Als zwei kleine Kater lernten, eine alte Katze leise zu lieben

Eine Woche nach diesem kleinen Geschenketisch dachte ich, ich hätte endlich verstanden, wie zart Liebe sein kann. Dann kam der Morgen, an dem Lotte nicht einmal mehr zum Fenster wollte.

Es war einer von diesen grauen Vormittagen, an denen die Wohnung stiller wirkt als sonst.

Kein Sonnenfleck auf dem Boden. Kein Vogel vorm Fenster. Nur die Heizung, die leise knackte, und Benno, der schon wach war und mit viel zu viel Energie durchs Wohnzimmer tappte.

Normalerweise war Lotte um diese Uhrzeit längst an ihrem Platz.

Nicht ganz oben auf dem Kratzbaum, dafür war sie schon zu lange zu vernünftig. Aber wenigstens auf der Decke am Fensterbrett oder auf dem Kissen daneben, dort, wo das Licht zuerst hinkam.

An diesem Morgen lag sie noch immer in ihrem Bettchen.

Den Kopf tief auf die Pfoten gelegt. Die Augen nur halb offen. So still, dass ich sofort dieses kalte Ziehen im Bauch hatte, das inzwischen leider zu vertraut geworden war.

Ich ging zu ihr, kniete mich hin und sagte ihren Namen leise.

„Na, mein Mädchen?“

Normalerweise hob sie wenigstens kurz den Kopf. Oder sie machte dieses langsame Blinzeln, mit dem sie schon seit Jahren alles kommentierte, was ihr zu früh, zu laut oder einfach zu dumm war.

Diesmal nicht.

Sie sah mich an, als hätte sie mich erkannt.

Aber allein das kostete sie schon Kraft.

Benno stand plötzlich neben mir und trug einen Filzball im Maul.

Er legte ihn vor Lotte ab, ganz vorsichtig, und setzte sich hin.

Frieda kam eine halbe Minute später mit einem Leckerli. Auch sie legte es still vor Lotte hin und wich dann zurück.

Niemand drängelte.

Niemand patschte nach ihrem Schwanz.

Niemand sprang.

Es war, als hätten wir drei denselben Gedanken gehabt und keiner wollte ihn aussprechen.

Ich hob Lotte hoch.

Früher hatte sie sich immer kurz steif gemacht, beleidigt geschaut und so getan, als sei das alles völlig unnötig. Jetzt ließ sie sich einfach an meine Brust sinken.

So leicht.

Viel zu leicht.

Ich zog mir hastig Schuhe an, schnappte ihre Transportbox und redete die ganze Zeit mit ihr, nur damit ich nicht anfing, in Panik zu denken.

Benno und Frieda liefen mir bis zur Wohnungstür hinterher.

Als ich die Box schloss, standen beide davor.

Nicht laut. Nicht wild.

Nur da.

Ich sagte ihnen etwas völlig Albernes wie: „Ich bring sie wieder mit.“

Als müssten nicht eher sie mir Mut machen als umgekehrt.

Der Weg kam mir länger vor als sonst.

Lotte miaute nicht. Sie kratzte nicht an der Box. Sie lag einfach drin, zusammengerollt wie ein kleines, müdes Geheimnis, das ich auf keinen Fall verlieren wollte.

Im Wartezimmer saßen noch zwei andere Menschen mit Tieren auf dem Schoß.

Ich hörte kaum, was gesprochen wurde. Ich sah nur immer wieder auf die Gittertür der Box und darauf, wie Lottes Brust sich hob und senkte.

Langsam.

Aber immerhin.

Als wir endlich dran waren, sagte die Tierärztin nichts Überraschendes.

Und trotzdem traf es mich.

Lotte war alt. Ihre Gelenke schmerzten. Sie hatte in den letzten Monaten Gewicht verloren. Ihr Kreislauf war nicht mehr der beste. Es war nichts Dramatisches in dem Sinn, dass jetzt sofort etwas vorbei wäre.

Aber es war eben auch nicht mehr nur „ein bisschen müde“.

Es war Alter.

Echtes Alter.

Dieses Alter, das nicht mehr weggeht, wenn man nur genug hofft.

Ich nickte die ganze Zeit, als könnte ich damit beweisen, dass ich vernünftig bin.

Innerlich wollte ich etwas völlig Unvernünftiges.

Ich wollte, dass man mir sagt, dass alles wieder wird wie früher.

Dass sie bald wieder geschniegelt am Fenster sitzt und Benno mit einem einzigen Blick kleinmacht.

Dass Zeit sich irrt.

Tat sie aber nicht.

Wir bekamen etwas gegen die Schmerzen, Futter für empfindliche Tage und den Rat, es Lotte so ruhig und angenehm wie möglich zu machen.

Ruhig und angenehm.

Als wäre das nicht ohnehin längst unser ganzes Programm.

Zu Hause stellte ich die Box vorsichtig auf den Boden.

Benno war als Erster da. Er steckte die Nase an die Öffnung, trat dann aber sofort wieder einen Schritt zurück, als Lotte langsam herauskam.

Frieda blieb ebenfalls still.

Lotte ging nicht weit.

Nur bis zu ihrer Decke. Dann ließ sie sich nieder und schloss die Augen.

Benno legte den Filzball wieder neben sie.

Frieda das Leckerli.

Ich setzte mich dazu auf den Boden.

Und plötzlich saßen wir alle vier einfach da, als hätten wir einen stillen Vertrag unterschrieben.

In den Tagen danach änderte sich unser Leben weniger dramatisch, als ich befürchtet hatte.

Aber mehr, als mir lieb war.

Alles richtete sich nach Lotte.

Nicht aus Zwang. Eher so, wie man in einem Haus automatisch leiser wird, wenn jemand schläft, der einem wichtig ist.

