Natürlich konnten wir das.
Rolf stellte sich neben sie.
Mia hielt das Bild ihres Vaters zwischen sich und Rolf.
Ich machte drei Aufnahmen mit meinem Handy.
Auf der ersten schaute Rolf ernst.
Auf der zweiten hatte er die Augen geschlossen.
Auf der dritten lachte Mia so sehr, dass auch er grinsen musste.
Später sagte ihre Mutter, genau dieses dritte Foto sei ihr Lieblingsbild geworden.
Nicht, weil es perfekt war.
Sondern weil Mia darauf wieder wie ein ganz normales glückliches Kind aussah.
Gegen Mittag saßen wir in einem großen überdachten Bereich neben einem Restaurant.
Es gab Nudeln, Pommes, Gemüse, Schnitzel und für manche Kinder wahrscheinlich mehr Eis, als ihre Eltern normalerweise erlaubt hätten.
Rolf saß neben Mia.
Sie hatte sich den größten Eisbecher ausgesucht, den ich je gesehen hatte.
„Den schaffst du nie“, sagte Rolf.
„Doch!“
„Wollen wir wetten?“
„Was kriege ich, wenn ich gewinne?“
Rolf dachte nach.
„Dann darfst du mir einen neuen Spitznamen geben.“
Mia grinste.
„Du heißt doch schon der Bär.“
„Eben.“
„Dann nenne ich dich Eisbär.“
Sie hielt ihm einen Löffel hin.
„Weil du gleich mein Eis aufessen musst, wenn ich nicht mehr kann.“
Rolf lachte so laut, dass sich drei Leute am Nachbartisch umdrehten.
Ich hatte ihn seit Ingrids Tod nicht mehr so lachen hören.
Das allein wäre die ganze Mühe wert gewesen.
Aber der Tag war noch lange nicht vorbei.
Am Nachmittag kam eine Frau auf uns zu.
Sie war etwa vierzig und führte einen Jungen an der Hand.
Der Junge hatte dunkle Haare und ein ernstes Gesicht.
Er schaute die ganze Zeit auf den Boden.
Die Frau blieb vor Rolf stehen.
„Entschuldigen Sie. Sind Sie Herr Hartmann?“
Rolf hob den Kopf.
„Ja.“
„Ich bin Sarah Berger.“
Für einen Moment veränderte sich sein Gesicht.
Dann stand er auf.
„Sarah?“
Sie nickte.
„Wir haben uns auf der Beerdigung meines Mannes gesehen.“
Rolf schloss die Augen.
„Thomas.“
„Ja.“
Er nahm ihre Hand.
„Natürlich erinnere ich mich.“
Thomas Berger war ebenfalls Soldat gewesen.
Er war einige Jahre zuvor während seines Dienstes tödlich verunglückt.
Rolf hatte damals bei der Beerdigung geholfen, die ehemaligen Kameraden zusammenzubringen.
Sarah sah auf unsere Kinder.
„Ich habe die Aufnäher auf Ihren Jacken erkannt. Und dann hat mir eine Mitarbeiterin erzählt, dass Sie mit Kindern hier sind, die ihre Eltern verloren haben.“
Ihre Stimme zitterte.
„Das ist mein Sohn Ben.“
Der Junge schaute kurz hoch.
„Hallo“, sagte Rolf.
Ben antwortete nicht.
Sarah strich ihm über den Rücken.
„Er ist neun. Seit Thomas gestorben ist, ist er sehr still geworden.“
Sie holte tief Luft.
„Eigentlich ist er nicht nur still. Er ist wütend. Auf mich, auf die Schule, auf alles.“
Rolf hörte zu.
„Ich dachte, ein Ausflug würde ihm guttun“, sagte Sarah. „Aber heute Morgen wollte er nicht einmal aus dem Hotelzimmer.“
Sie sah zu den anderen Kindern.
„Glauben Sie, er könnte sich Ihnen für eine Weile anschließen?“
Rolf blickte Ben an.
„Du kannst gern mitkommen.“
Keine Antwort.
„Magst du Achterbahnen?“
Ben zuckte mit den Schultern.
„Weiß nicht.“
„Ich auch nicht“, sagte Rolf. „Mir wird da immer schlecht.“
Ben schaute ihn überrascht an.
„Dir?“
„Ja.“
„Aber du bist doch so groß.“
„Das hilft dem Magen leider überhaupt nicht.“
Ein winziges Lächeln huschte über Bens Gesicht.
