Obwohl Fiete blind und taub war, fand er das weinende Mädchen jedes Mal

Unser alter Hund war blind und taub. Trotzdem fand er meine Tochter jedes Mal, wenn sie weinte – selbst durch eine geschlossene Tür.

Ich heiße Maren, bin 38 Jahre alt und lebe mit meiner Tochter Leni in einer kleinen Erdgeschosswohnung am Rand von Kassel.

Und dann war da noch Fiete.

Fiete war ein Golden Retriever, fünfzehn Jahre alt, schwerhörig war er schon lange nicht mehr. Er hörte gar nichts mehr. Seit einigen Monaten war er außerdem vollständig blind.

Sein Fell, das früher kräftig goldfarben gewesen war, wirkte inzwischen fast weiß. Um seine Schnauze herum war es besonders hell geworden. Seine Hinterbeine zitterten, wenn er länger stand. Manchmal brauchte er drei Anläufe, um von seinem Kissen hochzukommen.

Trotzdem geschah etwas, das ich mir lange nicht erklären konnte.

Jedes Mal, wenn Leni weinte, stand Fiete auf.

Es spielte keine Rolle, ob sie im Wohnzimmer saß, in ihrem Zimmer lag oder im Flur auf dem Boden hockte. Es spielte auch keine Rolle, ob Fiete schlief.

Er hob den Kopf.

Dann stellte er langsam die Vorderpfoten auf den Boden, stemmte den alten Körper hoch und lief los.

Er konnte sie nicht sehen.

Er konnte sie nicht hören.

Aber er fand sie.

Jedes einzelne Mal.

Leni war damals zwei Jahre und acht Monate alt. Sie war ein ruhiges Kind, aber wenn sie müde war oder etwas nicht schaffte, konnte sie sich in einen richtigen Kummer hineinsteigern.

Sie weinte, wenn ein Holzbaustein nicht auf den anderen passte.

Sie weinte, wenn sie ihren linken Schuh nicht allein anziehen konnte.

Sie weinte, wenn ihr Becher umkippte.

Und jedes Mal machte Fiete sich auf den Weg.

Langsam.

Unsicher.

Mit dem Kopf etwas gesenkt, wie alte blinde Hunde ihn oft halten.

Er stieß gegen den kleinen Tisch im Flur. Er streifte mit der Schulter den Wäschekorb. Manchmal blieb seine Pfote am Rand des Teppichs hängen.

Doch er drehte nicht um.

Er ging weiter, bis er bei Leni war.

Dann legte er sich neben sie.

Nicht vor sie. Nicht irgendwo in ihre Nähe.

Immer direkt an ihre Seite, sodass sein Rücken ihr Bein oder ihre Hüfte berührte.

Und Leni hörte auf zu weinen.

Sie griff in das lange Fell an seinem Hals und sagte leise:

„Fie.“

So nannte sie ihn, seit sie sprechen konnte.

Fiete blieb liegen, bis ihr Atem wieder ruhig wurde.

Danach schlief er meistens sofort ein.

Als wäre es das Normalste auf der Welt.

Als wäre er nicht blind.

Als wäre er nicht taub.

Als wäre sein Körper nicht alt und müde.

Beim ersten Mal hielt ich es für Zufall.

Ich stand in der Küche und räumte das Geschirr weg. Leni saß im Wohnzimmer auf ihrem kleinen Stuhl und versuchte, Holzringe auf einen Stab zu stecken.

Einer der Ringe rollte unter den Schrank.

Leni beugte sich hinunter, kam aber nicht heran. Erst schimpfte sie leise. Dann begann sie zu weinen.

Ich trocknete meine Hände ab und wollte zu ihr gehen.

Da sah ich Fiete.

Er lag in seiner Ecke auf seinem grauen Kissen. Sein Kopf ruhte zwischen den Vorderpfoten. Ich war sicher gewesen, dass er tief schlief.

Plötzlich zuckte eine seiner Pfoten.

Dann hob er den Kopf.

Er stand auf.

Es dauerte lange. Seine Hinterbeine rutschten kurz weg, bevor er Halt fand.

Er lief los, stieß gegen die Stehlampe und blieb stehen.

Für einen Moment dachte ich, er würde sich wieder hinlegen.

Doch er drehte den Kopf zur Seite, machte einen Schritt nach links und ging weiter.

Er stieß mit der Schnauze gegen den Couchtisch.

