Um 7.42 Uhr rief meine Mutter an und sagte nur: „Matthias, vor meiner Tür sitzt ein Hund.“ Ich wusste genau, warum er dort war.
Denn ich hatte ihn hingebracht.
Ich saß zu diesem Zeitpunkt drei Straßen weiter in meinem Auto.
Den Schlüssel hatte ich längst aus dem Zündschloss gezogen. Mein Handy lag auf dem Beifahrersitz. Seit fast zwei Stunden schaute ich immer wieder auf die Uhr und fragte mich, ob ich gerade den größten Fehler meines Lebens gemacht hatte.
Bruno war vier Monate alt.
Braunes Fell, weiße Brust, viel zu lange Beine für seinen kleinen Körper und Ohren, die nicht wussten, ob sie stehen oder hängen sollten.
Ich hatte ihn nicht einfach irgendwo ausgesetzt.
Die Frau von der kleinen privaten Tierhilfe wusste, was ich vorhatte. Ich hatte alle Unterlagen dabei, Futter, Geschirr und Leine. Und ich blieb in der Nähe.
Wenn meine Mutter die Tür nicht öffnen würde, würde ich Bruno wieder mitnehmen.
Das war von Anfang an klar.
Trotzdem fühlte ich mich mies.
Meine Mutter hatte nämlich bereits deutlich gesagt, was sie von einem Hund hielt.
„Nein.“
Nicht vielleicht.
Nicht später.
Nein.
Acht Monate nach dem Tod meines Vaters war das ohnehin ihre Antwort auf fast alles.
Kommst du Sonntag zu uns?
Nein.
Soll ich dich zum Einkaufen mitnehmen?
Nein.
Willst du mit mir einen Kaffee trinken?
Nein.
Soll ich heute Abend vorbeikommen?
Nein.
Und wenn ich fragte, wie es ihr ging, sagte sie:
„Mir geht es gut, Matthias.“
Meine Mutter hieß Helga und war damals 76.
Mein Vater und sie waren 52 Jahre verheiratet gewesen.
Ich kannte keinen erwachsenen Helga-Tag ohne meinen Vater darin.
Sie hatten sich nicht ständig umarmt oder große Liebeserklärungen gemacht. So waren meine Eltern nicht.
Aber mein Vater stellte morgens ihre Tasse hin, bevor sie in die Küche kam.
Meine Mutter legte ihm abends seine Tabletten neben den Teller.
Er wusste, welches Brot sie mochte.
Sie wusste, dass er das Fenster im Schlafzimmer immer einen Spalt offen haben wollte.
So sah ihre Ehe aus.
Tausende kleine Dinge, über die keiner sprach.
Dann war mein Vater plötzlich nicht mehr da.
Und mit ihm verschwanden nach und nach auch die kleinen Dinge.
Zuerst dachte ich, meine Mutter brauche einfach Zeit.
Das sagt man schließlich.
Man muss einem Menschen Zeit geben.
Also gab ich ihr Zeit.
Zu viel, wie ich heute glaube.
Nach der Beerdigung blieb sie zunächst zu Hause. Das verstand ich.
Nach zwei Wochen sagte sie das erste Treffen mit einer Bekannten ab.
Nach einem Monat ging sie nicht mehr zu dem kleinen Bäcker, bei dem meine Eltern jahrelang ihre Brötchen gekauft hatten.
Nach zwei Monaten bestellte sie Lebensmittel nach Hause.
Nach drei Monaten waren die Blumenkästen vor ihrem Haus leer.
Nach vier Monaten zog sie morgens manchmal nicht einmal mehr richtige Kleidung an.
Sie telefonierte jeden Abend mit mir.
Immer ungefähr fünf Minuten.
„Hast du gegessen?“, fragte ich.
„Natürlich.“
„Was denn?“
„Etwas.“
„Was hast du heute gemacht?“
„Das Übliche.“
„Soll ich morgen kommen?“
„Nein, Junge. Fahr nicht extra.“
Dann fragte sie etwas Belangloses, ich antwortete, und kurz danach sagte sie:
„Na gut. Dann bis morgen.“
Sie weinte fast nie.
Das war das Schlimmste.
Ich hätte lieber gehört, wie sie am Telefon zusammenbricht.
Dann hätte ich wenigstens gewusst, wo ihre Trauer war.
Aber meine Mutter wurde einfach stiller.
Als würde jemand Zimmer für Zimmer das Licht ausschalten.
