Ich trug Omas alte Katze fort und fand dabei unser gemeinsames Zuhause

Ich war zwölf, als ich die Katze meiner toten Oma quer durch die Stadt trug und dabei nur hoffte, dass sie irgendwo mehr geliebt werden würde, als das Leben mich je geliebt hatte.

Der Karton wurde mit jedem Schritt schwerer.

Nicht, weil Minka groß gewesen wäre. Das war sie nicht. Sie war alt und dünn, mit weißem Fell, das an den Pfoten und Ohren schon gelblich geworden war. Aus dem Karton kam kaum ein Laut. Nur ab und zu ein leises, kleines Miauen, als würde sie etwas fragen, worauf ich keine Antwort hatte.

Ich sagte immer wieder: „Ist gut, Mädchen. Wir sind gleich da.“

Das war gelogen.

Ich wusste selbst nicht, ob überhaupt noch irgendetwas gut werden würde.

Meine Oma war an einem Dienstagmorgen gestorben, während ich in der Schule war. Am Freitag saß ich schon wieder in einer Pflegefamilie am anderen Ende der Stadt. Meine Sachen waren in zwei Müllsäcken. Und ihre Katze lag auf meinem Schoß, als hätte sie längst verstanden, dass jetzt alles kaputt war.

Die Pflegefamilie war nicht böse. Sie hatten nur Regeln.

Keine Tiere.

Schon genug Probleme.

Zu viele Haare, zu viel Geruch, zu teuer, zu aufwendig, zu riskant.

Das hörte ich gleich am ersten Abend. Und ich hörte auch, wie eine Erwachsene sagte: „Die Katze ist doch sowieso schon alt.“

Sowieso schon alt.

Als würde man sie dann leichter weggeben können.

Minka hatte zwölf Jahre lang meiner Oma gehört. Oma nannte sie immer „meine kleine mürrische Mitbewohnerin“. Jeden Abend schlief Minka am Fußende ihres Bettes. Jeden Morgen hielt Oma ihre Hände an der Kaffeetasse warm und redete mit dieser Katze, als wäre sie ein Mensch.

Als Oma nicht mehr da war, wartete Minka erst an der Schlafzimmertür.

Dann am Fenster.

Dann auf Omas alter Strickjacke, der braunen, die noch ein bisschen nach Puder und Pfefferminz roch.

Ich wusste, wie so ein Warten aussieht.

Also fing ich an, ihr heimlich Futter zu geben.

Zuerst nahm ich mein Taschengeld. Drei zerknitterte Euro und ein paar Münzen vom Boden meines Rucksacks. Im Kiosk kaufte ich das billigste Katzenfutter, das ich finden konnte.

Als das leer war, fing ich an, etwas vom Abendessen aufzuheben. Ein bisschen Hähnchen. Ein halbes belegtes Brot. Ein paar Stückchen Thunfisch, wenn es welchen gab.

Manche Abende ging ich hungrig ins Bett, weil Minka zuerst gegessen hatte.

Ich tat mir dabei nie selbst leid. Ich dachte nur an Omas Hände, krumm von der Arthrose, wie sie Minka hinter den Ohren kraulte und sagte:

„Versprich mir, dass sie keiner vor die Tür setzt.“

Ich hatte es versprochen.

Und dann hatte das Leben es so gedreht, dass ich dieses Versprechen nicht so halten konnte, wie ich wollte.

Also versuchte ich, es auf die einzige Weise zu halten, die mir noch blieb.

Die Adresse vom Tierheim fand ich auf einem Aushang an der Bushaltestelle. Geld für den Bus hatte ich nicht. Und ich wollte niemandem sagen, wohin ich ging. Wenn sie es gewusst hätten, hätten sie mich vielleicht aufgehalten. Oder schlimmer noch: Sie hätten Minka einfach selbst genommen und abgegeben, als wäre sie nichts.

Also stand ich am Samstagmorgen früh auf, setzte Minka in einen alten Karton mit Luftlöchern an den Seiten, legte Omas Strickjacke zu ihr und lief los.

Es waren mehr als fünf Kilometer.

Meine Arme taten schon weh, bevor ich überhaupt an der zweiten Ecke war.

Autos fuhren vorbei. Hunde bellten hinter Zäunen. Einmal musste ich stehen bleiben und den Karton auf den Bordstein stellen, weil meine Hände so zitterten, dass ich dachte, ich lasse ihn gleich fallen.

Als ich den Deckel ein Stück anhob, blinzelte Minka mich mit ihren trüben alten Augen an und drückte ihr Gesicht in die Strickjacke.

