„Rasiert ihr den Kopf – dann merkt sie endlich, dass sie hier niemand ist“, brüllte der Ausbilder. Drei Minuten später salutierte der General vor ihr.
„Festhalten.“
Das Wort fiel kalt über den Kasernenhof, als hätte jemand einen Eimer Eiswasser ausgeschüttet.
Mara Lindner saß auf dem wackligen Holzstuhl mitten vor der angetretenen Gruppe. Ihre Hände lagen ruhig auf den Oberschenkeln. Nur die Adern auf ihrem Handrücken traten hervor.
Hauptfeldwebel Berthold Kranz stand hinter ihr und hielt die Haarschneidemaschine in der rechten Hand. Das Gerät summte hässlich, wie eine Wespe in einem Marmeladenglas.
„Schaut genau hin“, rief er den Rekrutinnen und Rekruten zu. „So sieht es aus, wenn jemand meint, er könne ohne Namen, ohne Akte und ohne Leistung hier auftauchen.“
Ein paar junge Männer lachten.
Eine junge Frau biss sich auf die Lippe.
Mara sagte nichts.
Ihre dunkelblonden Haare, die sie am Morgen noch schlicht im Nacken zusammengebunden hatte, lagen jetzt offen über ihren Schultern. Nass vom Regen. Staubig vom Übungsplatz. Viel zu menschlich für diesen Ort, an dem jeder so tat, als sei Härte dasselbe wie Würde.
„Rasiert ihr den Kopf“, knurrte Kranz. „Dann merkt sie endlich, dass sie hier niemand ist.“
Niemand.
Das Wort blieb in der Luft hängen.
Mara hob nicht einmal den Blick.
Zwei Feldjäger stellten sich links und rechts neben sie. Viel zu nah. Viel zu grob. Einer drückte ihre Schulter hinunter, obwohl sie sich nicht wehrte.
„Na los“, sagte Major Rainer Vogt und klappte seine Mappe zu. „Wir haben nicht den ganzen Tag.“
Die Maschine fuhr zum ersten Mal über Maras Kopf.
Ein breiter Streifen Haar fiel in den Matsch.
Auf dem Hof wurde es stiller.
Nicht aus Mitleid.
Aus Neugier.
So schauen Menschen, wenn jemand gedemütigt wird und keiner den Mut hat, wegzusehen.
Mara spürte die Kälte auf ihrer Kopfhaut. Sie spürte die Blicke. Sie spürte, wie ihre Würde vor allen auf den Boden fallen sollte, Strähne für Strähne.
Aber sie zerbrach nicht.
Sie zählte nur.
Den Atem des Mannes hinter ihr.
Die Schritte des Majors.
Das leise Kichern in der dritten Reihe.
Die Gesichter.
Alle Gesichter.
Am Morgen war sie mit einem grauen Transporter am Ausbildungszentrum Falkenried angekommen.
Falkenried lag irgendwo zwischen Nadelwald, alten Betonstraßen und Dörfern, in denen die Bushaltestellen noch aussahen wie aus den achtziger Jahren. Ein Ort, den man nur fand, wenn man dorthin befohlen wurde.
Mara stieg aus, ohne sich umzusehen.
Sie war 52 Jahre alt.
Nicht jung genug, um unterschätzt zu werden, sollte man meinen.
Aber alt genug, damit viele dachten, sie hätten schon alles über sie verstanden.
Sie trug eine ausgeblichene Uniform ohne sichtbare Abzeichen. Keine Rangschlaufen. Keine Orden. Keine glänzenden Stiefel. Nur eine Reisetasche, deren Ledergriff an einer Stelle mit schwarzem Garn repariert war.
Ein paar Rekruten standen bei der Anmeldung und rauchten heimlich hinter einem Gerätecontainer.
„Guck mal“, murmelte einer. „Mutti hat sich verlaufen.“
Gelächter.
Mara ging weiter.
Ihre Schritte waren ruhig. Nicht langsam. Nicht schnell. So ging jemand, der gelernt hatte, seine Kräfte nicht zu verschwenden.
Am Schalter saß Hauptfeldwebel Kranz.
Er war Anfang sechzig, breit im Gesicht, mit kleinen wachen Augen, die immer nach Schwächen suchten. Seine Uniform saß tadellos, aber über dem Gürtel spannte der Stoff.