Rolf deutete auf unseren alten Kollegen Werner.
„Siehst du den Mann da drüben?“
Ben nickte.
„Der behauptet seit einer Stunde, er traut sich auf jede Achterbahn.“
Werner sah zu uns herüber.
„Was erzählst du da wieder?“
Rolf grinste.
„Ich sage nur die Wahrheit.“
Dann fragte er Ben: „Wollen wir mal sehen, ob er wirklich so mutig ist?“
Ben nickte.
Und ging mit.
Sarah blieb neben mir stehen.
Sie presste ihre Lippen zusammen.
„Er hat seit Wochen kaum gelächelt“, flüsterte sie.
Ich antwortete nicht.
Manchmal ist Schweigen die einzige vernünftige Reaktion.
Am Ende saß Werner tatsächlich in der Achterbahn.
Zusammen mit Ben.
Als die beiden zurückkamen, war Werner kreidebleich.
Ben lachte Tränen.
„Noch mal!“, rief er.
Werner hob abwehrend die Hände.
„Junge, ich habe eine künstliche Hüfte. Die muss noch ein paar Jahre halten.“
Ben lachte noch lauter.
Rolf stand daneben und grinste.
Sarah hatte ihre Hände vor das Gesicht geschlagen.
Aber diesmal weinte sie vor Erleichterung.
Ich sah, wie Ben zu ihr lief.
„Mama, der Werner hat geschrien!“
„Wirklich?“
„Die ganze Zeit!“
Werner schüttelte den Kopf.
„Ich habe nicht geschrien. Ich habe technische Bedenken geäußert.“
Alle lachten.
An diesem Nachmittag begriff ich, dass Rolf mit unserer Idee etwas geschaffen hatte, das größer war als ein schöner Ausflug.
Hier mussten die Kinder ihre Trauer nicht erklären.
Keiner fragte, warum sie manchmal plötzlich still wurden.
Keiner sagte ihnen, sie sollten stark sein.
Sie durften lachen, ohne ihren Vater oder ihre Mutter zu vergessen.
Und sie durften traurig werden, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Im Laufe des Nachmittags kamen noch weitere Familien zu uns.
Eine Parkmitarbeiterin hatte von unserer Aktion gehört und uns gefragt, ob sie zwei Mütter mit ihren Kindern vorstellen dürfe, die ebenfalls einen Elternteil im Dienst verloren hatten.
Wir sagten natürlich Ja.
Später schlossen sich uns noch einige Kinder an, deren Familien über gemeinsame Bekannte von unserem Ausflug erfahren hatten.
Am Ende waren es 57 Kinder.
Nicht alle blieben den ganzen Tag bei uns.
Manche kamen nur für ein paar Stunden.
Aber jedes bekam einen Platz.
Und jeder wurde gefragt, was er gern machen wollte.
Am späten Nachmittag beobachtete ich, wie sich Ben neben Mia setzte.
Die beiden hatten inzwischen Freundschaft geschlossen.
Ben zeigte auf das Foto in ihren Händen.
„Ist das dein Papa?“
Mia nickte.
„Ja.“
„Meiner ist auch tot.“
„Ich weiß.“
Sie schwiegen.
Dann sagte Ben: „Ich bin manchmal sauer auf ihn.“
Mia schaute ihn an.
„Warum?“
„Weil er nicht mehr da ist.“
Mia dachte lange nach.
„Ich bin auch manchmal sauer.“
„Wirklich?“
„Ja. Besonders wenn in der Schule Vatertag ist.“
Ben nickte.
„Bei mir ist es schlimm, wenn die anderen erzählen, was sie mit ihren Papas gemacht haben.“
Wieder schwiegen sie.
Dann fragte Mia: „Willst du nachher neben mir sitzen?“
„Wo?“
„Bei der Lichtershow.“
„Okay.“
So einfach war das.
Zwei Kinder hatten einander etwas gesagt, das sie Erwachsenen gegenüber vielleicht nie ausgesprochen hätten.
Und keiner von uns musste etwas erklären.
Gegen Abend wurde die Beleuchtung im Park eingeschaltet.
Das Märchenschloss leuchtete in warmen Farben.
Entlang der Wege gingen kleine Laternen an, und aus versteckten Lautsprechern erklang Musik.
Für den Abschluss des Tages hatte die Parkverwaltung einen Bereich an der großen Wiese für unsere Gruppe reserviert.
Dort sollte die abendliche Lichtershow stattfinden.
Es war keine Veranstaltung nur für uns.