An einem Sonntag fuhr ich unangekündigt zu ihr.
Sie war nicht begeistert.
„Du hättest anrufen können.“
„Dann hättest du gesagt, ich soll nicht kommen.“
Darauf antwortete sie nicht.
Ich ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank.
Etwas Butter.
Milch.
Zwei Joghurts.
Ein angebrochenes Glas Marmelade.
Mehr nicht.
„Mama, wo ist dein Essen?“
„Ich habe genug.“
„Das ist kein Essen.“
„Matthias.“
„Du kannst doch nicht von Joghurt leben.“
Sie setzte sich an den Küchentisch.
„Ich brauche nicht mehr viel.“
Dieser Satz blieb mir im Kopf.
Nicht das Wort „viel“.
Das Wort „mehr“.
Ich brauche nicht mehr viel.
Neben der Küchentür hing eine alte Uhr.
Sie war stehen geblieben.
Ich sah auf mein Handy.
„Die Batterie ist leer.“
Meine Mutter schaute nicht hoch.
„Dann ist sie eben leer.“
Ich holte aus einer Schublade eine neue Batterie.
Mein Vater hatte dort immer welche aufbewahrt.
Als ich die Uhr von der Wand nahm, stand meine Mutter plötzlich auf.
„Lass das.“
„Ich wechsel doch nur die Batterie.“
„Matthias. Lass die Uhr hängen.“
Ihre Stimme war scharf.
Ich stellte sie zurück.
Danach saßen wir eine Weile schweigend am Tisch.
Erst später verstand ich, warum diese Uhr für mich so wichtig geworden war.
Meine Mutter wollte nicht, dass etwas weiterlief.
Nicht einmal die Zeit an ihrer Küchenwand.
Ein paar Wochen später fragte ich zum ersten Mal nach einem Hund.
Nicht weil ich ein großes Konzept hatte.
Mir fiel einfach nichts mehr ein.
„Vielleicht wäre ein kleiner Hund ganz gut.“
Meine Mutter sah mich an, als hätte ich vorgeschlagen, einen fremden Mann bei ihr einziehen zu lassen.
„Nein.“
„Nur damit jemand da ist.“
„Ich habe dich verstanden.“
„Du müsstest rausgehen.“
„Genau deshalb nein.“
Ich versuchte zu lächeln.
„Ein kleiner.“
„Matthias.“
Dann sagte sie etwas, das ich damals falsch verstand.
„Ich habe 52 Jahre lang mit jemandem zusammengelebt. Ich möchte mich jetzt nicht wieder um etwas kümmern müssen.“
Ich fand den Satz hart.
Fast egoistisch.
Heute schäme ich mich dafür.
Denn sie meinte nicht:
Ich möchte niemanden mehr lieben.
Sie meinte:
Ich weiß nicht, ob ich noch einmal ertragen kann, gebraucht zu werden und jemanden zu verlieren.
Eine Woche später besuchte ich eine kleine Tierhilfe außerhalb von Hannover.
Nur zum Anschauen, sagte ich mir.
Dann sah ich Bruno.
Er saß nicht vorne am Gitter.
Er bellte nicht.
Er sprang nicht an mir hoch.
Er blieb einfach sitzen.
Als ich mich hinkniete, kam er langsam näher.
Er setzte sich vor mich.
Dann legte er eine Pfote auf meinen Schuh.
Mehr nicht.
Ich weiß, wie kitschig das klingt.
Aber in diesem Moment dachte ich an meine Mutter.
Nicht, weil Bruno traurig aussah.
Sondern weil beide denselben Ausdruck hatten.
Als würden sie gern näherkommen, aber nicht wissen, wie.
Ich erzählte der Mitarbeiterin dort von meiner Mutter.
Nicht jedes Detail.
Nur genug.
Wir vereinbarten klar, dass Bruno zurückkommen würde, falls meine Mutter ihn nicht behalten wollte.
Ich bezahlte die Gebühr, bekam seine Unterlagen und kaufte alles, was er brauchte.
Trotzdem nahm ich ihn an diesem Tag noch nicht mit.
Ich schlief mehrere Nächte schlecht darüber.
Dann schrieb ich eine kleine Karte.
Nicht:
Bitte behalte mich.
Nicht:
Ich brauche ein Zuhause.
Sondern nur:
Ich heiße Bruno.
Ich bin ein bisschen unsicher.
Bitte bleib kurz bei mir.
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