Eine Hündin hing im Flutnetz – fünf ungeborene Welpen veränderten zwölf Motorradfahrer für immer

Mia kam zu uns gelaufen.

Sie packte mich am Unterarm.

„Wo ist Lotta?“

„In unserer Garage.“

Sie schaute auf das Halsband.

„Warum hat sie das nicht an?“

Ich erzählte von dem Baum.

Von dem Netz.

Von der Rettung.

Den Teil, in dem der erste Welpe zunächst nicht geatmet hatte, ließ ich weg.

Dann sagte ich:

„Lotta hat heute fünf Welpen bekommen.“

Leon starrte mich an.

„Fünf?“

Die Familie wusste, dass Lotta trächtig gewesen war.

Zu Hause hatten sie ihr bereits eine Ecke im Haus vorbereitet. Eine Holzkiste, Decken, einen Wassernapf.

Als das Wasser kam, musste alles schnell gehen.

Thomas brachte zuerst die Kinder zu einem Nachbarn mit höher gelegenem Grundstück. Nadine suchte nach Lotta.

Doch ein Gartentor war durch die Strömung aufgedrückt worden.

Lotta war verschwunden.

Sie suchten so lange, bis sie wegmussten.

Zwei Tage lang hofften die Kinder.

Dann hatte jemand von einem gestromten Hund erzählt, der weiter unten im Wasser gesehen worden war.

Danach hörte die Familie auf, Mia jeden Abend zu versprechen, dass Lotta zurückkommen würde.

„Irgendwann“, sagte Nadine leise, „tut Hoffnung den Kindern mehr weh als eine schlechte Nachricht.“

Am Abend brachten wir die Familie zu unserer Garage.

Lotta hörte Mia, bevor das Tor ganz offen war.

Ihr Kopf ging hoch.

Mia blieb stehen.

Wir hatten ihr erklärt, dass sie nicht einfach auf eine frischgebackene Hundemutter zulaufen sollte.

„Lotta?“

Die Hündin versuchte aufzustehen.

Ihre Beine gaben nach.

Also zog sie sich auf den Vorderpfoten über die Decken.

Mia kniete sich hin.

Lotta erreichte sie und legte den Kopf gegen ihre Beine.

Das Mädchen strich ihr über die Stirn.

Kein Schreien.

Kein großes Theater.

Nur ein achtjähriges Kind, das seinen Hund wiederhatte.

Neben ihnen bewegten sich fünf kleine Körper in meiner alten Lederjacke.

Damit hätte die Geschichte eigentlich gut enden können.

Tat sie aber nicht.

Denn die Familie Kramer hatte kein Haus mehr.

In ihrer Unterkunft durfte Lotta vorübergehend in einem Bereich für Haustiere bleiben.

Fünf neugeborene Welpen konnten dort jedoch nicht wochenlang aufwachsen.

Zu viele Menschen.

Zu viel Unruhe.

Keine vernünftige Möglichkeit, Mutter und Nachwuchs dauerhaft abzuschirmen.

Nadine sah mich an.

„Wir brauchen eine Pflegestelle.“

„Habt ihr schon“, sagte ich.

Sie verstand erst nicht.

Dann deutete ich zur Garage.

„Hier.“

Unsere Motorradgruppe erstellte einen Plan.

Einer kam morgens.

Einer mittags.

Einer abends.

Jemand übernahm Reinigung. Jemand Fahrten zur Tierärztin. Petra führte eine Tabelle mit Gewichten und Terminen.

Die Familie kam jeden Tag.

Mia gab den Welpen Namen.

Birke.

Kiesel.

Wiese.

Mohn.

Und Fips, der kleinste.

Uwe weigerte sich, Kiesel so zu nennen.

Er nannte ihn heimlich „Kolben“.

Mia korrigierte ihn jedes einzelne Mal.

Nach einigen Wochen wurde klar, dass die Familie Lotta wieder zu sich nehmen konnte, sobald eine Übergangswohnung gefunden war.

Aber sechs Hunde waren dort nicht möglich.

Also mussten fünf neue Zuhause gefunden werden.

Eines Abends saßen wir in der Garage.

Fünf Welpen schliefen vor uns.

Fünf von uns sahen sie an.

Petra nahm Wiese.

Uwe nahm Kiesel, obwohl er bis heute behauptet, der Hund heiße eigentlich Kolben.

Stefan entschied sich für Birke.

Gerd nahm Mohn zusammen mit seiner Frau.

Damit blieb Fips.

Der kleinste.

Der, der auf meiner Jacke zur Welt gekommen war.

Ich sagte nichts.

Meine Frau war vier Jahre zuvor gestorben.

Seitdem wohnte ich allein.

Mein Haus war sauber, aber still. Ein Sessel im Wohnzimmer. Viel zu viele Werkzeuge im Keller. Und ein Kühlschrank, dessen Brummen nachts plötzlich lauter wirkte als früher.

