Eine Hündin hing im Flutnetz – fünf ungeborene Welpen veränderten zwölf Motorradfahrer für immer

Nur eine schlammige Pfote bewegte sich noch im Fischernetz, als ein tätowierter Motorradfahrer die Hündin herunterschnitt, änderten fünf Herzschläge eine ganze Gruppe für immer

Der Baum stand dort, wo zwei Tage zuvor noch braunes Hochwasser durch die Felder gedrückt hatte.

In den oberen Ästen hingen Plastiktüten. Ein Küchenstuhl klemmte schief zwischen zwei Stämmen. Und mehrere Meter über dem Boden spannte sich ein grünes Fischernetz zwischen abgebrochenen Ästen.

Darin hing ein Hund.

Eine gestromte Hündin mit weißer Brust, einem dunklen Ohr und einer dünnen Narbe quer über der Schnauze. Schlamm klebte ihr vom Kopf bis zu den Hinterpfoten im Fell.

Nur eine Vorderpfote zuckte noch.

Wir waren zwölf Motorradfahrer und eigentlich auf dem Weg zu Familien, die nach dem Hochwasser Wasser, Tierfutter, Batterien und Arbeitskleidung brauchten.

Unsere Motorräder blieben auf dem beschädigten Asphalt stehen.

Keiner sagte etwas.

Ich heiße Ralf Mertens, bin 58 und habe fast mein ganzes Berufsleben an Strommasten, Leitungen und beschädigten Bäumen gearbeitet. In unserer Motorradgruppe nennen mich manche noch immer „Falke“, obwohl ich seit Jahren nicht mehr klettere, wenn es sich vermeiden lässt.

An diesem Morgen ließ es sich nicht vermeiden.

„Seil aus dem Transporter“, sagte ich.

Uwe sah zum Baum hoch.

„Ralf, das Ding hat schon Äste verloren.“

„Der Stamm steht.“

Mehr musste nicht gesagt werden.

Die anderen befestigten das Sicherungsseil. Ich zog meinen alten Klettergurt an und ging durch den Schlamm zum Baum.

Je höher ich kam, desto deutlicher sah ich, wie schlimm es war.

Das Netz hatte sich um Brust, Bauch und Hinterläufe der Hündin gezogen. Jede Bewegung musste die Schnüre weiter eingeschnitten haben.

Sie knurrte nicht.

Sie hatte keine Kraft mehr dafür.

Nur ihre bernsteinfarbenen Augen folgten mir.

„Ist gut“, sagte ich leise.

Natürlich wusste ich, dass ein Hund meine Worte nicht verstand.

Aber ich wusste auch, wie es sich anfühlt, wenn in einer schlimmen Situation jemand einfach weiterredet.

Ich schob einen Arm unter ihren Körper und begann, die Schnüre Stück für Stück zu durchtrennen.

Unter ihrem Bauch lag ein breiteres Stück Netz. Wahrscheinlich hatte genau das verhindert, dass die dünneren Schnüre ihr volles Gewicht getragen hatten.

Vielleicht hatte es ihr das Leben gerettet.

Als ich den letzten Knoten durchschnitt, sackte die Hündin gegen meine Brust.

Und plötzlich bewegte sich etwas unter meiner Hand.

Nicht einmal.

Mehrmals.

Ich hielt inne.

Ihr Bauch spannte sich hart an.

„Jungs!“

Unten sahen alle hoch.

„Was ist?“

Ich legte die Hand noch einmal vorsichtig an ihren Bauch.

Da war wieder Bewegung.

Mehrere kleine Bewegungen.

„Die ist trächtig.“

Uwe fluchte leise.

Dann kam die nächste Kontraktion.

„Und ich glaube, es geht los.“

Wir ließen uns gemeinsam am Seil herunter.

Kaum hatte die Hündin wieder Boden unter sich, versuchte sie aufzustehen. Sie schaffte einen Schritt, drehte sich halb zu mir und fiel direkt auf meine Lederjacke, die ich ausgezogen und in den Schlamm gelegt hatte.

Ihr Halsband war völlig verdreckt.

Von einem Namen war nichts zu erkennen.

Die nächste erreichbare Tierarztpraxis lag auf der anderen Seite einer beschädigten Brücke. Also rief einer von uns dort an, während wir die Hündin vorsichtig in unseren alten Begleittransporter legten.

Meine Jacke blieb unter ihr.

Elf Minuten später kam der erste Welpe.

Mitten auf einer Landstraße.

Keiner von uns hatte jemals einen Hund bei einer Geburt begleitet.

Am wenigsten Uwe.

Uwe war 61, hatte Hände wie Schraubstöcke und konnte ein altes Motorradgetriebe fast blind auseinandernehmen. Aber als dieses winzige nasse Wesen regungslos neben der Hündin lag, wurde er weiß im Gesicht.

Die Tierärztin blieb am Telefon.

Sie erklärte uns ruhig, was zu tun war.

