93 Tage wartete Raban im verlassenen Auto dann führte er die Polizei zu seinem vermissten Herrchen

Nur der Kopf eines ausgehungerten Hundes war im überwucherten Auto zu sehen, dann führte er die Polizei zu einem Mann, der seit drei Monaten vermisst wurde.

Ich sah zuerst das Auto.

Nicht den Hund.

Der alte dunkelgrüne Kombi stand weit abseits eines kaum noch benutzten Forstwegs im Harz, halb unter Buchenlaub, Farn und heruntergefallenen Ästen verborgen. Ein Vorderreifen war platt. Moos zog sich bereits am unteren Rand der Türen entlang.

Erst als ich näher kam, bewegte sich etwas hinter der Windschutzscheibe.

Zwei Augen.

Dann ein schmaler Kopf.

Mehr war von dem Hund kaum zu sehen.

Er lag auf dem Fahrersitz und war so abgemagert, dass sich jede Rippe unter seinem Fell abzeichnete.

Das Kennzeichen brachte innerhalb weniger Minuten die Antwort, die seit fast drei Monaten niemand gefunden hatte.

Der Wagen gehörte Joachim Reuter.

68 Jahre alt.

Ehemaliger Geschichtslehrer.

Seit 93 Tagen vermisst.

Joachim war Anfang August zu einer Wanderung aufgebrochen und nie zurückgekehrt. Seine Tochter Maren hatte ihn noch am selben Abend als vermisst gemeldet.

Von Anfang an hatte sie immer wieder einen Satz gesagt:

„Mein Vater ist nicht allein. Sein Hund Raban ist bei ihm.“

Raban war ein neun Jahre alter Schäferhund-Mischling mit dunklem Rücken, hellen Beinen und einem linken Ohr, das seit einem Unfall leicht nach vorne geknickt war.

Maren war überzeugt gewesen:

Wenn jemand Raban findet, findet er auch ihren Vater.

Nun hatten wir den Hund.

Aber Joachim war nicht im Auto.

Die Fahrertür war nicht verschlossen.

Als ich sie vorsichtig öffnete, hob Raban nur den Kopf.

Er knurrte nicht.

Er bellte nicht.

Er versuchte nicht einmal aufzustehen.

Seine Nase lag dort, wo normalerweise die rechte Hand eines Fahrers neben dem Schalthebel ruhte.

Der Stoff des Sitzes war völlig abgerieben.

Später fanden wir heraus, warum.

Raban hatte dort geschlafen.

Nacht für Nacht.

Fast drei Monate lang.

Das Seltsame war: Er hätte das Auto jederzeit verlassen können.

Eine Seitenscheibe hinten war beschädigt. Durch die Öffnung konnte Raban hinein- und herausklettern. Auch die Türen waren nicht verriegelt.

Und tatsächlich fanden wir draußen Spuren.

Pfotenabdrücke führten zu einer Felsmulde, in der sich Regenwasser gesammelt hatte.

Andere Spuren führten zu wilden Brombeeren.

In der Nähe eines alten Rastplatzes hatte Raban verrottetes Holz aufgerissen, vermutlich auf der Suche nach Käfern und anderen Kleintieren.

Er hatte alles gefressen, was er finden konnte.

Nur weit weggegangen war er nie.

Er kam immer wieder zurück.

Immer auf denselben Sitz.

Die Mitarbeiterin des örtlichen Tierschutzdienstes stellte Wasser vor ihn.

Raban trank lange.

Dann bot sie ihm weiches Futter an.

Er schnupperte daran und drehte den Kopf weg.

Erst als sie die Schale auf den Fahrersitz stellte, begann er zu fressen.

Drei kleine Bissen.

Mehr schaffte er nicht.

Wir wollten ihn anschließend vorsichtig zum Transportfahrzeug bringen.

Da geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Raban stand auf.

Seine Hinterbeine gaben sofort nach.

Er fiel fast zu Boden, fing sich jedoch wieder und ging langsam um die Motorhaube herum.

Dann blickte er in den Wald.

Und lief los.

Nicht schnell.

Nicht ziellos.

Ganz bewusst.

Nach vielleicht zehn Metern blieb er stehen und sah zurück.

Wir folgten ihm.

Vier Polizeibeamte, zwei Helfer und eine Tierärztin.

Raban schaffte nur wenige Meter am Stück. Immer wieder musste er stehen bleiben und atmen.

Trotzdem wollte er weiter.

