Meine 84-jährige Mutter lag fast zehn Stunden allein auf dem Küchenboden. Gefunden wurde sie nur, weil ein fremder Hund plötzlich etwas tat, das er monatelang verweigert hatte.
Meine Mutter heißt Helga.
Sie ist vierundachtzig und lebt allein in einem kleinen Haus am Rand von Lüneburg. Nicht mitten in der Stadt, sondern dort, wo die Straßen ruhiger werden, die Gärten größer und viele Häuser noch aus einer Zeit stammen, in der man seine Nachbarn kannte, ohne vorher einen Termin mit ihnen auszumachen.
Ich heiße Stephan, bin zweiundfünfzig und lebe in Bremen.
Meine Mutter und ich telefonierten jeden Sonntag.
Das war unser festes Ding.
Sonntagabend, meistens gegen sieben.
Ich fragte: „Alles gut bei dir?“
Sie sagte: „Alles gut.“
Dann erzählte sie mir, was sie eingekauft hatte, ob die Waschmaschine wieder komische Geräusche machte oder wer in der Straße einen neuen Zaun bekommen hatte.
Ich erzählte ein bisschen von meiner Arbeit.
Nach zwanzig Minuten sagten wir beide, dass wir uns bald sehen müssten.
Und meistens dauerte es dann doch wieder Wochen.
Damals fand ich das normal.
Heute schäme ich mich für dieses Wort.
Normal.
Mein Vater war acht Jahre vorher gestorben.
Nach seinem Tod hatte ich mehrmals versucht, meine Mutter dazu zu bringen, näher zu mir zu ziehen.
Eine kleine Wohnung.
Aufzug.
Geschäfte in der Nähe.
Ich hätte schneller bei ihr sein können.
Aber sie wollte nicht.
„Stephan“, sagte sie einmal, „ich bin alt. Aber ich bin noch nicht verschwunden.“
Damit war das Thema für sie erledigt.
Also blieb sie.
In demselben Haus, in dem sie fast vierzig Jahre mit meinem Vater gelebt hatte.
Dort hing noch immer sein alter Mantelhaken im Flur, obwohl kein Mantel mehr daran hing.
Seine Kaffeetasse stand hinten im Küchenschrank.
Seine Werkbank im Keller hatte meine Mutter nie angerührt.
Ich hielt das lange für Sturheit.
Heute glaube ich, dass es etwas anderes war.
Wenn ein Mensch lange genug an einem Ort gelebt hat, dann ist ein Haus irgendwann nicht mehr nur ein Haus.
Es ist ein Gedächtnis.
Und meine Mutter wollte ihres nicht verlassen.
Im Frühjahr rief sie mich an einem Dienstag an.
Das war ungewöhnlich.
„Hier sitzt ein Hund“, sagte sie.
Ich dachte erst, sie meine den Hund eines Nachbarn.
„Wo?“
„Vor meiner Küchentür.“
„Wem gehört der?“
„Keine Ahnung.“
„Hat er ein Halsband?“
„Nein.“
„Dann ruf jemanden an, der sich darum kümmert.“
Sie schwieg kurz.
„Er sieht müde aus.“
Meine Mutter hatte schon immer diese Art, Dinge zu sagen.
Nicht: Der Hund ist dünn.
Nicht: Der Hund ist verwahrlost.
Müde.
Als wäre das viel wichtiger.
Am Sonntag fragte ich nach.
Der Hund war noch da.
Er kam morgens.
Verschwand manchmal für ein paar Stunden.
Dann lag er wieder neben der Küchentreppe.
Braunes, struppiges Fell.
Graue Schnauze.
Ein Hinterbein, das er nicht ganz sauber belastete.
Eine kleine Narbe quer über dem Nasenrücken.
Nicht besonders groß.
Nicht besonders schön.
Meine Mutter stellte ihm Wasser hin.
Dann ein bisschen Futter.
„Helga“, sagte ich.
Ich nenne meine Mutter nur Helga, wenn ich genervt bin.
Sie weiß das.
„Wenn du ihn fütterst, kommt er immer wieder.“
„Vielleicht kommt er wieder, weil er sonst nirgendwo hinkann.“
„Du weißt nicht, was das für ein Hund ist.“
„Ein hungriger.“
Damit war auch dieses Thema für sie erledigt.
Nach zwei Wochen hatte er einen Namen.
Kuno.
Ich fragte, wie sie darauf gekommen war.
„Er sieht aus wie ein Kuno.“
„Wie sieht denn ein Kuno aus?“
„So.“
Mehr Erklärung bekam ich nicht.
Kuno hatte allerdings eine Eigenart.
Er kam bis zur Küchentür.
Aber keinen Schritt weiter.
Meine Mutter ließ die Tür manchmal offen.
Sie stellte den Napf direkt hinter die Schwelle.
Kuno blieb draußen.
Also stellte sie den Napf wieder vor die Tür.
Er fraß.
Dann legte er sich unter das kleine Vordach.
Wochenlang dasselbe.
Meine Mutter versuchte nie, ihn zu zwingen.
„Wenn er rein will, kommt er rein“, sagte sie.
Am Anfang machte ich mir Sorgen.
Ich hatte Bilder im Kopf von einem fremden Hund, der plötzlich aggressiv wurde oder meine Mutter beim Gehen umwarf.
Also besuchte ich sie.
Kuno lag tatsächlich neben der Küchentreppe.
Als ich aus dem Auto stieg, hob er den Kopf.
Mehr nicht.
Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu.
Er stand auf.
Nicht drohend.
Einfach vorsichtig.
Er ging fünf Meter weg und blieb dort stehen.
„Siehst du?“, sagte meine Mutter hinter mir.
„Was soll ich sehen?“
„Er will einfach seine Ruhe.“
„Und trotzdem sitzt er jeden Tag bei dir.“
„Menschen sind doch genauso.“
Ich musste lachen.
Meine Mutter nicht.
Sie meinte das ernst.
Ich blieb an diesem Wochenende bei ihr.
Und da merkte ich etwas, das mir vorher nicht aufgefallen war.
Meine Mutter sprach mit Kuno.
Nicht auf diese Art, wie Leute mit Hunden reden.
Nicht: Na, mein Feiner.
Nicht: Hast du Hunger?
Sie erzählte ihm Dinge.
Beim Kaffee saß sie auf einem Stuhl vor der Küche.
Kuno lag ein paar Meter entfernt.
Sie erzählte ihm von meinem Vater.
Von irgendeiner Reise, die sie 1989 gemacht hatten.
Von einem kaputten Campingkocher.
Von einem Streit darüber, ob man auf der Autobahn hätte abfahren sollen.
Kuno lag einfach da.
Als ich später sagte, dass sie dem Hund ziemlich viel erzähle, antwortete sie:
„Er unterbricht mich nicht.“
„Ich unterbreche dich auch nicht dauernd.“
Sie sah mich an.
„Doch.“
Ich wusste nicht, ob ich lachen sollte.
Dann lächelte sie.
Aber der Satz blieb hängen.
In den nächsten Monaten wurde Kuno Teil unserer Sonntagsgespräche.
„Kuno war heute schon um sechs da.“
„Kuno frisst inzwischen aus meiner Hand.“
„Kuno hat Angst vor dem Staubsauger.“
Ich fragte:
„Woher weißt du das? Er geht doch nicht rein.“
„Er hört ihn.“
Ein anderes Mal sagte sie:
„Heute hat er sich von mir am Ohr anfassen lassen.“
Sie klang dabei so stolz, als hätte jemand ihr eine Auszeichnung gegeben.
Ich fand es irgendwie rührend.
Aber ich verstand noch immer nicht, was da eigentlich zwischen den beiden passierte.
Irgendwann fragte ich:
„Bist du eigentlich noch oft bei Ingrid von gegenüber?“
Meine Mutter antwortete nicht sofort.
„Die ist zu ihrer Tochter gezogen.“
„Ach so.“
„Schon vor einem halben Jahr.“
Das hatte sie mir nie erzählt.
„Und Herr Paulsen?“
„Im Heim.“
„Seit wann?“
„Seit dem Winter.“
Auch das wusste ich nicht.
Plötzlich dachte ich darüber nach, mit wem meine Mutter eigentlich noch regelmäßig sprach.
Nicht am Telefon.
Sondern wirklich.
Von Angesicht zu Angesicht.
„Du kommst doch zurecht?“, fragte ich.
„Natürlich.“
Da war es wieder.
Natürlich.
Alles gut.
Mach dir keine Sorgen.
Ich glaubte ihr.
Vielleicht wollte ich ihr auch glauben.
Denn wenn ein alter Mensch sagt, dass alles in Ordnung ist, macht das das Leben der Kinder einfacher.
Ein paar Wochen später fuhr ich wieder nach Lüneburg.
Meine Mutter wirkte kleiner als beim letzten Mal.
Nicht krank.
Einfach älter.
So etwas passiert bei alten Eltern manchmal erschreckend schnell.
Man sieht sie sechs Wochen nicht, und plötzlich fällt einem auf, dass sie beim Aufstehen beide Hände auf den Tisch stützen.
Ich sprach erneut das Thema Umzug an.
„Es gibt bei mir in der Nähe gute Wohnungen.“
Sie stellte ihren Kaffee ab.
„Nein.“
„Du könntest alles zu Fuß erreichen.“
„Nein.“
„Ich wäre in zehn Minuten da.“
„Und was mache ich die anderen dreiundzwanzig Stunden und fünfzig Minuten?“
„Du hättest Leute um dich.“
„Welche Leute?“
„Na ja … Nachbarn.“
Sie schaute in ihren Garten.
Kuno lag neben der Treppe.
„Ich habe hier auch Nachbarn.“
„Die meisten sind doch längst weg.“
Da wurde sie still.
Ich wusste sofort, dass ich etwas Falsches gesagt hatte.
Aber statt mich zu entschuldigen, redete ich weiter.
Das mache ich leider oft.
„Mama, du kannst nicht ewig allein hier wohnen.“
Sie sah mich an.
„Ich wohne allein. Ich lebe nicht allein.“
Dann zeigte sie mit dem Kinn zu Kuno.
„Zumindest nicht mehr.“
Ich wurde sauer.
Nicht richtig wütend.
Mehr diese Art Gereiztheit, die entsteht, wenn man Angst hat und nicht weiß, wohin mit der Angst.
„Ein Hund ist kein Ersatz dafür, dass jemand da ist, wenn dir etwas passiert.“
Meine Mutter antwortete:
„Nein. Aber er ist da.“
Ich sagte nichts mehr.
Drei Wochen später passierte es.
Ich bekam den Anruf kurz nach neun Uhr morgens.
Eine Nummer aus Lüneburg.
Ein Mann stellte sich vor und sagte, er wohne ein paar Häuser von meiner Mutter entfernt.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






