Hundert Menschen blockierten völlig lautlos einen gesamten Bahnhof, aber der sture Zugführer weigerte sich hartnäckig abzufahren, bis er endlich sah, wer in dem kleinen, umgebauten Bollerwagen lag.
„Die Vorschriften sind eindeutig“, sagte Manfred. „Mit diesem Wagen kommen Sie nicht in den Zug.“
Der Zugführer stand vor der geöffneten Tür des Regionalzugs und hatte die Arme fest vor der Brust verschränkt. Seine Uniform war ordentlich, die Schuhe glänzten, und sein Gesicht zeigte keine Spur von Zweifel.
Vor ihm stand Leon.
Beide Hände lagen um den Griff eines roten Bollerwagens. Leon hielt ihn so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
„Bitte“, sagte er leise. „Es geht nur um diese eine Fahrt. Danach werden Sie uns nie wieder sehen.“
Manfred schüttelte den Kopf.
„Der Wagen gilt als Sperrgepäck. Dafür ist während des Berufsverkehrs kein Platz. Außerdem braucht ein Hund dieser Größe einen Maulkorb.“
Leon sah hinunter.
Im Bollerwagen lag Titou, ein alter Deutscher Schäferhund. Die Seiten des Wagens waren mit Decken ausgepolstert worden. Unter Titous Kopf lag ein gefaltetes Handtuch. Sein Fell war stumpf geworden, und seine Hinterbeine bewegten sich kaum noch.
Jeder Atemzug fiel ihm schwer.
„Ein Maulkorb geht nicht“, erklärte Leon. „Er bekommt kaum noch Luft.“
„Dann kann ich ihn nicht mitnehmen.“
„Er ist nicht gefährlich.“
„Das behauptet jeder Hundebesitzer.“
Leon schluckte.
„Titou hat noch nie einen Menschen angegriffen.“
„Darum geht es nicht.“
Manfred deutete auf das Schild neben der Zugtür.
„Regeln gelten nicht nur dann, wenn sie bequem sind.“
Hinter Leon drängten sich die ersten Fahrgäste vorbei. Einige stiegen in den Zug, andere blieben stehen, weil der Bollerwagen einen Teil des Einstiegs versperrte.
Eine Frau mit Aktentasche schaute auf ihre Uhr.
Ein Mann im Anzug seufzte hörbar.
„Können Sie das nicht irgendwo anders klären?“, fragte er. „Wir müssen zur Arbeit.“
Leon zog den Wagen ein Stück zur Seite.
„Entschuldigung.“
Manfred nahm sein Funkgerät vom Gürtel.
„Sie müssen den Bahnsteig verlassen. Wenn Sie sich weigern, hole ich den Sicherheitsdienst.“
Leon hörte die Worte, aber er reagierte nicht mehr darauf.
Er ging langsam in die Knie und legte eine Hand auf Titous Kopf.
Der Hund öffnete die Augen. Früher waren sie klar und aufmerksam gewesen. Jetzt wirkten sie müde. Trotzdem erkannte er Leon sofort.
Titou hob die Schnauze ein paar Zentimeter an und leckte über seine Finger.
Leon presste die Lippen zusammen.
Der Tierarzt hatte am Abend zuvor nicht lange um den heißen Brei herumgeredet.
Titou hatte einen großen Tumor. Die Krankheit hatte sich ausgebreitet. Eine weitere Behandlung würde ihm nicht helfen, sondern sein Leiden nur verlängern.
„Vielleicht hat er noch einen Tag“, hatte der Tierarzt gesagt. „Vielleicht nur einige Stunden.“
Leon hatte die ganze Nacht neben Titou auf dem Wohnzimmerboden gelegen.
Er hatte ihm Wasser angeboten, ihn zugedeckt und immer wieder über seinen Kopf gestrichen. Dabei hatte er an die vielen gemeinsamen Jahre gedacht.
Titou war als junger Rettungshund zu Leon gekommen.
Damals hatte Leon gerade seine Ausbildung bei einer kleinen Bergrettungsgruppe abgeschlossen. Titou war kräftig, aufmerksam und ausgesprochen eigensinnig gewesen.
Wenn er eine Spur aufgenommen hatte, ließ er sich kaum davon abbringen.
Am Anfang hatte Leon das für eine schlechte Eigenschaft gehalten.
Später verstand er, dass genau dieser Dickkopf Menschenleben rettete.
Titou suchte weiter, wenn andere Hunde erschöpft waren.
Er kroch in schmale Hohlräume, in die kein Mensch hineinpasste.
Er blieb bei Verletzten, bis Hilfe eintraf.
Und er wich Leon nie von der Seite.
Bei einem seiner ersten Einsätze hatte Titou einen Wanderer entdeckt, der nach einem Sturz nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen konnte. Der Mann lag abseits eines Weges, und mehrere Suchtrupps waren zuvor an ihm vorbeigelaufen.
Titou blieb plötzlich stehen.
Er zog an der Leine, bellte und führte Leon direkt zu dem Verletzten.
Später hieß es, der Mann hätte eine weitere Nacht dort vermutlich nicht überstanden.
Von da an vertraute Leon seinem Hund vollständig.
Titou wurde in der Region bekannt.
Die Menschen erkannten ihn bei Veranstaltungen, in Gaststätten und auf Dorffesten. Kinder fragten, ob sie ihn streicheln dürften. Ältere Leute brachten ihm kleine Leckerlis mit.