Er kaute auf einem Zahnstocher, obwohl Essen im Dienstbereich verboten war.
„Name?“
„Lindner. Mara.“
Kranz zog eine dünne Mappe aus dem Stapel.
Er blätterte.
Dann blätterte er noch einmal.
Sein Mundwinkel zuckte.
„Das ist alles?“
Mara blieb stehen.
„Meine Versetzungsunterlagen, Hauptfeldwebel.“
„Keine Dienstgeschichte. Keine Beurteilungen. Keine Lehrgänge. Kein vorheriger Standort.“ Er hielt das einzelne Blatt hoch. „Was sind Sie? Ein Schreibfehler?“
Ein junger Unteroffizier neben ihm grinste.
Mara antwortete nicht sofort.
„Ich bin zum Lehrgang gemeldet.“
„Zum Lehrgang“, wiederholte Kranz und lachte auf. „Hören Sie mal, Frau Lindner. Das hier ist kein Kaffeekränzchen im Gemeindehaus. Hier wird ausgesiebt.“
Er beugte sich vor.
„Und wissen Sie, wen wir zuerst aussieben? Leute ohne Vergangenheit.“
Mara sah ihn ruhig an.
„Dann haben Sie ja heute etwas zu tun.“
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht.
Für einen Moment war es so still, dass man draußen die Fahnenleine gegen den Mast schlagen hörte.
Kranz stand langsam auf.
„Baracke drei. Bett sechzehn. Sie melden sich in zehn Minuten auf dem Hof.“
Er warf ihr die Mappe nicht zu.
Er ließ sie fallen.
Mara hob sie auf.
Ohne Hast.
Ohne Verbeugung.
Baracke drei roch nach kalter Seife, nassen Stiefeln und alten Heizkörpern.
Es war der Geruch, den viele Deutsche über fünfzig noch kennen, auch wenn sie ihn nie beschreiben wollten. Schullandheim. Lehrlingswohnheim. Reha-Klinik. Behördenflur im Winter. Orte, an denen man funktionieren musste.
Ihr Bett stand hinten am Fenster, direkt neben den Waschraumrohren.
Die Matratze lag umgedreht auf dem Boden.
Nass.
Jemand hatte einen Eimer darüber ausgeschüttet. Das Wasser stand in einer flachen Pfütze auf dem Linoleum.
Ihr Spind war offen. Die Tür hing schief. Innen hatte jemand mit schwarzem Stift geschrieben:
OMI GEH HEIM.
Ein paar junge Frauen verstummten, als Mara eintrat.
Eine von ihnen, schmal, blond gefärbt, mit müden Augen und einem kleinen Kreuzanhänger am Hals, sah sofort weg.
Eine andere lachte.
„Das Bett ist leider schon gewaschen“, sagte sie.
Mara stellte ihre Tasche ab.
Sie prüfte die Matratze, die Federung, den Spind.
Dann nahm sie ein Handtuch aus der Tasche und begann, den Boden zu trocknen.
„Beschwerst du dich nicht?“, fragte die Blonde leise.
Mara sah sie kurz an.
„Bei wem?“
Die Blonde wusste keine Antwort.
Diese Frage war gefährlich einfach.
Bei wem beschwert man sich, wenn alle schon entschieden haben, dass du nichts wert bist?
Am Abend schlief Mara auf den blanken Metallfedern. Sie legte ihre Jacke unter die Hüfte, damit der Draht nicht ganz so tief drückte.
Sie schloss die Augen.
Nicht weil sie müde war.
Sondern weil sie gelernt hatte, in feindlichen Räumen zu ruhen.
Um fünf Uhr zwölf war sie wach.
Acht Minuten vor dem Wecken.
Die anderen rissen erschrocken die Augen auf, als der Ton durch die Baracke schnitt. Mara stand bereits fertig angezogen neben ihrem Bett.
Ihre Uniform war gebügelt.
Ihre Stiefel sauber.
Ihr Gesicht ruhig.
Das machte die anderen nervöser, als Tränen es getan hätten.
In der Kantine setzte sich die Schikane fort.
Die Kantine war ein langer Raum mit grünen Kunststofftabletts, grauen Tischen und Kaffee, der so dünn war, dass man den Boden des Bechers sehen konnte.
