Ich hasste Katzen bis eine mich rettete und ich meine Schuld bezahlte

Ich hasste Katzen. Abgrundtief. Doch heute liege ich bei Minusgraden im Dreck, um eine zu retten. Weil ich eine Schuld abtrage – ein Leben für ein Leben.

Es ist zwei Uhr morgens in der Paderborner Südstadt. Der Asphalt ist eisig, und der Wind pfeift gnadenlos durch die Gassen. Ich liege auf dem Bauch unter einem geparkten Kombi, meine Wange presst sich gegen den kalten, öligen Boden. Meine Hände zittern, aber nicht vor Kälte, sondern vor Konzentration.

„Komm schon, Kleines“, flüstere ich. „Ich tu dir nichts.“

Aus dem Motorraum über mir faucht es. Ein kleines, dreckiges Fellbündel hat sich dort verkrochen, um Wärme zu suchen. Wenn der Besitzer morgen früh den Zündschlüssel dreht, ist das Kätzchen Geschichte.

Meine Taschenlampe flackert. Ich sehe zwei panische gelbe Augen. Meine Nachbarin, Frau Hamsen, steht neben dem Wagen und wringt nervös die Hände. „Dominik, schaffen Sie das?“, fragt sie mit zittriger Stimme.

„Ich gehe hier nicht weg, bevor ich sie habe, Frau Hamsen“, antworte ich ruhig. Und das meine ich ernst. Vor fünf Jahren hätte ich vermutlich nur mit dem Fuß gegen den Reifen getreten, um das Vieh zu verscheuchen. Ich war kein Tierquäler, Gott bewahre, aber ich war das, was man einen „Katzenhasser“ nennt. Ich mochte Hunde. Hunde sind loyal, sie hören aufs Wort. Katzen? Arrogant, nutzlos, haaren alles voll.

Das dachte ich zumindest, bis zu jener Nacht im Dezember 2020.

Damals lebte ich noch bei meiner Mutter im Riemeke-Viertel. Sie hatte – sehr zu meinem Ärger – einen streunenden Kater aufgenommen. „Momo“ nannte sie ihn. Ein hässliches Tier, ein Ohr zerfetzt, das Fell struppig. Er starrte mich immer an, als würde er meine Seele taxieren und für zu leicht befinden. Ich ignorierte ihn, er ignorierte mich. Ein perfekter kalter Krieg.

Es war kurz vor Weihnachten. Die Jahresabschlussfeier in meiner Firma war feuchtfröhlich ausgefallen. Ich hatte definitiv zu viel Glühwein und wohl auch den einen oder anderen Schnaps. Der Heimweg war verschwommen. Ich weiß nur noch, dass ich es bis zur Haustür schaffte. Ich kramte nach meinem Schlüssel, aber meine Finger waren taub und unkoordiniert. Mir wurde schwindelig. Ich setzte mich nur kurz auf die Stufen, um durchzuatmen. Nur kurz die Augen schließen.

Das war der Fehler. Bei minus acht Grad schläft man schnell ein. Und oft wacht man nicht mehr auf.

Ich driftete weg in eine gefährliche, warme Dunkelheit. Doch plötzlich war da dieser Schmerz. Ein brennender, scharfer Schmerz auf meiner Wange. Und ein Schreien. Ein markerschütterndes, kehliges Jaulen, direkt an meinem Ohr.

Ich schlug um mich, wollte weiterschlafen, aber der Schmerz kam wieder. Krallen. Scharfe Krallen, die mir über die Stirn zogen. Etwas Schweres sprang auf meine Brust, drückte mir die Luft ab, und schrie mir ins Gesicht.

Dann hörte ich, wie von fern, das Licht im Flur angehen. Die Tür wurde aufgerissen. „Dominik! Um Himmels willen!“ Meine Mutter. Momo, dieser struppige, hässliche Kater, saß auf meiner Brust, den Schwanz aufgeplustert wie eine Bürste, und fauchte mich an. Er hatte so lange an der Tür gekratzt und geschrien, bis meine Mutter, die eigentlich tief schlief, wach wurde.

Später im Krankenhaus sagte der Arzt trocken zu mir: „Eine Stunde länger da draußen, junger Mann, und wir hätten Sie nur noch in die Kühlkammer schieben können. Ihr Kater hat Ihnen den Hintern gerettet.“

Ich sah in den Spiegel. Drei blutige Kratzer zogen sich über meine Wange. Es waren keine Wunden. Es waren Orden.

