Ein Junge ohne Zuhause, ein verletzter Hund und das Versprechen, niemanden zurückzulassen

Als mein neunjähriger Sohn den abgemagerten Hund umklammerte, stellte er mir eine Frage, nach der ich ihn nie wieder belügen konnte.

„Er hat doch auch kein Zuhause, Mama.“

Emil saß auf dem Boden und hielt beide Arme um Mangos dünnen Hals. Der Hund drückte sich an ihn, als hätte er verstanden, was gleich passieren sollte.

Ich stand daneben und hielt eine selbst gemachte Leine in der Hand. Eine alte Stoffschlaufe, die ich aus einem kaputten Rucksack geschnitten hatte.

Vor uns lag der Eingang einer Stelle, die herrenlose Tiere aufnahm.

Ich hatte Emil auf dem Weg dorthin erzählt, Mango würde es dort besser haben. Er bekäme ein warmes Körbchen, genug Futter und Menschen, die sich um sein verletztes Bein kümmerten.

Das war nicht einmal gelogen.

Nur hatte ich ihm nicht gesagt, dass wir wahrscheinlich ohne Mango wieder gehen würden.

„Wir können ihn nicht behalten“, sagte ich leise. „Du weißt doch, dass Hunde in vielen Notunterkünften nicht erlaubt sind.“

Emil sah nicht zu mir hoch.

„Dann schlafen wir eben wieder draußen.“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil du ein Kind bist.“

Nun hob er den Kopf. Seine Augen waren rot, aber er weinte nicht. Emil weinte selten vor anderen Menschen. Seit wir unsere Wohnung verloren hatten, versuchte er ständig, sich kleiner zu machen.

Leiser.

Pflegeleichter.

Als müsste er beweisen, dass er keine zusätzliche Belastung war.

„Mango ist auch noch jung“, sagte er. „Und er hat Angst.“

„Ich weiß.“

„Du hast gesagt, man lässt niemanden allein, nur weil er Angst hat.“

Ich schluckte.

„Manchmal muss man trotzdem eine vernünftige Entscheidung treffen.“

Emil drückte sein Gesicht in Mangos schmutziges Fell.

Dann sagte er den Satz, der bis heute in meinem Kopf steckt.

„Wenn wir ihn weggeben, weil er kein Zuhause hat, geben die Leute mich dann auch irgendwann weg, weil ich keins habe?“

In meiner Jackentasche vibrierte mein altes Handy. Auf dem Bildschirm stand der Kontostand meines Girokontos.

38,17 Euro.

Das war alles, was ich besaß.

Kein Sparbuch. Keine Kreditkarte. Keine Familie, bei der wir für ein paar Wochen hätten unterkommen können.

Nur 38,17 Euro, zwei Taschen mit Kleidung, ein Kind und ein kranker Hund.

Jeder vernünftige Mensch hätte mir gesagt, ich solle durch diese Tür gehen.

Ich tat es nicht.

Ich kniete mich neben Emil, löste die Stoffleine und legte meine Hand auf Mangos Kopf.

„Ich weiß nicht, wie wir das schaffen sollen“, sagte ich. „Aber wir gehen heute nicht ohne ihn zurück.“

Emil sah mich lange an.

Dann nickte er nur.

So begann der schwierigste Teil unseres Lebens.

Und vielleicht auch der wichtigste.

Drei Monate vorher hatte ich noch geglaubt, Menschen würden ihre Wohnung nur verlieren, wenn sie gar nichts mehr im Griff hatten.

Ich arbeitete in der Küche eines Pflegeheims am Rand von Dortmund. Kein besonderer Beruf, aber ich mochte die Arbeit. Ich kam früh, schnitt Gemüse, stellte Tabletts zusammen und wusste am Ende des Tages, was ich geschafft hatte.

Dann wurden meine Stunden gekürzt.

Erst waren es vier Stunden weniger pro Woche. Danach acht. Schließlich bekam ich nur noch einzelne Schichten.

Unsere Miete blieb natürlich gleich.

Ich versuchte, nebenbei etwas anderes zu finden. Reinigung, Küche, Verkauf, Lager. Ich schrieb Bewerbungen auf meinem Handy, weil mein alter Laptop nicht mehr anging.

Gleichzeitig wurde unser Zuhause immer schwieriger.

Ich möchte darüber nicht viele Einzelheiten erzählen.

Nur so viel: Es gab keine Ruhe mehr. Jede kleine Entscheidung wurde kontrolliert. Jede Ausgabe wurde kommentiert. Emil hörte zu viele laute Stimmen und lernte, an der Art, wie eine Tür geschlossen wurde, zu erkennen, ob er besser in seinem Zimmer bleiben sollte.