Alle bekamen Rührei, Brot und Wurst.
Mara bekam eine Kelle lauwarmen Haferbrei, der aussah, als hätte jemand Tapetenkleister angerührt.
Der Küchenhelfer grinste.
„Sonderkost.“
Sie nickte nur.
Als sie sich umdrehte, stellte ihr ein Rekrut den Stiefel in den Weg.
Mara trat sauber darüber.
Zu sauber.
Als hätte sie die Bewegung kommen sehen, bevor er selbst wusste, dass er sie machte.
Da rempelte sie ein anderer von hinten an.
Das Tablett flog.
Der Brei klatschte auf ihre Stiefel.
Gelächter brandete auf.
Mara blieb stehen.
Sie sah auf die graue Masse.
Dann bückte sie sich und begann, den Boden mit Servietten zu reinigen.
Major Vogt stand am Ausgang.
Er hatte alles gesehen.
Er war Mitte fünfzig, kantig, ordentlich, mit einem Gesicht, das nie wirklich entspannte. Einer von den Männern, die glaubten, ein lauter Befehl sei schon Charakter.
„Lindner!“, rief er. „Wenn Sie nicht einmal ein Tablett halten können, fangen Sie beim Boden an.“
Mara kniete.
Die Kantine lachte.
Der junge Mann, der sie gerempelt hatte, sah stolz aus.
Nur die blonde Rekrutin aus der Baracke lachte nicht.
Sie hieß Sophie Mertens, war 24 und hatte die Angewohnheit, ihre Fingernägel in die Handfläche zu drücken, wenn sie Angst hatte.
Mara bemerkte es.
Sie bemerkte alles.
Am Nachmittag begann der Hindernislauf.
Falkenried hatte einen Übungsplatz, der aussah, als sei er seit Jahrzehnten nicht wirklich erneuert worden. Seile. Betonröhren. Schlammgruben. Rostige Kanten. Ein Ort, an dem schon ganze Jahrgänge ihre Knie, ihre Ellbogen und manchmal ihren Stolz verloren hatten.
Kranz lief vor der Reihe auf und ab.
„Heute sehen wir, wer hier Substanz hat.“
Er blieb vor Mara stehen.
„Und wer nur alte Geschichten erzählt.“
„Ich habe keine erzählt“, sagte Mara.
Kranz trat näher.
„Noch nicht.“
Die erste Runde lief sie sauber.
Nicht spektakulär. Nicht prahlerisch. Einfach sauber.
Sie sprang über die Betonröhre, zog sich an der Wand hoch, rollte über die Schulter, landete im Schlamm und war sofort wieder auf den Beinen.
Das irritierte die Ausbilder.
Also änderten sie die Regeln.
Beim zweiten Durchgang richtete Kranz einen starken Wasserstrahl auf sie, während sie am Kletternetz hing.
Das Wasser traf sie ins Gesicht.
Ihr Kopf schlug zurück.
Ein Raunen ging durch die Gruppe.
Für einen Sekundenbruchteil rutschte ihr Fuß ab.
Dann spannte sie die Beine, griff höher und kletterte weiter.
Blind.
Atemlos.
Aber weiter.
Oben angekommen, schwang sie sich über die Kante und sprang auf der anderen Seite herunter.
Sie landete hart.
Das linke Knie gab kurz nach.
Sie fing sich.
Major Vogt hob die Stoppuhr.
„Ungültig. Fußfehler.“
Einige lachten.
Mara sah ihn an.
„Noch einmal?“
„Dreimal“, sagte Vogt.
Sie lief den Parcours dreimal hintereinander.
Während die anderen im Schatten standen und tranken.
Beim letzten Durchgang blutete ihre Handfläche. Ihre Lunge brannte. Ein roter Streifen lief von ihrem Ellbogen in den Ärmel.
Am Ziel fiel sie auf ein Knie.
Kranz machte einen Schritt nach vorne, schon bereit, den Spruch zu setzen.
Da stand sie wieder auf.
Nicht schnell.
Aber allein.
In der Reihe wurde es still.
Nicht aus Respekt.
Noch nicht.
Eher aus Ärger.
Menschen hassen es, wenn das Opfer seine Rolle nicht spielt.
Am Abend trat Kranz zur Spindkontrolle an.