Als ich nach Hause kam, humpelte Momo mir nicht entgegen. Er lag auf dem Sofa. Ich setzte mich zu ihm. Er öffnete ein Auge, sah mich an – dieser selbe, taxierende Blick. Aber diesmal sah ich keine Arroganz. Ich sah Sorge.

Ich streckte vorsichtig die Hand aus. Er fauchte nicht. Er drückte seinen Kopf gegen meine Handfläche und schnurrte. Ein tiefes, brummendes Geräusch, das wie ein Motor in meiner Brust vibrierte. In diesem Moment brach etwas in mir auf, von dem ich nicht wusste, dass es verschlossen war.

Seitdem ist mein Leben ein anderes.

Ich bin kein Tierarzt und kein offizielles Tierheim. Ich bin nur Dominik, der Typ aus der Nachbarschaft, den man anruft, wenn es brennt. Meine Mutter ist letztes Jahr verstorben, und Momo folgte ihr nur drei Monate später. Er war alt. Als er ging, hielt ich seine Pfote und versprach ihm etwas.

Zurück unter den VW Golf.

Das Kätzchen zittert. Ich weiß, es hat Angst. Ich ziehe meinen dicken Arbeitshandschuh aus. Ich brauche das Fingerspitzengefühl, auch wenn es gefährlich ist. Ich schiebe meine Hand langsam, ganz langsam in den engen Spalt zwischen Motorblock und Karosserie.

„Ist ja gut“, murmle ich. „Komm her.“

Ein stechender Schmerz. Zähne bohren sich in meinen Daumenballen. Ich beiße die Zähne zusammen, unterdrücke einen Schrei. Ich darf jetzt nicht zucken, sonst verletze ich das Tier. Ich greife fest zu, ignoriere das Blut, das warm über meine Hand läuft, und ziehe das Bündel vorsichtig heraus.

Sobald es an der frischen Luft ist, drücke ich das Kätzchen gegen meine Brust, unter meine Jacke. Es wehrt sich kurz, dann spürt es meine Körperwärme und erstarrt.

„Ich hab es!“, rufe ich. Frau Hamsen weint vor Erleichterung.

Wir gehen in meine Küche. Es ist warm. Ich versorge meinen Daumen mit Desinfektionsmittel – Narbe Nummer 42, denke ich grinsend – und sehe dann nach dem Kätzchen. Es ist ein kleiner, roter Kater, vielleicht acht Wochen alt, völlig abgemagert. Er schlingt das Futter herunter, als gäbe es kein Morgen.

Ich sehe ihn an und sehe Momo.

In den letzten fünf Jahren habe ich Dutzende Katzen aus Kellerlöchern geholt, von Bäumen gepflückt oder verletzt am Straßenrand aufgelesen. Ich habe sie gesund gepflegt, ihnen die Angst vor Menschen genommen und für jede einzelne ein Zuhause gesucht, in dem sie geliebt wird. Manche nennen mich verrückt. Meine Kumpels beim Fußball schütteln den Kopf, wenn ich wieder voller Kratzer zum Training komme.

Aber sie verstehen es nicht.

Jedes Mal, wenn ich in diese verängstigten Augen sehe, sehe ich mich selbst in jener Winternacht auf den Stufen. Hilflos. Kalt. Dem Tod näher als dem Leben. Eine Katze hat mir damals eine zweite Chance gegeben. Ein Geschenk, das ich nie zurückzahlen kann, egal wie viele Dosen Futter ich kaufe oder wie viele Nächte ich mir um die Ohren schlage.

Der kleine Rote hat aufgehört zu fressen. Er putzt sich die Pfoten. Dann sieht er mich an. Er blinzelt langsam. Ich blinzle zurück. Das ist der Katzenkuss, das Zeichen für Vertrauen.

Mein Handy vibriert. Eine Nachricht von Frau Hamsen: „Meine Schwester würde den Kleinen nehmen, sobald er gesund ist. Sie sucht schon lange.“

Ich lächle. Ein weiteres Leben gerettet. Ein weiteres Happy End in einer Welt, die oft keines hat. Ich trinke mein Bier aus, das mittlerweile warm geworden ist. Draußen heult der Wind um die Ecken von Paderborn, aber hier drin ist es warm.

Ich war ein Mann, der Katzen hasste. Jetzt bin ich ein Mann, der von ihnen lernt, was Menschlichkeit bedeutet. Und solange da draußen eine Seele in Not ist, werde ich da sein. Das bin ich Momo schuldig. Das bin ich mir selbst schuldig.

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