Als ich zum ersten Mal sah, wie meine beiden kleinen Kater ein Leckerli zu meiner alten Katze schleppten, als wäre es eine Bestechung, musste ich lachen.
Beim zweiten Mal habe ich geweint.
Ich lebe allein in einer kleinen Wohnung mit drei Katzen, die sich manchmal mehr wie eine richtige Familie benehmen als manche Menschen, die ich in meinem Leben erlebt habe.
Lotte ist die Älteste.
Sie ist eine blass orangefarbene Katze mit langsamem Gang, trüben Augen und so einer stillen Ruhe, bei der man automatisch leiser spricht. Früher gehörte diese Wohnung ganz klar ihr. Nicht, weil sie laut oder dominant war. Sie musste das nie sein. Ein einziger Blick von Lotte reichte, und jeder wusste Bescheid.
Dann kamen Benno und Frieda.
Sie waren winzig, als ich sie zu mir holte. Viel zu große Ohren, viel zu große Pfoten und nur Unsinn im Kopf.
Benno war von Anfang an der Mutige. Immer der Erste auf dem Kratzbaum, der Erste auf dem Tisch, der Erste mit der Nase da, wo sie nicht hingehörte.
Frieda war kleiner und sanfter, aber irgendwie noch wuseligter. Wenn Benno den Ärger anfing, machte Frieda ihn komplett.
Von Anfang an waren die beiden verrückt nach Lotte.
Sie liefen ihr zum Wassernapf hinterher. Sie liefen ihr bis zur Katzentoilette hinterher. Sie liefen ihr bis an den sonnigen Platz am Fenster hinterher, als wäre sie ein Filmstar im Ruhestand und sie zwei übereifrige Assistenten, die sich beliebt machen wollten.
Lotte wollte davon gar nichts wissen.
In ihrem Alter mochte sie lange Nickerchen, warme Decken und Ruhe. Benno und Frieda mochten es, vom Sofa zu springen und miteinander zu raufen, als würde um Mitternacht die Miete fällig.
Am Anfang fand ich das noch lustig.
Die Kleinen brachten ihr ständig Sachen. Aber nicht mal normale Sachen. Eine Spielmaus. Einen Flaschendeckel. Einen zerknüllten Kassenzettel, den sie irgendwie aus der Küche geklaut hatten.
Einmal schleppte Benno sogar eine Socke an, die fast größer war als er selbst. Sie legten die Beute vor Lotte ab, setzten sich hin und schauten sie an, als würden sie ihr ein Geschäft anbieten.
Spiel mit uns. Das ist für dich.
Lotte machte dann manchmal ein Auge auf, sah erst das Geschenk an und dann mich, als wollte sie fragen, ob sie vielleicht doch noch irgendwo anders wohnen könnte.
Ab und zu tippte sie ein Spielzeug genau einmal mit der Pfote an.
Und dann rasteten die beiden Kleinen komplett aus.
Sie schossen durch die Wohnung, als hätten sie im Lotto gewonnen.
Also ging das Bestechen weiter.
Jeden Tag lag etwas Neues vor Lotte. Ein Filzball. Eine Feder. Ein Stück Papier. Ein Leckerli, das sie eindeutig zusammen aus der Tüte vom Regal organisiert hatten.
Es war lächerlich.
Es war süß.
Und es war auch anstrengend.
Denn die Wahrheit war, dass Lotte schneller alt wurde, als ich es mir eingestehen wollte.
Sie schlief tiefer. Sie lief langsamer. An manchen Tagen ließ sie sogar den Fensterplatz aus und blieb einfach stundenlang zusammengerollt an derselben Stelle liegen. Wenn ich sie hochhob, fühlte sie sich leichter an als früher.
Das machte mir mehr Angst, als ich laut sagen wollte.
Benno und Frieda verstanden das natürlich nicht.
Woher auch?
Für sie war Lotte immer noch Lotte. Immer noch die Mitte dieser kleinen Wohnung. Immer noch die Katze, die sie am meisten liebten. Also hörten sie nicht auf, sie in ihren wilden kleinen Alltag hineinziehen zu wollen.