Doch Titou selbst schien das alles nicht wichtig zu finden.
Für ihn gab es nur die Arbeit und Leon.
Nach jedem Einsatz legte er sich zu Leons Füßen, als wäre nichts Besonderes passiert.
Vor sechs Jahren hatte Titou ein achtjähriges Mädchen gefunden, das sich bei einem Familienausflug verirrt hatte.
Die Suche dauerte viele Stunden.
Mehrere Helfer glaubten irgendwann, das Kind müsse sich in eine ganz andere Richtung bewegt haben. Sie wollten den Suchbereich verlegen.
Titou wollte nicht mitgehen.
Er blieb an einem schmalen Pfad stehen, zog Leon zurück und verschwand schließlich zwischen dicht stehenden Bäumen.
Dort fand er das Mädchen.
Es saß in einer Mulde, völlig erschöpft und kaum noch ansprechbar.
Titou legte sich neben sie und blieb so lange ruhig liegen, bis Leon und die anderen Helfer eintrafen.
Das Mädchen überlebte.
Leon hatte Titou damals versprochen, dass er ihn eines Tages noch einmal zu diesem Berg bringen würde. Nicht für einen Einsatz. Nicht zum Training.
Einfach nur so.
Doch die Jahre vergingen.
Es gab immer etwas zu tun.
Dann wurde Titou langsamer.
Zuerst schaffte er die langen Strecken nicht mehr. Später fiel ihm das Treppensteigen schwer. Schließlich konnte er nur noch wenige Schritte gehen.
Leon hatte sein Versprechen immer wieder verschoben.
Nun blieb ihm keine Zeit mehr.
Der letzte Zug, mit dem sie den Anschluss zur Bergstation erreichen konnten, stand vor ihnen.
Ohne diesen Zug würde Titou seinen Berg nicht mehr sehen.
Leon beugte sich über den Hund.
„Es tut mir leid“, flüsterte er. „Ich habe es versucht.“
Titou atmete langsam weiter.
Das Warnsignal des Zuges ertönte.
Manfred hob das Funkgerät.
„Letzte Aufforderung“, sagte er. „Nehmen Sie den Wagen aus dem Einstiegsbereich.“
In diesem Augenblick öffneten sich die Türen zur Bahnhofshalle.
Zuerst kamen drei Männer in Arbeitsjacken auf den Bahnsteig. Hinter ihnen folgten zwei Frauen in Pflegekleidung.
Dann erschienen weitere Menschen.
Zehn.
Zwanzig.
Fünfzig.
Immer mehr kamen durch die Halle und stellten sich auf dem Bahnsteig auf.
Einige trugen Jacken der örtlichen Rettungsgruppen. Andere kamen direkt von der Arbeit. Manche waren älter, manche noch sehr jung.
Sie riefen nichts.
Sie hielten keine Schilder hoch.
Sie liefen auch nicht auf Manfred zu.
Stattdessen stellten sie sich schweigend nebeneinander.
Innerhalb weniger Minuten bildeten weit über hundert Menschen eine lange Gasse vom Halleneingang bis zum hinteren Teil des Zuges.
Die wartenden Fahrgäste wurden still.
Manfred ließ das Funkgerät ein Stück sinken.
„Was soll das werden?“, fragte er.
Leon blickte überrascht in die Menge.
Er erkannte einige Gesichter.
Am frühen Morgen hatte er einen kurzen Beitrag in einer örtlichen Internetgruppe veröffentlicht. Er hatte ein Foto von Titou gezeigt und erklärt, dass er seinen Hund ein letztes Mal auf den Berg bringen wollte.
Leon hatte gehofft, dass vielleicht jemand mit einem Auto helfen könnte.
Doch niemand hatte ein geeignetes Fahrzeug gehabt. Die Zufahrt zum oberen Bereich war für private Autos gesperrt, und der Zug war die einzige Möglichkeit.
Leon hatte nicht darum gebeten, zum Bahnhof zu kommen.
Trotzdem waren sie gekommen.
Ein älterer Mann nahm seine Mütze ab.
Eine junge Frau hielt sich die Hand vor den Mund.
Ein Vater hatte seinen Sohn auf den Arm genommen. Der Junge sah schweigend zu Titou hinüber.
Manfred schaute von einem Gesicht zum nächsten.
„Sie können hier nicht einfach den Betrieb behindern“, sagte er.
Niemand antwortete.
Die Menschen standen nicht auf den Gleisen. Sie blockierten keine Türen und keine Fluchtwege.
Sie standen nur da.
Still.
Wartend.
Das einzige deutlich hörbare Geräusch kam aus dem Bollerwagen.
Titous angestrengtes Atmen.
Schließlich trat eine Frau aus der Menge.
Sie war ungefähr Mitte fünfzig und hielt ein altes Foto in der Hand.
„Mein Name ist Sabine“, sagte sie zu Manfred. „Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“
Manfred sah auf das Bild, nahm es aber nicht entgegen.
„Ich muss den Zug abfertigen.“
„Es dauert nur eine Minute.“
„Die Vorschriften ändern sich dadurch nicht.“
„Vielleicht nicht“, sagte Sabine. „Aber vielleicht verstehen Sie danach, warum diese Menschen hier sind.“
Sie hielt das Foto hoch.
Darauf war eine jüngere Sabine auf einer Rettungstrage zu sehen. Ihre Kleidung war zerrissen, ihr Gesicht verschmutzt. Neben der Trage saß ein großer Schäferhund.
Titou.
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