Ich kniete mich sofort hin und legte die Arme um seinen Hals.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
Natürlich hörte er auch das nicht.
Leni kam zu uns und legte ihre Hand auf seinen Rücken.
Wir saßen zu dritt auf dem Küchenboden, mitten im verschütteten Wasser.
In diesem Moment schämte ich mich.
Nicht dafür, dass ich müde war.
Sondern dafür, dass ich begonnen hatte, Fiete als eine weitere Aufgabe zu sehen.
Dabei war er nie nur eine Aufgabe gewesen.
Ich hatte Fiete bekommen, als ich 23 Jahre alt war.
Damals lebte ich erst seit wenigen Monaten in Kassel. Ich kannte kaum jemanden und wohnte in einer Einzimmerwohnung mit einer Küche, in der man die Schranktüren nicht öffnen konnte, wenn jemand am Tisch saß.
Fiete war vier Monate alt.
Viel zu große Pfoten, weiches Fell und ein Blick, der ständig fragte, ob er alles richtig machte.
In den ersten Wochen lief er mir überallhin hinterher.
Wenn ich duschte, lag er vor der Badezimmertür.
Wenn ich kochte, saß er zwischen Kühlschrank und Herd.
Wenn ich abends auf dem Sofa einschlief, blieb er auf dem Teppich liegen, bis ich wieder aufwachte.
Später zog ich in eine größere Wohnung.
Fiete kam mit.
Ich wechselte die Arbeitsstelle.
Fiete wartete jeden Abend an der Tür.
Als ich erfuhr, dass ich ein Kind bekommen würde, saß er neben mir auf dem Küchenboden. Ich hatte geweint, weil ich Angst hatte.
Fiete legte seinen Kopf auf mein Knie.
Er tat das immer, wenn ich nicht wusste, wie es weiterging.
Als Leni geboren wurde, war Fiete schon zwölf.
Am ersten Tag zu Hause stellte ich die Babyschale im Flur ab. Fiete kam langsam heran, roch an Lenis Socke und setzte sich hin.
Er wedelte zweimal mit dem Schwanz.
Dann ging er auf sein Kissen.
In der ersten Woche schob er dieses Kissen jeden Abend ein kleines Stück weiter.
Zuerst lag es in seiner Ecke.
Dann lag es näher an Lenis Bettchen.
Nach einigen Tagen lag es genau zwischen ihrem Bett und der Wohnungstür.
Ich hatte darüber gelacht.
Ich dachte, er wolle einfach in unserer Nähe sein.
Heute glaube ich, dass er schon damals entschieden hatte, wo sein Platz war.
Zwischen ihr und allem, was kommen könnte.
Als Fiete sein Augenlicht verlor, ging es schnell.
Innerhalb weniger Tage stieß er gegen Wände, fand seinen Napf nicht mehr und blieb mitten im Zimmer stehen.
Ich stellte die Möbel nicht mehr um.
Ich legte Teppiche an wichtige Stellen, damit er mit den Pfoten erkennen konnte, wo er war.
Vor seinem Wassernapf lag eine kleine Matte.
Vor der Tür zu meinem Schlafzimmer eine andere.
Fiete lernte die Wohnung neu.
Aber er wurde unsicher.
Manchmal stand er im Flur und wusste nicht, in welche Richtung er gehen sollte.
Dann kniete ich mich hin und klopfte auf den Boden.
Er konnte das Geräusch nicht hören.
Doch wenn ich stark genug klopfte, bewegte sich der Boden leicht.
Fiete drehte sich in meine Richtung.
Damals dachte ich noch nicht weiter darüber nach.
Eines Nachmittags saß Leni auf dem Teppich im Wohnzimmer und weinte, weil sie müde war.
Fiete stand auf seinem Kissen.
Er ging zwei Schritte und blieb dann stehen.
Seine Vorderpfoten standen auf dem Holzboden. Seine Hinterpfoten waren noch auf dem Kissen.
Er wartete.
Dann setzte er eine Pfote weiter nach vorn.
Wieder wartete er.
Es sah aus, als würde er lauschen.
Nur nicht mit seinen Ohren.
Mit dem ganzen Körper.
Ich kniete mich auf den Boden und legte meine Handfläche auf die Dielen.
Leni schluchzte.
Unter meiner Hand spürte ich etwas.
Ganz leicht.
Ein regelmäßiges Zittern.
Ihr kleiner Körper bewegte sich beim Weinen. Ihre Füße schoben über den Boden. Ihre Hände schlugen manchmal auf den Teppich.