Eines Nachmittags lag Lotte unter dem Stuhl im Wohnzimmer und ruhte sich aus. Benno kam mit einem Stofftier im Maul angedackelt. Frieda lief hinterher und trug ein Leckerli. Sie legten beides vor ihr ab und patschten dann mit den Pfoten nach ihrem Schwanz.
Lotte fauchte nicht.
Sie schlug nicht.
Sie sah einfach nur müde aus.
Und ich fuhr sie an.
„Lasst sie doch mal in Ruhe“, sagte ich lauter, als ich es eigentlich wollte.
Beide erstarrten sofort.
Benno machte als Erster einen Schritt zurück. Frieda duckte sich auf den Boden. Und plötzlich war die ganze Wohnung so still, dass es mir im selben Moment leidtat.
Ich war gar nicht wirklich wütend auf sie.
Ich hatte Angst.
Angst davor, Lotte zu verlieren. Angst davor, wie alt sie sich in meinen Armen anfühlte. Angst davor, dass eines Tages der sonnige Platz am Fenster leer bleiben würde.
In dieser Nacht saß ich neben Lotte auf dem Boden, während sie schlief. Benno und Frieda blieben auf der anderen Seite des Zimmers und sahen mich an, als wüssten sie genau, dass etwas nicht stimmte.
Am nächsten Morgen war etwas anders.
Benno brachte Lotte eine Spielmaus und legte sie neben ihr Bettchen. Aber diesmal stupste er sie nicht an. Er miaute ihr nicht ins Gesicht. Er legte sie einfach hin und ging wieder ein Stück zurück.
Etwas später kam Frieda mit einem von Lottes weichen Lieblingsleckerlis.
Dasselbe.
Hinlegen. Weggehen.
Bis zum Abend sah Lottes Decke aus wie ein kleiner Geschenketisch. Spielmaus. Deckel. Feder. Leckerli. Socke.
Die beiden hatten nicht aufgehört, sie zu lieben.
Sie hatten nur eine sanftere Art gefunden, es ihr zu zeigen.
Und genau das hat mich getroffen.
In den nächsten Tagen blieben sie weiter in ihrer Nähe, aber nicht zu nah. Wenn Lotte schlief, rollten sie sich in ihrer Umgebung zusammen, statt sich auf sie draufzuwerfen. Wenn sie zum Fenster ging, kamen sie hinterher und legten sich ein paar Schritte entfernt hin, wie zwei kleine stille Wachen.
Eines Abends kam ich ins Wohnzimmer und fand alle drei zusammen.
Lotte schlief in der Mitte.
Benno lag lang ausgestreckt auf der einen Seite der Decke. Frieda eingerollt auf der anderen. Und zwischen ihnen lag dieser kleine Haufen aus ihren Schätzen, als hätten sie alles, was ihnen wichtig war, zu ihr gebracht und behutsam vor ihr abgelegt.
Ich setzte mich auf den Boden und fing an zu weinen, noch bevor ich es verhindern konnte.
Nicht, weil etwas Großes passiert wäre.
Sondern weil diese zwei wilden kleinen Katzen etwas verstanden hatten, was viele Menschen nie lernen.
Liebe ist nicht immer laut.
Liebe heißt nicht immer, etwas zu reparieren, zu drängen, zu fragen oder jemanden mit aller Kraft mitziehen zu wollen.
Manchmal heißt Liebe einfach, dass man sein ganzes Herz zu jemandem bringt, es vorsichtig hinlegt und den anderen ausruhen lässt.
Lotte hat immer noch ihre stillen Tage.
Benno und Frieda haben immer noch ihre verrückten.
Aber inzwischen wissen sie Bescheid, wenn sie müde ist.
Dann bringen sie ihre Geschenke.
Dann setzen sie sich in ihre Nähe.
Dann warten sie.
Und in einer Welt, in der ständig noch eine Antwort, noch ein Lächeln, noch ein bisschen Kraft verlangt wird, haben mir meine drei Katzen die freundlichsten Worte beigebracht, die Liebe sagen kann.
Ich bin da.
Ruh dich aus.
Ich kann warten.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






