963 Tage wollte niemand Fiete bis ein blinder Mann verstand, worauf der alte Hund gewartet hatte

Ich bat im Tierheim um den Hund, den seit Jahren niemand wollte. Drei Sekunden später stellte er sich links neben mich, als hätte er auf genau mich gewartet.

Mein Name ist Matthias Keller. Ich bin neunundvierzig Jahre alt und lebe allein in einer kleinen Wohnung am Rand von Hannover.

Früher habe ich Klaviere gestimmt.

Nicht in Konzertsälen oder bei berühmten Musikern. Meist waren es ganz normale Instrumente in Wohnzimmern, Musikschulen oder Gemeindehäusern. Klaviere, auf denen Kinder ihre ersten Tonleitern übten. Klaviere, auf denen Rentner nach vierzig Jahren wieder anfingen zu spielen.

Ich mochte diese Arbeit.

Ein verstimmtes Klavier kann man wieder in Ordnung bringen. Man hört, was nicht stimmt, dreht vorsichtig an der richtigen Stelle und irgendwann passt es wieder.

Bei meinen Augen funktionierte das nicht.

Mit Mitte dreißig begann meine Sehkraft schlechter zu werden.

Zuerst fiel es mir nachts auf.

Dann konnte ich Straßenschilder nicht mehr lesen.

Gesichter wurden undeutlich.

Später verschwanden ganze Bereiche meines Blickfeldes.

Irgendwann blieb nur noch Helligkeit.

Heute sehe ich fast nichts mehr.

Ich kann manchmal erkennen, ob ein Fenster hell ist oder ob jemand direkt vor mir steht. Mehr nicht.

Viele Leute glauben, das Schlimmste daran sei die Dunkelheit.

Für mich war es etwas anderes.

Es war die Art, wie Menschen plötzlich mit mir redeten.

Langsamer.

Lauter.

Vorsichtiger.

Als wäre mit meinen Augen gleichzeitig mein Verstand verschwunden.

„Soll ich das für Sie machen?“

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“

„Gehen Sie da besser nicht allein hin.“

Ich weiß, dass die meisten es gut meinten.

Trotzdem hatte ich irgendwann das Gefühl, dass alle nur noch sahen, was ich nicht konnte.

Also zog ich mich zurück.

Ich arbeitete nur noch wenige Stunden in einer kleinen Musikschule.

Vier Haltestellen mit der Straßenbahn, dann ein kurzer Fußweg.

Einkaufen erledigte ich immer im selben Laden.

Meine Wege wurden kleiner.

Meine Wohnung wurde stiller.

Und irgendwann bemerkte ich, dass ich an freien Tagen bis zum Nachmittag kein einziges Wort sagte.

Nicht weil ich niemanden mochte.

Es gab einfach niemanden, zu dem ich etwas sagen musste.

An einem Dienstag fasste ich einen Entschluss.

Ich fuhr zu einem Tierheim außerhalb der Stadt.

Ich wollte keinen Assistenzhund.

Dafür gab es Verfahren, Wartelisten und Voraussetzungen.

Ich wollte überhaupt keinen Hund, der für mich arbeiten sollte.

Eigentlich wusste ich nicht einmal genau, warum ich dort war.

Vielleicht wollte ich einfach wieder hören, dass jemand durch meine Wohnung läuft.

Am Empfang fragte mich eine Mitarbeiterin, was für einen Hund ich suchte.

„Keine Ahnung“, sagte ich.

„Groß oder klein?“

„Egal.“

„Jung?“

„Auch egal.“

Sie schwieg kurz.

Dann fragte sie: „Haben Sie schon Erfahrung mit Hunden?“

„Ein bisschen.“

Das stimmte nur halb.

Ich war mit Hunden aufgewachsen. Aber seit vielen Jahren hatte ich keinen eigenen mehr gehabt.

Ich stützte mich auf meinen Stock.

Dann sagte ich etwas, das offenbar ungewöhnlich war.

„Welcher Hund ist am längsten hier?“

Die Frau antwortete nicht sofort.

Ich hörte Papier rascheln.

„Warum fragen Sie?“

„Weil wahrscheinlich jeder die jungen und hübschen will.“

Wieder dieses Schweigen.

Dann sagte sie:

„Fiete.“

„Wie lange?“

„963 Tage.“

Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört.

„Neunhundertdreiundsechzig?“

„Ja.“

Über zweieinhalb Jahre.

„Warum?“

„Es gibt keinen besonderen Grund.“

Sie zögerte.

„Genau das ist vielleicht das Problem.“

Fiete war acht Jahre alt.

Mischling.

