Das gelbe Tuch an der Haltestelle, das niemand je vergessen sollte

Jeden Morgen schrie dieselbe alte Frau mich an, bis mir ein gelbes Tuch verriet, warum.

Ich fuhr damals den Schulbus über die kleinen Dörfer im Landkreis. Kein großer besonderer Bus, nur ein normaler Linienbus mit einem Schild vorne in der Scheibe: Schulbus.

Meine Strecke begann kurz nach sieben. Erst die Siedlung am Ortsrand, dann zwei Höfe, dann die alte Haltestelle an der schmalen Dorfstraße.

Dort stand Waltraud.

Jeden Morgen.

Sie war klein, dünn und trug meistens eine geblümte Kittelschürze über ihrer Kleidung. Ihre grauen Haare steckten schief am Hinterkopf. In der rechten Hand hielt sie ein gelbes Stofftaschentuch.

Sobald mein Bus um die Kurve kam, hob sie den Arm.

„Langsamer, Arvid! Da sitzen Kinder drin!“

Die Kinder fanden das großartig.

Sie drückten die Nasen an die Scheiben und warteten schon darauf, dass Waltraud wieder schimpfte. Einer nannte sie einmal „die gelbe Oma“. Danach blieb der Name im Bus hängen.

Ich nahm es ihr nie übel.

Ich kannte ihre Geschichte nur vom Hörensagen. Ihr Mann war vor Jahren gestorben. Die Tochter lebte weit weg. Der alte Hof gehörte ihr zwar noch, aber er sah aus, als wäre er zu groß für einen Menschen allein.

Also bremste ich jeden Morgen ein wenig ab, öffnete das Fenster und rief zurück:

„Ich fahre doch kaum dreißig, Frau Waltraud!“

Dann schnaubte sie, wedelte mit dem gelben Tuch und tat so, als hätte sie mich gerade vor einer Katastrophe bewahrt.

So ging das drei Jahre.

Manche Dinge im Leben merkt man erst, wenn sie fehlen.

An einem Montag kam ich um die Kurve, nahm automatisch den Fuß vom Gas und schaute zur Haltestelle.

Waltraud stand nicht da.

Das gelbe Tuch fehlte auch.

Ich dachte, sie hätte vielleicht verschlafen. Alte Leute dürfen das. Am nächsten Morgen war der Platz wieder leer. Am dritten Tag ebenfalls.

Im Bus wurde es still, als wir am Hof vorbeifuhren.

Kein Kind machte einen Witz.

Am Freitag hing am Zaun ein Schild: Zu verkaufen.

Nach meiner Runde hielt ich beim kleinen Bäcker im Dorf. Ich kaufte einen Kaffee, obwohl ich gar keinen wollte, und fragte vorsichtig nach Waltraud.

Die Frau hinter der Theke sah mich an, als hätte sie die Frage erwartet.

„Sie ist nicht mehr auf dem Hof“, sagte sie leise. „Ein Neffe hat sich gekümmert. Sie ist jetzt in einem Pflegeheim im Nachbarlandkreis. Es ging wohl nicht mehr allein.“

Ich nickte nur.

Auf dem Weg zurück zum Bus fühlte sich alles falsch an.

Es war seltsam. Drei Jahre lang hatte ich geglaubt, Waltraud sei einfach eine grummelige alte Frau, die zu viel Zeit und zu wenig Besuch hatte.

Jetzt fehlte mir ihr Schimpfen.

Die Strecke blieb dieselbe. Die Kinder stiegen ein. Die Eltern winkten. Die Haltestellen kamen und gingen.

Aber an Waltrauds Hof bremste ich weiter ab.

Nicht aus Pflicht.

Aus Gewohnheit.

Vielleicht auch aus Respekt.

Ein paar Wochen später rief mich mein Kollege aus dem kleinen Büro am Betriebshof.

„Arvid, hier ist ein Paket für dich angekommen.“

Auf dem Karton stand mein Name. Als Absender nur: Waltraud.

Ich setzte mich an den Tisch im Pausenraum und öffnete das Paket langsam.

Drinnen lagen gelbe Stofftaschentücher.

Viele.

Ordentlich gefaltet, sauber gestapelt, als hätte jemand lange daran gesessen.

Oben lag ein Brief.

Die Schrift war zittrig. Manche Buchstaben waren kaum zu lesen.

Lieber Arvid,

wenn du das liest, wohne ich nicht mehr auf meinem Hof. Vielleicht weiß ich dann selbst nicht mehr genau, wo ich bin.

Ich muss dir etwas sagen.

Ich habe dich nie angeschrien, weil du zu schnell gefahren bist.

Vor zwei Jahren sagte mir der Arzt, dass meine Augen immer schlechter werden. Dann kamen die Lücken im Kopf dazu. Erst kleine Dinge. Ein Topf auf dem Herd. Ein Name. Ein Wochentag.

Ich hatte Angst.

Das Haus wurde stiller, als ich ertragen konnte. Manchmal saß ich morgens am Küchentisch und wusste nicht, ob ich schon aufgestanden war oder nur davon geträumt hatte.

Aber dann hörte ich deinen Bus.

Ich erkannte den Motor. Ich erkannte die Bremse. Ich erkannte deine Stimme.

Wenn ich draußen stand und mit meinem gelben Tuch winkte, wusste ich: Ich bin noch da. Und wenn du zurückgerufen hast, wusste ich: Jemand hat mich gesehen.

Du hast mich nicht ausgelacht. Du hast nicht weggeschaut.

Du hast jeden Morgen geantwortet.

Dafür danke ich dir.

Bitte gib die Tücher den Kindern oder behalte sie. Hauptsache, ein kleines Stück von mir bleibt auf dieser Straße.

Danke, dass du eine alte Frau hast schimpfen lassen.

Waltraud

Ich las den Brief zweimal.

Dann legte ich ihn auf den Tisch und presste die Hand vor den Mund.

Mir war nicht klar gewesen, dass ein Mensch sich an so etwas festhalten kann. An einem Bus. An einem kurzen Zuruf. An drei Sekunden Aufmerksamkeit.

Am nächsten Morgen hielt ich an der alten Haltestelle.

Ich stieg aus, nahm eines der gelben Tücher und band es an den Pfosten des Haltestellenschildes.

Die Kinder sagten nichts.

Sie verstanden mehr, als Erwachsene manchmal glauben.

Monate später zog eine junge Familie in Waltrauds alten Hof. Die Fenster wurden geputzt. Vor der Tür standen Kinderschuhe.

Am ersten Schultag stand dort ein kleines Mädchen mit einem Ranzen. Jonna hieß sie.

Neben ihr stand ihr Vater. In der Hand hielt er das gelbe Tuch vom Haltestellenschild.

Als ich langsamer wurde, hob er es hoch und rief:

„Langsam! Hier steigt ein Kind ein!“

Ich musste schlucken.

Dann öffnete ich die Tür und rief zurück:

„Ich fahre doch kaum dreißig!“

Jonna stieg ein, sah mich ernst an und sagte:

„Papa sagt, das macht man hier so.“

Ich nickte.

„Ja“, sagte ich. „Das macht man hier so.“

Seitdem weht jeden Morgen wieder ein gelbes Tuch an dieser Haltestelle.

Nicht, weil jemand wirklich Angst vor meinem Bus hat.

Sondern weil ein Mensch nicht einfach verschwinden sollte, nur weil er alt, leise oder allein geworden ist.

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