass wir bei der Tierrettung halfen.
„Frau Weber, wir haben einen Golden Retriever aus dem Überschwemmungsgebiet gerettet. Könnte er Ihnen gehören?“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann hörte ich ein scharfes Einatmen.
„Hat er nur noch ein Auge, mit dem er richtig sehen kann?“
„Ja.“
„Und eine weiße Vorderpfote?“
„Genau.“
Ein Schluchzen.
„Oskar.“
Sie wiederholte den Namen mehrmals.
Ganz leise.
Als müsse sie sich erst davon überzeugen, dass er wirklich noch lebte.
Dann rief sie etwas in den Raum.
„Mia! Komm bitte her!“
Ich hörte schnelle Schritte.
Eine Kinderstimme fragte aufgeregt:
„Mama? Was ist passiert?“
Kathrin antwortete nicht sofort.
Offenbar hielt sie sich eine Hand vor den Mund.
Ich erklärte, dass Oskar erschöpft, aber in Sicherheit sei.
Das Mädchen begann zu weinen.
„Ist er wirklich da?“
„Ja, Mia. Wir haben ihn gefunden.“
„Ist er verletzt?“
„Er wird gerade untersucht. Aber er ist bei uns und bekommt Hilfe.“
Wieder hörte ich Schluchzen.
Dann stellte das Mädchen eine Frage, mit der ich nicht gerechnet hatte.
„Hat er meinen roten Rucksack auch gefunden?“
Ich sah Lena an.
„Ja“, antwortete ich. „Den hat er die ganze Zeit bewacht.“
Plötzlich wurde es am Telefon ganz still.
„Die ganze Zeit?“, fragte Mia.
„Ja. Er wollte ihn überhaupt nicht zurücklassen.“
Kathrin nahm das Telefon wieder an sich.
Ihre Stimme zitterte.
„Herr Berger, Sie verstehen nicht, was das bedeutet.“
Und dann erzählte sie uns, was in jener Nacht passiert war.
Die Familie hatte das Haus verlassen müssen, als das Wasser bereits durch die Haustür drückte.
Kathrin war mit ihrer achtjährigen Tochter Mia und ihrem älteren Vater allein gewesen.
Ihr Mann arbeitete in einer anderen Stadt und hatte wegen der gesperrten Straßen nicht zurückkommen können.
Oskar war damals schon elf Jahre alt.
Auf dem linken Auge war er seit Jahren blind.
Er brauchte länger, um aufzustehen, und schaffte nur noch kurze Spaziergänge.
Aber er wich Mia kaum von der Seite.
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