Als die Familie über eine Außentreppe in Richtung höher gelegener Straße gebracht wurde, trug Mia ihren roten Rucksack.
Darin hatte sie den Stofffuchs und die beiden Fotos verstaut.
Es waren die Dinge, die sie auf keinen Fall verlieren wollte.
Denn der Stofffuchs war ein Geschenk ihrer verstorbenen Großmutter.
Und eines der Fotos war an dem letzten Geburtstag aufgenommen worden, den Mia noch mit ihr erlebt hatte.
Mia hatte große Angst vor dem steigenden Wasser.
Oskar blieb die ganze Zeit dicht an ihren Beinen.
Dann ging alles sehr schnell.
Ein Rettungsboot musste wegen treibender Gegenstände an einer anderen Stelle anlegen.
Menschen riefen durcheinander.
Kathrin half ihrem Vater beim Einsteigen.
Mia hielt ihren Rucksack und Oskars Leine fest.
Als ein lauter Knall aus einem überschwemmten Schuppen kam, erschrak Oskar.
Mia verlor den Halt an der nassen Leine.
Der Hund lief einige Schritte zurück.
In derselben Bewegung rutschte ihr der Rucksack von der Schulter.
Er blieb an einer Dachrinne hängen.
Ein Helfer nahm Mia in Empfang, während Kathrin ihrem Vater ins Boot half.
Als sie bemerkten, dass Oskar nicht mitgekommen war, hatte das Boot bereits Abstand zum Haus.
Sie riefen nach ihm.
Wieder und wieder.
Oskar stand auf dem Dach.
Neben dem roten Rucksack.
Doch der Wasserstand stieg weiter, und die Helfer mussten die Menschen zunächst in Sicherheit bringen.
Kathrin meldete Oskar noch in derselben Nacht als vermisst.
Am nächsten Morgen wurde nach ihm gesucht.
Doch starke Strömung und treibende Gegenstände verhinderten zunächst eine sichere Annäherung an das Haus.
Mia hatte seitdem kaum geschlafen.
Jeden Abend fragte sie ihre Mutter dasselbe:
„Glaubst du, Oskar wartet noch auf uns?“
Kathrin hatte keine Antwort.
Bis zu unserem Anruf.
Am folgenden Nachmittag durfte die Familie zur Tierstation kommen.
Mia betrat den Raum zuerst.
Sie blieb in der Tür stehen.
Auf einer großen Decke lag Oskar.
Sein Fell war inzwischen trocken. Die Schnauze war noch grauer, als sie es in Erinnerung hatte.
Neben seinem Kopf lag der rote Rucksack.
„Oskar?“
Der Hund öffnete sein rechtes Auge.
Seine Ohren bewegten sich.
Mia machte einen Schritt.
„Oskar, ich bin’s.“
Er versuchte aufzustehen.
Seine Hinterbeine zitterten.
Die Tierärztin wollte ihm helfen, doch Oskar hatte bereits den Kopf gehoben.
Dann hörte er Mia erneut seinen Namen sagen.
Sein Schwanz begann zu klopfen.
Erst langsam.
Dann schneller.
Mia kniete sich neben ihn.
„Du bist wirklich wieder da.“
Sie legte beide Arme um seinen Hals und drückte ihr Gesicht vorsichtig in sein Fell.
Oskar stieß einen langen Seufzer aus.
Dann legte er seine Schnauze auf ihren Schoß.
Er bewegte sich nicht mehr.
Als hätte er endlich den Platz gefunden, an dem er sein wollte.
Kathrin stand einige Schritte entfernt und weinte.
Auch Lena wischte sich über die Augen.
Ich hatte in meinem Leben viele Wiedersehen zwischen Menschen und ihren Tieren erlebt.
Aber dieses war anders.
Denn Mia griff plötzlich nach dem roten Rucksack.
Sie öffnete ihn und zog den alten Stofffuchs heraus.
„Mama, er ist noch da!“
Sie hielt ihn hoch.
Dann nahm sie die beiden Fotos aus dem Plastikbeutel.
Ihre kleinen Finger strichen über das Bild ihrer Großmutter.
Und wieder begann sie zu weinen.
Diesmal ganz still.
„Oskar hat auf Oma aufgepasst“, flüsterte sie.
Kathrin kniete sich zu ihr.
„Ja, mein Schatz.“
Mia legte den Stofffuchs neben Oskars Kopf.
Dann zeigte sie ihm das Foto.
„Weißt du noch? Das war bei Oma im Garten.“
Oskar schnupperte kurz daran.
Anschließend legte er seine weiße Pfote auf den roten Rucksack.
Genau wie auf dem Dach.
Mia musste durch ihre Tränen lächeln.
„Du musst ihn nicht mehr bewachen, Oskar.“
Sie streichelte seinen Kopf.
„Ich bin doch wieder da.“
In den folgenden Tagen erholte sich Oskar langsam.
Er fraß wieder ordentlich und konnte kurze Strecken laufen.
Die Tierärztin empfahl viel Ruhe und regelmäßige Kontrollen.
Kathrin organisierte zu Hause einen warmen Schlafplatz für ihn.
Nicht im Flur.
Nicht in der Küche.
Sondern direkt neben Mias Bett.
Dort hatte er schon früher am liebsten geschlafen.
Als die Familie einige Wochen später in ihr Haus zurückkehren konnte, waren viele Dinge beschädigt.
Möbel mussten ersetzt werden.
Die Wände mussten trocknen.
Manche Erinnerungsstücke waren für immer verloren.
Aber Mia hatte ihren Stofffuchs.
Sie hatte ihre Fotos.
Und sie hatte Oskar.
Einige Zeit später schickte Kathrin uns ein neues Bild.
Darauf lag der alte Golden Retriever auf einer weichen Decke neben einem Kinderbett.
Seine weiße Pfote ruhte auf dem roten Rucksack.
Mia saß neben ihm und las ein Buch.
Auf der Rückseite des Fotos hatte sie einen Satz geschrieben:
„Oskar ist mein bester Freund. Und diesmal passe ich auf ihn auf.“
Ich bewahre dieses Foto bis heute in einer Schublade auf.
Manchmal hole ich es hervor, besonders nach schwierigen Einsätzen.
Dann denke ich an diesen alten Hund auf dem überfluteten Dach.
An seine zitternden Beine.
An sein blindes Auge.
Und an die Art, wie er seine letzte Kraft dafür einsetzte, etwas zu bewachen, das für andere nur ein schmutziger Kinderrucksack gewesen wäre.
Vielleicht wusste Oskar nicht, welche Erinnerungen darin steckten.
Vielleicht verstand er nicht, warum Mia diesen kleinen Stofffuchs so sehr liebte.
Aber eines hatte er verstanden.
Der Rucksack gehörte zu seinem Mädchen.
Und solange sie nicht zurückkam, würde er ihn nicht allein lassen.
Manchmal ist Liebe nichts Lautes oder Großes.
Manchmal ist sie ein alter Hund, der 43 Stunden im Regen auf einem Dach sitzt.
Mit einer weißen Pfote auf einem roten Rucksack.
Und der erst loslässt, als er endlich weiß, dass seine Familie wieder in Sicherheit ist.