Ich stellte ihre Wasserschalen näher. Ich legte eine zweite Decke auf ihren Lieblingsplatz. Ich trug sie manchmal ans Fenster, wenn sie dorthin schauen wollte, aber der Weg zu weit schien.

Und Benno und Frieda?

Die wurden noch sanfter.

Es war fast unheimlich.

Benno, der früher über jeden Stuhl geflogen wäre, bremste inzwischen ab, wenn Lotte schlief. Er ging große Bögen um sie herum, als wäre der Boden in ihrer Nähe plötzlich aus Glas.

Frieda fing an, direkt neben Lottes Bettchen zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen, obwohl sie früher viel zu hibbelig für so etwas gewesen war.

Manchmal dachte ich, sie hielten Wache.

Manchmal dachte ich, sie machten ihr einfach Gesellschaft.

Wahrscheinlich war es dasselbe.

Lotte fraß mal besser und mal schlechter.

Es gab gute Stunden und schwere.

Es gab Nachmittage, an denen sie sich von selbst aufrichtete, ein paar Schritte ging und mir für einen Moment fast wieder vorkam wie früher. Und es gab Abende, an denen sie schon vom Umdrehen müde wurde.

Ich lernte, mich nicht an jedem kleinen Zeichen festzuklammern.

Oder sagen wir lieber: Ich versuchte es.

Denn wenn man jemanden liebt, wird man sehr schnell albern.

Dann feiert man Dinge, für die einen andere Leute wahrscheinlich auslachen würden.

Eine halbe Portion Futter? Großartig.

Allein bis zum Wassernapf gelaufen? Fast ein Feiertag.

Ein einziges, deutlich hörbares Schnurren? Ich hätte dafür wahrscheinlich eine Torte backen können.

Eines Mittags saß ich mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch und starrte ins Leere.

So richtig ins Leere.

Nicht traurig genug zum Weinen. Nicht ruhig genug, um mich zu entspannen. Einfach irgendwo dazwischen, in diesem müden Zustand, in dem die Gedanken schwer sind und der Kaffee trotzdem nichts rettet.

Da hörte ich dieses leise Schaben über den Boden.

Benno.

Er schleppte etwas an.

Keine Socke. Keine Maus. Kein Deckel.

Eine von meinen dicken Wollhandschuhen.

Viel zu groß für ihn. Viel zu schwer. Er zog das Ding in kleinen Rucken durchs Wohnzimmer, stolperte fast darüber und brachte es am Ende bis vor Lottes Decke.

Er legte den Handschuh ab, setzte sich hin und sah sie an.

Ich musste so plötzlich lachen, dass ich mir eine Hand vor den Mund halten musste.

Frieda kam sofort dazu.

Sie hatte ein Leckerli.

Natürlich hatte sie ein Leckerli.

Und Lotte?

Lotte hob den Kopf.

Ganz langsam.

Sie sah erst den Handschuh an. Dann Benno. Dann Frieda. Dann mich.

Und zum ersten Mal seit Tagen war da wieder etwas in ihrem Gesicht, das fast aussah wie ihr altes, trockenes Urteil über unsere ganze Veranstaltung.

Ich schwöre, sie sah aus, als wollte sie sagen:

Was genau soll ich mit einem Handschuh?

Ich fing an zu weinen und zu lachen gleichzeitig.

Nicht schön. Nicht würdevoll. Einfach so, wie man eben weint, wenn einem das Herz gerade zu voll ist.

Vielleicht klingt das albern für alle, die nie mit Tieren gelebt haben.

Aber in diesem Moment war dieser Wollhandschuh kein Handschuh.

Er war ein Versuch.

Ein kleiner, unbeholfener, ehrlicher Versuch von einem jungen Kater, etwas Schweres bis zu jemandem zu schleppen, der ihm wichtig war.

Und manchmal ist genau das alles.

Von da an entwickelte sich eine neue Routine.

Morgens bekam Lotte ihr Futter. Dann setzte ich sie, wenn sie wollte, ans Fenster. Benno und Frieda brachten ihr Dinge. Nicht immer nützliche Dinge, aber darum ging es ja nie.

Manchmal war es eine Feder.

Manchmal ein zerknüllter Kassenzettel.

Einmal ein Korken, von dem ich bis heute nicht weiß, wo er herkam.

Und fast jeden Tag mindestens ein Leckerli, das sehr eindeutig aus einer Tüte stammte, die eigentlich außer Reichweite lag.

Ich hätte schimpfen sollen.

Tat ich aber nicht.

Es gab in dieser Wohnung inzwischen Wichtigeres als Disziplin.

Eines Abends, als es draußen schon dunkel war und das Wohnzimmer nur von der kleinen Lampe in der Ecke beleuchtet wurde, passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Lotte lag auf ihrer Decke.

Benno hatte sich ein Stück entfernt hingelegt. Frieda saß am Fußende und putzte sich so gründlich, als hätte sie einen sehr wichtigen Termin.

Ich saß auf dem Sofa und tat nur so, als würde ich lesen.

Dann stand Lotte auf.

Langsam. Vorsichtig. Aber entschlossen.

Sie machte drei Schritte auf Benno zu.

Dann vier.

Benno erstarrte so komplett, dass ich glaube, sogar seine Schnurrhaare hörten kurz auf zu funktionieren.

Lotte blieb vor ihm stehen.

Sie beugte den Kopf.

Und schleckte ihm einmal über die Stirn.

Nur einmal.

Dann drehte sie sich um, ging wieder zurück zu ihrer Decke und legte sich hin, als wäre nichts gewesen.

Benno saß da, als hätte ihn der Blitz getroffen.

Frieda hörte mitten in der Wäsche auf.

Und ich?

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