Zwölf Jahre lang konnte Konrad Faber seinen rechten Arm kaum noch heben. Dann kam ein alter Schäferhund in sein Zimmer und Konrad salutierte.
Zwei Stunden später war er tot.
Was ich danach unter seinem Kopfkissen fand, erklärte mir, warum dieser Hund für ihn kein gewöhnlicher Besucher gewesen war.
Mein Name ist Miriam Köhler. Ich bin einundvierzig und arbeite seit dreizehn Jahren in einem Hospiz in der Nähe von Hannover.
In dieser Zeit habe ich viele Menschen sterben sehen.
Man gewöhnt sich nicht daran. Aber man lernt, damit umzugehen.
Man lernt, wann man reden sollte und wann nicht. Wann jemand wirklich Schmerzen hat und wann er einfach nur Angst hat. Wann Angehörige noch etwas sagen möchten und wann jedes weitere Wort nur stören würde.
Und man lernt etwas, über das kaum jemand gern spricht.
Nicht jeder Mensch stirbt umgeben von seiner Familie.
Manche sterben allein.
Konrad Faber kam an einem Montagmorgen zu uns.
Er war vierundneunzig.
Ein kleiner Mann mit schmalen Schultern, weißem Haar und großen Händen, die nicht zu seinem dünnen Körper passen wollten.
In seiner Akte stand, dass er früher Feinmechaniker gewesen war. Über vierzig Jahre hatte er in derselben Werkstatt gearbeitet.
Sein Herz war schwach. Sehr schwach.
Wir wussten, dass ihm wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit blieb.
Als ich seine Sachen in den Schrank legte, fragte ich ihn:
„Herr Faber, gibt es jemanden, den wir informieren sollen?“
Er sah mich kurz an.
„Weswegen?“
„Dass Sie jetzt hier sind.“
Er dachte darüber nach.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein.“
Ich setzte mich an sein Bett.
„Ihre Familie vielleicht?“
Er sah zur Tür.
„Meine Frau ist seit neun Jahren tot.“
„Kinder?“
Er schwieg einen Moment.
„Eine Tochter. Ein Sohn.“
„Soll ich sie anrufen?“
Wieder schüttelte er den Kopf.
„Meine Tochter hat selbst genug mit ihrer Gesundheit zu tun. Sie wohnt weit weg.“
Dann sagte er:
„Mein Sohn arbeitet viel.“
Es klang nicht wütend.
Das ist mir wichtig.
Konrad sprach nie schlecht über seine Kinder.
Kein einziges Mal.
Ich habe ältere Menschen erlebt, die jahrelangen Streit mit ihren Familien mit ins Hospiz gebracht haben. Alte Rechnungen. Verletzungen. Dinge, die niemand mehr richtig reparieren konnte.
Konrad war anders.
Er sagte nur:
„Die haben ihr Leben.“
Dann fügte er hinzu:
„Lassen Sie sie leben.“
Ich weiß nicht, warum mir dieser Satz so naheging.
Vielleicht weil er so vernünftig klang.
Und gleichzeitig so traurig.
Konrad hatte nicht viel dabei.
Zwei Hemden.
Zwei Hosen.
Unterwäsche.
Hausschuhe.
Eine alte Lesebrille.
Ein kleines Radio.
Ein Portemonnaie.
Und einen braunen Umschlag, den er selbst in die Schublade seines Nachttisches legte.
Außerdem bemerkte ich gleich am ersten Tag etwas.
Unter seinem Kopfkissen lag etwas.
Jedes Mal, wenn ich das Kissen anhob, um es zurechtzurücken, legte Konrad sofort seine linke Hand darauf.
„Vorsicht“, sagte er.
Beim zweiten Mal fragte ich:
„Ist da etwas Wichtiges?“
Er nickte.
„Etwas, das ich nicht verlieren darf.“
Ich dachte an ein Foto seiner Frau.