Überall standen Familien.
Kinder saßen auf den Schultern ihrer Väter, Mütter hielten ihre Kleinen an der Hand, Großeltern suchten nach einem guten Platz.
Rolf stand am Rand unserer Gruppe.
Er hatte die Hände in den Jackentaschen.
Ich trat neben ihn.
„Zufrieden?“
Er schaute über die Wiese.
„Fast.“
„Was fehlt denn noch?“
Er antwortete nicht sofort.
Dann sagte er: „Ich habe heute so viele Kinder lachen sehen. Aber jedes Mal, wenn ich mich richtig freue, denke ich daran, warum wir überhaupt hier sind.“
Ich nickte.
Rolf sah zu Mia.
Sie saß auf einer Decke neben Ben.
Beide hatten ihre Fotos vor sich liegen.
„Weißt du, Dieter“, sagte Rolf, „ich habe mir früher eingebildet, dass man irgendwann lernt, mit allem fertigzuwerden.“
„Und?“
„Ich bin jetzt 64. Und ich glaube, das stimmt nicht.“
Er rieb sich die Hände.
„Man lernt nur, mit manchen Dingen weiterzuleben.“
Ich legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Vielleicht reicht das manchmal.“
Rolf nickte.
Dann hatte er eine Idee.
Er bat unsere Helfer, die Kinder zusammenzurufen.
Nicht alle wollten kommen.
Einige blieben bei ihren Eltern.
Das war völlig in Ordnung.
Rolf stellte sich vor die Gruppe.
Er brauchte kein Mikrofon.
„Ich möchte euch etwas sagen.“
Die Kinder wurden ruhig.
„Viele von euch haben heute ein Foto von eurem Papa oder eurer Mama mitgebracht.“
Einige nickten.
„Und ich weiß, dass manche von euch dieses Foto überallhin mitnehmen.“
Mia hielt ihres hoch.
Rolf lächelte.
„Gleich beginnt die Lichtershow. Und ich habe mir gedacht: Wenn ihr möchtet, könnt ihr euren Eltern das alles noch einmal zeigen.“
Er machte eine Pause.
„Ihr könnt die Fotos hochhalten. Oder einfach fest an euch drücken. Ganz wie ihr wollt.“
Ben fragte: „Müssen wir?“
Rolf schüttelte den Kopf.
„Nein. Niemand muss hier irgendetwas.“
Ben dachte nach.
Dann sagte er: „Ich glaube, ich mache mit.“
Die ersten Lichter erschienen über dem Schloss.
Musik setzte ein.
Ein leises Staunen ging durch die Menge.
Und dann hoben viele unserer Kinder ihre Fotos.
Nicht gleichzeitig.
Nicht wie bei einer einstudierten Zeremonie.
Manche hielten sie mit ausgestreckten Armen hoch.
Andere legten sie auf ihre Knie.
Ein kleines Mädchen drückte das Bild seiner Mutter an die Wange.
Ein Junge hielt das Foto seines Vaters so fest, dass seine Fingerknöchel weiß wurden.
Hinter ihnen standen wir.
Alte Handwerker.
Ehemalige Soldaten.
Frauen und Männer, deren Hände von Jahrzehnten Arbeit gezeichnet waren.
Menschen, die schon viele Abschiede erlebt hatten.
Und trotzdem nicht wussten, was man in einem solchen Moment sagen sollte.
Ich sah Werner, der seinen Arm um Ben gelegt hatte.
Ich sah Sarah, die weinte, während ihr Sohn die bunten Lichter bestaunte.
Ich sah Rolf.
Er stand hinter Mia.
Seine große Hand ruhte auf ihrer Schulter.
Mia hielt das Foto ihres Vaters hoch.
„Guck mal, Papa“, flüsterte sie. „Jetzt ist alles bunt.“
Rolf wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
Ich tat so, als hätte ich es nicht gesehen.
Später erfuhr ich, dass ein Mitarbeiter des Parks ein Foto von diesem Moment gemacht hatte.
Man sah darauf die Kinder von hinten.
Davor das beleuchtete Schloss.
Und hinter ihnen unsere Gruppe in den dunklen Jacken.
Der Mitarbeiter zeigte das Bild Martin Seifert.
Er war sehr bewegt und fragte, ob wir es für unsere Erinnerungsmappe haben möchten.
Wir stimmten zu.
Aber Rolf stellte eine Bedingung.
„Nicht für Werbung.“
Seifert nickte sofort.
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