Wieder blieb er stehen.

Dann ging er darum herum.

Ganz langsam bewegte er sich auf Leni zu.

Ich stand in der Küchentür und vergaß, was ich eigentlich hatte tun wollen.

Fiete lief an ihrem Spielzeugkorb vorbei. Er blieb kurz stehen, setzte eine Pfote vor die andere und ging dann genau bis zu ihrem kleinen Stuhl.

Dort ließ er sich vorsichtig auf den Boden sinken.

Sein Rücken lag an Lenis Bein.

Sie verstummte.

Ihre Hand verschwand in seinem Fell.

Dann streckte sie sich nach dem Ring aus, den ich inzwischen unter dem Schrank hervorgeholt hatte, und spielte weiter.

Ich erzählte mir, dass Fiete den Raum kannte.

Natürlich kannte er den Weg vom Kissen bis zu Lenis Stuhl. Vielleicht hatte er gerochen, wo sie saß. Vielleicht hatte er meine Schritte bemerkt.

Ich suchte nach Erklärungen, weil die andere Möglichkeit zu unwirklich erschien.

Doch es geschah wieder.

Zwei Tage später stolperte Leni im Flur über ihre eigenen Hausschuhe. Sie fiel auf die Knie und begann zu weinen.

Fiete lag im Schlafzimmer.

Zwischen ihm und Leni lagen der schmale Flur, zwei Türrahmen und der Teppich vor meinem Bett.

Trotzdem kam er.

Er stieß an die Schlafzimmertür, korrigierte seine Richtung und lief an der Wand entlang.

Dann fand er Leni.

Eine Woche später wachte sie in der Nacht auf. Ich hörte sie durch das Babyfon und wollte gerade aufstehen, als Fiete bereits neben meinem Bett stand.

Er konnte Lenis Stimme nicht hören.

Er konnte auch das Babyfon nicht hören.

Trotzdem war er wach.

Seine Pfoten standen fest auf dem Boden.

Er ging zur Tür und wartete dort, bis ich ihm folgte.

In Lenis Zimmer legte er sich vor ihr Bett.

Sie streckte ihre Hand zwischen den Stäben hindurch und berührte seinen Kopf.

Er blieb bis zum Morgen dort liegen.

Von da an begann ich genauer hinzusehen.

Ich arbeitete damals halbtags in der Betreuung älterer Menschen. Viele der Menschen, um die ich mich kümmerte, konnten ihren Alltag nicht mehr allein bewältigen.

Sie brauchten Hilfe beim Anziehen, beim Essen oder dabei, vom Bett zum Stuhl zu kommen.

Oft hörte ich Sätze wie: „Früher konnte ich das selbst.“

Dieser Satz blieb mir immer im Kopf.

Manchmal sagten sie ihn entschuldigend.

Als müssten sie sich dafür schämen, dass ihr Körper langsamer geworden war.

Zu Hause kümmerte ich mich um ein kleines Kind und einen sehr alten Hund.

Morgens stand ich früh auf, machte Lenis Frühstück, zog sie an, packte ihre Tasche und weichte Fietes Futter ein.

Er konnte harte Stücke nicht mehr gut kauen.

Zusätzlich bekam er Tabletten. Die Zeiten hatte ich auf einen Zettel geschrieben, der an unserem Kühlschrank hing.

Manchmal musste ich Fiete morgens sauber machen, weil er es nachts nicht rechtzeitig bis zur Tür geschafft hatte.

Dann wollte Leni gleichzeitig auf meinen Arm.

An manchen Tagen war ich schon erschöpft, bevor ich überhaupt aus dem Haus ging.

Ich liebte beide.

Aber Liebe schützt einen nicht davor, müde zu sein.

Einmal stieß Fiete seinen Wassernapf um, während Leni schreiend auf dem Küchenboden saß, weil ich ihr keinen zweiten Keks geben wollte.

Das Wasser lief unter den Schrank.

Ich hatte meine Jacke noch an, die Einkaufstasche stand im Flur und mein Telefon klingelte auf dem Tisch.

Da verlor ich die Geduld.

„Ich kann mich nicht gleichzeitig um euch beide kümmern!“, rief ich.

Leni wurde still.

Fiete stand mitten in der Pfütze.

Er konnte mich nicht hören. Trotzdem sah er verloren aus.

Sein Kopf war gesenkt. Seine Vorderpfoten rutschten leicht auf dem nassen Boden.

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