Vielleicht einen Brief.
Ich fragte nicht weiter.
Im Hospiz lernt man schnell, dass Menschen Dinge mitbringen, deren Wert niemand außer ihnen verstehen kann.
Eine alte Eintrittskarte.
Eine Kinderzeichnung.
Ein kaputtes Armband.
Ein Zettel mit einer Telefonnummer, die längst nicht mehr stimmt.
Für andere ist es Papier.
Für den Menschen im Bett manchmal ein halbes Leben.
Konrad war kein schwieriger Patient.
Er klingelte selten.
Beschwerte sich nie.
Wenn ich fragte, ob er etwas brauchte, sagte er meistens:
„Nein, danke.“
Aber er hatte eine Gewohnheit.
Jeden Nachmittag schaute er zur Tür.
Nicht ständig.
Doch immer wieder.
Ich bemerkte es zuerst am Dienstag.
Gegen vier Uhr blieb sein Blick an der Tür hängen.
Zehn Minuten später wieder.
Dann noch einmal.
Am Mittwoch war es genauso.
Niemand kam.
Ich brachte ihm am Nachmittag eine Tasse Kaffee.
„Warten Sie auf jemanden?“, fragte ich.
Konrad sah mich an.
Er lächelte ganz leicht.
„In meinem Alter wartet man nicht mehr auf Menschen.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Er nahm einen Schluck.
Dann sagte er:
„Man schaut nur manchmal noch zur Tür.“
Dieser Satz blieb mir im Kopf.
Bei uns gab es seit einiger Zeit ein kleines Besuchsangebot mit älteren Hunden.
Keine große Sache.
Ein paar Tiere, die ruhig genug waren, um für eine Stunde bei unseren Bewohnern zu sein.
Manche Patienten wollten keinen Besuch von Menschen, freuten sich aber auf einen Hund.
Ein Tier fragt nicht, warum die Kinder nicht kommen.
Es will nicht wissen, ob man Angst vor dem Sterben hat.
Es sitzt einfach da.
Am Mittwochabend las ich Konrads alte Unterlagen genauer.
Dabei entdeckte ich einen kurzen Hinweis aus seiner Vergangenheit.
Als junger Mann hatte er während seines Wehrdienstes eine Zeit lang mit Diensthunden gearbeitet.
Ich ging am nächsten Morgen zu ihm.
„Herr Faber?“
„Ja?“
„Heute Nachmittag kommt ein Hund zu Besuch.“
Keine Reaktion.
Dann sagte ich:
„Ein Deutscher Schäferhund.“
Konrad sah mich sofort an.
Das war das erste Mal seit seiner Aufnahme, dass sich sein Gesicht wirklich veränderte.
„Wie alt?“
„Elf.“
„Rüde?“
„Ja.“
Er schwieg.
„Er heißt Hektor.“
Konrad sah wieder zur Tür.
Ich fragte:
„Möchten Sie, dass er zu Ihnen kommt?“
Seine Antwort war seltsam.
Er sagte nicht Ja.
Er sagte:
„Wenn er möchte.“
„Hektor?“
Konrad nickte.
„Der Hund.“
Ich musste lächeln.
„Ich denke schon.“
Am Nachmittag kam Hektor.
Ich werde diesen Moment nicht vergessen.
Er war groß, aber man sah ihm sein Alter an.
Seine Schnauze war grau geworden. Die Hinterbeine waren nicht mehr besonders kräftig. Er lief vorsichtig.
Sein rechtes Ohr stand gerade.
Das linke nicht ganz.
Es kippte ein wenig zur Seite.
Normalerweise kannte ich Hektor als freundlichen Hund.
Er ließ sich gern streicheln.
Er ging langsam auf Menschen zu, legte den Kopf auf ihre Knie und wartete.
Bei Konrad machte er nichts davon.
Ich öffnete die Tür.
Hektor kam herein.
Und blieb stehen.