Niemand verstand zunächst, wohin.

Bis Maren eintraf.

Sie sprang aus dem Wagen, sah den grünen Kombi und blieb wie angewurzelt stehen.

Dann sah sie Raban.

„Raban?“

Der Hund drehte sich um.

Sein geknicktes Ohr hob sich.

Maren ging in die Hocke.

„Komm her, mein Junge.“

Raban machte zwei Schritte auf sie zu.

Maren öffnete die Arme.

Doch der Hund lief an ihr vorbei.

Direkt zurück in Richtung Wald.

Wieder blieb er stehen.

Wieder sah er zurück.

Maren wischte sich über das Gesicht.

Dann sagte sie leise:

„Er will uns etwas zeigen.“

Diesmal ging sie mit.

Der schmale Pfad war unter Laub kaum noch zu erkennen.

Raban dagegen kannte jede Biegung.

Er lief an einer gespaltenen Buche vorbei, überquerte einen kleinen Bach genau an der flachsten Stelle und wich einem instabilen Hangstück aus.

Es war offensichtlich:

Der Hund war diesen Weg schon oft gegangen.

Nach etwa einem halben Kilometer brach Raban zusammen.

Die Tierärztin gab ihm Wasser.

Maren setzte sich neben ihn.

Sie berührte ihn nicht sofort.

Sie sagte nur:

„Bring mich zu Papa.“

Raban hob den Kopf.

Dann stand er noch einmal auf.

Vielleicht 150 Meter später sahen wir den Rucksack.

Er lag zwischen Wurzeln am Rand einer steilen Böschung.

Auf der Klappe waren mit schwarzem Stift zwei Buchstaben geschrieben.

J. R.

Joachim Reuter.

Raban ging direkt zum Rucksack.

Dann legte er sich daneben.

Kein Laut.

Keine weitere Bewegung.

Die Beamten fanden Joachim unterhalb des Abhangs.

Er war vermutlich schon in den ersten Tagen nach seinem Verschwinden gestorben.

Später ergab die Untersuchung, dass er bei einem Sturz schwere Verletzungen erlitten hatte. Ohne zu wissen, wo er lag, hätte ihn von oben kaum jemand entdecken können.

Raban hatte ihn gefunden.

Und Raban war geblieben.

Unter einem Felsvorsprung fanden sich alte Pfotenabdrücke.

Kratzspuren neben dem Rucksack deuteten darauf hin, dass der Hund dort immer wieder gescharrt hatte.

Niemand konnte sagen, wie lange Raban direkt bei Joachim ausgeharrt hatte.

Vielleicht zwei Tage.

Vielleicht länger.

Irgendwann musste Hunger ihn gezwungen haben, den Ort zu verlassen.

Aber er ging nicht einfach weg.

Er lief zurück zum Auto.

Denn dort endete für Raban jede Wanderung.

Joachim setzte sich auf den Fahrersitz.

Raban sprang daneben.

Dann fuhren beide nach Hause.

So war es jahrelang gewesen.

Nur dieses eine Mal kam Joachim nicht zurück.

Raban verstand nicht, warum.

Also wartete er.

Maren erzählte später, dass der alte Kombi für ihren Vater viel mehr gewesen war als ein Auto.

Joachims Frau Helga war zwei Jahre zuvor gestorben.

Nach ihrem Tod hatte Joachim das gemeinsame Haus verkauft. Es war ihm zu groß geworden. Zu viele Räume. Zu viele Erinnerungen.

Er zog in eine kleine Wohnung.

Viel hielt ihn dort nicht.

Also begann er, mit Raban unterwegs zu sein.

An Wochenenden fuhren die beiden in verschiedene Mittelgebirge, zu kleinen Seen und stillen Wanderwegen.

Manchmal schlief Joachim im Wagen.

Er hatte die Rückbank so umgebaut, dass dort eine einfache Liegefläche entstand. Im Kofferraum standen ein kleiner Kocher, Decken, eine Thermoskanne und eine Kiste mit Wanderkarten.

Maren nannte den Kombi scherzhaft „Papas Wohnung auf Rädern“.

Joachim lachte darüber.

Doch eigentlich stimmte es.

Nach Helgas Tod war der Wagen der Ort geworden, an dem Joachim sich wieder frei fühlte.

Und Raban war immer dabei.

Jeder Ausflug begann gleich.

Joachim setzte sich morgens auf den Fahrersitz.

Er faltete eine Karte auseinander.

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