Maras Ausrüstung lag exakt ausgerichtet auf ihrer Decke. Feldflasche. Taschenlampe. Verbandpäckchen. Notizblock. Altes Funkgerät.
„Was ist das denn?“, fragte Kranz und nahm das Funkgerät hoch. „Museum?“
„Ausgegebenes Gerät.“
Er ließ es fallen.
Absichtlich oder nicht, das konnte später niemand beweisen.
Das Gehäuse sprang auf.
„Defektes Gerät“, sagte Kranz. „Mangelhafte Vorbereitung.“
Er schrieb etwas auf ihre Karte.
„Einpacken. Zehn Sekunden.“
Das war unmöglich.
Jeder wusste es.
Mara versuchte es trotzdem.
Nach zwölf Sekunden war sie fertig.
Kranz lächelte.
„Zu langsam. Sie tragen heute Abend die Zusatzkisten.“
Die Zusatzkisten waren alt, aus Holz, mit Metallgriffen, schwer genug, dass zwei junge Männer sich normalerweise abwechselten.
Mara hob sie allein.
Ihre Schultern sanken nicht.
Aber später, als sie den Kragen öffnete, sah Sophie Mertens die blutigen Striemen auf Maras Haut.
„Sie müssen zur Sanitätsstelle“, flüsterte Sophie.
Mara sah sie an.
„Müssen ist ein großes Wort.“
„Das entzündet sich.“
„Dann entzündet es sich.“
Sophie schluckte.
„Warum wehren Sie sich nicht?“
Mara legte den Verband aus ihrer Tasche auf den Tisch.
„Weil sich nicht jede Rechnung sofort begleichen lässt.“
Sophie verstand den Satz nicht.
Noch nicht.
In der zweiten Nacht kamen vier Rekruten an Maras Bett.
Sie bewegten sich leise, aber nicht gut.
Einer hatte eine Taschenlampe zwischen den Zähnen. Einer hielt ein zusammengerolltes Handtuch. Einer hatte Angst, aber lief trotzdem mit, weil junge Männer oft lieber grausam sind, als vor Freunden feige zu wirken.
Mara lag mit geschlossenen Augen.
Als der erste Arm ausholte, war sie schon wach.
Ihre Hand schoss nach oben, fasste sein Handgelenk und drehte es nur wenige Zentimeter.
Der Rekrut sank sofort auf die Knie.
Kein Schlag.
Kein Schrei von ihr.
Nur ein kurzer erstickter Laut von ihm.
Die anderen erstarrten.
Mara setzte sich langsam auf.
Ihr Gesicht lag halb im Dunkeln. Nur ihre Augen fingen das Licht der Taschenlampe.
„Geht schlafen“, sagte sie.
Der Junge auf den Knien keuchte.
Sie ließ ihn los.
Er stolperte zurück.
Am nächsten Morgen hatte niemand etwas gesehen.
Aber alle wussten es.
Und weil sie es wussten, hassten sie sie noch mehr.
Beim Postappell hielt Kranz einen Umschlag hoch.
„Lindner. Sie bekommen Fanpost.“
Mara hob den Blick.
Der Umschlag war alt. Die Schrift darauf vorsichtig, fast zittrig.
Kranz drehte ihn vor der Gruppe.
„Vielleicht ein Verehrer aus dem Seniorentanz? Oder eine Mahnung vom Versandhaus?“
Gelächter.
Mara sagte nichts.
Kranz steckte den Umschlag nicht in ihre Hand.
Er holte ein Feuerzeug hervor.
Sophie machte einen kleinen Schritt nach vorne.
„Hauptfeldwebel, das ist doch—“
„Zurück in die Reihe.“
Die Flamme fraß sich durch die Ecke.
Das Papier krümmte sich.
Mara sah zu.
In dem Umschlag war kein Liebesbrief.
Es war die letzte Karte von einem Kameraden, der vor vielen Jahren neben ihr in einem fernen Einsatzgebiet gestanden hatte. Ein Mann, der ihr einmal im Dreck eine halbe Scheibe Brot zugeschoben und gesagt hatte:
„Mara, solange einer teilt, sind wir nicht verloren.“
Er war drei Tage später nicht zurückgekommen.
Sie hatte die Karte immer bei sich getragen.
Nicht aus Schwäche.