Ich wollte keinen Hund.

Das sagte ich mir jedenfalls.

Fips kroch über den Boden, legte sich auf meine Lederjacke und schlief ein.

Niemand fragte mich noch einmal.

Neun Wochen blieb Lotta mit ihren Welpen bei uns.

Unsere Garage veränderte sich vollständig.

Öl und Chemikalien verschwanden hinter verschlossenen Türen. Während der Fütterungen lief kein Motor. Eine kleine Holzwand trennte die Hunde vom Arbeitsbereich.

Unsere Treffen wurden leiser.

Männer, die früher zwanzig Minuten über Reifen diskutierten, sprachen plötzlich über Welpengewicht und Futterzeiten.

Dann kam der Abschied.

Petra holte Wiese zuerst.

Drei Tage später ging Birke.

Dann Mohn.

Dann Kiesel.

Lotta sah jedem Welpen hinterher.

Sie schnupperte an ihnen, bevor sie gingen, und kehrte danach zu den übrigen zurück.

Fips blieb bis zum letzten Tag.

Die Familie Kramer hatte inzwischen eine kleine Übergangswohnung bekommen.

Nadine brachte ein neues rotes Halsband für Lotta mit.

Mia hatte eine Decke dabei.

Ich setzte Fips noch einmal neben seine Mutter.

Lotta leckte ihm über die Stirn.

Dann legte sie eine Pfote auf seinen Rücken.

Ein paar Minuten später stand sie auf und ging zu Mia.

Fips kam hinter mir her.

Lotta blickte noch einmal zurück.

Dann stieg sie in das Auto ihrer Familie.

Wir hätten uns danach alle auseinanderleben können.

Die Hunde hätten irgendwo in verschiedenen Häusern groß werden können, ohne einander je wiederzusehen.

Aber Motorradfahrer haben manchmal merkwürdige Rituale.

Wir fahren gemeinsam zu Hochzeiten.

Zu Beerdigungen.

Zu Abschieden.

Zu Neuanfängen.

Also beschlossen wir, dass fünf Welpen, die nach einer Flut in unserer Garage geboren worden waren, ebenfalls ein Ritual verdienten.

Jedes Jahr am ersten Samstag im Mai treffen wir uns.

Keine Tour ist wichtiger.

Kein anderer Termin wird darübergelegt.

Beim ersten Wiedersehen kam Lotta mit der Familie Kramer durch das Garagentor.

Die Verletzungen vom Netz waren verheilt.

Nur zwei dünne Linien unter ihrer Brust erinnerten noch daran.

Ihre fünf Welpen waren fast so groß wie sie.

Wiese kam mit Petra.

Birke sprang aus Stefans Wagen und warf sofort einen Wassernapf um.

Kiesel trug ein schwarzes Halstuch, von dem Uwe behauptete, es sei „rein praktisch“.

Mohn blieb erst bei Gerds Frau.

Und Fips kam mit mir.

Nicht auf dem Motorrad.

Im Begleitwagen.

In der Mitte der Garage lag meine alte Lederjacke.

Alle fünf Hunde schnupperten daran.

Lotta legte sich quer über die Ärmel.

Im dritten Jahr fuhren wir noch einmal zu dem Baum.

Der Hochwasserrand war am Stamm noch zu erkennen.

Das grüne Netz war längst entfernt.

Lotta ging langsam zum Baum.

Sie roch an der Rinde.

Sah nach oben.

Dann drehte sie sich um und ging zu Mia zurück.

Ihre fünf erwachsenen Welpen liefen hinter ihr her.

Jemand machte ein Foto.

Nicht gestellt.

Nicht schön ausgeleuchtet.

Ein schiefes Handybild.

Sechs Hunde trinken aus einer großen Metallschüssel.

Dahinter stehen zwölf ältere Motorradfahrer mit grauen Bärten, Tattoos, schmutzigen Stiefeln und Leinen in den Händen.

Das Foto hängt heute in unserer Garage.

Meine Lederjacke passt übrigens nicht mehr richtig.

Fips hat im ersten Jahr einen Teil des Innenfutters herausgekaut.

Ich habe es nie repariert.

An einer Stelle ist noch immer ein dunkler Fleck.

Genau dort lag damals der erste Welpe, als er seinen ersten Atemzug machte.

Lotta überlebte das Hochwasser.

Ihre fünf Welpen überlebten das Netz und eine Geburt, bei der keiner von uns wusste, was er eigentlich tat.

Fünf Motorradfahrer fuhren später mit fünf Hunden nach Hause.

Eine Mutter kehrte zu zwei Kindern zurück, die bereits um sie getrauert hatten.

Und zwölf Männer und eine Frau, die sich vorher für ziemlich abgebrüht hielten, bekamen plötzlich jedes Jahr einen Termin, den keiner von uns ausfallen lässt.

Jeden Mai wird unsere kleine Familie für einen Tag wieder vollständig.

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