Etwa zwei Meter vor dem Bett.
Konrad sah ihn an.
Hektor sah zurück.
Ich dachte zuerst, er sei unsicher.
„Komm ruhig“, sagte ich.
Hektor reagierte nicht auf mich.
Konrad bewegte den Kopf ein wenig.
Seine Stimme war leise.
„Na, Kamerad?“
Bei diesem Wort hob Hektor die Ohren.
Konrad streckte seine linke Hand aus.
„Darfst näher kommen.“
Hektor machte einen Schritt.
Dann noch einen.
Er blieb am Bett stehen.
Konrad sah auf sein Gesicht.
Dann auf seine Vorderpfoten.
Dann wieder auf das linke Ohr.
Ich stand daneben und hatte plötzlich das Gefühl, bei etwas dabei zu sein, das mich nichts anging.
Es klingt wahrscheinlich merkwürdig.
Aber die beiden schauten sich nicht so an, wie ein Mensch einen fremden Hund anschaut.
Konrad musterte ihn.
Und Hektor wartete.
„Du bist auch nicht mehr der Jüngste“, sagte Konrad.
Hektor legte seinen Kopf an die Bettkante.
Ich dachte, jetzt würde Konrad ihn mit der linken Hand streicheln.
Das tat er auch.
Einmal über die Stirn.
Dann ging Hektor um das Bett herum.
Auf die rechte Seite.
Ich hielt kurz den Atem an.
Konrads rechte Körperseite war seit einem Schlaganfall zwölf Jahre zuvor stark eingeschränkt.
Das Bein konnte er mit Hilfe noch etwas bewegen.
Der rechte Arm dagegen war fast vollständig nutzlos geworden.
Er konnte die Schulter leicht anheben.
Die Hand manchmal ein Stück über die Decke ziehen.
Mehr nicht.
In zwölf Jahren hatte Konrad seinen rechten Arm nicht mehr bis zum Gesicht bekommen.
Hektor blieb genau auf dieser Seite stehen.
Dann legte er seinen Kopf neben Konrads rechte Hand.
Konrad sah hinunter.
Seine Finger bewegten sich.
Nur ein wenig.
Ich bemerkte es sofort.
„Herr Faber?“
Keine Antwort.
Seine rechte Schulter hob sich.
Ich trat näher.
„Soll ich Ihnen helfen?“
„Nicht.“
Das Wort kam sofort.
Ich blieb stehen.
Konrad biss die Zähne zusammen.
Sein Arm zitterte.
Der Ellenbogen hob sich wenige Zentimeter von der Matratze.
Dann sank er wieder.
Ich dachte, es sei vorbei.
Aber Konrad begann noch einmal.
Die Schulter.
Der Ellenbogen.
Die Hand.
Zentimeter für Zentimeter.
Sein Gesicht wurde rot vor Anstrengung.
„Herr Faber, Sie müssen nicht—“
„Doch.“
Also sagte ich nichts mehr.
Ich stand nur da.
Sein rechter Arm kam höher.
Bis zur Brust.
Dann weiter.
Ich kannte seine medizinischen Unterlagen.
Ich wusste, was dort stand.
Ich hatte ihm beim Waschen geholfen.
Ich wusste, was dieser Arm normalerweise konnte.
Und ich wusste, was ich gerade sah.
Konrad hob die Hand bis an die rechte Seite seines Kopfes.
Die Finger waren nicht ganz gerade.
Der Arm zitterte stark.
Es war kein perfekter Gruß.
Aber ich erkannte sofort, was er tat.
Konrad salutierte vor Hektor.
Der alte Schäferhund blieb vollkommen still.
Konrad hielt den Arm vielleicht zwei Sekunden oben.
Vielleicht drei.
Dann sagte er:
„Gut gemacht, Junge.“
Seine Hand sank herunter.
Nicht auf die Matratze.
Auf Hektors Rücken.
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