„Ich weiß“, flüsterte ich. „Ich auch.“

Als ich endlich am Tierheim ankam, klebte mir das T-Shirt am Rücken, und meine Beine fühlten sich weich an. Ich wollte fast wieder umdrehen, als ich die Eingangstür sah. Ich wollte Minka fast wieder mitnehmen und sie einfach so lange weiter verstecken, wie es eben ging.

Aber verstecken ist nicht dasselbe wie retten.

Eine Frau am Empfang sah auf, als ich hereinkam. Sie war vielleicht Anfang sechzig, hatte müde Augen und ein freundliches Gesicht, bei dem ich sofort hätte losheulen können.

„Na, du“, sagte sie leise. „Wen hast du denn dabei?“

Ich stellte den Karton auf den Boden, weil ich ihn keine Sekunde länger tragen konnte.

„Meine Katze“, sagte ich.

Sie ging in die Hocke und hob den Deckel gerade so weit an, dass sie Minka sehen konnte, zusammengerollt in der Strickjacke.

„Ach“, sagte sie. „Ist die schön.“

Da war ich kurz davor, komplett zusammenzubrechen.

Ich zog den gefalteten Zettel aus meiner Jackentasche und gab ihn ihr, bevor mir der Mut fehlte.

Darauf stand:

Sie heißt Minka. Sie ist alt, aber ganz lieb.

Sie mag weiche Decken und Thunfisch.

Nachmittags schläft sie gern am Fenster.

Sie hat meiner Oma gehört, und meine Oma ist gestorben.

Bitte lassen Sie Minka nicht denken, dass immer alle weggehen.

Die Frau las den Zettel einmal. Dann noch einmal, langsamer.

Als sie mich wieder ansah, hatte sie Tränen in den Augen.

„Bist du allein hergelaufen?“, fragte sie.

Ich nickte.

„Wie weit?“

„Ein bisschen über fünf Kilometer.“

Sie presste die Lippen zusammen, als müsste sie sich sehr zusammenreißen. Dann sagte sie: „Dass du sie hergebracht hast, war mutig.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Es fühlt sich nicht mutig an.“

Nein, ich blieb nicht lange. Ich streichelte Minka noch ein letztes Mal. Sie drückte sich in meine Hand, und für einen furchtbaren Moment wollte ich den Karton einfach wieder nehmen und mit ihr wegrennen.

Stattdessen sagte ich nur: „Sei brav, Mädchen.“

Dann drehte ich mich um und ging, bevor sie sehen konnte, wie ich sie zurückließ.

An dem Abend wickelte ich beim Essen automatisch ein Stück Brot in eine Serviette ein, bevor mir einfiel, dass da keine Katze mehr auf mich wartete.

In der Nacht weinte ich ins Kopfkissen, damit es niemand hörte.

Drei Tage später fand mich die Frau aus dem Tierheim.

Sie hieß Frau Schneider. Irgendwie hatte sie mich über den Zettel, den Aushang und sehr viel Freundlichkeit ausfindig gemacht. Sie sagte, dass ein Bild von Minka und mein Brief in der ganzen Stadt weitergegeben worden waren. Die Leute hätten geweint. Hätten angerufen. Hätten nach ihr gefragt.

Ein älteres Ehepaar hatte Minka aufgenommen. Ruhige Wohnung. Ein großes sonniges Fenster. Überall weiche Decken.

Dann lächelte Frau Schneider ein bisschen und sagte: „Es gibt noch etwas.“

Eine Familie hatte den Beitrag auch gesehen. Keine reiche Familie. Kein Märchen. Einfach gute Leute, sagte sie. Sie wollten den Jungen kennenlernen, der eine alte Katze so sehr liebte, dass er lieber selbst hungrig blieb und fünf Kilometer zu Fuß ging, damit sie in Sicherheit war.

Eine Woche später nahm Frau Schneider mich mit, damit ich Minka in ihrem neuen Zuhause besuchen konnte.

Sie lag auf der Rückenlehne vom Sofa, mitten in einem Fleck Sonne. Omas Strickjacke war ordentlich neben ihr zusammengelegt.

Als sie meine Stimme hörte, hob sie den Kopf.

Für einen Moment bekam ich Angst.

Dann machte sie dieses gleiche leise kleine Miauen und kam langsam zu mir herüber.

Ich ließ mich sofort auf die Knie fallen, und sie drückte sich an meine Brust, als hätte sie sich an alles erinnert.

Ich dachte damals, dass ich mit Minka auch das Letzte verliere, was mir von meiner Oma noch geblieben war.

Am Ende war es der erste Schritt dahin, dass wir beide doch noch ein Zuhause gefunden haben.

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