Die Hündin war zu erschöpft, um sich richtig umzudrehen. Also befreite ich vorsichtig die Schnauze des Welpen und begann, ihn mit einem sauberen Tuch zu reiben.

Nichts.

„Weiter“, sagte die Tierärztin.

Ich rieb weiter.

Die Mutter hob den Kopf.

Sie sah direkt auf meine Hände.

Vielleicht waren es zwanzig Sekunden.

Vielleicht dreißig.

Für mich fühlte es sich viel länger an.

Dann zuckte der kleine Brustkorb.

Ein dünnes Geräusch kam aus dem Maul.

Nur ein Fiepen.

Aber im Transporter wurde es plötzlich vollkommen still.

Die Hündin streckte ihren Kopf vor und berührte den Welpen mit der Nase.

Uwe schluckte.

„Na also“, murmelte er.

Bis wir unsere Garage erreicht hatten, kündigte sich bereits der zweite Welpe an.

Unsere Garage war normalerweise kein Ort für Neugeborene.

Dort standen Werkzeugschränke, Ersatzteile, Kisten mit Schrauben und mehrere alte Motorräder. An der Wand hingen Helme und Regenkombis.

Innerhalb von zehn Minuten sah der Raum anders aus.

Die Motorräder wurden hinausgeschoben.

Eine Werkbank wurde freigeräumt.

Jemand holte saubere Handtücher. Ein anderer stellte Wasser bereit. Unsere einzige Frau in der Gruppe, Petra, schaltete einen alten Wäschetrockner ein, um einige Tücher anzuwärmen.

Petra war 50 und hatte früher in der Logistik gearbeitet.

Wenn zwölf Männer durcheinanderredeten, brauchte sie meistens nur einen Satz.

„Einer redet. Die anderen machen.“

Danach funktionierte es.

Der zweite Welpe kam kurz nach unserer Ankunft.

Der dritte folgte wenig später.

Beim vierten mussten wir wieder die Tierärztin anrufen, weil er ungünstig lag.

Die Mutter knurrte kurz, als wir ihr helfen wollten.

„Völlig in Ordnung“, sagte Petra. „Die darf uns jetzt ruhig sagen, wenn wir nerven.“

Als der vierte Welpe atmete, legte die Hündin den Kopf wieder ab.

Dann kam Nummer fünf.

Er war deutlich kleiner als die anderen.

Uwe nahm ihn in beide Hände.

Der Welpe bewegte sich nicht.

Diesmal sagte niemand etwas.

Petra rieb vorsichtig seinen Rücken.

Uwe hielt ihn dicht an seine Brust.

Ich werde nie vergessen, wie dieser große Mann dastand.

Grauer Bart. Tätowierte Unterarme. Öl unter den Fingernägeln.

Und in seinen Händen ein Lebewesen, das kaum größer war als eine Brotdose.

„Komm schon, Kleiner“, flüsterte er.

Eine winzige Pfote bewegte sich.

Dann kam der Atem.

Alle fünf lebten.

Erst als jeder Welpe dicht an der Mutter lag, schloss sie für einige Minuten die Augen.

Wir entfernten vorsichtig die letzten Netzreste aus ihrem Fell.

Petra wischte den getrockneten Schlamm vom Halsband.

Unter der braunen Kruste kam ein kleines Messingschild zum Vorschein.

LOTTA KRAMER.

Darunter standen eine Adresse und eine Telefonnummer.

Die Nummer funktionierte nicht mehr.

Die Adresse lag in einer Siedlung nahe eines kleinen Nebenflusses, die besonders schwer vom Hochwasser getroffen worden war.

Am Nachmittag fuhren Uwe und ich hin.

Von mehreren Häusern waren nur noch schlammige Erdgeschosse übrig. Gartenzäune lagen umgerissen auf der Straße. Vor einem Haus steckte ein rotes Kinderfahrrad halb in einer Hecke.

Die Hausnummer stimmte.

Doch niemand war da.

Über eine örtliche Auskunftsstelle fanden wir heraus, dass die Familie Kramer in einer provisorischen Unterkunft in einer Turnhalle untergebracht war.

Thomas und Nadine Kramer.

Dazu ihre Kinder Leon, zwölf, und Mia, acht.

In der Liste stand außerdem:

Hund vermisst.

Lotta.

Wir ließen Lotta in der Garage bei ihren Welpen und nahmen nur das Halsband mit.

In der Turnhalle standen Feldbetten in langen Reihen. Taschen lagen darunter. Kinder saßen an einer Mehrfachsteckdose und warteten darauf, dass ihre Handys geladen wurden.

Nadine erkannte das Halsband sofort.

Sie stand so schnell auf, dass ihre Decke zu Boden fiel.

„Wo haben Sie das her?“

Thomas kam hinter ihr hervor.

Ich hielt das Halsband in der Hand.

„Wir haben Ihre Hündin gefunden.“

Nadine presste beide Hände vor den Mund.

„Lebt sie?“

„Ja.“

Die Kinder hatten das Wort gehört.

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