Eines Abends saß er auf seinem Bett und fragte:

„Mama, müssen wir hier für immer vorsichtig sein?“

Am nächsten Morgen packte ich zwei Taschen.

Ich redete mir ein, wir würden nur für kurze Zeit weggehen.

Zwei Wochen vielleicht.

Drei höchstens.

Ich hatte noch etwas Geld. Ich kannte die Adressen von Beratungsstellen. Ich dachte, irgendwo würde es eine kleine Wohnung für uns geben.

Doch kleine, bezahlbare Wohnungen waren nicht einfach zu bekommen.

Bei einer Besichtigung standen mehr als dreißig Menschen vor dem Haus. Manche hatten feste Arbeitsverträge, manche konnten eine Bürgschaft vorlegen. Ich hatte nur ein paar Lohnabrechnungen mit immer kleineren Zahlen darauf.

Wir bekamen die Wohnung nicht.

Auch die nächste nicht.

Und die danach ebenfalls nicht.

Wir schliefen zunächst in einem kleinen Gästezimmer, das nur für wenige Nächte vergeben wurde. Danach kamen wir in einer Notunterkunft unter. Dort mussten wir morgens unsere Sachen mitnehmen und durften erst abends wiederkommen.

Also verbrachten wir die Tage draußen.

Emil ging weiter zur Schule.

Jeden Morgen stand ich mit ihm in einer öffentlichen Toilette vor dem Spiegel. Ich machte seine Haare nass, strich sie glatt und achtete darauf, dass seine Kleidung sauber aussah.

„Keiner muss wissen, wo wir schlafen“, sagte ich einmal.

Emil sah mich im Spiegel an.

„Ist das etwas Schlimmes?“

„Nein.“

„Warum darf es dann keiner wissen?“

Ich hatte keine gute Antwort.

Also sagte ich:

„Weil manche Menschen über Dinge urteilen, die sie nicht verstehen.“

Von da an fragte er nicht mehr.

Nach der Schule trafen wir uns an einem alten Bahndamm. Unter einer breiten Brücke gab es eine trockene Ecke mit einer Betonmauer im Rücken. Dort konnte Emil seine Hausaufgaben machen, während ich telefonierte und nach Arbeit oder einem Zimmer suchte.

Ich nannte diesen Platz manchmal scherzhaft unser Wohnzimmer.

Emil lachte nie darüber.

Er setzte sich auf seine zusammengelegte Jacke, holte sein Heft heraus und arbeitete.

Seine Schuhe behielt er immer an.

Auch nachts stellte er sie direkt neben seine Füße.

Er wollte jederzeit bereit sein, falls wir wieder weiterziehen mussten.

An einem Nachmittag hörte Emil ein Geräusch hinter ein paar alten Holzplatten.

Es war kein Bellen.

Eher ein leises Kratzen, gefolgt von einem schweren Atemzug.

„Mama, da ist etwas.“

„Fass nichts an.“

Er blieb stehen, während ich vorsichtig eine der Platten zur Seite schob.

Dahinter lag ein Hund.

Er war hellbraun, fast orange, mit einer weißen Stelle auf der Brust. Sein Körper war so dünn, dass man die Rippen deutlich sehen konnte. An einem Vorderbein klebte getrockneter Schmutz. Auf seiner Schnauze war eine schmale, ältere Narbe.

Als er mich bemerkte, versuchte er aufzustehen.

Er schaffte es nicht.

„Nicht näher“, sagte ich zu Emil.

Aber Emil ging nicht auf den Hund zu.

Er setzte sich einige Schritte entfernt auf den Boden, holte sein altes Lesebuch aus dem Ranzen und schlug es auf.

Dann begann er vorzulesen.

Langsam.

Mit vielen Pausen.

Emil hatte früher gern gelesen. Seit wir ohne feste Wohnung waren, stockte er oft. Sobald er einen Fehler machte, verstummte er.

An diesem Tag las er weiter.

Vielleicht weil der Hund ihn nicht korrigierte.

Vielleicht weil er selbst jemanden beruhigen wollte.

Nach einigen Minuten hob der Hund den Kopf. Er schob sich Stück für Stück nach vorn, bis seine Nase Emils Schuh berührte.

Emil las weiter.

Der Hund legte den Kopf auf seinen Fuß.

„Er mag mich“, flüsterte Emil.

„Er ist wahrscheinlich nur erschöpft.“

„Trotzdem mag er mich.“

Im Ranzen hatte Emil eine kleine Packung Mangosaft. Das war der Grund, warum er den Hund Mango nannte.

Er wollte ihm sofort etwas davon geben, doch ich nahm die Packung aus seiner Hand.

„Hunde trinken keinen Saft.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich erwachsen bin.“

„Du weißt auch nicht alles.“

Das stimmte.

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