Aus Treue.
Die Asche fiel auf den Hof.
Kranz wartete auf Tränen.
Mara trat auf die Asche.
Langsam.
Als wollte sie die Erinnerung vor den Blicken der anderen schützen.
„Mehr kommt nicht?“, fragte Kranz.
Mara sah ihm in die Augen.
„Nicht für Sie.“
Da wurde sein Gesicht rot.
Von diesem Augenblick an wurde aus Schikane ein Feldzug.
Vogt ordnete einen Zehn-Kilometer-Marsch mit voller Ausrüstung an, angeblich weil Mara beim Antreten nicht sauber genug gegrüßt hatte.
Die Gruppe stöhnte.
Und wie Gruppen es tun, wenn sie feige sind, suchten sie nicht den Schuldigen oben.
Sie suchten den Schwächeren neben sich.
Beim Marsch stießen sie Mara mit den Ellbogen.
Einer trat ihr in die Ferse.
Eine junge Frau zischte: „Wegen dir, du alte Ziege.“
Mara lief weiter.
Bei Kilometer sieben schob jemand sie Richtung Graben.
Mara drehte den Fuß, fing die Bewegung ab und blieb im Takt.
Kein Wort.
Kein Blick.
Am Ende lief sie vorne.
Nicht weil sie führen wollte.
Sondern weil ihr Körper wusste, wie man Schmerzen verwaltet.
Die anderen mussten ihr Tempo halten, ob sie wollten oder nicht.
Das machte sie wütender als jede Beschwerde.
Beim Schießtraining bekam Mara ein Gewehr, das nicht sauber funktionierte.
Nach dem ersten Schuss klemmte der Verschluss.
Über den Lautsprecher kam Vogts Stimme.
„Waffenstörung. Tote Rekrutin.“
Einige lachten.
Mara ging in die Hocke.
Vier Sekunden.
Der Verschluss war offen.
Sie entfernte die Störung, lud nach und traf die erste Zielscheibe.
Dann die zweite.
Dann die dritte.
Langsamer als mit einer sauberen Waffe, aber präziser als alle anderen.
Vogt brach die Übung ab.
„Systemfehler“, sagte er.
Auf der digitalen Tafel erschien bei Mara eine Null.
Sophie sah zur Tafel.
Dann zu Mara.
„Das war keine Null“, flüsterte sie.
Mara antwortete nicht.
Aber zum ersten Mal sah sie Sophie länger an.
Nicht weich.
Aber auch nicht kalt.
Am dritten Tag schnitt sich Mara am rostigen Rand einer Metallwand den Unterarm auf.
Die Wunde war tief.
Blut tropfte auf den Staub.
Sie meldete sich bei der Sanitätsstelle.
Der Sanitäter sah ihren Namen auf dem Zettel, seufzte und warf ihr eine Mullbinde hin.
„Kratzer. Nächster.“
Kranz saß im Hintergrund mit einem Kaffeebecher.
„Frau Lindner braucht vielleicht ein Pflaster mit Blümchen“, sagte er.
Mara nahm die Mullbinde.
Hinter dem Waschhaus nähte sie die Wunde selbst.
Mit Nadel und Faden aus ihrem Reparaturset.
Sophie fand sie dort.
Sie blieb wie angewurzelt stehen.
Mara zog den Faden mit den Zähnen fest.
„Gehen Sie weg, Mertens.“
Sophie ging nicht.
„Das ist verrückt.“
„Nein“, sagte Mara. „Verrückt ist, Schmerzen anderer Menschen für Erziehung zu halten.“
Sophie kniete sich hin.
Ihre Hände zitterten, aber sie öffnete eine kleine Flasche Desinfektionsmittel, die sie aus ihrer Tasche gezogen hatte.
„Meine Mutter war Krankenschwester“, sagte sie. „Ich kann wenigstens sauber machen.“
Mara sah sie an.
Lange.
Dann hielt sie den Arm hin.
Sophie reinigte die Wunde vorsichtig. Ihre Augen wurden feucht, aber sie weinte nicht.
„Warum tun die das?“, fragte sie.
Mara antwortete erst nach einer Weile.
„Weil sie glauben, Härte sei etwas, das man anderen antut.“
„Und was ist Härte wirklich?“
Mara blickte zum Hof, wo die anderen lachten.