Die Bewegung übertrug sich auf die Dielen.
Fiete machte einen Schritt.
Dann noch einen.
Immer wieder blieb er stehen, als müsste er prüfen, aus welcher Richtung die Bewegung kam.
So fand er Leni.
Nicht, weil er sie hörte.
Nicht, weil er sie sah.
Er fühlte sie durch seine Pfoten.
Von diesem Tag an beobachtete ich ihn noch genauer.
Wenn Leni durch die Wohnung rannte, blieb Fiete meistens liegen.
Wenn sie mit Bauklötzen spielte, reagierte er kaum.
Doch wenn sie weinte, änderte sich der Rhythmus.
Ihr ganzer kleiner Körper bewegte sich anders.
Fiete kannte diesen Rhythmus.
Vielleicht hatte er ihn schon gekannt, als sie ein Baby war.
Vielleicht hatte er ihn über Jahre gelernt.
Und vielleicht war es für ihn genauso deutlich wie früher ihre Stimme.
Diese Erkenntnis hätte mich nur glücklich machen sollen.
Aber sie machte mir auch Angst.
Denn Fiete wurde schwächer.
Es gab Tage, an denen er kaum fraß.
Manchmal musste ich ihm beim Aufstehen helfen, indem ich eine Hand unter seinen Bauch schob.
Seine Beine zitterten immer stärker.
Ich begann mich zu fragen, ob er noch ein gutes Leben hatte.
Diese Frage ließ mich nachts nicht schlafen.
Ich wollte nicht, dass er litt.
Aber ich hatte auch Angst, dass ich eine Entscheidung treffen könnte, weil ich selbst müde war.
Ich fragte mich, ob ich ihn noch bei mir haben wollte, weil er es wollte oder weil ich den Abschied nicht aushielt.
Und manchmal kam ein noch schlimmerer Gedanke.
Was, wenn ich begann, seinen Wert daran zu messen, was er noch konnte?
Früher war er lange Strecken mit mir gelaufen.
Er hatte Bälle zurückgebracht.
Er hatte an der Tür gewartet.
Jetzt konnte er kaum bis zur Küche gehen.
War er deshalb weniger?
In meinem Beruf sah ich jeden Tag, wie schwer es Menschen fiel, Hilfe anzunehmen.
Viele entschuldigten sich dafür, dass sie Zeit brauchten.
Sie entschuldigten sich, weil sie langsam gingen.
Sie entschuldigten sich, weil jemand ihnen die Schuhe zubinden musste.
Als wäre Selbstständigkeit der einzige Beweis dafür, dass ein Leben wertvoll war.
Ich wollte Fiete niemals so ansehen.
Trotzdem merkte ich, wie ich an schweren Tagen rechnete.
Wie viel Zeit seine Pflege brauchte.
Wie oft ich den Boden reinigen musste.
Wie viele Nächte ich wegen ihm aufstand.
Dieser Gedanke tat mir weh.
Nicht weil er völlig falsch war.
Sondern weil er menschlich war.
Dann begann Leni, etwas Neues zu tun.
Jedes Mal, wenn Fiete zu ihr kam, legte sie zuerst ihre Hand auf seinen Kopf.
Danach beugte sie sich vor und drückte ihre Wange gegen seine.
„Ich bin da, Fie“, sagte sie.
Immer dieselben Worte.
„Ich bin da.“
Anfangs dachte ich, sie kuschelte einfach mit ihm.
Doch eines Tages stand Fiete verloren im Flur.
Er war aus seinem Körbchen aufgestanden, hatte die Orientierung verloren und drehte den Kopf langsam von einer Seite zur anderen.
„Fiete“, rief ich.
Er reagierte nicht.
Natürlich nicht.
Ich ging auf ihn zu.
Doch Leni war schneller.
Sie setzte sich am anderen Ende des Flurs auf den Boden.
Sie rief ihn nicht.
Stattdessen schlug sie mit beiden Händen vorsichtig auf die Dielen.
Einmal.
Noch einmal.
Dann wieder.
Fiete hob den Kopf.
Leni klopfte weiter.
Seine Vorderpfote bewegte sich.
Er ging einen Schritt in ihre Richtung.
Sie klopfte erneut.
So führte sie ihn durch den ganzen Flur.
Als er bei ihr ankam, legte sie ihre Arme um seinen Hals und drückte ihre Wange an sein Gesicht.
„Da bist du“, sagte sie.
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