Mittelgroß.

Braunes Fell, inzwischen etwas grau um die Schnauze.

Nicht aggressiv.

Nicht krank.

Nicht besonders ängstlich.

Aber auch nicht der Hund, der am Gitter hochspringt, wenn Besucher kommen.

„Er macht nichts“, sagte die Frau.

„Wie meinen Sie das?“

„Er sitzt meistens da und schaut.“

„Das klingt angenehm.“

Sie lachte kurz.

Dann führte sie mich zu ihm.

Ich hörte Hunde bellen, Türen klappern und Krallen auf Beton.

Je weiter wir gingen, desto ruhiger wurde es.

Schließlich blieben wir stehen.

„Hier.“

Eine Metalltür wurde geöffnet.

Ich hörte keine Schritte.

Dann doch.

Langsam.

Vier Pfoten.

Fiete kam näher.

Ich hielt meine Hand hin.

Er schnupperte nicht einmal lange daran.

Stattdessen ging er einen halben Schritt an mir vorbei.

Dann stellte er sich an mein linkes Bein.

Ganz dicht.

Seine Schulter berührte mein Knie.

Ich wartete.

Er blieb.

„Was macht er?“, fragte ich.

Die Frau antwortete nicht sofort.

„Das ist merkwürdig.“

„Was?“

„Er schaut nicht Sie an.“

„Sondern?“

„Nach vorn.“

Ich musste lachen.

„Ich fürchte, davon habe ich gerade wenig.“

Aber Fiete bewegte sich nicht.

Ich strich über seinen Rücken.

Warm.

Ruhig.

Keine Nervosität.

Ich ging zwei Schritte.

Er ging mit.

Links.

Ich blieb stehen.

Er blieb ebenfalls stehen.

„Macht er das immer?“

„Nein.“

Ich unterschrieb die Papiere am selben Nachmittag.

Ich weiß, wie unvernünftig das klingt.

Aber manchmal trifft man keine Entscheidung, weil man alle Fakten kennt.

Manchmal trifft man sie, weil sich etwas plötzlich weniger falsch anfühlt als vorher.

Als wir zu Hause ankamen, erwartete ich, dass Fiete alles abschnuppern würde.

Wohnzimmer.

Küche.

Flur.

Vielleicht das Schlafzimmer.

Tat er nicht.

Ich nahm ihm die Leine ab.

Er ging langsam durchs Wohnzimmer.

Dann blieb er stehen.

Ich hörte seine Krallen auf dem Parkett.

Noch drei Schritte.

Dann nichts mehr.

„Fiete?“

Keine Reaktion.

Ich tastete mich vor.

Er lag neben meinem alten Klavier.

Links neben dem Klavierhocker.

Nicht irgendwo im Raum.

Genau dort.

„Na gut“, sagte ich.

„Du bist offenbar musikalisch.“

In der ersten Woche passierte nichts Besonderes.

Und gleichzeitig sehr viel.

Fiete bellte kaum.

Er bettelte nicht.

Er sprang nicht aufs Sofa.

Wenn ich morgens aufstand, stand er auf.

Wenn ich mich setzte, legte er sich hin.

Wenn ich in die Küche ging, folgte er mir.

Immer links.

Ich hielt es für Zufall.

Am fünften Tag ging ich mit ihm zum Bäcker.

Ich hatte meinen Stock in der rechten Hand, die Leine links.

Das funktionierte erstaunlich gut.

Kurz vor einem abgesenkten Bordstein blieb Fiete stehen.

Ich ging weiter.

Die Leine spannte sich.

„Komm.“

Nichts.

Ich tastete mit dem Stock.

Bordstein.

Ich setzte einen Fuß nach vorn.

Fiete stellte sich quer vor meine Knie.

„Was soll das denn?“

Im nächsten Moment hörte ich Reifen auf Pflaster.

Sehr schnell.

Ein Fahrrad schoss dicht vor uns vorbei.

Kein Klingeln.

Nur dieses kurze Surren.

Ich blieb stehen.

Fiete auch.

Mein Herz klopfte bis in den Hals.

Ich sagte nichts mehr.

Als es ruhig war, machte Fiete einen Schritt.

Dann wartete er.

Ich folgte.

Zu Hause erzählte ich mir selbst, das sei Zufall gewesen.

Hunde hören Fahrräder.

Hunde erschrecken.

So einfach.

Eine Woche später stand ein Müllcontainer auf unserem üblichen Gehweg.

Ich wusste nichts davon.

Fiete führte mich in einem weiten Bogen darum herum.

Nicht ruckartig.

Nicht ziehend.

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