„Nicht das zu werden, was dich verletzt hat.“
Der Satz blieb Sophie im Kopf hängen wie ein Lied aus der Jugend, das man Jahrzehnte später noch summen kann.
Am vierten Tag holte Major Vogt einen schmächtigen Rekruten aus der Reihe.
Er hieß Jan Kessler, war 19, wog zu wenig und hatte Heimweh in den Augen.
„Kessler hält die Gruppe auf“, rief Vogt. „Lindner. Treten Sie vor.“
Mara trat vor.
„Schlagen Sie ihn.“
Jan wurde blass.
„Sir?“
„Ein harter Schlag. Ins Gesicht. Er muss lernen, dass Schwäche Folgen hat.“
Mara sah Jan an.
Seine Lippen bebten.
Er war noch fast ein Kind, auch wenn er eine Uniform trug.
Viele der älteren Leser hätten in ihm den eigenen Sohn gesehen. Oder den Enkel. Einen Jungen, der einmal am Küchentisch gesessen und gefragt hatte, warum Erwachsene so oft schreien.
Mara senkte die Hände.
„Ich schlage keinen Kameraden.“
Vogts Gesicht versteinerte.
„Das war ein Befehl.“
„Nein, Sir. Das war ein Missbrauch.“
Der Hof hielt den Atem an.
Kranz trat sofort vor.
„Jetzt haben wir sie.“
Vogt ging zu Jan und schlug ihn selbst.
Nicht brutal genug, um ihn schwer zu verletzen.
Aber hart genug, um die Demütigung in den Staub zu drücken.
Jan fiel.
Sophie zuckte nach vorne, blieb aber stehen.
Mara bewegte sich nicht.
Ihre Augen änderten sich.
Nicht laut.
Nicht sichtbar für alle.
Aber Kranz sah es.
Und es machte ihn wütend.
„Da ist sie ja“, sagte er. „Die feine Dame mit Moral.“
Er griff nach einer Haarsträhne, die sich aus Maras Zopf gelöst hatte.
„Zu schön für uns? Zu sauber? Zu besonders?“
Mara sagte nichts.
„Vielleicht müssen wir das ändern.“
Jemand aus der Reihe rief: „Rasieren!“
Dann noch einer.
Dann mehrere.
Gruppenscham verwandelte sich in Gruppengier.
Kranz grinste.
„Gute Idee.“
Sophie rief: „Das dürfen Sie nicht!“
Kranz drehte sich langsam zu ihr.
„Mertens, noch ein Wort, und Sie sitzen daneben.“
Sophie verstummte.
Und hasste sich dafür.
Der Stuhl wurde geholt.
Die Maschine wurde geholt.
Mara setzte sich, bevor sie gezwungen werden konnte.
Dieses freiwillige Sitzen nahm Kranz einen Teil seiner Freude.
Also befahl er den Feldjägern, sie festzuhalten.
So begann die Szene, die später niemand mehr vergessen würde.
Die Maschine zog ihre Bahnen.
Die Haare fielen.
Der Regen kam plötzlich, wie er in Deutschland oft kommt: ohne Drama, aber unerbittlich. Erst einzelne Tropfen, dann ein kalter Vorhang.
Maras Kopfhaut glänzte im grauen Licht.
Kranz trug eine Regenjacke.
Vogt ebenfalls.
Mara blieb im dünnen Feldhemd sitzen.
Wasser lief ihr über Gesicht und Nacken.
Es sah aus wie Tränen.
Aber es waren keine.
„Seht sie euch an!“, rief Kranz. „Keine Akte, kein Rang, keine Würde.“
Mara hob zum ersten Mal den Kopf.
Ihre Haare lagen in Klumpen um den Stuhl.
„Würde“, sagte sie leise, „kann man nicht abrasieren.“
Kranz lachte.
„Du gibst hier keine Lebensweisheiten, Glatze.“
Sie sah ihn weiter an.
„Noch nicht.“
Das hätte ihm auffallen müssen.
Aber Menschen, die sich überlegen fühlen, hören selten genau hin.
Am Abend rollte ein schwarzer Dienstwagen auf den Hof.
Kein Blaulicht.
Kein großes Getöse.
Nur Reifen auf Kies.
General Konrad Seidel stieg aus.
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